Der Hunger Teil 5

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

„Hunger hat viele Ursachen. Nahrungsmangel ist inzwischen keine mehr davon.“
Obwohl sich die Weltbevölkerung innerhalb von einem halben Jahrhundert verdoppelt hat, es sind bereits sieben Milliarden überschritten.

Es kursieren mehrere Erklärungen für den Hunger, die der Autor hinterfragt.
1) Die Armen würden zu viele Kinder bekommen.
2) Hauptursache sei die Armut.
3) Hunger sei die Folge struktureller Probleme. Um den Hunger zu beseitigen, sei bessere Bildung notwendig.
4) Die Regierungen der armen Länder seien korrupt.
5) Es gebe Hunger, weil Regierungen in die Wirtschaft eingriffen

Armut und Hunger haben aber ein und dieselbe Ursache. „Sie sind Ausdruck desselben Raubzugs, derselben Plünderung. Hauptursache für den Hunger der Welt ist der Reichtum: die Tatsache, dass einige wenige sich nehmen, was viele andere dringend benötigen, einschließlich der Nahrung.“

IWF und Weltbank

„In den Siebzigern ließen sich viele arme Länder von den großen internationalen Banken- die ihre Liquiditätsüberschüsse ausgleichen wollten- dazu überreden, Anleihen aufzunehmen. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank nutzten diese Schulden anschließend als wirksames Druckmittel, um den Ländern ihre neoliberalen Programme aufzuzwingen.“

„Die Entwertung der nationalen Währungen führte zur Verteuerung aller importierten oder exportierbaren Nahrungsmittel; durch die Verschlankung der Staatsapparate landeten Millionen Beschäftigte auf der Straße; Privatisierungsprogramme ließen die Kosten für öffentliche Leistungen ansteigen; und so blieb den Armen noch weniger, um Essen zu kaufen.“ Auch die Zerschlagung der öffentlichen Gesundheitssysteme hatte negative Folgen.
„Der IWF und die Weltbank waren der Meinung, staatliche Eingriffe verzerrten die natürliche Marktentwicklung.“ Das galt allerdings nicht für die reichen Länder, wo es Agrarsubventionen in Milliardenhöhe gab. Die Integration in den Weltmarkt bewirkte, dass die armen Länder für den Export produzierten. Durch die „Kapitalismus-Offensive der Achtziger- und Neunzigerjahre“ wurden wichtige Entscheidungen von IWF und Weltbank getroffen, wobei die nationalen Regierungen ihren Einfluss nahezu gänzlich verloren.
„Wahlen verkamen in diesen neuen Demokratien zu einer sinnlosen Farce. Und ohne einen Staat, der bei sozialen und wirtschaftlichen Konflikten vermittelte, war die arme Bevölkerung noch schutzloser der Willkür der Reichen ausgeliefert.“

Die Tendenz in den Neunzigern war klar: Die Zahl der Hungernden nahm erneut zu- es waren ca. 850 Millionen. Viele siedelten sich in den großen Slums an. Auswandern war häufig die einzige Lösung.

USA: Das große Geld

Chicago ist eine der erfolgreichsten Städte des erfolgreichsten Modells der heutigen Welt.
„Und die ganze Zeit dieses Gefühl, dass das doch alles keinen Sinn ergibt: das ganze Aufgebot, die vielen Waren, so viel Abglanz, so viel törichte Verlockung. Die perfekte Maschinerie der Nutzlosigkeit. Sich abrackernde Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, um mehr oder weniger unnötige Dinge herzustellen oder Dienste zu erbringen, die andere kaufen, falls sie es schaffen, den ganzen Tag zu arbeiten, um mehr oder weniger unnötige Dinge herzustellen oder Dienste zu erbringen, die andere kaufen, falls sie es schaffen, den ganzen Tag zu arbeiten, um….(…)
Der Erfolg dieser Gesellschaft lässt sich am Anteil der unnötigen Waren messen, die sie konsumiert. Je mehr Geld sie für Dinge ausgibt, die sie nicht benötigt – und je weniger für Gesundheit, Kleidung, Unterkunft -, desto besser, glauben wir, geht es einer Gruppe, einer Schicht, einem Land.“

Spekulationsobjekt Nahrung

Anfang der neunziger Jahre begann sich der Handel mit Lebensmittelrohstoffen prinzipiell zu ändern. Früher war das ein Markt für Erzeuger und Konsumenten. Nun mischten noch andere mit, Banken, Fonds. Es wurde ein Tummelplatz für Finanzhaie und Börsenspekulanten.
1991 kam Goldman Sachs auf die Idee, unser täglich Brot könne eine großartige Geldanlage sein. Bis 1991 hatten die Banker der Wall Street praktisch alles, was irgendwie in Betracht kam, in abstrakte Finanzinstrumente verwandelt. „Die Nahrung war so ziemlich das Einzige, an das sie sich noch nicht gewagt hatten.“ Nun begannen sie entsprechende Anlagepapiere anzubieten. Die Finanzialisierung erfasste nun auch das Essen. Die Spekulationen zahlten sich aus. Die Märkte oder die Nahrungsmittel interessieren sie nicht: nur das Geld. Sie verwandelten den Markt in eine Geldmaschine.
„Die Verwandlung des Essens in ein Spekulationsobjekt ist bereits seit zwanzig Jahren in vollem Gange. Doch bis 2008 bemerkte das niemand so richtig. (…) Es wäre seltsam, etwas zu verkaufen, was man hat: Verkauft werden Versprechen, vage Werte auf einem Computerbildschirm. Und wer sich als clever erweist im Umgang mit dem Fiktiven, verdient sich eine goldene Nase.“

Die USA hat ein Problem: die Überproduktion von Nahrungsmitteln. „Es klingt wie ein Witz, dass dies das große Problem des bedeutendsten Nahrungsmittelproduzenten der Welt ist, einer Welt, in der Hunger herrscht.“
Und: „Der Agrotreibstoff, den die Autos in den USA verbrennen, würde ausreichen, um sämtlichen hungernden Menschen auf der Welt jeden Tag ein halbes Kilo Mais zu geben.“
Jean Ziegler: „Biokraftstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschheit.“

In China wollen die Menschen jetzt essen wie in den USA oder Europa. 2012 kaufte China fast sechzig Millionen Tonnen Soja ein. Fleischkonsum hat seinen Preis. Die reichen Länder beruhen auf Ausgrenzung: „Sie funktionieren nur, wenn die anderen ihnen nicht nacheifern.“
„In China und Indien erkennt man ein Mitglied der Mittelschicht daran, dass es ein Auto besitzt und Fleisch isst. (…) Je mehr Reiche Fleisch essen, desto mehr Armen bleibt gar nichts.“

Nahrung ist zum Spekulationsobjekt geworden. Bankiers und Spekulanten sitzen heute an der Spitze der Nahrungsmittelkette- die Raubtiere des Systems. Investmentfonds sammeln das überflüssige Geld aus den reichen Ländern. Dadurch tragen „normale“ Menschen wie Rentner, Sparer, Rockstars, Ärzte usw. zum Hunger von Millionen Menschen bei. Ihr Geld wurde in Nahrungsmittel angelegt und hob dadurch die Preise aus den Angeln. Der Autor schreibt: „Ich bin einer von ihnen.“

„Für viele bedeutete das, dass sie keinen Zugang mehr zu Nahrung hatten.“

Vier große Handelskonzerne handeln mit Nahrungsmittel- Commodities: Archer Daniels Midland, Bunges, Cargill, Luis Dreyfus. Sie besitzen drei Viertel des Getreides der gesamten Welt. „Cargill und Konsorten sind in die unterschiedlichsten Freveltaten verwickelt: Regenwaldrodung, Verwendung verbotener Chemikalien beim Anbau, Verarbeitung und Konservierung, Steuerflucht, Sklavenarbeit, Kinderarbeit.“

Die Konzerne sind in der Regel über die Kontrolle durch einzelne Regierungen erhaben. Die Welt hat kein effizientes Regulierungsinstrument erschaffen, um sie zu kontrollieren. Sie bekommen zunehmend Konkurrenz aus China, Japan, Korea, die begannen, in der anderen Welt aggressiv riesige Anbauflächen aufzukaufen. Die westlichen Unternehmen taten es nach. An- sich- Reißen von Land wird inzwischen „Land Grabbing“ genannt. „Es ist der Kolonialismus des 21. Jahrhunderts.“

Soziale Spaltung und Almosen

In den USA ist das Vermögen bei immer weniger Menschen konzentriert. 16 000 Familien besitzen elf Prozent des Vermögens des reichsten Landes der Welt. Dagegen sind 14,5 Prozent der Bevölkerung verarmt. 33 Millionen Erwachsene und 16 Millionen Kinder leben in „Nahrungsmittelunsicherheit“.In keinem reichen Land der Welt leben mehr Arme. Ende der siebziger Jahre konnte der Hunger in den USA unter Kontrolle gebracht werden. Aber der Neoliberalismus schaffte es durch Steuersenkungen für Reiche, Anstieg der Verteidigungsausgaben und die beharrliche Forderung, der Staat solle sich nicht einmischen, die Sozialhilfe wurde gesenkt, dass die Nahrungsmittelprobleme wieder zurückkehrten. In achtzig Prozent der „unsicheren“ Familien ist mindestens eine Person berufstätig.

Die private Fürsorge wurde ausgeweitet. Z.B. Lebensmittelmarken. Man wirft den Armen paar Brocken hin. „Es ist ein ziemlich durchdachtes, breit angelegtes System, das die Hungrigen über Wasser hält. Der alte Trick mit der Wohltätigkeit.“ Die Zuwendungen, Essensausgaben und Suppenküchen sind für viele Amerikaner Teil ihrer Überlebensstrategie. Viele kommen aus der Mittelschicht, deren Gehalt nicht mehr reicht, die Kinder zu ernähren.

Migration als Ausweg in der anderen Welt

„Die ärmsten fünf Prozent der Amerikaner verdienen im Schnitt mehr als die reichsten fünf Prozent der Inder. (…) Die ärmsten fünf Prozent der Amerikaner haben im Schnitt ein höheres Einkommen als knapp siebzig Prozent der Weltbevölkerung (…) 1870 war die Ungleichheit in der Welt etwas niedriger als heute.“ Damals war die Schichtzugehörigkeit entscheidend, nicht die nationale Zugehörigkeit. Ein amerikanischer Arbeiter war so arm wie ein indischer Bauer und ein kenianischer Schafhirte. „Heute ist nicht mehr die Klassenzugehörigkeit, sondern die Nationalität der entscheidende Faktor (…) Der nächstliegende Weg zu einem ökonomisch besseren Leben ist die Migration. (…) Inzwischen reicht es, im Zielland zu den Armen zu gehören, um wesentlich besser gestellt zu sein als im Herkunftsland, der eigenen Heimat.“

„Illegale Einwanderer sind die Marginalisierten der Marginalisierten.“ Durch Ausbeutung machen sich die Reichen die Armut der Anderen Welt zunutze. Aber auch die Arbeit der Einwanderer wird ausgebeutet. Eine billige Arbeitskraft für Tätigkeiten, die selbst die ärmsten Einheimischen nicht verrichten wollen. Die am übelsten Ausgebeuteten sind keine Staatsbürger. Sie haben keine Rechte, sie haben Angst und scheren aus der Solidarität aus, so der Autor. „Was für ein Glück für die Arbeitgeber.“

Epidemie in den USA: Fettleibigkeit

In Binghamton lebt jeder Vierte unter der Armutsgrenze, ein Drittel der Menschen sind fettleibig.

„Seit einigen Jahren sind die USA die Vorreiter einer seltsamen Epidemie: Leibesfülle. (…)
Bis vor wenigen Jahrzehnten war Leibesfülle ein Zeichen von Wohlstand. (…) In Zeiten, in denen Arbeit den Körper auszehrte, war ein dicker Körper ein Körper, der sich dem Müßiggang widmen konnte. (…) Später kam Leibesfülle dann aus der Mode.“ Jetzt wurde ein trainierter, sehniger Körper zum Statussymbol. Vor 25 Jahren begann man, Fettleibigkeit für eine Seuche zu halten.
„Wir halten Leibesfülle für einen Ausdruck individuellen Scheiterns. Damit werden jetzt Angehörige am Ende der sozialen Leiter identifiziert. „Dick zu sein bedeutet, arm zu sein.(…) Die Fettleibigen sind die Fehlernährten – die Armen- der mehr oder weniger reichen Welt.“
Während die mangelernährten Armen in den armen Ländern zu wenig essen, essen die Armen in den reichen Ländern billige, schlechte Nahrung. „Sie sind nicht das Gegenstück zu den Hungernden. Sie sind ihr Ebenbild. So sieht Ungleichheit in jenen Gefilden aus.“

Fettleibigkeitsepidemie in den USA begann in den 1980er Jahren, seither sind die Preise für Obst und Gemüse inflationsbereinigt um vierzig Prozent gestiegen. Wer sich mit wenig Geld ernähren muss und dafür ein Maximum an Kalorien will, der kauft Junk Food.

In den USA sind insgesamt 78 Millionen Erwachsene und 12 Millionen Kinder fettleibig. Und die Zahl wächst. Die Schwarzen liegen 15 Prozent, die Mexikaner 5 Prozent über dem Durchschnitt. Die Einkommensfrage.

Die Epidemie breitet sich auf der ganzen Welt aus. „Sobald ein Land ein gewisses Konsumniveau erreicht, erhalten die Armen Zugang zu dieser Art von Nahrung und werden dick.“

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

Der Hunger Teil 4

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

In vergangenen Zeiten war der Hunger nützlich, um die Maschinerie in Gang zu halten.
Hunger brachte die Menschen zum Arbeiten, er war ein unabdingbares Instrument.
Der Hunger war die Lösung des Problems: ein elementares Instrument der Disziplinierung.
„Am Hunger waren wieder einmal die Hungrigen schuld: ihre Lasterhaftigkeit, ihre mangelnde moralische Standhaftigkeit, ihre Faulheit.“

Heute sind die Hungernden Opfer, Opfer der Launen des Klimas, Opfer von Kriegen, Opfer von Ungerechtigkeit, Opfer, immerzu Opfer. Sie sind der Inbegriff des Opfers schlechthin.

Stalin ordnete 1928 die Kollektivierung der Landwirtschaft an. 1930 bis 1931 wurden über eine Millionen ukrainische Bauern nach Sibirien oder Zentralasien deportiert. Im Frühjahr 1932 starben täglich 25 000 Menschen an Hunger. Bei der Hungersnot starben fünf oder zehn Millionen Menschen, bis heute gibt es keine genauen Zahlen.
Auch Hitler und seine Gefolgschaft machte vom Vernichtungspotential des Hungers Gebrauch. Die Bevölkerung der besetzten Gebiete wurde für überflüssig erklärt. Die „unnützen Esser“ sollten dezimiert werden. Dazu gehörten die Bewohner des Warschauer Ghettos. 100 000 Menschen verhungerten bzw. starben an Folgeerkrankungen bis Juli 1942. Auch die Urgroßmutter Gustava des Autors hungerte im Warschauer Ghetto und wurde in den Gaskammern von Treblinka ermordet.

„Dass wir heute Tag für Tag einfach mit ansehen, wie Millionen Menschen verhungern; dass es uns egal ist, dass wir so gut wegsehen können, ist nicht weiter erstaunlich, denke ich manchmal. Letzten Endes sind wir noch die Gleichen, die wir vor siebzig Jahren waren, die Gleichen, die vor siebzig Jahren zu Zeiten Hitlers, Stalins, Roosevelts, der Konzentrationslager und der Bomben weggesehen haben.“, so der Autor.

Roosevelt sagte im Januar 1944 im Kongress der USA: „Es kann keine wahre individuelle Freiheit ohne wirtschaftliche Sicherheit und Unabhängigkeit geben. Menschen, die Not leiden, sind nicht frei. Völker, die hungrig und arbeitslos sind, liefern den Stoff, aus dem Diktaturen gemacht werden.“
Der Kommentar des Autors: „Es war einfacher und billiger, Millionen von Menschen mit Nahrung zu versorgen, als gegen die Hitlers dieser Welt in den Krieg zu ziehen.“
1948 wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verkündet.
Das Recht auf Nahrung wurde nie durchgesetzt. „Wir denken an Reisefreiheit, Meinungsfreiheit; an Essen denkt da niemand.“

1958 beschloss Mao, dass China einen „Großen Sprung nach vorn“ tun müsse. China sollte industrialisiert werden. Millionen Menschen hatten während dessen nichts zu essen. Die Hungersnot dauerte drei Jahre, zwischen 1958 und 1962 verhungerten mindestens dreißig Millionen Menschen.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts treten Hungersnöte vor allem in Afrika und Asien auf.

„Hungernde Menschen mit Nahrung zu versorgen ist heute eine Frage des Willens. (…) Auf der Welt wird mehr Nahrung produziert, als ihre Bewohner benötigen. Wir alle wissen, wer nicht genug hat; den Menschen Essen zu schicken ist eine Frage von Stunden. Diese Tatsache macht den heutigen Hunger in gewisser Weise noch schrecklicher, noch brutaler als den Hunger vor hundert oder tausend Jahren. Zumindest sagt sie noch deutlicher die Wahrheit über uns.“

Bangladesh- Wie der Hunger benutzt wird

Arm sein, bedeutet ständig eine Wahl zu treffen: „zwischen essen oder trinken, zwischen Kleidung oder einem Dach über dem Kopf, zwischen Elend und Elend. (…) Immer nur einen winzigen Teil dessen zu erlangen, was man erlangen sollte, was man nötig hat.“
„man müßte rebellieren, aber zum Rebellieren braucht man Kraft.“

„Die Zukunft der menschlichen Solidarität wird tatsächlich von der entschlossenen Weigerung der neuen städtischen Armen abhängen, ihre endgültige Marginalisierung innerhalb des globalen Kapitalismus zu akzeptieren.“

Die Kriminalisierung der städtischen Armen- arbeitet einem Krieg in den Straßen zu.

Bangladesh ist der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt, viertgrößter Reisproduzent der Welt. Menschen gewöhnen sich an härteste Bedingungen; sie glauben, dass das Leben so ist.
Dhaka ist ein Magnet der mehr und mehr Menschen anzieht, die Stadt versinkt im Chaos, die meisten Neuankömmlinge landen in den riesigen Armenvierteln.

Mohammed lebt mit seiner Frau und drei Kindern in einem Zimmer in Kamrangirchar in einem Armenviertel in Dhaka. „(…) das ist ein zwei mal drei Meter großes Zimmer aus Blechwänden und Palmzweigen, ohne Einrichtungsgegenstände: nichts. (…) Die Zimmer in dieser Barackenanlage liegen zu beiden Seiten eines engen Gangs; in jedem wohnt eine Familie, und alle teilen sich eine Küche, den Wasserzugang, die Toilette- ein Loch in der Erde. Um die Miete zu bezahlen, tritt Mohammed den ganzen Tag in die Pedale einer Rikscha.“

„Um hinauszugehen, zu kochen, sich zu waschen, laufen sie über Brücken aus drei oder vier Bambusstangen- unter ihnen das schwarze, stinkende Gebräu: der Geruch des Lebens.“

„Die Zimmer haben nur selten Türen: bestenfalls einen Vorhang. Privatsphäre: noch so ein Luxus, dessen wir uns nicht bewusst sind.“

„Das Auf und Ab, der Druck, sich jeden Tag von Neuem über Wasser halten zu müssen (…) Rücklagen sind keine vorhanden. (…) Das Konzept des Sparens- von Rücklagen, von Sicherheit- , das ganze Kulturen begründet hat, das die unsere ausmacht, existiert nicht. Stattdessen: losziehen und schauen, was sich ergibt.“

„Es gilt zu verstehen, was die Menschen dorthin treibt. Die Hoffnung, jeden Tag zu essen; ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen; Resignation, die Erkenntnis, dass das Leben auf dem Land nicht funktioniert; dass eine Veränderung nötig ist, dass die einzige Alternative die Migration ist; diese Zusammenballung von Menschen.“

Sechzig Prozent der Hungernden sind Frauen. 1971 betrug die Geburtsrate fast sieben Kinder pro Frau. Heute sind es 2,2 Kinder pro Frau. Weit verbreitet sei die Annahme, viele Kinder zu bekommen sei die Hauptursache der Armut. 46 Prozent der Kinder in Bangladesh sind unterernährt.
Von 47 Millionen Kindern zwischen fünf und vierzehn Jahren arbeiten fast fünf Millionen.

„Hunger gehört in Bangladesh fast zur Normalität.“

Das bewirtschaftete Land gab traditionell nie genug her. Die kleinen Flächen reichen nicht für die Ernährung einer Familie. Durch die Bevölkerungsexplosion in den letzten hundert Jahren sind die Menschen in unwirtlichste Gegenden vorgedrungen. Die Ernte ist extrem abhängig vom Klima. Die Böden sind durch die „grüne Revolution“ überbeansprucht und ausgelaugt. Die Bauern fliehen nach Dhaka. Die Städte verschlucken immer mehr Anbauflächen. Die Stadtbewohner müssen Nahrungsmittel kaufen, deren Preise steigen.

„Jedes Volk schreibt täglich seine Geschichte durch das Essen (…) Einer der wenig beachteten Wesenszüge des Hungers ist die Tatsache, dass arme Menschen stets das Gleiche essen.“

In Bangladesh hoffen die Menschen darauf, ausgebeutet zu werden, um sich zu retten.
Die Ärzte ohne Grenzen und Linke müssen „den Ausgebeuteten und Unterdrückten erst einmal vor Augen führen, dass sie genau das sind, damit diese ihre Situation überhaupt ändern wollen. Wie sagt man so schön? Man muss ihnen Vorschriften machen.“

Fatema will täglich zwölf Stunden schuften, das bewirkt das Elend, die Ungewissheit, der ständig nagende Hunger. Sie hat zwei Kinder. Ihr Mann hat sie gerade verlassen. Seit ihrem siebten Lebensjahr arbeitet sie zwölf Stunden am Tag in einer Textilfabrik. „Indem sich eine Frau wie Fatema wie ein Esel abrackert- die Hyperausbeutung dieser Frauen-, bleibt es ihr erspart, von einem handgreiflichen Mann abhängig zu sein.“

In Bangladesh werden Niedriglöhne und der Hunger mit Polizeigewalt verteidigt. Ein Anführer bei Demonstrationen, ein Textilarbeiter, wurde vor vier Tagen tot aufgefunden, mit Folterspuren, so der Autor. Länder wie Banladesh halten die Weltordnung aufrecht. Bangladesh ist nach China der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. Neunzig Prozent der Beschäftigten sind dort Frauen. Für Jeans, die in New York für sechzig Dollar verkauft werden, bekommen Frauen wie Fatema zwischen fünfundzwanzig und dreißig Cent Lohnkosten für eine Jeans. Und wir kaufen die Kleidung.

„Wir tragen die Hautfetzen anderer am Körper: seltsam klebrige, schmutzige, angekokelte Fetzen.“

Fatema und ihre zwei Kinder müssen von ihrem Lohn von etwa zwölf Dollar im Monat leben, sich einkleiden, essen: Reis, mit Glück zwei Mahlzeiten am Tag. Ihr Zimmer, es ist zehn Quadratmeter „groß“, kostet zweitausend Taka im Monat, es bleiben ihr tausend für alles Übrige: Kleidung, Fahrtkosten, Essen.

„Wir stellen uns den Hunger immer als ein Problem von Menschen ohne Arbeit vor, von Marginalisierten, Verlorenen; nicht von Menschen, die das halbe Leben damit verbringen, an einer Maschine begehrte Waren herzustellen.“

„Armut bedeutet- für die weniger Armen- , sehr günstig Personal kaufen zu können, viel Personal kaufen zu können.“

„In Asien, Afrika, Lateinamerika wachsen Städte immer weiter an, in denen sich die ohnehin fast geschenkte Arbeitskraft noch besser ausschlachten lässt. Es herrscht dort solche Armut, dass Millionen von Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft- sich selbst- billig zu verkaufen. Und das sind die `Glücklichen ´, die immer mehr Menschen dazu bringen, nachzukommen, die dann aber oft nicht einmal mehr jemanden finden, der sie ausbeuten will.“

Während der Autor das schreibt, ist in Dhaka wieder ein Textilbetrieb eingestürzt, 1129 Todesopfer. „In Bangladesh sei jeder fünfte Abgeordnete Textilunternehmer, und wer es nicht sei, besitze Aktien oder kassiere Schmiergeld: Keiner habe auch nur das leiseste Interesse, etwas zu verändern. Selten ist die Instrumentalisierung der Politik durch einen Wirtschaftssektor so offenkundig.“

Viele in Bangladesh wären gern in der Haut von Fatema, denn sie hat Arbeit, einen Chef, der sie gründlich ausbeutet. Zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten dient der Hunger einem konkreten Zweck.

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

Der Hunger Teil 3

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

Die Geschicklichkeit im Kampf gegen den Hunger ist einer der Hauptgründe, warum die Bevölkerungszahl innerhalb von hunderttausend Jahren auf aktuell sieben Milliarden angewachsen ist. „Seit Beginn der Zivilisation war der Hunger eine der mächtigsten Waffen, eine extreme Form der Machtausübung.“

Indien

In Kalkutta mit 15 Millionen Menschen haben wir auf der einen Seite die moderne Handelsmetropole, auf der anderen das Elend der Abertausenden. „Die Straßen existieren als Räume, damit Abertausende Menschen ihren Lebensunterhalt mit dem Handeln verdienen.“

„Fleisch zu essen ist fast immer ein Luxus (…) Reis macht die Hälfte der Nahrung aus, die wir sieben Millionen Menschen jeden Tag zu uns nehmen. Reis.“
Fleisch zu essen ist erstrebenswert, denn damit zeigt man, dass man im Wohlstand lebt.

75 Prozent der Tiernahrung besteht aus Soja, Mais und Getreide. Um ein Kilo Mais zu produzieren, benötigt man 1500 Liter Wasser, 15 000 für ein Kilo Rind.
„Ein Mensch, der Fleisch isst, verschlingt Ressourcen, die, würden sie verteilt, für fünf oder zehn Menschen ausreichen würden. Fleisch zu essen ist eine brutale Form von Ungleichheit (…) Fleisch zu essen ist brutales Machtgehabe (…) In den letzten Jahrzehnten ist der Fleischkonsum doppelt so stark angestiegen wie die Weltbevölkerung, der Konsum von Eiern dreimal so stark. Um 1950 wurden auf der Welt etwa 50 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr gegessen; jetzt sind es fast sechsmal mehr- und man schätzt, dass sich die Zahl bis 2030 noch mal verdoppeln wird. Die Viehzucht beansprucht bereits 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Welt, 40 Prozent der weltweiten Getreideproduktion und 10 Prozent des Wassers der Erde. Fleisch ist ein mächtiger Faktor. Fleisch ist die perfekte Metapher für Ungleichheit.“
Exklusion ist die Bedingung, dass das funktioniert. Die Welt kann nur genutzt werden, wenn das einige wenige tun.

In Indien glaubt die Mehrzahl der Vegetarier, das sei ihre freie Entscheidung. Wunder der Ideologie.
Der Autor kritisiert Mutter Teresa und das Christentum. Aber der Hinduismus stelle alles in den Schatten, um die Armen ruhigzustellen.
Wenn einer am Hungertuch nagt, muss er daran glauben, dass es eine höhere Ordnung gibt, was die Situation erklärt oder rechtfertigt. Die hinduistische Kultur sagt: „Wenn jemand arm ist, leidet und hungert, dann ist das der am eigenen Leib erfahrene Preis für Fehler in früheren Leben. Es ist seine Schuld, kurzum: sein Problem. Diese Logik nennt sich Karma…“ Es ist die beste Erfindung dieser jahrtausendalten verschlagenen Kultur, die es einer kleinen Gruppe von Machthabern gestattet, viele Millionen vor sich hin vegetierender Bettler zu kontrollieren.

Der Hunger ist eine große Stütze des Glaubens.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat es geschafft, die Zahl der weltweit Unterernährten deutlich zu verringern, indem sie die Berechnungsmethode verändert hat. 1970 wurde die Zahl mit 460 Millionen Hungernden angegeben. 1989 gab es demnach 786 Millionen Hungernde. 1990 revidierte die FAO alle vorhergehenden Berechnungen. Jetzt stellte man für 1970 eine höhere Zahl an Hungernden fest und erreichte damit eine Reduktion. Ein großer Erfolg…“Wir haben so viel erreicht. Auch das gehört zum Kampf gegen den Hunger.“
Heute gibt es demnach 795 Millionen Menschen, die hungern. Das ist einer von neun Menschen. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt im Elend, ihre Nahrung ist unzureichend.

In der Anderen Welt leben Menschen in 48 Ländern, darunter 34 afrikanische Länder, elf Prozent der Weltbevölkerung, die zusammen über 0,5 Prozent des globalen Vermögens verfügen. Als Andere Welt können die ca. 125 Länder gelten, deren jährliches Bruttoninlandsprodukt geringer ist als das Vermögen des jeweils reichsten Mannes der Welt. Auch in Ländern wie China, Indien, Brasilien, Russland und Südafrika versinkt ein riesengroßer Teil der Bevölkerung im Elend. Oder selbst die Armen in den reichen Ländern leben in der Anderen Welt. 780 Millionen der Hungernden leben in der Anderen Welt.

Heutzutage ist der Hunger still. „Die, die nichts zu essen haben, schweigen gewöhnlich. Oder sie reden dort. Oder sie reden dort, wo niemand sie hört.“

„Von den 780 Millionen Unterernährten der Anderen Welt sind 50 Millionen Opfer einer Ausnahmesituation: eines bewaffneten Konflikts, einer erbarmungslosen Diktatur, einer Natur- oder Klimakatastrophe- Dürren, Überschwemmungen, Erdbeben. Bleiben 730 Millionen, die nicht aufgrund einer Ausnahmesituation hungern, sondern nur weil sie Teil einer sozialen und wirtschaftlichen Ordnung sind, die ihnen die Möglichkeit verwehrt, sich zu ernähren. Laut der FAO sind 50 Prozent der Hungernden auf der Welt Kleinbauern mit einem Stück Land, 20 Prozent Landarbeiter ohne Land, 20 Prozent arme Städter und 10 Prozent Hirten, Fischer, Sammler.“

2007 lebten schätzungsweise erstmals in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Von den 1,2 Milliarden Menschen, die 2010 in extremer Armut lebten, lebten ¾ auf dem Land.

Der Hunger ist die größte Bedrohung für die Gesundheit der Bewohner der anderen Welt. „Der Hunger ist einer der Hauptgründe, die erklären, warum die durchschnittliche Lebenserwartung in Spanien 82 und in Mosambik 50 Jahre beträgt, in Japan 83 und in Sambia 57: Die einen haben allein deshalb die Chance, doppelt so lange zu leben, weil sie an einem anderen Ort, in einer anderen Gesellschaft geboren wurden. Eine brutalere Form von Ungerechtigkeit fällt mir nicht ein.“

Ein Viertel der Hungernden der Welt lebt in Indien. In Indien haben sie sich daran gewöhnt, nichts zu essen. Man sieht Millionen kleine, dünne, genügsame Körper. Chronische Unterernährung. Geschrumpfte Körper, defizitärer Verstand. „Millionen Menschen vergeuden ihr Leben, um weiterzuleben.“

Ärzte ohne Grenzen führt den schwierigsten Kampf gegen die Weigerung der Eltern der Patienten und Patienten etwas als Krankheit anzusehen, das ihnen als Normalzustand erscheint. Die an der Unterernährung leiden, erkennen das nicht einmal. Sie wissen nicht, dass es ein anderes Leben geben kann.

Im Westen wurden Fitnessprogramme erfunden, um den Körper zu überlisten. In Indien dienen die Körper immer noch als Arbeitswerkzeug. Je ärmer der Mensch ist, desto mehr muss der Körper arbeiten.

„Das Leben dieser Menschen- ihre Geschichten- verlaufen zudem eintönig, ohne große Überraschungen. Ein langsamer Niedergang, ein Absturz in Zeitlupe.“

In diesem Buch passiert nichts, was nicht ständig passiert. „Das Schwierigste an diesem Buch ist, die Menge, das Ausmaß zu erfassen; zu verstehen (…) dass jede dieser Geschichten Abertausenden von Menschen widerfahren kann…“

In Indien gibt es keinen Nahrungsmangel, jedes Jahr werden 50 bis 60 Millionen Tonnen Überschuss exportiert, während 250 Millionen Menschen hungern

Der Autor übt zwar Kritik an Monsanto, ein Konzern, der neunzig Prozent des Weltmarktes für gentechnisch verändertes Saatgut kontrolliert, mit der Gentechnik scheint er aber weniger Probleme zu haben. „Das Problem ist nicht der Wandel des Produktionsmodells. Das Problem ist, wer daran verdient (…) ohne diese Techniken werden viele Millionen Schwierigkeiten haben, sich zu ernähren.“

Die Funktionsweise des Kapitalismus kompakt zusammengefasst: Wissenschaftler entwickeln neue Verfahren, von denen Millionen Menschen profitieren könnten. Aber sie arbeiten für private Unternehmen und so bleibt der Gewinn bei den Unternehmen. Und im Hintergrund gewährleistet der Staat, dass ihnen dieser Gewinn auch zufließt: Durch das Patentrecht ist sichergestellt, dass alle dafür zahlen. In diesem Denkschema ist der technische Fortschritt kein Versuch, das Leben zu verbessern, sondern das Bestreben, einige wenige noch reicher zu machen.“

Avani lebt mit ihren drei Kindern auf der Straße in Bombay. Wenn sie keine Arbeit findet, leben sie von Abfällen. Zur Not will sie ihre Niere verkaufen, denn das machen viele. „Ihr Haus besteht aus zwei Pappwänden, die hinten an eine Hausmauer angelehnt sind, nach vorne ist es offen: zur Straße, zur Stadt. Eine schwarze Plastikplane als Dach, darunter zwei Holzpritschen und ein paar Töpfe. Tagsüber entfernt Avani die Plane und die Wände, damit die Nachbarn sich nicht beschweren, abends baut sie ihr Haus wieder auf: jeden Abend aufs Neue.“

„Die Elendsviertel sind ein Produkt der industriellen Revolution (…) Aktuell gibt es etwa 250 000 Elendsviertel auf der Welt; laut UNO leben dort 1,2 Milliarden Menschen. Eins von fünf Kindern auf der Welt ist ein Slumbewohner, drei von vier Stadtbewohnern der Anderen Welt leben in einem Elendsviertel. Viele von ihnen leiden Hunger.“

„Sechzig Prozent der Bevölkerung Bombays leben auf sechs Prozent der Fläche, ohne fließendes Wasser, ohne Straßen, ohne Toiletten.“

Aufgrund des Wandels der landwirtschaftlichen Produktion werden immer weniger Arbeitskräfte gebraucht. Die Überflüssigen werden vertrieben, das führt zur Urbanisierung. Das Elend überträgt sich rasch auf die Städte.

„Ein Elendsviertel ist vor allem ein Ort, wo der Staat nicht funktioniert. Es gibt kein Licht, kein Wasser, keine Straßen, keine Polizei, keine Schulen.“

Und übrigens gibt es in Indien 53 Milliardäre, die über ein Gesamtkapital von 341 Milliarden Dollar verfügen. Auf der anderen Seite leben 836 Millionen Menschen von weniger als 20 Rupien am Tag.

Der Hunger Teil 2

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

Laut Oxfam- Bericht vom Januar 2015 besaßen ein Prozent der Weltbevölkerung knapp die Hälfte des globalen Vermögens. Also 70 Millionen Menschen besaßen soviel wie die übrigen 7 Milliarden Menschen. Die 80 reichsten Menschen besaßen genau so viel wie die 3,5 Milliarden ärmsten Menschen. Inzwischen macht die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich auch Herrschenden Sorge. Denn wenn diese Ungleichheit weiter wachse, könnte das die Rufe nach Veränderung stärken und zu politischen Ergebnissen führen. So heißt es Ende 2012 im Economist: „Der Kommunismus wird nicht wieder aufleben. Aber es gibt noch etliche schlechte Ideen da draußen.“
Warren Buffett, der drittreichste Mensch der Welt, sagte 2011: „Zwanzig Jahre lang hat ein Klassenkampf getobt, und meine Klasse hat gewonnen.“
2009 überschritt die Zahl der Unterernährten erstmals in der Geschichte die plakative Marke von einer Milliarde. Im Herbst 2008 brachen Banken zusammen und die Regierungen brachten innerhalb weniger Monate drei Billionen Dollar auf, um diese zu retten. Die Hungernden vergaßen sie. Während die Banken für die Aufrechterhaltung des Systems unerlässlich sind, sind die Hungernden eher ein Klotz am Bein. Die Staaten sind den Reichen hörig, die Armen sind überflüssig.
Während der 11. September 2001 mit fast 3000 Toten dazu diente, eine massive Verschärfung der sozialen Kontrolle und Repression zu rechtfertigen, erfüllen die 25 000 täglich Verhungernden oder an den Folgen des Hungers Sterbenden keinen Zweck, den man öffentlich kundtun könnte. Dagegen ist das gleiche Recht für alle, täglich zu essen, ein bescheidener Anspruch.

Argentinien: Der Müll

„Gerade in Argentinien hatten die Armen während eines Großteils des 20. Jahrhunderts einen Platz: als Arbeiter. Der industrielle Kapitalismus brauchte sie (…).“ Die Gesellschaft wusste noch, wozu die Armen nützlich waren. Als Argentinien in ein „Sojaparadies“ umgewandelt wurde, wurden gleichzeitig Millionen Menschen arbeitslos, nutzlos, überflüssig.
„Was sie damit jedoch erreicht haben, ist, dass die Bedrohung durch die organisierte Gewalt der Arbeiterschaft durch die desorganisierte Gewalt der Slumbewohner abgelöst wurde: eine individualisierte, chaotische, unvorhersehbare Gewalt, die sich in alle möglichen Richtungen entladen kann. Und jetzt beklagen sie sich. (…) Der Ausschluss der Armen hat die Gewalt geschaffen- die fundamentale Gewalt, die darin besteht, kein Ziel, keine Zukunft zu haben.“

Diese Gewalt entlädt sich auch auf der Mülldeponie in Jose Leon Suarez. Wenn sich einmal am Tag für eine Dreiviertelstunde die Schranke öffnet, laufen die Menschenmassen auf den riesigen Abfallberg zu, der von Polizisten bewacht wird. „Es ist eine individuelle Arbeit: jeder für sich. Oder besser gesagt: purer Wettbewerb.“ Die Stadt Buenos Aires produziert täglich 6500 Tonnen Abfall. Es herrscht bestialischer Gestank. Die Umgebung der Deponie wurde nach und nach besiedelt. Das Müllsammeln ist eine Einnahmequelle. Jose, ein Müllsammler sagt: „Nicht nur, dass sie alles wegwerfen, sie fahren auch noch mit der Planierraupe drüber, um es endgültig ungenießbar zu machen. Und wir müssen in den kümmerlichen Resten rumwühlen. Die Supermärkte schmeißen das weg, um die Versicherungssummen zu kassieren, nicht weil es schlecht oder abgelaufen wäre. Das ist ein großes Geschäft mit dem Müll. Alles ein einziges Geschäft.“
Etwa die Hälfte der weltweit produzierten Nahrung wird gar nicht verzehrt. „In den reichen Ländern verdirbt die Ware in den Kühltruhen oder Regalen der Supermärkte, den Lagern der Restaurants, vor allem aber in den Kühlschränken und Speisekammern der Verbraucher.“ Dreißig bis fünfzig Prozent der gekauften Waren werden weggeworfen. Eine Auswirkung des Überangebotes. Was einigen fehlt, haben andere im Überfluss. Bei den Müllsammlern ist es der Kampf ums Überleben. Der Müllsammler Jose sagt: „Das nenn ich verkehrte Welt, mein Freund. Anstatt es den Leuten zu geben, werfen sie es hier auf die Deponie, nur damit die Preise nicht sinken.“
Maria beginnt um 8 Uhr in einer Volksküche zu arbeiten. Sie macht sich Sorgen wegen der Diebstähle und der Auflösung sozialer Netzwerke. Einer Mentalität „Rette sich wer kann“ oder „Alle gegen alle“. 12 Prozent der Argentinier essen in Volksküchen. Im Großraum Buenos Aires gibt es Hunderte vielleicht sogar zwei- oder dreitausend. Keiner weiß es genau. Die Leute schämen sich und schicken ihre Kinder, um Essen abzuholen. Abends geht Marie früh zu Bett, denn im Dunkeln ist es nicht ratsam, das Haus zu verlassen.

Der Autor fragt: „Wie kann es sein, dass es in einem Land, das zu den größten Sojaproduzenten der Welt gehört, Hunger gibt?“
Argentinien produziert Nahrung für dreihundert Millionen Menschen und schafft es nicht, seine vierzig Millionen Bürger zu ernähren. Das Land ist einer der größten Exporteure von Sojaöl, Sojamehl, Sojabohnen und Mais. Das Land gründete auf der systematischen Vertreibung der Indios. Mit der Erfindung des Kühlschiffes war es möglich, Rindfleisch nach England zu transportieren. Das erste Goldene Zeitalter der Exportwirtschaft brach an. 1976 erhielt die Junta die Anweisung von US- Außenminister Kissinger, dass sie „die staatliche Einmischung in die Wirtschaft deutlich zurückfährt, den Export fördert, sich wieder dem in Vergessenheit geratenen Agrarsektor zuwendet und sich ausländischem Kapital gegenüber aufgeschlossen zeigt.“ Ende des 20. Jahrhunderts kündigte sich ein Wandel der europäischen Subventionspolitik an, die Qualität statt Quantität der Produkte wurde wichtiger. „Doch die Produktion sank ausgerechnet in dem Moment, als der Bedarf in China massiv stieg; dazu die erhöhte Nachfrage nach Agrotreibstoffen und die Spekulation auf dem Chicagoer Börsenparkett. Die Preise schossen in die Höhe, und nun waren plötzlich Flächen attraktiv, die lange als unrentabel gegolten hatten: Mit mehr Bewässerung, mit besseren Maschinen, dem neuen Saatgut, Dünger und Pestiziden ließ sich auch dort ordentlich Geld verdienen. Die neue Weltordnung der Nahrung verändert vieles: mein Land, zum Beispiel.“, so der Autor.
Ein Aktivist der Bauernbewegung sagt: „Soja macht alles zu einer einzigen Wüste (…) wenn das so weitergeht, gibt es bald keine Bauern, keine kleinen Erzeuger, mehr. Wir wandern alle als billige Arbeitskräfte in die Städte, wenn wir Glück haben, sonst sind wir arbeitslos.“ Die Bauern kamen vor hunderten Jahren, als die Indios vertrieben waren, jetzt werden sie zu den Vertriebenen. Die Spaltung hat zugenommen, dank des globalen Marktes geht es Hunderttausenden Argentinien besser, die anderen drängen sich in den Elendsvierteln. Argentinien ist wegen des Preisanstieges von Getreide aus der Krise gekommen, aber gerade wegen dieser Preise verhungern Menschen- weltweit. „An dem Geld, auf dem unser neuer Wohlstand beruht, klebt Blut.“, so Caparros.

Entscheidend ist auch, dass sich das Essverhalten in China und Argentinien geändert hat. Die wachsende chinesische Mittelschicht isst jetzt Fleisch und Fisch. „Argentinien hat sich zu einem der großen Hotspots des globalen Agrargeschäfts gemausert- allerdings wandert die gesamte Produktion auf den Weltmarkt, genauer: zu Fischen und Schweinen in China. Soja, das in Argentinien nicht weiterverarbeitet, praktisch ohne Mehrwert exportiert wird: Der Großteil der fünfzig Millionen Tonnen wird dafür verwendet, Tiere zu füttern, die ihrerseits die neue chinesische Mittelklasse ernähren.“

Und was wird in Argentinien gegessen?
Martin Caparros schreibt: „Es gibt wenige Orte, an denen die soziale Ungleichheit so offenkundig zu tage tritt wie auf dem Esstisch- oder wo auch immer die Leute essen. Dabei war das Essen der Argentinier über Jahrzehnte überraschend egalitär. Die erste Erhebung mit verlässlichen Daten wurde 1965 von der Nationalen Entwicklungskommission veröffentlicht; sie zeigte, dass die Argentinier, egal ob reich oder arm, dasselbe aßen: rotes Fleisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse, Nudeln und Brot, und zwar in ähnlichen Mengen.“ Eine Anthropologin stellt fest: „Es gab bestimmt auch Unterschiede in Preis und Geschmack, aber die Aufnahme von Proteinen war in allen Bereichen der Gesellschaft ähnlich- deshalb litten die Armen auch nicht an Mangelernährung.“
1985 begann das Modell zu bröckeln, 1996 bestätigte sich die neue Tendenz, dass sich das Essen der Armen radikal von dem der anderen unterscheidet. Jetzt gibt es Essen für Arme und Essen für Reiche. „Es ist keine Frage der Menge, sondern der Zusammensetzung: die Ober- und Mittelschicht essen Obst, Gemüse und Fleisch- eher weißes als rotes-, das erhält sie schlank und womöglich auch gesund; die Armen hingegen essen Kartoffeln, Reis und Nudeln- Zucker, Kohlenhydrate und Fett-, die ihren Magen füllen; sehr wenig Fleisch und sehr wenig Obst und Gemüse. Es ist eine rationale Entscheidung: Fleisch ist zu teuer, Obst und Gemüse ebenfalls, und zudem ist das Sättigungsgefühl weit geringer.“ Die Armen folgen einer anderen Logik, es geht darum, alle statt zu kriegen. Und die ganz Armen kochen nicht mit dem Ofen, das wäre teuer, sondern mit einer Herdplatte. Während also die Chinesen immer mehr Fleisch essen, hat einer von vier Argentinier aufgehört, regelmäßig das Nationalgericht schlechthin, nämlich Fleisch zu essen. Kinder, die nur Nudeln, Reis und Kartoffeln essen, sind chronisch mangelernährt.

Der harte Kern der Arbeitslosigkeit sind drei Millionen Menschen, 15 Prozent der Erwerbstätigen. „In Argentinien lebten fünf Prozent der Haushalte in `akuter Nahrungsunsicherheit` und weitere sieben in `moderater Nahrungsunsicherheit`. (…) Zwölf Prozent der Haushalte. Dazu natürlich diese acht Prozent aller argentinischen Kinder- eine Viertelmillion Kinder- die unter chronischer Mangelernährung leiden.“

Ein Professor an einer Katholischen Universität sagt, dass ein Teil der Bevölkerung absoluter Überschuss sei. Das seien etwa fünf oder sechs Millionen Menschen. Für das System wäre es fantastisch, wenn sie gingen. Er sagt: „Nun ja, man muss sie ernähren, damit es nicht zu einem sozialen Umsturz kommt und sich die Ausgegrenzten durch systematische Plünderungen holen, was ihnen zusteht und was der Staat ihnen verweigert (…) Ab welchem Punkt plündern die Leute die Supermärkte, wann zetteln sie politische Unruhen an? (…) Wo liegt das Maß für soziale Eindämmung, soziale Kontrolle? Wenn es richtig teuer wird, bekomme ich ein Problem. Zu viel kann ich auch nicht zahlen, denn ich muss es anderswo einsparen. Aber etwas muss ich zahlen, je weniger, desto besser.“

Der Autor schreibt dazu: „Der Trick funktioniert nicht nur in Argentinien. Die Strategie der Herrschenden bestand schon immer darin, die Beherrschten so klein wie möglich zu halten. Durch empirische Erhebungen herauszufinden, wo im Einzelfall das Minimum liegt: Trial und Error. Der Irrtum könnte in dem Fall darin bestehen, dass Tausende verhungern oder sich erheben und ihre Rechte einfordern. (…) Wenn eine Regierung Almosen an ihr Volk verteilt, hofft sie, das Volk damit unten, beherrschbar zu halten: wehrlos, stumm. (…) Man gibt den Armen das Allernötigste, damit sie überleben und nicht mit ihrem Blut oder ihren Knochen den Bildschirm beflecken. Viele überleben, andere nicht.“

Jahrelang hatte sich die Kirchner-Regierung geweigert, Geld ohne Gegenleistungen in Argentinien zu verteilen. Dann erhielten mehr als drei Millionen Kinder monatlich eine Pauschale von 40 Dollar. „Laut einer Umfrage des Gesundheitsministeriums erhalten 28 Prozent der argentinischen Haushalte Tüten und Kisten mit Nahrungsmitteln (…).“

Paola ist 27 und wurde von ihrem Stiefvater vom 7. bis 12. Lebensjahr sexuell mißbraucht. Später prostituierte sie sich. Sie hat drei Kinder, zwei sind bereits gestorben. Sie geht in eine Gemeinschaftsküche, um sich und ihre Kinder zu ernähren.

Früher schien der Hunger eine Notwendigkeit des Marktes zu sein, damit die Arbeiter fleißig zur Arbeit gingen. „Doch die Zeiten sind vorbei: Der Markt braucht diese Menschen nicht mehr, und so lange keine Lösung gefunden wird, besteht die einzige Form, sie am Leben zu erhalten, darin, kostenlos Essen an sie zu verteilen.“ , so der Autor.

Früher wartete die Reservearmee darauf, in den Arbeitsprozeß integriert zu werden. Jetzt wird eine überflüssige Masse auf Dauer stigmatisiert. Es gibt keine Umkehr mehr. Die CIA lies 2002 düster verlauten, dass ein Drittel der Weltarbeitskraft arbeitslos oder unterbeschäftigt sei. Früher hatten diese Armen eine Funktion, so in Indien, wo sie als extrem billige Arbeitskräfte die Reichen bedienten. Sie waren eine nützliche Reserve, um die Löhne auf niedrigstem Niveau zu halten. Heute sind Maschinen wesentlich effizienter und Arbeitskräfte überflüssig.
„Zum ersten Mal ist ein Sechstel oder ein Fünftel der Weltbevölkerung überflüssig. Weil es nicht gut ankäme, wenn man sie einfach sterben ließe, erhält man sie gerade so am Leben, sie nagen am Hungertuch, aber sie sterben nicht den Hungertod.“, so der Autor.
In Argentinien wurden Tausende Fabriken und Werkstätten geschlossen, die Mehrzahl der Hilfskräfte auf dem Land wurde durch Maschinen ersetzt.
„Und man hatte keinen blassen Schimmer, was man mit ihnen anfangen soll. Man würde doch gerne einmal Mäuschen spielen bei einer Sitzung argentinischer Bosse- der Reichen und ihrer Repräsentanten-, die zuvor ein Wahrheitsserum eingenommen haben. Vielleicht diskutieren sie dann ja darüber, wie man fünf oder sechs Millionen Menschen loswerden könnte.“
Sie versuchen es noch mit Hilfsprogrammen, aber es nervt, „wenn man nicht ohne Angst eine Runde um den Block drehen kann und außerdem ist da immer die Befürchtung, dass die Überflüssigen es irgendwann von heute auf morgen leid sein und alles hochgehen lassen könnten.“

Es gibt weltweit viele Menschen, „die keinen Platz in der Gesellschaft haben, die keine Funktion erfüllen, die es rechtfertigen würde, das sie existieren. Der Anteil der überschüssigen Bevölkerung ist nicht nur in Argentinien hoch, sondern weltweit: 1,4 Milliarden Menschen, die extrem arm sind, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben, die hungern. Ein Fünftel der Weltbevölkerung. (…) Man weiß nicht, wie man aus ihnen einen Mehrwert ziehen kann, sie werden nicht gebraucht. (…) Sie sind, klarer Fall, ein Störfaktor: unnützer Ballast.“

In Indien sind die Arbeiterinnen in die Weltwirtschaft integriert, sie werden ausgebeutet, damit man in der ersten Welt billige Kleider kaufen kann. Jetzt hat man neue Verwendungsmöglichkeiten für die Überflüssigen entdeckt: wie indische Kliniken, die arme Frauen als Leihmütter unter Vertrag nehmen.

Das Kapitel endet wie folgt: „Es sind mehr als eine Milliarde: Sie überleben. Die reichen Länder machen in Afrika dasselbe wie der argentinische Staat in Argentinien: Sie geben den Überflüssigen das Allernotwendigste zum Überleben. Damit sie die schönen Seelen ja nicht in Angst und Schrecken versetzen und damit sie auch weiterhin glauben, ohne diese Hilfe seien sie noch schlechter dran. Damit sie ja nicht auf die Idee kommen, eigene Zukunftspläne zu schmieden und alles niederzubrennen. Ein System darf nicht so leichtsinnig seine Ressourcen vergeuden. Wenn es nicht lernt sie sinnvoll einzusetzen…“

Fortsetzung folgt…

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

Der Hunger Teil 1

Auch wer in Deutschland beständig rechnen muß und selbst schlecht ernährt ist, weil der Regelsatz für eine gute Ernährung nicht ausreicht, wer zu Lebensmittelausgaben gehen muß usw. Weltweit gesehen, gibt es in den meisten Ländern keine Reste eines Sozialstaates, der noch ein Mindesteinkommen garantiert. Gestern wurde eine OECD-Studie vorgestellt, wobei festgestellt wurde, dass die Steuerlast vor allem die Durchschnittsverdiener und die unteren Lohngruppen zu tragen hätten. Gleich meldete sich ein Wirtschaftsvertreter zu Wort, die Löhne sollten den hart arbeitenden Menschen zu gute kommen. Zugleich war von gesetzlichen Sozialausgaben die Rede, die die Steuern auffressen würden. Nichts wiederum von ausgesetzter Vermögenssteuer, Erbschaftssteuerreform zugunsten von Firmenerben, nichts von Senkung der Spitzensteuersätze, nichts von Steueroasen. Nichts von einer Forderung der Umverteilung von oben nach unten!

Folgendes Buch sollte Pflichtlektüre sein. Weltweit gibt es einen Kampf ums Überleben. „Ein ständiger Kampf um das ganz Unmittelbare, das Grundlegende. (…) Es ist nicht nur eine Beschneidung der materiellen Grenzen, auch der mentalen, eine Einschränkung der Vorstellungskraft. (…) Abertausende von Menschen, die jeden Tag aufstehen und sehen müssen, wie sie an Nahrung kommen. (…) Zukunft ist der Luxus derjenigen, die Nahrung haben.“ , so der Buchautor.

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

„Dieses Buch ist ein Fehlschlag (…), weil eine Untersuchung des größten Versagens der Menschheit selbst nur scheitern kann (…) Aber manchmal lohnt sich das Scheitern.“, so endet der Autor in seiner Einleitung. Und: „Vom Elend zu berichten ist oft schon eine Form, es auszunutzen.“ Fremdes Unglück interessiert viele unglückliche Menschen, um sie selbst sei es nicht so schlecht bestellt. „Fremdes Unglück- Elend- ist nützlich, um zu verkaufen, zu verbergen, um Dinge durcheinanderzuwerfen: So lässt sich beispielsweise suggerieren, das individuelle Schicksal sei ein individuelles Problem.“

Aisha aus Niger wünscht sich eine Kuh. Als Martin Capparos sie fragt, aber was sie sich wünsche, wenn ein Zauberer ihr jeden Wunsch erfüllen würde, egal welchen. „Zwei Kühe vielleicht?“ sagt Aisha leise: „Dann müßte ich nie mehr Hunger leiden.“ Diese grausamste Art der Armut nimmt einem die Möglichkeit, sich ein anderes Leben auch nur vorzustellen. „Man ist zum Immergleichen, Unausweichlichen verurteilt.“ Jeder Gedanke wird vom Mangel beherrscht.

In der Erinnerung ist der Hunger ein Kind mit aufgeblähtem Bauch und dürren Beinchen. Surrende Fliegen. Das Bild wird zur Gewohnheit. Hunger gibt es dann in Zusammenhang mit Kriegen oder Naturkatastrophen. Aber es hungern täglich 800, 900 Millionen Menschen. „Jeden Tag sterben auf der Welt- dieser Welt- 25 000 Menschen an Ursachen, die mit dem Hunger zusammenhängen.“

Niger: Strukturen des Hungers

Acht von zehn Nigrern leben auf und vom Land. In vielen Ländern Afrikas sind 2/3 bis ¾ der Bevölkerung Bauern. Weltweit sind knapp eine Milliarde Menschen in der Landwirtschaft tätig.
In der Sahelzone wird Hunger als strukturelles, unabänderliches Problem gesehen. Brutal wird der Hunger in der Zeit, wenn die vorherige Ernte aufgebraucht ist und die nächste sich mühsam aus dem kargen Boden kämpft. Niger ist das Land mit den weltweit meisten Kinderbräuten, fast 50 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren sind in ihrem Wachstum stehengeblieben.

Ein Erwachsener hungert, wenn er täglich weniger als 2200 Kilokalorien zu sich nimmt, ein Kind weniger als 700 bis 1000. „Hunger ist ein Prozess, ein Kampf des Körpers gegen den Körper.“ Ein hungernder Körper zehrt sich auf.
Bürokraten benutzen eine Fachsprache. Fachbegriffe vermeiden jede Emotion. Die Bürokraten sprechen lieber von Fehlernährung, Unterernährung etc. „Chronisch unterernährt“ sind dann Menschen, die tagtäglich hungern. Wenn etwas passiert, findet der Hunger in die Medien. In Ausnahmesituationen. Aber Mangelernährung ist meist chronisch. Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung, also etwa zwei Milliarden Menschen sind von ihr betroffen. Zwei Milliarden Menschen sind mangelernährt. Und wenn die Ärmsten essen, dann sind sie „fehlernährt“: Eisenmangel, Vitamin- A- Mangel, Jodmangel, Zinkmangel. Wenn sogar die Proteine und Kalorien fehlen, dann sind sie unterernährt. Besonders die Kinder sind betroffen, 60 Prozent der Hungernden sind Frauen. „Der schlimmste aller Teufelskreise: ausgemergelte Mütter, die unterentwickelte Kinder großziehen. (…) Jedes Jahr sterben mehr als drei Millionen Kinder an Hunger und Krankheiten- Husten, Durchfall, Röteln, Malaria-, die durch den Hunger begünstigt werden (…).“
„Drei Millionen Kinder, das sind mehr als 8000 am Tag, mehr als 300 pro Stunde, mehr als fünf in einer einzigen Minute.“

Warum das alles?

In Afrika hat es mit dem Sklavenhandel und den Plünderungen begonnen. „Als die afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit entlassen wurden, haben die Europäer mitgenommen, was sie tragen konnten.“ Seit den 1980er Jahren verschärfte sich die Situation, denn IWF und Weltbank „überredeten“ die Mehrzahl der afrikanischen Regierungen, staatliche Interventionen in bestimmten Bereichen, so der Landwirtschaft, zu reduzieren. Gebetsmühlenartig wiederholten Weltbank und IWF, der Markt werde die Lebensbedingungen verbessern. „Es war einer der größten Gewaltakte des Weltmarktes. Ohne eine Chance, ihre eigenen Produkte verkaufen zu können, verloren Millionen von Bauern in den ärmsten Ländern auch noch das Hemd, das sie nie hatten.(…) Über mehr als ein Jahrhundert war Afrika ein Nettoexporteur von Nahrungsmitteln gewesen, seit 1990 überwiegt der Import.“

„Eine klare Botschaft: Die Vereinigten Staaten und Europa bauen effizienter und günstiger Nahrung an, also sollten die Afrikaner- und andere arme Länder- ihre Finger von der Landwirtschaft lassen und arbeiten gehen, damit sie von ihrem Lohn die importierten Nahrungsmittel bezahlen konnten. Allerdings war noch nicht klar, wo sie arbeiten sollten. (…) Die Randgebiete der großen Städte füllten sich mit Arbeitslosen- und die Felder mit Landwirten ohne Land bzw. ohne ausreichende Mittel, um es zu bestellen. Zwei von drei Afrikanern sind immer noch Bauern.“

Ergebnis: „1970 gab es Schätzungen zufolge etwa 90 Millionen Unterernährte in Afrika. 2010 waren es bereits mehr als 400 Millionen.“

Niger hat eine Fläche von einer Million Quadratkilometern, aber nur 40 000 davon sind fruchtbar.
Im übrigen Land leben Wanderhirten mit zwanzig Millionen Tieren. Seitdem der IWF die Regierung gezwungen hat, den Markt für multinationale Konzerne zu öffnen, ist der Preis der Medikamente für Tiere um ein Vielfaches gestiegen. Viele Hirten haben daher ihre Herden verloren.

Der Währungsfonds zwang die Regierung in Niger ebenfalls, ihre Getreidelager aufzulösen, die als Notreserve für drohende Hungersnöte gedacht war.

Niger ist der zweitgrößte Uran- Förderer weltweit. Eine französische Gesellschaft baut Uran ab und zahlt dem Staat nur eine lächerliche Gebühr.

In der Sahelzone produziert ein Bauer je Hektar Ackerland 700 Kilo Getreide, das ist weniger als ein Bauer im Römischen Reich, ein amerikanischer Farmer schafft heute das 2000-Fache. Es sind karge Gegenden, da es nur für etwa vier Prozent der Anbaufläche Afrikas irgendeine Form von Bewässerung gibt. Und es sind besitzlose Gegenden. „Die meisten afrikanischen Bauern arbeiten ohne große Hilfsmittel, allein mit ihren Händen, ihren Beinen und einer Hacke.“ Und sie können nur innerhalb ihres Dorfes ihre Ernte verkaufen, da es an Straßen und Transportmitteln mangelt. Mit Dünger, Pflanzenschutzmitteln, Traktoren und Bewässerung sähe alles anders aus.

Die Anzahl der Menschen wächst schneller als die Getreidemenge. Und es gibt keine freien Flächen mehr, da vor vierzig Jahren der Regulationsmechanismus ausgehebelt wurde und das Land auf dem berühmten Markt verschachert wurde.

„Elend bedeutet, auf Messers Schneide zu leben. Jeder Sturz kommt einem Fall ins Bodenlose gleich.“ Es muß schon viel schieflaufen, bevor der Sohn eines Bauern das väterliche Grundstück verläßt. Die Frauen heiraten und ziehen zu ihren Ehemännern, das war es, wenn größere Katastrophen ausbleiben. Die Männer sind mobil. Der Arbeitslohn eines Feldarbeiters in Niger beträgt pro Tag vier Dollar, das sind 2000 Francs. In Nigeria können es bis zu 4500 Francs sein.
„Die Überweisungen der Migranten sind eine wilde Form der Umverteilung des Reichtums, verbunden mit einer noch wilderen Form von Ausbeutung. Arme erledigen in reicheren Ländern die Jobs, die die Menschen dort nicht machen wollen, und schicken Geld in ihre Heimatländer.
Laut Schätzungen der Weltbank haben die weltweit etwa 200 Millionen Migranten allein 2013 etwa 400 Milliarden Dollar in ihre Heimatländer überwiesen. In Niger arbeitet einer von dreißig Männern in Nigeria, Ghana, Benin oder der Elfenbeinküste: Sie schicken jedes Jahr 100 Millionen Dollar nach Hause. Viele bleiben; andere pendeln.“

Der Autor wurde in Niger krank, sechs Tage konnte er nichts mehr essen. „Nicht die Gesellschaft verweigert mir die Nahrung, mein Körper verweigert mir die Aufnahme.“ Nebel im Kopf.
Ihn beschleicht das Gefühl, mit dem wahren Elend in Berührung gekommen zu sein. „Nicht das Elend derjenigen, die am Rande der Gesellschaft der Reichen leben, sondern das Elend derjenigen, die dort leben, wo es nichts gibt…“

„Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“, so der Autor.

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

Menschenwürde ist Menschenrecht

Gebetsmühlenartig wiederholen die regierenden Politiker, wie gut es doch den Deutschen geht. Die Wirtschaft brumme und die Erwerbstätigenquote sei die höchste seit der Vereinigung. Die steigende Armut wird dabei ausgeblendet. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat jetzt den Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2017 vorgelegt. Danach leben in diesem Land rund 12,9 Millionen Menschen unter der Einkommensarmutsgrenze. Das ist der Höchststand seit 1990. Berlin ist neben Bremen, Mecklenburg-Vorpommern aber auch Nordrhein-Westfalen eine Armutshochburg. Insbesondere Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche, MigrantInnen und Flüchtlinge, Psychiatriebetroffene und Menschen mit Behinderung sowie Wohnungslose sind von Armut betroffen.

Viele RentnerInnen nehmen Sozialleistungen aus Scham nicht in Anspruch

Eine Risikogruppe sind RentnerInnen, denn deren Armut wuchs innerhalb von zehn Jahren um 49 Prozent. „Man kann davon ausgehen, dass von den rund drei Millionen altersarmen RentnerInnen etwa über eine halbe Million von Altersgrundsicherung leben und dass rund 2,5 Millionen mit ihrem Einkommen nur knapp darüber liegen oder aber zu denjenigen gehören, die zwar einen Anspruch auf staatliche Fürsorge hätten, ihn aber aus unterschiedlichen Gründen nicht geltend machen“, heißt es im Armutsbericht. „Das heißt von eine Million älterer Menschen, denen diese Leistung in 2007 zugestanden hätte, nahmen sie nur 336.000 in Anspruch.“ 2003 bezogen 257.734 Menschen Altersgrundsicherung, 2015 waren es bereits 536.121. Tendenz steigend, denn „in den nächsten 10 bis 20 Jahren (werden) zunehmend Menschen mit gebrochenen Erwerbsverläufen ins Rentenalter kommen und auf eine Rente stoßen, deren Niveau politisch gewollt sinkt“, so Ulrich Schneider u.a. im Bericht.

Grundversorgung nicht abgedeckt

Eine weitere Risikogruppe sind Erwerbslose, vor allem Hartz-IV-Beziehende. Jeder fünfte Berliner lebt von Hartz IV, die Hartz-IV-Quote bei Kindern beträgt 31 Prozent. „Schon die Grundversorgung (Essen, Kleiden, Wohnen) ist nicht sicher abgedeckt“, wird im Armutsbericht festgestellt. Dinge, die zum normalen Lebensstandard in der Gesellschaft gehören, können nicht angeschafft werden, wie Computer, Waschmaschine etc. Es darf nichts kaputt gehen. „Die materiellen Begrenzungen führen dazu, dass die allermeisten Arbeitslosen ihre gesellschaftlichen Aktivitäten einschränken müssen ‒ von der ausbleibenden Kommunikation mangels Internetzugang und Computer über die Unmöglichkeit, einen Kinoabend oder einen Besuch im Restaurant zu bezahlen.“ Viele müssen in schwierigen Wohnverhältnissen leben. „Mehr als drei Viertel aller Kinder im Hartz-IV- Bezug leben in Haushalten, die sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten können (…) Im Jahr 2015 wurden rund 416 000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte mit mindestens einer neu festgestellten Sanktion bestraft.“ Auch die verdeckte Armut ist groß. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nimmt jeder dritte Berechtigte die zustehenden Sozialleistungen nicht in Anspruch.

Ein schönes Leben?

Besonders Langzeitarbeitslose, die Hartz IV beziehen, werden häufig gesellschaftlich abgewertet. In einer Thüringer Studie von 2014 lehnten 53 Prozent der Durchschnittsbevölkerung Langzeitarbeitslose ab. Diese würden sich „ein schönes Leben machen“. Klaus Dörre spricht auch von einem Wandel der sozialen Netzwerke. „Man trifft sich eher mit Gleichgesinnten und -gestellten, mit denen man sozial mithalten kann und auf deren Verständnis man trifft.“ Ein erheblicher Teil der Arbeitslosen sei ehrenamtlich tätig, das ehrenamtliche Engagement erfährt aber fast immer weniger Anerkennung als Erwerbsarbeit. In den Jobcentern sind die Erwerbslosen einem latenten Klima des Misstrauens und offenem Druck ausgesetzt. Sie sollen in den Arbeitsmarkt gedrückt werden, aber was sind die Perspektiven?
„Rund eine Millionen Menschen waren zuletzt langzeitarbeitslos (…) Aus der Grundsicherung für Arbeitssuchende schaffen viele den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt nur vorübergehend. Die wiedererlangte Erwerbstätigkeit ist häufig nur eine prekäre Beschäftigung, die sie nicht (für längere Zeit) aus schwierigen Situationen von Arbeitslosigkeit und Armut befreit. Es gibt deshalb weniger eine funktionierende Aufwärtsmobilität, als vielmehr eine Verfestigung von Lebenslagen (…)“, so Tina Hoffmann im Bericht.

Kritisch anzumerken ist, dass wieder einmal festgestellt wird: „Arbeitslosigkeit zählt zu den größten Gesundheitsrisiken. Sie macht krank.“ Aber ist nicht auch der Stress auf dem Arbeitsmarkt gesundheitsschädlich? Und stellt nicht die Armut in erster Linie die Ursache für Erkrankungen dar? Auch wird den Erwerbslosen wieder einmal Bildungsferne unterstellt. Eine wesentliche Ursache von Arbeitslosigkeit sei „Bildungsarmut“, da knapp die Hälfte der Arbeitslosen keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweise könne. Und was ist mit der anderen Hälfte? Es gibt „sogar“ arbeitslose AkademikerInnen. Auch der Ausblick auf Alternativen kommt in dem Abschnitt zum Thema Arbeitslosigkeit dünn daher. Es wird ein sogenannter Sozialer Arbeitsmarkt und die Anhebung der Regelsätze gefordert. Das Fazit am Schluss: „Im Ergebnis muss eine Armuts- und Erwerbslosensicherung geschaffen werden, die den Leitbegriffen des `Sozialen Geleitschutzes` und der `Aufstiegshilfe` folgt und damit den Schutz menschenwürdiger Existenz genauso sichert wie gesellschaftliche Aufstiegschancen eröffnet.“ Was soll denn das sein? Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Der gesamte Armutsbericht:
http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht

Die Begradigungsmaschinerie

Das Buch „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ des Soziologen und ehemaligen Gefängnispsychologen Götz Eisenberg ist sein zweiter Band in der Reihe „Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“. Es ist eine Sammlung von Texten in sieben Kapiteln- von Flucht, Pegida und Angst vor den Fremden, von digitaler Knechtschaft, vom Flugzeugabsturz, von Griechenlandbashing, von Psychopathen, von Geld, von Schüssen in Sarajevo und vielem mehr.
Der Titel die „Begradigungsmaschinerie“ bezieht sich auf das Buchcover, ein Cartoon, der Menschen in verschiedenen Stadien ihrer Normierung zeigt. Noch gibt es vereinzelt Köpfe, die nicht gänzlich erfasst und genormt sind und in denen Gedanken noch spontan zirkulieren. Wenn wir noch eine Chance haben wollen, müssen wir uns beeilen, so glaubt Götz Eisenberg.

Die „eindimensionale Gesellschaft“ arbeitet mit Hochdruck an der „Begradigung und Normierung der Köpfe“. Konformität wird von den Menschen selbst begeistert angestrebt. „Das herrschende System hat es geschafft, dass die Leute ihre umfassende Kontrolle in eigene Regie nehmen.“, so Götz Eisenberg. Es ist eine „freiwillige Knechtschaft“, aber es gibt auch noch direkt repressive und gewaltförmige Typen der Machtausübung.
200 Jahre Kapitalismus haben den Planeten in eine einzige stinkende Müllkippe verwandelt. Und die Arbeitslosen zu Abfallprodukten. Zu Zeiten des Kalten Krieges finanzierte der Kapitalismus den Sozialstaat. Gegenwärtig muß er nicht nett sein, jetzt legt er seine Beißhemmungen ab. Wir brauchen aber eine Welt jenseits von Ware und Geld. Robert Kurz erinnerte immer wieder an die Notwendigkeit und Möglichkeit, die wild gewordene Ökonomie zurückzupfeifen und an eine gesellschaftliche Leine zu legen. Und die Kritische Theorie hatte die Hoffnung, dass Menschen nie zur Gänze in ihrer gesellschaftlichen Prägung und Formung aufgehen, sie bewahren sich Reste von „Spontanität“. Hoffnung macht die Menschen weit, Hoffnungslosigkeit ist unerträglich.

Gefahr der Faschisierung

Der Autor schreibt, dass die Gefahr einer Faschisierung in ganz Europa droht. „Wer mit wachen Sinnen durch die Welt geht, spürt, dass sich um uns herum etwas zusammenzieht und -braut. Die Luft wird dünner für die übrig gebliebenen Einzelnen, sie drohen zu ersticken.“
Die Völkerwanderung der Armen habe erst begonnen. Nach der kapitalfixierten Globalisierung kommt nun auch die Globalisierung der Arbeitskraft, die dahin strömt, wo sie ein besseres Leben vermutet. „Unser Wohlstand basiert auf ihrem Elend, es sind zwei Seiten einer Medaille.“ Die AfD wird daher nicht verschwinden. Die politische Rechte liefert klare und prompte Antworten mit rückwärtsgewandten Konzepten.
Unter dem Druck der Angst sehnen sich Menschen nach einfachen Lösungen, das ist die Stunde der Fanatiker und Scharlatane. „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster.“, schrieb Antonio Gramsci. Die heutigen Monster sind die Rechtsextremen und islamistischen Terroristen. „In einer Zangenbewegung schicken sich beide an, Rechtsstaat und Demokratie zu zerstören.“
„Ein hoher Angst- und Panikpegel ist auf Dauer der Tod der Demokratie. Deswegen braucht Demokratie den Sozialstaat, der den Menschen Existenzängste nimmt und Netze spannt, die verhindern, dass jemand, der vom Markt als überzählig ausgespuckt wird, aus der Welt fällt.“ Wer den Sozialstaat der Plünderung freigibt, „legt die Axt an die Wurzeln der Demokratie“.
„Wer unzufrieden ist mit den herrschenden Zuständen, könnte doch zum Revolutionär werden. Die bittere Wahrheit, die wir zur Kenntnis nehmen müssen, lautet: Unter einem dünnen Firnis angepassten Verhaltens existiert ein bedrohliches, faschistoides, antidemokratisches Potenzial, das den Wandel der politischen Systeme überdauert hat.“
Eine enthumanisierte Sprache ist ein Indiz für eine enthumanisierte Gesellschaft. „Unmenschlichkeit kündigt sich in der Sprache an.“ Und es gebe „einen Faschismus weit unterhalb des Kopfes, der sich unserer Affekte und Sinne bemächtigt hat.“ Während manche Zuwanderung als kulturelle und soziale Bereicherung empfinden, fällt das anderen schwer. „Je traditioneller ein Mensch geprägt ist, je mehr man ihn in einen Charakterpanzer gezwängt hat, desto schwerer wird er sich damit tun, angesichts von Neuem und Unbekanntem Freude zu empfinden.“

Interessen bestimmter Kapitalfraktionen

„Bestimmte Kapitalfraktionen sehen in den Flüchtlingen Nachschub für den Àrbeiterstrich`, auf dem man sich je nach kultureller Lage kurzfristig mit billigen Arbeitskräften eindecken kann. Flüchtlinge dienen als Reservearmee und Druckmittel gegen Lohnforderungen.“
Autoritär Strukturierten ist es wichtig, sich mit der Obrigkeit in Einklang zu befinden. „Die Hegemonie der Ausländerfreunde hat allerdings auch zur Folge, dass ausländerfeindliche und rassistische Positionen sich in den Untergrund des Stammtischgeredes und privaten Meinens zurückziehen. Dort entwickelt sich ein Schwarzmarkt grummelnder Ressentiments.“
Nicht die Fremden bedrohen uns, sondern das Fremde. Hedgefonds- Manager, Medienkonzerne, Fastfood- Ketten etc. „Wer sich nach Heimat und bergender Gemeinschaft sehnt…., kann diese nur im Kampf gegen die kapitalistischen Modernisierer und Flexibilisierer gewinnen…, die uns in hochmobile Geld- und Warensubjekte verwandeln.“
Die fortgeschrittenen Kapitalfraktionen sind längst über das autoritäre Stadium hinausgegangen, sie propagieren flache Hierarchien etc. Flexibilität, Mobilität, Kreativität sind Fetische der Beschleunigungs- Gesellschaft. Mit der Forderung nach einem „bunten, weltoffenen Deutschland“ rennt man offene Türen ein. Pegida würde das Ansehen schädigen, weil es einen Rückzug ausländischer Investoren bedeutet.

Die Arbeitswut und der autoritäre Charakter oder die Hamstertrommel: Schule- Arbeit- Rente- Tod

Imre Kertesz: „Sie arbeiten, stehen Schlange, erziehen ihre Kinder- und plötzlich ist das Leben zu Ende.

„Wer hart arbeiten und sich ständig am Riemen reißen muss, droht zu einem Menschen des Ressentiments zu werden. Die Gewalt, die nötig war, um Menschen in Arbeitswesen zu verwandeln, wird in der Wut spürbar, mit welcher der arbeitende Mensch auf diejenigen reagiert, die es real oder vermeintlich besser haben.“, so Götz Eisenberg. „Immense Gewalt war vonnöten, um aus menschlichen Lebewesen Arbeitswesen zu machen und die Körper zu Arbeitsinstrumenten herzurichten. Am Ende des Experiments stehen Menschen, die unter entfremdeten Bedingungen arbeiten wollen und sich das Produkt ihrer Arbeit widerstandslos wegnehmen lassen. Nimmt man ihnen die Arbeit, drohen sie psychisch auseinanderzubrechen.“ Und: „Aus der aufgezwungenen Tätigkeit entstehen Ressentiments gegen den, der real oder vermeintlich sein Brot nicht im Schweiße seines Angesichts isst. Der eigene verfemte Teil, das in sich selbst fremd und bedrohlich Gewordene, wird nach außen gestülpt und auf `Faulenzer und Schmarotzer` projiziert. Am Ende des Experiments haben wir die Religion der Arbeit verinnerlicht und hassen denjenigen, der (real oder vermeintlich) nicht so hart arbeitet wie wir- statt endlich locker zu lassen und uns den wesentlichen Dingen zu widmen.“ Letztlich: „Der Konformismus, der sich auf der Basis einer `Ìdentifikation mit dem Aggressor` entwickelt, ist mit Feindseligkeit und Bösartigkeit kontaminiert.“
Denn „alles was in der Außenwelt und bei anderen an aufgegebene eigene Glücksansprüche und Hoffnungen erinnert, wird abgelehnt, im Extremfall gehaßt und verfolgt“. Der autoritäre Charakter- ist die eigene Verhärtung gegen Leiden der Armen und Erfolglosen. Die meisten wählen unter äußerem Druck den Weg der Anpassung und der Assimilation ans Tote. Horkheimer machte die traurige Erfahrung, dass sich die Masse der Menschen mit den Unterdrückern identifiziert, statt sich mit jenen zu solidarisieren, die sich gegen sie auflehnen. „Jede Gesellschaft produziert ihr gemäße Charaktere, lebt von ihnen und reproduziert sich durch sie.“ Der Neoliberalismus seit den 1980er Jahren hat einen sozialen und moralischen Darwinismus etabliert, der den Kampf eines jeden gegen jeden ins Recht setzt. „Wer Mitgefühl zeigt, droht aus dem Markt geworfen zu werden und einen sozialen Tod zu sterben.“ Und: „Wenn die Arbeit verloren geht, geht häufig viel mehr verloren als die Arbeit. Die Berufsrolle ist in unserer Kultur eine zentrale Stütze des Selbstgefühls und fungiert für viele Menschen geradezu als Selbstwertprothese.“ Sie geben sich selbst Schuld, versinken in Resignation und stiller Verzweiflung. „Der vom Neoliberalismus entfesselte Sozialdarwinismus erzeugt eher ein Klima des Misstrauens und der gegenseitigen Verfeindung.“ „Der autoritär dressierte und `zur Sau gemachte` Mensch trägt eine lebenslang wirksame Neigung davon, sich für die erlittenen eigenen Qualen an Sündenböcken schadlos zu halten.“

Pegida, der Osten und die Überfremdungsangst

Pegida ist ein Ostphänomen, schreibt der Autor. Es gibt ein Ost-West-Gefälle. Im Osten leben nur 1/5 der Deutschen, aber fast die Hälfte der Übergriffe und Anschläge finden dort statt. Zudem ist der Anteil der Migranten oder gar Muslime sehr gering. Der Anteil der Muslime beträgt in Dresden 0,4 Prozent; 4,7 Prozent Migranten leben dort.

Zunächst macht Götz Eisenberg mentalitätsgeschichtliche Ursachen aus: „Unter der `Käseglocke`des Staatssozialismus haben alte preußisch- deutsche Tugenden und Haltungen überdauert, die man nach 1945 zu Insignien einer proletarischen Lebensführung und Parteidisziplin erklärte.“ In der DDR gab es 1968 keine kulturelle Revolution, im Westen aber einen mentalitätsgeschichtlichen Bruch. Traditionelle Haltungen und Erziehungsstile existierten in der DDR ungemindert fort. Grundzüge der schwarze Pädagogik seien Heilmittel gegen westliche Dekadenz und Kennzeichen sozialistischer Erziehung gewesen. Was als Teil antifaschistischer Haltung präsentiert wurde, gehörte zu subjektiven Bedingungen der Möglichkeit des Faschismus, brachte autoritäre Charakterstrukturen hervor.
Nach der Wende hatten viele Ostdeutsche mit einem Sinnentzug zu kämpfen. Sie verstanden die Welt nicht, sie befanden sich sozio- und psychostrukturell in der Fremde: „Die Ostdeutschen wiesen das falsche Sozialisationsfundament für ein Leben unter kapitalistischen Markt- und Konkurrenzbedingungen auf.“ Jeder muß sehn, wo er bleibt. Der Konsum entscheidet über die soziale Integration. „Bestimmte Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Routinen des Alltags werden entwertet, sind plötzlich leer und dysfunktional. Aber man hat sie doch lernend verinnerlicht…“
Sie wurden ihrer alten kollektiven Stützen beraubt, waren orientierungslos. Der Autor schreibt:
„Einem braven Staatswichtel ging es gar nicht so schlecht in der DDR.“ Dort waren sie Teil eines Kollektivs, nicht genötigt „Einzelne“ zu sein. Mit der Wende hatten sie nun das Gefühl der Entwertung und Enteignung der eigenen Geschichte. „Man hat bei der Vereinigung durch die Zerstörung des von ihnen Geschaffenen den Stolz der Ostdeutschen gebrochen und sie ihrer Würde beraubt. Grausamkeit ist die Rache des gekränkten Stolzes.“
„Die `Wessis` reagieren ja auf manche habituellen Eigentümlichkeiten und mentalen Züge ihrer Brüder und Schwestern aus dem Osten so allergisch, weil sie sich darin wiedererkennen.“ Bei den Wessis kommen die Bilder der eigenen Anfangsphasen hoch.
Schon 1989 war ein Teil der Demonstranten deutsch- national, stramm antikommunistisch:
„Wir haben uns über den Charakter der 1989er Bewegung möglicherweise Illusionen gemacht, weil die ideologische Begleitmusik von Dissidenten, kritischen Intellektuellen und Künstlern geliefert wurde.“ Es war weniger eine Revolution, sondern eine Rebellion: „Der von der alten Autorität Enttäuschte stürzt, was an Macht und Glanz verliert und ohnehin bereits fällt, um es durch eine neue Autorität zu ersetzen, mit der er sich identifizieren kann, weil sie ihm Halt, Stützung und Sicherheit verspricht.“ Die Ostdeutschen wandten sich enttäuscht gegen die Macht, die aus dem letzten Loch pfiff und die Unterstützung der SU verloren hatte, unterwarfen sich flugs neuen Herrn, die ihnen mächtiger erschienen.

Der Osten wurde nicht überfremdet von Muslimen, sondern von kapitalistischen Verhältnissen.

„Das `Fremde`, von dem die Menschen sich bedroht fühlen, ist die Teufelsmühle des Kapitals selbst, in der die einheimischen Industrien und tradierte Lebensformen zermahlen wurden.“ Da man nicht gegen „kapitalistische Verhältnisse“ handgreiflich vorgehen kann, hält man sich an die „Fremden“. Das Bedrohtheitsgefühl sind Chiffren für Unsicherheit, Desorientierung und Ängste, die eine Folge der Globalisierung sind. Jetzt herrscht die Welt. Und Welt ist nur ein anderes Wort für Geld. „`Die Welt vernichtet uns, das kann man sagen.´(Achternbusch) Pegida artikuliert auf eine vollkommen falsche und blind- rückwärtsgewandte Weise dieses Gefühl der Vernichtung.“ Die Neonazis begreifen sich als gewaltbereite Delegierte einer „schweigenden Mehrheit im Land“. Sie handeln in deren Namen und in ihrem Schutz.

Ohne Angst verschieden sein.

Unter der „dünnen Schicht zivilisierter Verhaltensweisen liegen alte Denk-, Gefühls- und Vorurteilsgewohnheiten“. In Zeiten der Unsicherheit gibt es das Bedürfnis nach Sündenböcken, die man für die eigene Misere verantwortlich machen kann. Es greifen Patriotismus und „Vaterlandsliebe“ um sich. Es wird unterschieden zwischen guten und bösen Flüchtlingen, zwischen ehrlichen und unehrlichen Armen. „Das rechte Lager verspricht, Eindeutigkeit und Unübersichtlichkeit dadurch herzustellen, dass Àusländer, linke Zecken, Juden, Verbrecher, Sozialschmarotzer und Behinderte` verschwinden.“ Die Rechten haben die Idee einer guten, homogenen (Volks-)Gemeinschaft. Die Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können, sei das einzig wirksame Gegengift gegen einen Rückfall in Barbarei, Rassismus und Xenophobie, so der Autor. Pegida bedient „diffuse Sehnsüchte nach ethnischer Homogenität, nach Übersichtlichkeit und einfachen Erklärungen für hochkomplexe Probleme“.

„Besorgte Bürger“ oder Normalungetüme

Götz Eisenberg schreibt: „Meine Generation hatte das Glück, ihr Unbehagen und ihren Ekel vor Formen bürgerlichen Verkehrs politisieren und in eine kämpferische Auseinandersetzung mit der etablierten Gesellschaft überführen zu können.“ Und: „Bürgerliche Normalität schützt vor gar nichts, sondern scheint die grauenvollsten Verbrechen zu begünstigen.“ Der Faschismus entspringt der Mitte der Gesellschaft. „Es gibt keine harmlose bürgerliche Normalität, der `Normale` ist schon auf dem Weg zum Handlungsgehilfen. Der loyale Bürger tut seine Pflicht und gehorcht – egal unter welcher Regierung. Peter Brückner zog daraus den radikalen Schluss: `Nur wer zu nichts Bürgerlichem taugt, taugt auch nicht zum Faschisten.“
Nazitum ist kein Klassen- oder Schichtenmerkmal, sondern eine Frage des Bewusstseins und vor allem des Unbewusst – Seins, des Umgangs mit dem Unbewussten. Es gibt einen Faschismus der Gefühle, einen „Faschismus weit unterhalb des Kopfes“: „Manche Leute leiden unter einer Art braunen Juckens beim Anblick von Menschen, die nicht sichtlich ihresgleichen sind, bei der Wahrnehmung von kleinsten Zeichen der Differenz und Fremdartigkeit.“ Der autoritäre erzogene und „zur Sau gemachte“ wird eine Neigung davontragen, was er in sich abtöten mußte, am anderen zu bekämpfen. „Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch pädagogische Dressur partiell getöteten Lebens entwickelt sich eine konformistische Bösartigkeit, ein Zugleich von Anpassung und Aggression.“ Der andere reißt sich nicht zusammen wie ich. Gleiches Unrecht für alle – die Maxime ungelebten Lebens. Faschismus der Gefühle- Parteinahme für das Abgestorbene und Tote in der eigenen Person, die Trennlinie läuft durch jeden von uns.
„Anpassung ans Tote oder Emanzipation als Erzeugung des Lebendigen, auf diese existentielle Frage antwortet jeder mit seinem Lebenslauf.“ Gewisse Menschen sind verhärtet gegenüber Armen und „Erfolglosen“, meistens befürchten sie selbst den Absturz, Mitleidlosigkeit, Verachtung des „Erfolglosen“. „Eine Gesellschaft, deren einzige Imperative die der Bereicherung, des Konsumierens und Spaßhabens sind, darf sich nicht wundern, wenn die Waren- und Geldsubjekte moralisch verwildern und verwahrlosen und die Rücksichtslosigkeit grassiert.“ Und:
„Solange den Menschen mehr Verzichtsleistungen und Triebeinschränkungen auferlegt werden, als sie ohne Beschädigung ertragen können, werden ihnen im sozialen Vorurteil auch gleich jene Ersatzobjekte markiert, auf die sie ihre okkupierte Feindseligkeit verschieben und an denen sie sich für Enttäuschungen rächen können. Wir müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so einrichten, dass den Menschen in der Erziehung und durch ihre Lebensumstände weniger Bosheit eingepresst wird. Dann würden sie keine Sündenböcke mehr benötigen, auf die sie ihre Misere verschieben können.“, so der Autor.

Phase der digitalen Vereinsamung und psychischen Verelendung

In seinen Ethologien des Inlandes beschreibt Eisenberg die Auswirkungen der Digitalisierung. Der Autor bezeichnet Orwell als noch zu optimistisch. Während früher innengeleitete Menschen existierten, konformes Verhalten wurde über den Umweg der geprägten Innerlichkeit hergestellt, wird heute outgesourced, in die Smartphone verlagert. Nicht die Stimme des Gewissens wird gehört, sondern es erfolgt ein Abgleich mit anderen via sozialen Medien. „Die Smartphones sind psychische Prothesen, Ich- und Selbst- Prothesen. Sie sind ihr Zentrum und ihre verhaltenssteuernde Instanz.“ Und: „Alle sind vernetzt und gleichzeitig sind die Menschen durch Abgründe voneinander getrennt und gegeneinander isoliert – digitale Autisten. Die Menschen kommunizieren ununterbrochen und haben sich doch nichts zu sagen. (…) Sie kommen selbst auf für das Anlegen einer elektronischen Fußfessel, die ihre permanente Ortung erlaubt. Die digitale Vernetzung hat eine Gesellschaft vollkommener Überwachung hervorgebracht. Google und Facebook verwandeln die Gesellschaft in ein digitales Panoptikum, in dem keine Freiheit möglich ist. Perverser Weise erleben die Menschen ihre Versklavung und Verarmung als Freiheit.“ Und das ist weltweit homogener Alltag. „Es scheint sich um eine planetarische Seuche zu handeln. Die ganze Welt befindet sich im Datenrausch.“ Auch nach den Enthüllungen von Snowden hat sich das Verhalten nicht geändert. „Die Menschen verwandeln sich in Anhängsel der von ihnen selbst geschaffenen Geräte und Maschinen, bis sie selbst zu Maschinen werden.“

Soziale Probleme zu medizinischen umetikettiert

Soziale Leidenserfahrungen werden medizinisiert, um die herrschenden Verhältnisse aus der Schusslinie zu nehmen. Soziale Probleme werden zu medizinischen Problemen umetikettiert, so seien sie ungefährlich und handhabbar. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie 2013 wurde festgestellt, dass ca. 30% der Deutschen psychisch krank seien, sie erhielten ein Mal pro Jahr eine entsprechende Diagnose. Jedes fünfte Kind gelte als psychisch „gestört“, so die Experten. 38 Prozent der EU- Einwohner gelten als psychisch krank. In Deutschland leiden vier Millionen Menschen an einer Depression, gut zehn Millionen hätten bis zum 65. Lebensjahr einmal eine Depression. „Die Masse dieser Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung und nimmt brav die verordneten Antidepressiva.“, so Götz Eisenberg. Nur selten kommt es zum Amok, wie beim herbeigeführten Flugzeugabsturz durch einen Co-Piloten. „Unsere Gesellschaft lässt es sich etwas kosten, die Ursachen vieler Erkrankungen und menschlichen Leidens bestehen zu lassen und ihre Folgen medizinisch-psychiatrisch zu bekämpfen.“ Die Psychologen stehen meistens auf der Seite der herrschenden Kapitalordnung, aber es gab auch Psychologen, die sich mit dieser Rolle schwer taten, z.B. Otto Gross.

Nach Lloyd deMause gibt es drei Psychoklassen:

Erstens der autoritär dressierte, ungleichzeitige, arbeitssame, sparsame, pünktliche Mensch, mit politischer Neigung zum Autoritarismus und Konzepten ethnischer Homogenität. Er sei ein Überbleibsel aus einer vergangenen Stufe der Durchsetzungsgeschichte der kapitalistischen Gesellschaft. Ist besonders häufig im Osten anzutreffen.

Zweitens die gleichzeitigen Menschen, die ein leidenschaftliches Verhältnis zum Geldausgeben und zum Konsumieren haben. Sie praktizieren einen konsumistischen Lebensstil, in der Freizeit einen Fitness- Narzissmus.

Drittens übergleichzeitige, flexible, driftende Menschen, die gelernt haben, sich an nichts und niemanden zu binden. Besonders in großstädtischen Arealen anzutreffen, in der IT-Branche und anderen Fortschrittsindustrien. Sie sollen sich permanent umorientieren, sie wollen Karriere machen, Geld verdienen, sich permanent selbst optimieren und Spaß haben.

Auswege

„Was zählt, ist der Einzelne, der sich der Riesenmaschinerie verweigert;
der Zögernde, Denkende, der sich eine eigenwillige Kopfform bewahrt;
der Deserteur, der sich unerlaubt von der Realitätstruppe entfernt;
der Partisan, der sich seitlich in die Büsche schlägt und die Wirklichkeit aus dem Hinterhalt attackiert;
schließlich der Narr, der der Macht den Spiegel vorhält und sie der Lächerlichkeit preisgibt.“

Die Linke muß libertär- sozialistische Alternative formulieren und praktizieren, die die Menschen fasziniert. Götz Eisenberg stellt eine „Unterernährung der sozialistischen Phantasie“ fest. Utopien sind lebenswichtig, mit Entwürfen einer anderen Gesellschaft kann man Anschluss an eine Welt der Träume und Hoffnungen der Menschen finden. Wünsche und Sehnsüchte, nach Glück, Solidarität, aufrechtem Gang, Träume von Heimat, aufgehobener Entfremdung und Leben ohne Plackerei.

Es geht auch darum, den Kreis der Bedürfnisse zu reduzieren. „Wir müssen verhindern, dass immer weitere Bedürfnisse Warenform annehmen.“ Unter Vorherrschaft von Ware und Geld erstirbt das menschliche Leben. „Wer nach nichts begehrt, worüber die Macht verfügt, muss sich ihr auch nicht unterwerfen. Der Bedürfnislose entzieht sich ihrer Kontrolle und lässt die Konformitätszwänge ins Leere laufen.“

Einerseits schreibt der Autor zu Blockupy: „Wer von der stummen Verhältnisgewalt und dem Terror der kapitalistischen Ökonomie nicht reden will, sollte auch von der Gewalt der Demonstranten schweigen.“ Andererseits kritisiert er die inhaltslose Militanz in Teilen der Linken, die Spuren dessen trägt, wogegen sie zu kämpfen vorgibt. Es sind meistens junge Männer, sie nehmen auf nichts Rücksicht, wollen spektakuläre Bilder erzeugen, die über eigene reale Ohnmacht hinwegtäuschen. Befreiung aber bedarf der Rückendeckung durch große Teile der Bevölkerung, so Götz Eisenberg.

Der Staat definiert, was Gewalt ist, er hat das Monopol auf körperliche Gewalt, monopolisiert Gewalt. Das beste Gegenmittel gegen Gewalt seien Bindungen, so der Autor. Die Linke wolle die Gesellschaft zum Besseren verändern, nicht zerstören und vernichten. Er erinnert an die Tradition des Klassenkampfes.

Es ginge darum, zum Denken innezuhalten, aus dem Rhythmus des Alltags auszusteigen und Pausen der Besinnung einzulegen. „Das birgt für die herrschende Gesellschaft die Gefahr, dass die Menschen ihren Funktionsprinzipien auf die Schliche kommen und herausfinden, dass es auch ganz anders sein könnte.“ Alexander Kluge meinte, als kritische Theorektiker seien sie Pessimisten, die die Dinge beim Namen nennen, aber als Menschen können wir nicht aufhören, optimistisch zu sein und zu hoffen, dass gesellschaftliche Veränderung stattfindet.

Ein spannendes Buch, zur Lektüre empfohlen!

Götz Eisenberg- Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst, Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 2, Gießen 2016, 317 Seiten