Der Hunger Teil 6

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

Es gibt 1,4 Milliarden Arme. Wegwerfexistenzen, überflüssige Menschen, die nicht gebraucht werden. Die USA stellen ein Zwanzigstel der Weltbevölkerung und häufen ein Fünftel aller Reichtümer an. Armut und Hunger sind Ergebnis des amerikanischen Kapitalismus, so der Autor. Eine Weltmacht mit einem beispiellosen Grad an Hegemonie. Die USA sind das wichtigste Geberland, allerdings humanitäre Helfer sind teuer. Allein was die USA in ihr Militär steckt, würde ausreichen, um den 800 Millionen hungernden Menschen in der Welt täglich zwei Dollar zu geben, um sich ausreichend zu ernähren.

Der Rückgang der Armut vollzog sich vor allem in China. Und trotzdem ist China das Land mit der zweithöchsten Zahl hungernder Menschen.

„Der Hunger: Für das Welternährungsprogramm ist er kein politisches Problem.“ Es wird nichts gesagt über die Ursachen, die Ordnung, die ihn hervorbringt, die man verändern müsste.
Die Armen „sollen schön stillhalten, sich nicht von der Stelle rühren, nicht aufmüpfig werden, dort unten und genau das bleiben, was sie sind: arm, ja, aber nicht so arm, dass sie Verzweiflungstaten begehen.“

Sie, die Reichen, entscheiden darüber, welches Elend gelindert werden soll und welches nicht. Bill Gates, Warren Buffet und viele andere Repräsentanten des Geschäftes. Das nennt sich heute soziale Verantwortung der Unternehmen. Sie geben Almosen. Mit Kleingeld kann man sich ein gutes Gewissen kaufen. Nautrkost, Fair Trade, umweltbewusst. Die Reichen tun etwas für ihren Seelenfrieden. Nicht die ungleiche Verteilung des Eigentums sei das eigentliche Problem, sondern nur die extreme Form des Hungers.

Südsudan

Am 9. Juli 2011 wurde der Südsudan das jüngste Land der Erde- und zugleich eines der ärmsten. Der Südsudan hat Öl. Es geht vor allem um den Zugang zum Öl. Und Afrika ist noch einer der letzten unerforschten Gebiete des Planeten, ständig kommen neue Erdölvorkommen zum Vorschein.
Praktisch jeder hat im Südsudan eine Waffe. 22 Jahre tobte ein Krieg, in dem zwei Millionen Menschen starben.
„Es stimmt, die meisten afrikanischen Regierungen sind verdammt korrupt, mehr als korrupt (…) Es sagt sich leicht, dass Millionen Afrikaner Hunger leiden, weil ihre Regierungen korrupt sind und stehlen; es sagt sich leicht, dass Millionen Afrikaner Hunger leiden, weil das globalisierte Kapital raffgierig und unersättlich ist. Beides trifft zu- doch als alleinige Ursache ist beides zu einseitig. Und beide Seiten vermeiden die Auseinandersetzung mit der Frage des Privateigentums und der Verteilung des Reichtums, diesen Lapalien.“

„Für uns, die Bürger der Globalisierung, ist die Welt ein großer Supermarkt (…) Für die Milliarden Überflüssigen- und für noch viel mehr Menschen- besteht die Welt aus den zwanzig Kilometern rund um ihr Haus und einem immer gleichen Leben.“

Eine Metapher

Der Zugang zu Nahrungsmitteln hängt von den Eigentumsverhältnissen in einer Gesellschaft ab.
Der Hunger ist für einen von neun Menschen Alltag, er ist nicht eine Krise. Über Hunger läßt sich nicht streiten, keiner bekennt sich offen dazu. Der Hunger ist durch die Klassenzugehörigkeit bestimmt.

„In den reichen Ländern war der Hunger immer ein Thema, das sich die Linke auf die Fahnen schrieb, die sie als Argument für ihr Bestreben ins Feld führte, die Gesellschaftsordnung zu verändern. (…) In den reichen Ländern hat der Kampf um das Brot etwas Archaisches: ein Konflikt, den unsere Vorfahren ausgefochten haben.“ Hunger steht hier für die Vergangenheit.
„Oder für den drohenden Ruin: Der Hunger kehrt zurück, wir stürzen ab.“

„Der Hunger erfüllt noch eine weitere gesellschaftliche Funktion von unschätzbarem Wert. Die Hungernden der Welt dienen dazu, uns zu zeigen, wie viel besser es uns, den integrierten Menschen der westlichen Hemisphäre, im Vergleich zu den Wilden geht, die nicht über unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Institutionen verfügen.“

Madagaskar: die neuen Kolonien

Tana ist eine Stadt ohne Bäume: „nichts als Beton, Asphalt, Blech und Dreck“ und „eine Abfolge breiter, schmutziger Straßen, die Blocks mit Hütten aus Holz oder Beton, extrem schmale Gänge, Abfallhaufen und stehende Gewässer“.

„Tana ist eine Rumpelkammer oder ein Müllabladeplatz oder ein Friedhof für Gegenstände: die Destination der toten Gegenstände des Westens (…) Tausende von Menschen nutzen eine völlig heruntergekommene westliche Stadt, tote Gegenstände, alte Kleider, die die Maß- und Flickschneider auf dem Markt arbeitslos gemacht haben, die hier für alle nähten. Die Zivilisation des Abfalls und ihrer Probleme.“

Früher habe Madagaskar den gesamten Reisbedarf selbst gedeckt, jetzt wird ein großer Teil importiert. „Die großen Importeure hätten sich im politischen Machtzentrum von Madagaskar eingenistet und würden von dort aus das Geschäft kontrollieren.“ Ein Großteil der Bevölkerung könne sich den Fünfzig-Kilo- Sack Reis für 50 000 Ariary nicht leisten.

„Madagaskar hat 22 Millionen Einwohner: drei von vier leben unterhalb der Armutsgrenze, die bescheiden auf 470 000 Ariary oder 234 Dollar oder neuneinhalb Fünfzig-Kilo-Säcke Reis pro Jahr festgelegt wurde.“

Seit der politischen Krise 2009 ist die Entwicklungshilfe zurückgefahren worden, die westlichen Mächte wollten so eine Rückkehr zur Demokratie erzwingen. „Abertausende von Menschen, von Armen, von Arbeitern leiden, weil die westlichen Demokratien beschlossen haben, stellvertretend für sie ihre Demokratie zu verteidigen.“

Landgrabbing

Seit der Unabhängigkeit war die Veräußerung von madagassischem Land an ausländische Staatsbürger oder Unternehmen verboten. „Doch 2003 zeigte der Druck des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank- im Namen der wirtschaftlichen Entwicklung, versteht sich- Wirkung: Der Ankauf wurde für jeden freigegeben, der über das entsprechende Kapital verfügt. Und auf einmal war der Eigentumstitel wichtig.“
„Jetzt leben viele Menschen in großer Sorge, weil sie keine Dokumente haben: In dem Wissen, dass irgendein Winkeladvokat, irgendein Politiker sie jederzeit aus ihrem Haus werfen und sich das Land unter den Nagel reißen kann, um es an einen Vazaha (Ausländer) zu verschachern.“
„Die Landnahme beziehungsweise das Land Grabbing ist eine neuere Variante einer uralten Vorgehensweise. Früher hat man sie offen als Kolonialismus bezeichnet, und die okkupierenden Mächte haben ihre Fahnen gehisst; jetzt erfolgt sie unter dem Emblem von Globalisierung und freiem Handel- und der Hilfe für die Armen. Am Anfang wurde im Namen des Evangeliums und der Zivilisation kolonisiert: Es galt die Wilden zu erziehen und zu christianisieren. Jetzt zieht man im Namen des humanitären Kapitalismus los: Wir müssen ihnen beibringen, wie man seriöser produziert, dann können sie sich in den Weltmarkt integrieren, mehr kaufen und regelmäßiger essen, die Ärmsten.“

Es werden jene Menschen vertrieben, die vorher die Flächen genutzt haben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Internationale Investoren eignen sich die Ackerflächen an, um sie kommerziell zu nutzen. Die Erträge werden gewöhnlich in die Herkunftsländer der Unternehmen exportiert. Sie fehlen in den lokalen Kreisläufen. Den Bewohnern des Landes wird die Nahrung entzogen.

„Das Land Grabbing in der Anderen Welt hat bereits Anfang des Jahrhunderts begonnen, doch durch den Anstieg der Nahrungsmittelpreise seit 2007 hat es richtig Fahrt aufgenommen.“

„Der Teufelskreis ist mehr als teuflisch: Die kleinen Bauern in Afrika überleben mehr schlecht als recht mit ihren Feldern, weil es ihnen an Werkzeugen, Kapital und Infrastuktur mangelt, um mehr produzieren zu können, doch der globale Anstieg der Lebensmittelpreise macht es für Großkonzerne mit viel Kapital immer rentabler und dringlicher, diese Felder zu nutzen, und deshalb vertreiben sie die Bauern in die Städte, wo sie die Lebensmittel zu einem wesentlich höheren Preis kaufen müssen, weil die Produzenten Renditen für ihre Kapitalanlagen sehen wollen, oder- was für die Betroffenen noch brutaler ist- die Lebensmittel aus dem Markt abziehen und exportieren. Wie auch immer: Sie hungern noch mehr.“
Oxfam sagte 2012, zwei Millionen Quadratkilometer seien von Land Grabbing betroffenen, zwei Drittel davon in Afrika. „Die meisten Deals finden jedenfalls in Regionen statt, wo Land billig oder nahezu umsonst zu haben ist und wo viele Menschen hungern.“

Folgende zehn Staaten sind die Top-Zielländer für große Investoren:
Papua Neuguinea (3,8 Millionen Hektar Ackerland), Indonesien (3,6), Südsudan (3,5), Demokratische Republik Kongo (2,8), Mosambik (2,2), Kongo (2,1), Russland (1,8), Ukraine (1,7), Liberia (1,3), Sudan (1,3)

Schätzungsweise ein Drittel der Flächen wird für den Anbau von Lebensmitteln genutzt, ein weiteres Drittel für Agrotreibstoffe. Ein Drittel verteilt sich auf Hölzer, Blumen und den Erhalt jungfräulicher Wälder, um die Treibhausemissionen der Fabriken in den reichen Ländern zu kompensieren. „Völlig verarmte, unproduktive Gebiete, die den Bewohnern keinerlei Nutzen bringen, um den Umweltverbrauch derjenigen zu bezahlen, die sich immer mehr bereichern.“

„Die Land-Grabbing-Welle ist der letzte Schritt des westlichen Kapitalismus, um sich die Erde restlos untertan zu machen. Die Entwicklung, die mit Kolumbus und anderen Seefahrern ihren Anfang nahm und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dramatisch beschleunigte, steht vor ihrem Abschluss. Als Nchstes wird man sich auf andere Planeten stürzen. “

„Wie alle anderen Formen des Kolonialismus macht sich auch das Land Grabbing die Schwäche staatlicher Strukturen zunutze.“ Die Regierungen vieler armen Länder sind gerne bereit, den Investoren entgegenzukommen. Die Regierungen beeilen sich, den Investoren zu dienen.

Wäre da nicht die Ungleichzeitigkeit der Kulturen: „Der fortgeschrittene Kapitalismus und seine Idee des Privateigentums prallt auf Gemeinschaften, die ganz andere Vorstellungen davon haben, wie man bestimmte Ressourcen nutzt. Etwa neunzig Prozent des Grundbesitzes in Afrika beruhen auf informellen Rechten; wo wir mit Grundbüchern oder Katasterämtern arbeiten, herrschen vielfach das Gewohnheitsrecht und ganz andere Ideen darüber, weshalb irgendjemandem ein Stückchen Land gehört oder warum er es bestellen darf. Nun berufen sich nationale Beamte und ausländische Käufer plötzlich auf das formelle Recht, um sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen; sie instrumentalisieren die Ungleichzeitigkeit und behaupten, das Land würde niemandem gehören und folglich könnten sie damit machen, was sie wollen.“

„Die koloniale Bewegung, die wir Landnahme nennen, ist der obzönste, der brutalste Ausdruck der Ungleichheit zwischen den Ländern. (…) Zwei Drittel der Flächen liegen in Regionen, in denen viele Hunger leiden. Die Flächen sind da, die Erzeugnisse sind da, nur dass die, die über Macht und Geld verfügen, sie dorthin schaffen, wo sie am meisten Profit bringen. Sie lassen sogar Land brach liegen, um auf steigende Preise zu spekulieren- denn je größer die Nachfrage ist und je weniger Nahrung erzeugt wird, desto teurer wird sie.“

Bürgermeister versprechen, die Investoren würden Schulen, Krankenstationen, Wege bauen, sie würden Strom bringen, Sicherheit und Arbeitsplätze. Nur Versprechen. Es entstehen nur wenige Arbeitsplätze. Sie nehmen das ganze Wasser.

Staaten suchen meistens über private Unternehmen Land, um eine „gesicherte Nahrungsmittelversorgung“ daheim zu gewährleisten. China, Südkorea, Saudi-Arabien und die angrenzenden Emirate. Oder es sind große Anlagefonds, die ihr Geschäftsmodell etablieren wollen, nämlich noch mehr Geld verdienen, egal wie. Sonst können diese nicht ruhig schlafen. „Weil sie den Geist des Kapitalismus verkörpern. Weil sie die Macht und das Risiko lieben. Weil sie geldgierig sind.“ Immer mehr Investoren halten Anbauflächen für eine sichere und rentable Anlageform für ihr Kapital.

„Es gibt keine größere Errungenschaft der Ideologie als den Respekt vor dem Privateigentum. Die wundersamen Grundfesten, auf denen das gesamte Gebäude ruht.“

„China ist einer der Schlüssel für den Hunger auf der Welt. (…) China ist inzwischen der größte Banker- Gläubiger- der Vereinigten Staaten und der Schuldenberg wächst (…)“ Die Chinesen gehen planvoll vor. Land greifen sie vor allem in Südostasien ab. Auch in den USA haben sie schon mit dem Land Grabbing begonnen.

„Das reiche Staaten sich Flächen in der Anderen Welt aneignen, um dort Nahrungsmittel oder Agrotreibstoff zu produzieren oder einfach nur damit zu spekulieren, ist eines dieser Phänomene, die wir für gewöhnlich nicht beachten. Die Aufkäufer von afrikanischem Land tun dies in vielen Fällen mit dem Geld amerikanischer oder europäischer Rentner.“ Die Pensionsfonds der reichen Welt verwalten ca. zwanzig Billionen Dollar.

Inzwischen gibt es auch Green Grabbing in Madagaskar. Große Flächen werden eingezäunt und verschlossen, um seltene Tier-und Pflanzenarten zu erhalten. Die Green Grabber bauen im Namen der Natur superteure Hotels und Lodges an den exotischsten Orten und verdienen viel Geld. Dort beherbergen sie auf den „Erhalt der Natur“ bedachte, reiche Damen und Herren.

Mamy glaubt, dass in Madagaskar in den letzten Jahren etwa vier Millionen Hektar den Besitzer gewechselt hätte. Viele würden aber in der Statistik nicht auftauchen. Sie sagt: „Je mehr Land nicht mehr von den madagassischen Bauern für ihren Eigenbedarf bewirtschaftet wird, desto mehr Land befindet sich in ausländischer Hand und desto mehr Land wird dazu zwecktentfremdet, um Ölpalmen oder Jatropa anzubauen, um Öl oder Treibstoff zu gewinnen, oder für den Anbau von Nahrungsmitteln, die in anderen Ländern verzehrt werden; desto mehr Land geht den Madagassen für ihre Nahrung verloren, desto mehr Hunger wird es in einem Land geben, in dem ohnehin schon viele Menschen hungern.“

Durch die Landnahmen in Afrika, in Asien, in Lateinamerika wird der Hunger von morgen geschaffen.

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

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