Der Hunger Teil 4

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

In vergangenen Zeiten war der Hunger nützlich, um die Maschinerie in Gang zu halten.
Hunger brachte die Menschen zum Arbeiten, er war ein unabdingbares Instrument.
Der Hunger war die Lösung des Problems: ein elementares Instrument der Disziplinierung.
„Am Hunger waren wieder einmal die Hungrigen schuld: ihre Lasterhaftigkeit, ihre mangelnde moralische Standhaftigkeit, ihre Faulheit.“

Heute sind die Hungernden Opfer, Opfer der Launen des Klimas, Opfer von Kriegen, Opfer von Ungerechtigkeit, Opfer, immerzu Opfer. Sie sind der Inbegriff des Opfers schlechthin.

Stalin ordnete 1928 die Kollektivierung der Landwirtschaft an. 1930 bis 1931 wurden über eine Millionen ukrainische Bauern nach Sibirien oder Zentralasien deportiert. Im Frühjahr 1932 starben täglich 25 000 Menschen an Hunger. Bei der Hungersnot starben fünf oder zehn Millionen Menschen, bis heute gibt es keine genauen Zahlen.
Auch Hitler und seine Gefolgschaft machte vom Vernichtungspotential des Hungers Gebrauch. Die Bevölkerung der besetzten Gebiete wurde für überflüssig erklärt. Die „unnützen Esser“ sollten dezimiert werden. Dazu gehörten die Bewohner des Warschauer Ghettos. 100 000 Menschen verhungerten bzw. starben an Folgeerkrankungen bis Juli 1942. Auch die Urgroßmutter Gustava des Autors hungerte im Warschauer Ghetto und wurde in den Gaskammern von Treblinka ermordet.

„Dass wir heute Tag für Tag einfach mit ansehen, wie Millionen Menschen verhungern; dass es uns egal ist, dass wir so gut wegsehen können, ist nicht weiter erstaunlich, denke ich manchmal. Letzten Endes sind wir noch die Gleichen, die wir vor siebzig Jahren waren, die Gleichen, die vor siebzig Jahren zu Zeiten Hitlers, Stalins, Roosevelts, der Konzentrationslager und der Bomben weggesehen haben.“, so der Autor.

Roosevelt sagte im Januar 1944 im Kongress der USA: „Es kann keine wahre individuelle Freiheit ohne wirtschaftliche Sicherheit und Unabhängigkeit geben. Menschen, die Not leiden, sind nicht frei. Völker, die hungrig und arbeitslos sind, liefern den Stoff, aus dem Diktaturen gemacht werden.“
Der Kommentar des Autors: „Es war einfacher und billiger, Millionen von Menschen mit Nahrung zu versorgen, als gegen die Hitlers dieser Welt in den Krieg zu ziehen.“
1948 wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verkündet.
Das Recht auf Nahrung wurde nie durchgesetzt. „Wir denken an Reisefreiheit, Meinungsfreiheit; an Essen denkt da niemand.“

1958 beschloss Mao, dass China einen „Großen Sprung nach vorn“ tun müsse. China sollte industrialisiert werden. Millionen Menschen hatten während dessen nichts zu essen. Die Hungersnot dauerte drei Jahre, zwischen 1958 und 1962 verhungerten mindestens dreißig Millionen Menschen.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts treten Hungersnöte vor allem in Afrika und Asien auf.

„Hungernde Menschen mit Nahrung zu versorgen ist heute eine Frage des Willens. (…) Auf der Welt wird mehr Nahrung produziert, als ihre Bewohner benötigen. Wir alle wissen, wer nicht genug hat; den Menschen Essen zu schicken ist eine Frage von Stunden. Diese Tatsache macht den heutigen Hunger in gewisser Weise noch schrecklicher, noch brutaler als den Hunger vor hundert oder tausend Jahren. Zumindest sagt sie noch deutlicher die Wahrheit über uns.“

Bangladesh- Wie der Hunger benutzt wird

Arm sein, bedeutet ständig eine Wahl zu treffen: „zwischen essen oder trinken, zwischen Kleidung oder einem Dach über dem Kopf, zwischen Elend und Elend. (…) Immer nur einen winzigen Teil dessen zu erlangen, was man erlangen sollte, was man nötig hat.“
„man müßte rebellieren, aber zum Rebellieren braucht man Kraft.“

„Die Zukunft der menschlichen Solidarität wird tatsächlich von der entschlossenen Weigerung der neuen städtischen Armen abhängen, ihre endgültige Marginalisierung innerhalb des globalen Kapitalismus zu akzeptieren.“

Die Kriminalisierung der städtischen Armen- arbeitet einem Krieg in den Straßen zu.

Bangladesh ist der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt, viertgrößter Reisproduzent der Welt. Menschen gewöhnen sich an härteste Bedingungen; sie glauben, dass das Leben so ist.
Dhaka ist ein Magnet der mehr und mehr Menschen anzieht, die Stadt versinkt im Chaos, die meisten Neuankömmlinge landen in den riesigen Armenvierteln.

Mohammed lebt mit seiner Frau und drei Kindern in einem Zimmer in Kamrangirchar in einem Armenviertel in Dhaka. „(…) das ist ein zwei mal drei Meter großes Zimmer aus Blechwänden und Palmzweigen, ohne Einrichtungsgegenstände: nichts. (…) Die Zimmer in dieser Barackenanlage liegen zu beiden Seiten eines engen Gangs; in jedem wohnt eine Familie, und alle teilen sich eine Küche, den Wasserzugang, die Toilette- ein Loch in der Erde. Um die Miete zu bezahlen, tritt Mohammed den ganzen Tag in die Pedale einer Rikscha.“

„Um hinauszugehen, zu kochen, sich zu waschen, laufen sie über Brücken aus drei oder vier Bambusstangen- unter ihnen das schwarze, stinkende Gebräu: der Geruch des Lebens.“

„Die Zimmer haben nur selten Türen: bestenfalls einen Vorhang. Privatsphäre: noch so ein Luxus, dessen wir uns nicht bewusst sind.“

„Das Auf und Ab, der Druck, sich jeden Tag von Neuem über Wasser halten zu müssen (…) Rücklagen sind keine vorhanden. (…) Das Konzept des Sparens- von Rücklagen, von Sicherheit- , das ganze Kulturen begründet hat, das die unsere ausmacht, existiert nicht. Stattdessen: losziehen und schauen, was sich ergibt.“

„Es gilt zu verstehen, was die Menschen dorthin treibt. Die Hoffnung, jeden Tag zu essen; ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen; Resignation, die Erkenntnis, dass das Leben auf dem Land nicht funktioniert; dass eine Veränderung nötig ist, dass die einzige Alternative die Migration ist; diese Zusammenballung von Menschen.“

Sechzig Prozent der Hungernden sind Frauen. 1971 betrug die Geburtsrate fast sieben Kinder pro Frau. Heute sind es 2,2 Kinder pro Frau. Weit verbreitet sei die Annahme, viele Kinder zu bekommen sei die Hauptursache der Armut. 46 Prozent der Kinder in Bangladesh sind unterernährt.
Von 47 Millionen Kindern zwischen fünf und vierzehn Jahren arbeiten fast fünf Millionen.

„Hunger gehört in Bangladesh fast zur Normalität.“

Das bewirtschaftete Land gab traditionell nie genug her. Die kleinen Flächen reichen nicht für die Ernährung einer Familie. Durch die Bevölkerungsexplosion in den letzten hundert Jahren sind die Menschen in unwirtlichste Gegenden vorgedrungen. Die Ernte ist extrem abhängig vom Klima. Die Böden sind durch die „grüne Revolution“ überbeansprucht und ausgelaugt. Die Bauern fliehen nach Dhaka. Die Städte verschlucken immer mehr Anbauflächen. Die Stadtbewohner müssen Nahrungsmittel kaufen, deren Preise steigen.

„Jedes Volk schreibt täglich seine Geschichte durch das Essen (…) Einer der wenig beachteten Wesenszüge des Hungers ist die Tatsache, dass arme Menschen stets das Gleiche essen.“

In Bangladesh hoffen die Menschen darauf, ausgebeutet zu werden, um sich zu retten.
Die Ärzte ohne Grenzen und Linke müssen „den Ausgebeuteten und Unterdrückten erst einmal vor Augen führen, dass sie genau das sind, damit diese ihre Situation überhaupt ändern wollen. Wie sagt man so schön? Man muss ihnen Vorschriften machen.“

Fatema will täglich zwölf Stunden schuften, das bewirkt das Elend, die Ungewissheit, der ständig nagende Hunger. Sie hat zwei Kinder. Ihr Mann hat sie gerade verlassen. Seit ihrem siebten Lebensjahr arbeitet sie zwölf Stunden am Tag in einer Textilfabrik. „Indem sich eine Frau wie Fatema wie ein Esel abrackert- die Hyperausbeutung dieser Frauen-, bleibt es ihr erspart, von einem handgreiflichen Mann abhängig zu sein.“

In Bangladesh werden Niedriglöhne und der Hunger mit Polizeigewalt verteidigt. Ein Anführer bei Demonstrationen, ein Textilarbeiter, wurde vor vier Tagen tot aufgefunden, mit Folterspuren, so der Autor. Länder wie Banladesh halten die Weltordnung aufrecht. Bangladesh ist nach China der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. Neunzig Prozent der Beschäftigten sind dort Frauen. Für Jeans, die in New York für sechzig Dollar verkauft werden, bekommen Frauen wie Fatema zwischen fünfundzwanzig und dreißig Cent Lohnkosten für eine Jeans. Und wir kaufen die Kleidung.

„Wir tragen die Hautfetzen anderer am Körper: seltsam klebrige, schmutzige, angekokelte Fetzen.“

Fatema und ihre zwei Kinder müssen von ihrem Lohn von etwa zwölf Dollar im Monat leben, sich einkleiden, essen: Reis, mit Glück zwei Mahlzeiten am Tag. Ihr Zimmer, es ist zehn Quadratmeter „groß“, kostet zweitausend Taka im Monat, es bleiben ihr tausend für alles Übrige: Kleidung, Fahrtkosten, Essen.

„Wir stellen uns den Hunger immer als ein Problem von Menschen ohne Arbeit vor, von Marginalisierten, Verlorenen; nicht von Menschen, die das halbe Leben damit verbringen, an einer Maschine begehrte Waren herzustellen.“

„Armut bedeutet- für die weniger Armen- , sehr günstig Personal kaufen zu können, viel Personal kaufen zu können.“

„In Asien, Afrika, Lateinamerika wachsen Städte immer weiter an, in denen sich die ohnehin fast geschenkte Arbeitskraft noch besser ausschlachten lässt. Es herrscht dort solche Armut, dass Millionen von Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft- sich selbst- billig zu verkaufen. Und das sind die `Glücklichen ´, die immer mehr Menschen dazu bringen, nachzukommen, die dann aber oft nicht einmal mehr jemanden finden, der sie ausbeuten will.“

Während der Autor das schreibt, ist in Dhaka wieder ein Textilbetrieb eingestürzt, 1129 Todesopfer. „In Bangladesh sei jeder fünfte Abgeordnete Textilunternehmer, und wer es nicht sei, besitze Aktien oder kassiere Schmiergeld: Keiner habe auch nur das leiseste Interesse, etwas zu verändern. Selten ist die Instrumentalisierung der Politik durch einen Wirtschaftssektor so offenkundig.“

Viele in Bangladesh wären gern in der Haut von Fatema, denn sie hat Arbeit, einen Chef, der sie gründlich ausbeutet. Zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten dient der Hunger einem konkreten Zweck.

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

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