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Der Politikwissenschaftler Patrick Schreiner nimmt in seinem165seitigen Buch „Warum Menschen sowas mitmachen“ den neoliberalen Zeitgeist unter die Lupe. Dafür stellt der Autor achtzehn verschiedene Sichtweisen auf den Themenkomplex vor, in dem er in Überlegungen von Karl Marx, David Harvey, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Luc Boltanski, Ève Chiapello, Michel Foucault, Eva Illouz, Max Weber, Naomi Klein und anderen einführt. In vierzehn Kapiteln nimmt er sich u.a. die Aspekte Entfremdung und Kulturkritik, neoliberale Hegemonie, entgrenzter Markt, Technologie der Selbstführung oder auch Liebe im Kapitalismus und die religiösen Wurzeln der neoliberalen Ideologien vor. Im letzten Kapitel geht er auf Naomi Kleins These ein, dass die Eliten Situationen wie Naturkatastrophen, Terroranschläge, Staatsstreiche und Kriege nutzen, um oft gewaltsam neoliberale Instrumente und Regeln durchzusetzen. Es waren zunächst Militärdiktaturen in Asien und Lateinamerika, die eine neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik betrieben. In den 1980er Jahren folgten konservative Parteien und Regierungen in den westlichen Demokratien. In den 1990er Jahren wurde auch die Sozialdemokratie neoliberal.
Der Neoliberalismus verändert die Menschen. „Sie verinnerlichen und verkörpern dessen Regeln und dessen Anforderungen“, so der Autor. Der Neoliberalismus „erfasst soziale Beziehungen und Freundschaften, Kultur und Genuss, Körper und Geist, Gefühle und Gedanken, Freizeit und Sexualität.“ Der Neoliberalismus unterwirft die ganze Persönlichkeit. Auf einen Nenner gebracht: Äußerer Druck und innerer Wille treiben die Menschen an.
Aus der Fremdführung wird eine Selbstführung. Die Menschen thematisieren und optimieren sich permanent. Patrick Schreiner spricht von einer Therapeutisierung des Lebens. Die Ökonomisierung des Menschen verändert also nicht nur das Verhalten, sondern auch das Selbstverständnis des Menschen. Sein Ziel ist es, den eigenen Wert zu steigern und der Konkurrenz überlegen zu sein. „Der Mensch hat zu funktionieren – und er will es“, bringt es Schreiner auf den Punkt. Zum Neoliberalismus gehört auch die Ästhetisierung. Die äußere Erscheinungsform von Menschen und Dingen gewinnt an Bedeutung. Sie ist wesentlicher Bestandteil der Selbstdarstellung.
Der Trick der herrschenden Klasse ist: Sie vermittelt, dass ihre eigenen Interessen letztlich die Interessen der ganzen Gesellschaft abbilden. Die Entpolitisierung als Folge ist ein Faktor, der zur Dominanz der neoliberalen Ideologie beiträgt. Der neue Geist des Kapitalismus nutzt die Ideen der Kritiker, um sich selbst zu erneuern und damit den Kapitalismus zu stabilisieren. Ein kurzer Überblick auf achtzehn Sichtweisen, zur Lektüre empfohlen!

Patrick Schreiner, Warum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, Köln 2017, 13,90 Euro

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Neoliberale Wortverdreher

Der Autor und Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Dr. Ulrich Schneider analysiert in seinem 236seitigen Buch „Kein Wohlstand für alle!?“, wie sich „Deutschland selbst zerlegt und was wir dagegen tun können“. Seiner Auffassung nach polarisiert sich das Land sozial und politisch selbst: „Beides ist das Ergebnis eines kalten Neoliberalismus, der in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten zunehmend Platz gegriffen hat“, so Schneider.
Im ersten Teil benennt der Autor die Fakten, denn der Prozess der Selbstzerlegung ist Folge der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Schneider belegt die soziale und regionale Zerrissenheit des Landes. Die Konzentration des Reichtums in den Händen weniger wurde gefördert, die Spaltung billigend in Kauf genommen. Rentenreformen, Hartz IV, Amerikanisierung des deutschen Arbeitsmarktes, Senkung der Spitzensteuersätze usw. waren politisch gewollt. „Immer unverblümter und immer einseitiger beeinflussten die Renditeerwartungen der Wirtschaft die politischen Entscheidungen.“
Der zweite Teil „Warum wir es zulassen“ ist meines Erachtens der interessanteste des Buches. Hier analysiert der Autor, warum sich die breite Mehrheit der Bevölkerung gegen ihre eigenen Interessen verhält. Dieses absurde Verhalten zu verstehen, sei der Schlüssel für einen Politikwechsel. Die neoliberalen Wortverdreher, allen voran neoliberale Wirtschaftsprofessoren und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, haben Meinungen zu Tatsachen stilisiert, die nicht mehr hinterfragt werden. „Dieser ganze Mix aus Sachzwanggerede und der Verbrämung Andersdenkender als Ideologen, Gutmenschen, Bedenkenträgern, Phantasten, Visionäre und Sozialneider zeigte Wirkung. Die Begriffe gingen unreflektiert in den allgemeinen Sprachgebrauch ein und nahmen Platz in unserem Denken ein“, so der Autor. 1999 schwor sich die Sozialdemokratie mit dem Schröder-Blair-Papier auf einen neoliberalen Politikschwenk ein − das war der entscheidende Durchbruch des Neoliberalismus. „Es gab keine wirkliche parlamentarische Auseinandersetzung um den Neoliberalismus und über mögliche Alternativen mehr.“
Im dritten Teil benennt Ulrich Schneider konkrete Vorschläge zur Reform der sozialen Sicherungssysteme, wie eine Bürgerversicherung, 570 Euro Altersgrundsicherung, 520 Euro Hartz IV-Regelsatz, eine Kindergrundsicherung, einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor, Rechtsansprüche auf eine gute kommunale Infrastruktur. Das alles könne mit einer steuerlichen Umverteilung finanziert werden, zum Beispiel der Erbschafts- und Vermögenssteuer. Ein insgesamt guter Überblick über die soziale und mentale Situation in diesem Land. Zur Lektüre empfohlen!

Ulrich Schneider, Kein Wohlstand für alle!?, Wie sich Deutschland selber zerlegt und was wir dagegen tun können, Frankfurt/ Main 2017, 18 Euro