Der Hunger Teil 7

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martín Caparrós , geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

„Die Vulgarität von Menschen, die viel besitzen und schamlos wegwerfen, was andere händeringend benötigen, ist für alle Formen der Wahrnehmung abstoßend. (…) Das ist ein Buch über die extremste Form des Hässlichen, die ich mir vorstellen kann. Es ist ein Buch über den Ekel- den wir empfinden sollten für das, was wir getan haben; und falls wir uns davor nicht ekeln, sollten wir schon allein deshalb Ekel empfinden. Heimlich, still und leise häuft der Ekel sich an.“

„Alle vier Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger, Unterernährung und damit verbundenen Krankheiten. Siebzehn jede Minute, jeden Tag 25 000, mehr als neun Millionen pro Jahr.“

Nur der Hunger hat in dieser Erzählung Ursachen, nicht die Armut. Denn die Regierungen, Experten, die Politiker mit ihrem Dauerlächeln, millionenschwere Stiftungen und internationale Organisationen wiederholen gebetsmühlenartig folgende Mantras:
Es liege an den Naturkatastrophen.
Es liege an den Böden, die seien ausgelaugt. Der Klimawandel werde die Verhältnisse weiter verschlimmern.
Es liege an der Anzahl gewaltsamer Konflikte.
Es liege daran, dass die landwirtschaftliche Infrastruktur nicht ausreiche.
Es liege daran, dass die Regierungen der armen Länder korrupt seien.
Es liege an der Armutsfalle, die Bauern hätten kein Geld für Saatgut, kein Land, kein Wasser, keine Bildung. Viele arme Menschen hungern, und ihr Hunger halte sie in der Armutsfalle gefangen.

In den offiziellen Berichten hat Armut keine Ursachen, lediglich Wirkungen.

„Gleichzeitig sind sich alle Organisationen, Fachleute und Regierungen, die sich mit dem Thema befassen, in einem Punkt einig: Die Erde liefert mehr als genug Nahrung, um all ihre Bewohner zu ernähren- und sogar noch vier oder fünf Milliarden mehr. Das Scheitern einer Zivilisation. Das andauernde, brutale, schändliche Scheitern einer Zivilisation. Unterernährt, überflüssig, Abfall.“

„Es gibt Hunderte Millionen von Menschen, von denen die kapitalistische Maschinerie gar nicht mehr weiß, was sie mit ihnen anfangen soll. Sie braucht sie nicht. (…) Der technische Fortschritt macht immer mehr Menschen arbeitslos, sorgt dafür, dass sie hinten runterfallen. Und dennoch geht es nicht darum, die Technik als solche zu verdammen, sondern zu hinterfragen, was die, die sie kontrollieren, damit machen. Man kann Technik immer so und so einsetzen: Im gegenwärtigen System geht es allein darum, noch mehr Geld abzugreifen.“ Man könnte die Technik aber auch dazu benutzen, alle mit dem Notwendigen zu versorgen. „Das Problem ist nicht der technische Fortschritt an sich, sondern wer ihn kontrolliert. Es ist ein politisches Problem.“

„Wegen der Technisierung der Landwirtschaft und der Konzentration in der Branche ist die Welt heute voller Menschen, für die das globale Business keine Verwendung hat.“ Vor allem kleine Bauern werden verdrängt. Es gibt Methoden, die Böden effizienter zu nutzen. Weil die existierenden Äcker mehr Erträge abwarfen, nahm die Menge der verfügbaren Nahrung zu.

„Die reichen Länder stoßen nun jedoch allmählich an eine Grenze und suchen neue Räume in fernen Regionen. Die Sache ist nur, dass diese Räume besiedelt sind- das alte Problem. Die Bewohner sind ein Störfaktor: Man weiß nicht, wohin mit ihnen, ist genervt; man versucht, sie loszuwerden, um das Land zum eigenen Vorteil zu nutzen. Damit die Welt mehr Nahrung produziert- von der so viel übrig bleibt, dass man auch sie locker damit ernähren könnte-, müssen die Überflüssigen verschwinden: Sie haben keinen Platz in diesem Modell der Konzentration und der Entwicklung.“

„In einer Gesellschaft, in der die Individuen sich über ihre Ausbildung und ihren Beruf- also über ihre Arbeit- definieren, bedeutet Arbeitslosigkeit, dass man keine funktionale Identität mehr hat. Oder anders gesagt: Diese Menschen verfügen über eine Identität, die durch einen Mangel definiert ist: Es sind diejenigen, die keinen Platz bzw. keine Funktion haben und die keiner mehr braucht.“

„Die Andere Welt, das sind die Länder, in denen ein Viertel oder mehr der Bevölkerung überflüssig ist. Es sind keine Proletarier- Rädchen, die die Maschine am Laufen halten-, sie sind Abfall. Sie sind Abfall, von dem keiner weiß, was er damit machen soll. Oder man weiß es, traut sich aber nicht.“

Im Verlauf der Geschichte gab es immer wieder „Regulatoren“, über die das Gleichgewicht hergestellt wurde: Kriege, Epidemien, Dürren, Hungersnöte etc. So wurden die Bevölkerungsüberschüsse gekappt. Durch den technischen Fortschritt greifen diese „Regulatoren“ nicht mehr.

„Die Überflüssigen werden nicht entsorgt, sondern in einer tristen Vorhölle geparkt. Und gleichzeitig machen sie Angst. Ein bisschen Angst: Es sind zu viele Millionen, und sie rühren sich, sie setzen sich in Bewegung. Werden sie irgendwann zu einer Bedrohung werden? Wann? Wie? Wie oft? Welche Schwierigkeiten müssen die Reichen noch bekommen, wie groß müssen die finanziellen Probleme noch werden, bis sie ernsthaft anfangen, darüber nachzudenken, ob sie sich den Luxus wirklich leisten können, die ganze nutzlose Bagage durchzufüttern? Das Geld für „Hilfsprogramme“ und „Kooperationen“ wurde bereits stark gekürzt: der Beginn einer Gegenbewegung. Und wenn sie fortschreitet, sich ausbreitet, was wird der „humanitre Diskurs“ dann noch für eine Rolle spielen? Wie schwierig wird es letztendlich sein, die Überflüssigen zu Terroristen zu stilisieren, zu einer Bedrohung für die schönen Seelen, und damit anzufangen, sie einfach umzubringen? Also sie bewusst und systematisch zu töten. Nicht so planlos und unkoordiniert wie heute. Die Hungernden sind die Überflüssigen par excellence, und die Eliminierung der Überflüssigen ist die logische Konsequenz dieses Entwicklungsmodells. Was nicht heißt, dass es zwangsläufig so kommen muss. Nur wenn es uns nicht gelingt, das Ganze aufzuhalten.“

„Es müssen Leute sterben, weil die Erde- darauf insistieren sie- im Jahr 2050 unmöglich neun Milliarden Menschen ernähren kann. Was sie meinen, ist, dass die Erde dann nicht länger eben mal genug hergeben wird, damit einige nach Herzenslust schlemmen können- und hinterher die Hälfte wegzuwerfen. Noch einmal: Das Problem besteht nicht darin, dass wir so viele sind; es besteht darin, dass so viele leben, als seien sie allein auf der Welt.“

Was wäre wenn jene verschwänden: Die 10 Prozent, die 700 Millionen, die 80 Prozent des weltweiten Vermögens horten. Oder das eine Prozent, also jene 70 Millionen, die auf 40 Prozent des Reichtums hocken.

Diese Unmenge an Überflüssigen wäre nie entstanden, wenn die Regierungen nicht so schwach wären, die längst nicht mehr regieren. „Die Wirtschaft hat sich globalisiert, die Politik nicht. Die Konzerne scheren sich nicht länger um nationale Gesetze, die schwachen Regierungen haben keine Handhabe gegen sie. Das weltweite Ernährungssystem ist ein Produkt und ein Abbild dieser neuen Welt, in der die Unternehmen global agieren und überall tun und lassen können, was sie wollen, während die Staaten durch ihre nationalen Grenzen und andere Unzulänglichkeiten gelähmt sind.“

„Der globalisierte Kapitalismus hat seine politische Form bislang nicht gefunden. Die Nationalstaaten sind noch da, haben aber nicht mehr viel zu sagen.“

„Für mich geht es sehr wohl um Ideologie: darum, dass es in dieser Welt keine Arme mehr geben soll. Nicht darum, ihnen noch ein paar Krümel mehr zu geben, Krümel in ausreichenden Mengen. Und das ist zweifellos eine Ideologie. Deshalb läuft ja diese Schmutzkampagne gegen die Ideologien: Wer Veränderungen bewirken will, muss diese auch wollen, braucht Ideen- eine „Ideologie“.“

Denn es ist ebenfalls eine Ideologie, dass es Hunger auf der Welt gibt, obwohl genügend Nahrung produziert wird. „Die so tun, als wäre sie keine, die sich als Natur präsentiert….“

„Das Problem ist, dass wir in einer Zeit ohne Zukunft leben. Oder schlimmer: einer Zeit, in der die Zukunft eine Bedrohung darstellt.“

„Wir dachten, wir hätten uns endgültig von der Religion befreit. Ihre Rückkehr ist einer der härtesten Rückschläge der letzten Jahre (…) Wir kehren zur ältesten Form der Zukunft zurück: der unveränderlichen (…) Es gibt- fast- keine Hungernden, die Atheisten sind. Was würde wohl geschehen, wenn es sie gäbe?“

„In den letzten Jahrzehnten hat das Scheitern des „Sozialismus“ die Vorstellung zunichtegemacht, dass es so etwas wie Alternativen gibt (…) Der hegemoniale Mythos: Unsere Gesellschaften werden auf ewig ungefähr so bleiben, weil es keine Alternative gibt.“ Es ist eine Zeit ohne jede Zukunftsvision.

„Aisha und ihre zwei Kühe. Die extremste Form der extremen Armut ist die Zukunftsarmut: es gibt keine schlimmere Form der Enteignung, ihr Elenden.“

„Was mich immer wieder am meisten überrascht, ist, dass sie nicht aufbegehren: dass sich jeder Einzelne von ihnen, dass Abermillionen von Menschen sich aushungern, brutal ausnutzen, belügen und auf die unterschiedlichsten Weisen misshandeln lassen, ohne darauf so zu reagieren, wie sie sollten- wie ich, wie einige von uns glauben, dass sie reagieren sollten. Oder eben im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Dazu dienen die Welten ohne Zukunft, die nichts kennen jenseits des Hier und Jetzt. Die beiden Kühe. Früher nannte man das mal Ideologie. Die Ideologie, das sind die zwei Kühe von Aisha: Formen, Grenzen des Begehrens.“

„Sich seines Verstandes zu bedienen, etwas wissen und verstehen zu wollen, wird heute eher belächelt- oder gar als schädlich betrachtet; als Bürde in einer Wirklichkeit, die sich als einzig gültige Wahrheit ausgibt und in der kein Raum ist für Träume und Wünsche.“

„Vor fünfzig Jahren glaubten wir noch- ob zu Recht oder nicht-, wir seien zu großen Heldentaten fähig. Jetzt nicht mehr, und das ist traurig. Die Dummheit durchdringt oft viel mehr, als wir uns eingestehen wollen, und nur wenige Dummheiten waren wirkungsvoller: Man hat uns davon überzeugt, links zu sein- die Welt verändern zu wollen-, sei etwas Archaisches, ein Anachronismus. (…) Es geht nicht länger allein darum, gewissen Mächten die Stirn zu bieten oder gegen starrköpfige Positionen anzudiskutieren; man muss auch mit den nachsichtigen oder gar bedauernden Blicken von Freunden und Verwandten fertig werden, die sich um den Trottel sorgen, der denkt und ausspricht, was nicht länger angesagt ist, und etwas tut, was sich nicht mehr schickt. Ich lerne es einfach nicht. Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass dieses Leben alles sein (…) Sich einem grandiosen Ziel zu verschreiben ist eines der wenigen bekannten Gegenmittel gegen die Banalität des Lebens. (…) Vielleicht erwarte ich zu viel, aber es vergeht kein Tag, an dem ich mich frage, wann endlich die Zukunft zurückkommt. Noch einmal wollen, noch einmal scheitern- nur besser.“

„Noch einmal wollen, sich noch einmal irren. Ich glaube, ich bin wütend auf diese Zeit, und der Hunger ist der Inbegriff all dessen, was mich wütend macht. Ich glaube, Wut ist die einzig interessante Beziehung, die man zu seiner Zeit haben kann.“

„Der Hunger ist, wie gesagt, die dümmste, die extremste Form: ein Schrei für taube Ohren, eine Metapher für jene, die sich unwissend stellen. (…) Wir sind die anderen. Es ist unwahrscheinlich- sehr unwahrscheinlich-, dass ein Leser dieses Buches zu den Millionen gehört, die nicht genug zu essen haben, genauso wie es unwahrscheinlich ist, dass irgendeiner dieser Millionen Menschen dieses Buch liest.“

„Der Hunger war häufig der Ausgangspunkt für Revolutionen (…) Deshalb macht der Hunger Angst, deshalb schicken sie Getreidesäcke (…) Was man über die Verzweiflung hinaus für wahren Wandel- eine Revolution?- in erster Linie braucht, ist eine Idee (…) Ein Plan, ein Konzept, macht den Unterschied.“

„Aber es sind auch faszinierende Zeiten: reines Suchen. Es gibt nichts Aufregenderes und nichts Beängstigenderes, als zu suchen.“

„Ein neues Paradigma ist immer das Undenkbare.“

„Ich bin viel herumgekommen in der Welt, und meine Verzweiflung wächst mit jeder Reise weiter. Und doch glaube ich immer mehr an die Macht der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit (…) Es gilt darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, die uns nicht mit Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit erfüllt- und nach Möglichkeiten suchen, wie man das erreichen kann.“

„Es kann Jahre dauern, Jahrzehnte, Jahre voller Fehler und Katastrophen und wer weiß was noch. Zwei Zeilen, die Geschichte vom Leben und noch mehr Leben. Die Rückkehr der Geschichte.“

Martín Caparrós , Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

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Der Hunger Teil 6

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

Es gibt 1,4 Milliarden Arme. Wegwerfexistenzen, überflüssige Menschen, die nicht gebraucht werden. Die USA stellen ein Zwanzigstel der Weltbevölkerung und häufen ein Fünftel aller Reichtümer an. Armut und Hunger sind Ergebnis des amerikanischen Kapitalismus, so der Autor. Eine Weltmacht mit einem beispiellosen Grad an Hegemonie. Die USA sind das wichtigste Geberland, allerdings humanitäre Helfer sind teuer. Allein was die USA in ihr Militär steckt, würde ausreichen, um den 800 Millionen hungernden Menschen in der Welt täglich zwei Dollar zu geben, um sich ausreichend zu ernähren.

Der Rückgang der Armut vollzog sich vor allem in China. Und trotzdem ist China das Land mit der zweithöchsten Zahl hungernder Menschen.

„Der Hunger: Für das Welternährungsprogramm ist er kein politisches Problem.“ Es wird nichts gesagt über die Ursachen, die Ordnung, die ihn hervorbringt, die man verändern müsste.
Die Armen „sollen schön stillhalten, sich nicht von der Stelle rühren, nicht aufmüpfig werden, dort unten und genau das bleiben, was sie sind: arm, ja, aber nicht so arm, dass sie Verzweiflungstaten begehen.“

Sie, die Reichen, entscheiden darüber, welches Elend gelindert werden soll und welches nicht. Bill Gates, Warren Buffet und viele andere Repräsentanten des Geschäftes. Das nennt sich heute soziale Verantwortung der Unternehmen. Sie geben Almosen. Mit Kleingeld kann man sich ein gutes Gewissen kaufen. Nautrkost, Fair Trade, umweltbewusst. Die Reichen tun etwas für ihren Seelenfrieden. Nicht die ungleiche Verteilung des Eigentums sei das eigentliche Problem, sondern nur die extreme Form des Hungers.

Südsudan

Am 9. Juli 2011 wurde der Südsudan das jüngste Land der Erde- und zugleich eines der ärmsten. Der Südsudan hat Öl. Es geht vor allem um den Zugang zum Öl. Und Afrika ist noch einer der letzten unerforschten Gebiete des Planeten, ständig kommen neue Erdölvorkommen zum Vorschein.
Praktisch jeder hat im Südsudan eine Waffe. 22 Jahre tobte ein Krieg, in dem zwei Millionen Menschen starben.
„Es stimmt, die meisten afrikanischen Regierungen sind verdammt korrupt, mehr als korrupt (…) Es sagt sich leicht, dass Millionen Afrikaner Hunger leiden, weil ihre Regierungen korrupt sind und stehlen; es sagt sich leicht, dass Millionen Afrikaner Hunger leiden, weil das globalisierte Kapital raffgierig und unersättlich ist. Beides trifft zu- doch als alleinige Ursache ist beides zu einseitig. Und beide Seiten vermeiden die Auseinandersetzung mit der Frage des Privateigentums und der Verteilung des Reichtums, diesen Lapalien.“

„Für uns, die Bürger der Globalisierung, ist die Welt ein großer Supermarkt (…) Für die Milliarden Überflüssigen- und für noch viel mehr Menschen- besteht die Welt aus den zwanzig Kilometern rund um ihr Haus und einem immer gleichen Leben.“

Eine Metapher

Der Zugang zu Nahrungsmitteln hängt von den Eigentumsverhältnissen in einer Gesellschaft ab.
Der Hunger ist für einen von neun Menschen Alltag, er ist nicht eine Krise. Über Hunger läßt sich nicht streiten, keiner bekennt sich offen dazu. Der Hunger ist durch die Klassenzugehörigkeit bestimmt.

„In den reichen Ländern war der Hunger immer ein Thema, das sich die Linke auf die Fahnen schrieb, die sie als Argument für ihr Bestreben ins Feld führte, die Gesellschaftsordnung zu verändern. (…) In den reichen Ländern hat der Kampf um das Brot etwas Archaisches: ein Konflikt, den unsere Vorfahren ausgefochten haben.“ Hunger steht hier für die Vergangenheit.
„Oder für den drohenden Ruin: Der Hunger kehrt zurück, wir stürzen ab.“

„Der Hunger erfüllt noch eine weitere gesellschaftliche Funktion von unschätzbarem Wert. Die Hungernden der Welt dienen dazu, uns zu zeigen, wie viel besser es uns, den integrierten Menschen der westlichen Hemisphäre, im Vergleich zu den Wilden geht, die nicht über unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Institutionen verfügen.“

Madagaskar: die neuen Kolonien

Tana ist eine Stadt ohne Bäume: „nichts als Beton, Asphalt, Blech und Dreck“ und „eine Abfolge breiter, schmutziger Straßen, die Blocks mit Hütten aus Holz oder Beton, extrem schmale Gänge, Abfallhaufen und stehende Gewässer“.

„Tana ist eine Rumpelkammer oder ein Müllabladeplatz oder ein Friedhof für Gegenstände: die Destination der toten Gegenstände des Westens (…) Tausende von Menschen nutzen eine völlig heruntergekommene westliche Stadt, tote Gegenstände, alte Kleider, die die Maß- und Flickschneider auf dem Markt arbeitslos gemacht haben, die hier für alle nähten. Die Zivilisation des Abfalls und ihrer Probleme.“

Früher habe Madagaskar den gesamten Reisbedarf selbst gedeckt, jetzt wird ein großer Teil importiert. „Die großen Importeure hätten sich im politischen Machtzentrum von Madagaskar eingenistet und würden von dort aus das Geschäft kontrollieren.“ Ein Großteil der Bevölkerung könne sich den Fünfzig-Kilo- Sack Reis für 50 000 Ariary nicht leisten.

„Madagaskar hat 22 Millionen Einwohner: drei von vier leben unterhalb der Armutsgrenze, die bescheiden auf 470 000 Ariary oder 234 Dollar oder neuneinhalb Fünfzig-Kilo-Säcke Reis pro Jahr festgelegt wurde.“

Seit der politischen Krise 2009 ist die Entwicklungshilfe zurückgefahren worden, die westlichen Mächte wollten so eine Rückkehr zur Demokratie erzwingen. „Abertausende von Menschen, von Armen, von Arbeitern leiden, weil die westlichen Demokratien beschlossen haben, stellvertretend für sie ihre Demokratie zu verteidigen.“

Landgrabbing

Seit der Unabhängigkeit war die Veräußerung von madagassischem Land an ausländische Staatsbürger oder Unternehmen verboten. „Doch 2003 zeigte der Druck des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank- im Namen der wirtschaftlichen Entwicklung, versteht sich- Wirkung: Der Ankauf wurde für jeden freigegeben, der über das entsprechende Kapital verfügt. Und auf einmal war der Eigentumstitel wichtig.“
„Jetzt leben viele Menschen in großer Sorge, weil sie keine Dokumente haben: In dem Wissen, dass irgendein Winkeladvokat, irgendein Politiker sie jederzeit aus ihrem Haus werfen und sich das Land unter den Nagel reißen kann, um es an einen Vazaha (Ausländer) zu verschachern.“
„Die Landnahme beziehungsweise das Land Grabbing ist eine neuere Variante einer uralten Vorgehensweise. Früher hat man sie offen als Kolonialismus bezeichnet, und die okkupierenden Mächte haben ihre Fahnen gehisst; jetzt erfolgt sie unter dem Emblem von Globalisierung und freiem Handel- und der Hilfe für die Armen. Am Anfang wurde im Namen des Evangeliums und der Zivilisation kolonisiert: Es galt die Wilden zu erziehen und zu christianisieren. Jetzt zieht man im Namen des humanitären Kapitalismus los: Wir müssen ihnen beibringen, wie man seriöser produziert, dann können sie sich in den Weltmarkt integrieren, mehr kaufen und regelmäßiger essen, die Ärmsten.“

Es werden jene Menschen vertrieben, die vorher die Flächen genutzt haben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Internationale Investoren eignen sich die Ackerflächen an, um sie kommerziell zu nutzen. Die Erträge werden gewöhnlich in die Herkunftsländer der Unternehmen exportiert. Sie fehlen in den lokalen Kreisläufen. Den Bewohnern des Landes wird die Nahrung entzogen.

„Das Land Grabbing in der Anderen Welt hat bereits Anfang des Jahrhunderts begonnen, doch durch den Anstieg der Nahrungsmittelpreise seit 2007 hat es richtig Fahrt aufgenommen.“

„Der Teufelskreis ist mehr als teuflisch: Die kleinen Bauern in Afrika überleben mehr schlecht als recht mit ihren Feldern, weil es ihnen an Werkzeugen, Kapital und Infrastuktur mangelt, um mehr produzieren zu können, doch der globale Anstieg der Lebensmittelpreise macht es für Großkonzerne mit viel Kapital immer rentabler und dringlicher, diese Felder zu nutzen, und deshalb vertreiben sie die Bauern in die Städte, wo sie die Lebensmittel zu einem wesentlich höheren Preis kaufen müssen, weil die Produzenten Renditen für ihre Kapitalanlagen sehen wollen, oder- was für die Betroffenen noch brutaler ist- die Lebensmittel aus dem Markt abziehen und exportieren. Wie auch immer: Sie hungern noch mehr.“
Oxfam sagte 2012, zwei Millionen Quadratkilometer seien von Land Grabbing betroffenen, zwei Drittel davon in Afrika. „Die meisten Deals finden jedenfalls in Regionen statt, wo Land billig oder nahezu umsonst zu haben ist und wo viele Menschen hungern.“

Folgende zehn Staaten sind die Top-Zielländer für große Investoren:
Papua Neuguinea (3,8 Millionen Hektar Ackerland), Indonesien (3,6), Südsudan (3,5), Demokratische Republik Kongo (2,8), Mosambik (2,2), Kongo (2,1), Russland (1,8), Ukraine (1,7), Liberia (1,3), Sudan (1,3)

Schätzungsweise ein Drittel der Flächen wird für den Anbau von Lebensmitteln genutzt, ein weiteres Drittel für Agrotreibstoffe. Ein Drittel verteilt sich auf Hölzer, Blumen und den Erhalt jungfräulicher Wälder, um die Treibhausemissionen der Fabriken in den reichen Ländern zu kompensieren. „Völlig verarmte, unproduktive Gebiete, die den Bewohnern keinerlei Nutzen bringen, um den Umweltverbrauch derjenigen zu bezahlen, die sich immer mehr bereichern.“

„Die Land-Grabbing-Welle ist der letzte Schritt des westlichen Kapitalismus, um sich die Erde restlos untertan zu machen. Die Entwicklung, die mit Kolumbus und anderen Seefahrern ihren Anfang nahm und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dramatisch beschleunigte, steht vor ihrem Abschluss. Als Nchstes wird man sich auf andere Planeten stürzen. “

„Wie alle anderen Formen des Kolonialismus macht sich auch das Land Grabbing die Schwäche staatlicher Strukturen zunutze.“ Die Regierungen vieler armen Länder sind gerne bereit, den Investoren entgegenzukommen. Die Regierungen beeilen sich, den Investoren zu dienen.

Wäre da nicht die Ungleichzeitigkeit der Kulturen: „Der fortgeschrittene Kapitalismus und seine Idee des Privateigentums prallt auf Gemeinschaften, die ganz andere Vorstellungen davon haben, wie man bestimmte Ressourcen nutzt. Etwa neunzig Prozent des Grundbesitzes in Afrika beruhen auf informellen Rechten; wo wir mit Grundbüchern oder Katasterämtern arbeiten, herrschen vielfach das Gewohnheitsrecht und ganz andere Ideen darüber, weshalb irgendjemandem ein Stückchen Land gehört oder warum er es bestellen darf. Nun berufen sich nationale Beamte und ausländische Käufer plötzlich auf das formelle Recht, um sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen; sie instrumentalisieren die Ungleichzeitigkeit und behaupten, das Land würde niemandem gehören und folglich könnten sie damit machen, was sie wollen.“

„Die koloniale Bewegung, die wir Landnahme nennen, ist der obzönste, der brutalste Ausdruck der Ungleichheit zwischen den Ländern. (…) Zwei Drittel der Flächen liegen in Regionen, in denen viele Hunger leiden. Die Flächen sind da, die Erzeugnisse sind da, nur dass die, die über Macht und Geld verfügen, sie dorthin schaffen, wo sie am meisten Profit bringen. Sie lassen sogar Land brach liegen, um auf steigende Preise zu spekulieren- denn je größer die Nachfrage ist und je weniger Nahrung erzeugt wird, desto teurer wird sie.“

Bürgermeister versprechen, die Investoren würden Schulen, Krankenstationen, Wege bauen, sie würden Strom bringen, Sicherheit und Arbeitsplätze. Nur Versprechen. Es entstehen nur wenige Arbeitsplätze. Sie nehmen das ganze Wasser.

Staaten suchen meistens über private Unternehmen Land, um eine „gesicherte Nahrungsmittelversorgung“ daheim zu gewährleisten. China, Südkorea, Saudi-Arabien und die angrenzenden Emirate. Oder es sind große Anlagefonds, die ihr Geschäftsmodell etablieren wollen, nämlich noch mehr Geld verdienen, egal wie. Sonst können diese nicht ruhig schlafen. „Weil sie den Geist des Kapitalismus verkörpern. Weil sie die Macht und das Risiko lieben. Weil sie geldgierig sind.“ Immer mehr Investoren halten Anbauflächen für eine sichere und rentable Anlageform für ihr Kapital.

„Es gibt keine größere Errungenschaft der Ideologie als den Respekt vor dem Privateigentum. Die wundersamen Grundfesten, auf denen das gesamte Gebäude ruht.“

„China ist einer der Schlüssel für den Hunger auf der Welt. (…) China ist inzwischen der größte Banker- Gläubiger- der Vereinigten Staaten und der Schuldenberg wächst (…)“ Die Chinesen gehen planvoll vor. Land greifen sie vor allem in Südostasien ab. Auch in den USA haben sie schon mit dem Land Grabbing begonnen.

„Das reiche Staaten sich Flächen in der Anderen Welt aneignen, um dort Nahrungsmittel oder Agrotreibstoff zu produzieren oder einfach nur damit zu spekulieren, ist eines dieser Phänomene, die wir für gewöhnlich nicht beachten. Die Aufkäufer von afrikanischem Land tun dies in vielen Fällen mit dem Geld amerikanischer oder europäischer Rentner.“ Die Pensionsfonds der reichen Welt verwalten ca. zwanzig Billionen Dollar.

Inzwischen gibt es auch Green Grabbing in Madagaskar. Große Flächen werden eingezäunt und verschlossen, um seltene Tier-und Pflanzenarten zu erhalten. Die Green Grabber bauen im Namen der Natur superteure Hotels und Lodges an den exotischsten Orten und verdienen viel Geld. Dort beherbergen sie auf den „Erhalt der Natur“ bedachte, reiche Damen und Herren.

Mamy glaubt, dass in Madagaskar in den letzten Jahren etwa vier Millionen Hektar den Besitzer gewechselt hätte. Viele würden aber in der Statistik nicht auftauchen. Sie sagt: „Je mehr Land nicht mehr von den madagassischen Bauern für ihren Eigenbedarf bewirtschaftet wird, desto mehr Land befindet sich in ausländischer Hand und desto mehr Land wird dazu zwecktentfremdet, um Ölpalmen oder Jatropa anzubauen, um Öl oder Treibstoff zu gewinnen, oder für den Anbau von Nahrungsmitteln, die in anderen Ländern verzehrt werden; desto mehr Land geht den Madagassen für ihre Nahrung verloren, desto mehr Hunger wird es in einem Land geben, in dem ohnehin schon viele Menschen hungern.“

Durch die Landnahmen in Afrika, in Asien, in Lateinamerika wird der Hunger von morgen geschaffen.

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

Der Hunger Teil 5

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

„Hunger hat viele Ursachen. Nahrungsmangel ist inzwischen keine mehr davon.“
Obwohl sich die Weltbevölkerung innerhalb von einem halben Jahrhundert verdoppelt hat, es sind bereits sieben Milliarden überschritten.

Es kursieren mehrere Erklärungen für den Hunger, die der Autor hinterfragt.
1) Die Armen würden zu viele Kinder bekommen.
2) Hauptursache sei die Armut.
3) Hunger sei die Folge struktureller Probleme. Um den Hunger zu beseitigen, sei bessere Bildung notwendig.
4) Die Regierungen der armen Länder seien korrupt.
5) Es gebe Hunger, weil Regierungen in die Wirtschaft eingriffen

Armut und Hunger haben aber ein und dieselbe Ursache. „Sie sind Ausdruck desselben Raubzugs, derselben Plünderung. Hauptursache für den Hunger der Welt ist der Reichtum: die Tatsache, dass einige wenige sich nehmen, was viele andere dringend benötigen, einschließlich der Nahrung.“

IWF und Weltbank

„In den Siebzigern ließen sich viele arme Länder von den großen internationalen Banken- die ihre Liquiditätsüberschüsse ausgleichen wollten- dazu überreden, Anleihen aufzunehmen. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank nutzten diese Schulden anschließend als wirksames Druckmittel, um den Ländern ihre neoliberalen Programme aufzuzwingen.“

„Die Entwertung der nationalen Währungen führte zur Verteuerung aller importierten oder exportierbaren Nahrungsmittel; durch die Verschlankung der Staatsapparate landeten Millionen Beschäftigte auf der Straße; Privatisierungsprogramme ließen die Kosten für öffentliche Leistungen ansteigen; und so blieb den Armen noch weniger, um Essen zu kaufen.“ Auch die Zerschlagung der öffentlichen Gesundheitssysteme hatte negative Folgen.
„Der IWF und die Weltbank waren der Meinung, staatliche Eingriffe verzerrten die natürliche Marktentwicklung.“ Das galt allerdings nicht für die reichen Länder, wo es Agrarsubventionen in Milliardenhöhe gab. Die Integration in den Weltmarkt bewirkte, dass die armen Länder für den Export produzierten. Durch die „Kapitalismus-Offensive der Achtziger- und Neunzigerjahre“ wurden wichtige Entscheidungen von IWF und Weltbank getroffen, wobei die nationalen Regierungen ihren Einfluss nahezu gänzlich verloren.
„Wahlen verkamen in diesen neuen Demokratien zu einer sinnlosen Farce. Und ohne einen Staat, der bei sozialen und wirtschaftlichen Konflikten vermittelte, war die arme Bevölkerung noch schutzloser der Willkür der Reichen ausgeliefert.“

Die Tendenz in den Neunzigern war klar: Die Zahl der Hungernden nahm erneut zu- es waren ca. 850 Millionen. Viele siedelten sich in den großen Slums an. Auswandern war häufig die einzige Lösung.

USA: Das große Geld

Chicago ist eine der erfolgreichsten Städte des erfolgreichsten Modells der heutigen Welt.
„Und die ganze Zeit dieses Gefühl, dass das doch alles keinen Sinn ergibt: das ganze Aufgebot, die vielen Waren, so viel Abglanz, so viel törichte Verlockung. Die perfekte Maschinerie der Nutzlosigkeit. Sich abrackernde Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, um mehr oder weniger unnötige Dinge herzustellen oder Dienste zu erbringen, die andere kaufen, falls sie es schaffen, den ganzen Tag zu arbeiten, um mehr oder weniger unnötige Dinge herzustellen oder Dienste zu erbringen, die andere kaufen, falls sie es schaffen, den ganzen Tag zu arbeiten, um….(…)
Der Erfolg dieser Gesellschaft lässt sich am Anteil der unnötigen Waren messen, die sie konsumiert. Je mehr Geld sie für Dinge ausgibt, die sie nicht benötigt – und je weniger für Gesundheit, Kleidung, Unterkunft -, desto besser, glauben wir, geht es einer Gruppe, einer Schicht, einem Land.“

Spekulationsobjekt Nahrung

Anfang der neunziger Jahre begann sich der Handel mit Lebensmittelrohstoffen prinzipiell zu ändern. Früher war das ein Markt für Erzeuger und Konsumenten. Nun mischten noch andere mit, Banken, Fonds. Es wurde ein Tummelplatz für Finanzhaie und Börsenspekulanten.
1991 kam Goldman Sachs auf die Idee, unser täglich Brot könne eine großartige Geldanlage sein. Bis 1991 hatten die Banker der Wall Street praktisch alles, was irgendwie in Betracht kam, in abstrakte Finanzinstrumente verwandelt. „Die Nahrung war so ziemlich das Einzige, an das sie sich noch nicht gewagt hatten.“ Nun begannen sie entsprechende Anlagepapiere anzubieten. Die Finanzialisierung erfasste nun auch das Essen. Die Spekulationen zahlten sich aus. Die Märkte oder die Nahrungsmittel interessieren sie nicht: nur das Geld. Sie verwandelten den Markt in eine Geldmaschine.
„Die Verwandlung des Essens in ein Spekulationsobjekt ist bereits seit zwanzig Jahren in vollem Gange. Doch bis 2008 bemerkte das niemand so richtig. (…) Es wäre seltsam, etwas zu verkaufen, was man hat: Verkauft werden Versprechen, vage Werte auf einem Computerbildschirm. Und wer sich als clever erweist im Umgang mit dem Fiktiven, verdient sich eine goldene Nase.“

Die USA hat ein Problem: die Überproduktion von Nahrungsmitteln. „Es klingt wie ein Witz, dass dies das große Problem des bedeutendsten Nahrungsmittelproduzenten der Welt ist, einer Welt, in der Hunger herrscht.“
Und: „Der Agrotreibstoff, den die Autos in den USA verbrennen, würde ausreichen, um sämtlichen hungernden Menschen auf der Welt jeden Tag ein halbes Kilo Mais zu geben.“
Jean Ziegler: „Biokraftstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschheit.“

In China wollen die Menschen jetzt essen wie in den USA oder Europa. 2012 kaufte China fast sechzig Millionen Tonnen Soja ein. Fleischkonsum hat seinen Preis. Die reichen Länder beruhen auf Ausgrenzung: „Sie funktionieren nur, wenn die anderen ihnen nicht nacheifern.“
„In China und Indien erkennt man ein Mitglied der Mittelschicht daran, dass es ein Auto besitzt und Fleisch isst. (…) Je mehr Reiche Fleisch essen, desto mehr Armen bleibt gar nichts.“

Nahrung ist zum Spekulationsobjekt geworden. Bankiers und Spekulanten sitzen heute an der Spitze der Nahrungsmittelkette- die Raubtiere des Systems. Investmentfonds sammeln das überflüssige Geld aus den reichen Ländern. Dadurch tragen „normale“ Menschen wie Rentner, Sparer, Rockstars, Ärzte usw. zum Hunger von Millionen Menschen bei. Ihr Geld wurde in Nahrungsmittel angelegt und hob dadurch die Preise aus den Angeln. Der Autor schreibt: „Ich bin einer von ihnen.“

„Für viele bedeutete das, dass sie keinen Zugang mehr zu Nahrung hatten.“

Vier große Handelskonzerne handeln mit Nahrungsmittel- Commodities: Archer Daniels Midland, Bunges, Cargill, Luis Dreyfus. Sie besitzen drei Viertel des Getreides der gesamten Welt. „Cargill und Konsorten sind in die unterschiedlichsten Freveltaten verwickelt: Regenwaldrodung, Verwendung verbotener Chemikalien beim Anbau, Verarbeitung und Konservierung, Steuerflucht, Sklavenarbeit, Kinderarbeit.“

Die Konzerne sind in der Regel über die Kontrolle durch einzelne Regierungen erhaben. Die Welt hat kein effizientes Regulierungsinstrument erschaffen, um sie zu kontrollieren. Sie bekommen zunehmend Konkurrenz aus China, Japan, Korea, die begannen, in der anderen Welt aggressiv riesige Anbauflächen aufzukaufen. Die westlichen Unternehmen taten es nach. An- sich- Reißen von Land wird inzwischen „Land Grabbing“ genannt. „Es ist der Kolonialismus des 21. Jahrhunderts.“

Soziale Spaltung und Almosen

In den USA ist das Vermögen bei immer weniger Menschen konzentriert. 16 000 Familien besitzen elf Prozent des Vermögens des reichsten Landes der Welt. Dagegen sind 14,5 Prozent der Bevölkerung verarmt. 33 Millionen Erwachsene und 16 Millionen Kinder leben in „Nahrungsmittelunsicherheit“.In keinem reichen Land der Welt leben mehr Arme. Ende der siebziger Jahre konnte der Hunger in den USA unter Kontrolle gebracht werden. Aber der Neoliberalismus schaffte es durch Steuersenkungen für Reiche, Anstieg der Verteidigungsausgaben und die beharrliche Forderung, der Staat solle sich nicht einmischen, die Sozialhilfe wurde gesenkt, dass die Nahrungsmittelprobleme wieder zurückkehrten. In achtzig Prozent der „unsicheren“ Familien ist mindestens eine Person berufstätig.

Die private Fürsorge wurde ausgeweitet. Z.B. Lebensmittelmarken. Man wirft den Armen paar Brocken hin. „Es ist ein ziemlich durchdachtes, breit angelegtes System, das die Hungrigen über Wasser hält. Der alte Trick mit der Wohltätigkeit.“ Die Zuwendungen, Essensausgaben und Suppenküchen sind für viele Amerikaner Teil ihrer Überlebensstrategie. Viele kommen aus der Mittelschicht, deren Gehalt nicht mehr reicht, die Kinder zu ernähren.

Migration als Ausweg in der anderen Welt

„Die ärmsten fünf Prozent der Amerikaner verdienen im Schnitt mehr als die reichsten fünf Prozent der Inder. (…) Die ärmsten fünf Prozent der Amerikaner haben im Schnitt ein höheres Einkommen als knapp siebzig Prozent der Weltbevölkerung (…) 1870 war die Ungleichheit in der Welt etwas niedriger als heute.“ Damals war die Schichtzugehörigkeit entscheidend, nicht die nationale Zugehörigkeit. Ein amerikanischer Arbeiter war so arm wie ein indischer Bauer und ein kenianischer Schafhirte. „Heute ist nicht mehr die Klassenzugehörigkeit, sondern die Nationalität der entscheidende Faktor (…) Der nächstliegende Weg zu einem ökonomisch besseren Leben ist die Migration. (…) Inzwischen reicht es, im Zielland zu den Armen zu gehören, um wesentlich besser gestellt zu sein als im Herkunftsland, der eigenen Heimat.“

„Illegale Einwanderer sind die Marginalisierten der Marginalisierten.“ Durch Ausbeutung machen sich die Reichen die Armut der Anderen Welt zunutze. Aber auch die Arbeit der Einwanderer wird ausgebeutet. Eine billige Arbeitskraft für Tätigkeiten, die selbst die ärmsten Einheimischen nicht verrichten wollen. Die am übelsten Ausgebeuteten sind keine Staatsbürger. Sie haben keine Rechte, sie haben Angst und scheren aus der Solidarität aus, so der Autor. „Was für ein Glück für die Arbeitgeber.“

Epidemie in den USA: Fettleibigkeit

In Binghamton lebt jeder Vierte unter der Armutsgrenze, ein Drittel der Menschen sind fettleibig.

„Seit einigen Jahren sind die USA die Vorreiter einer seltsamen Epidemie: Leibesfülle. (…)
Bis vor wenigen Jahrzehnten war Leibesfülle ein Zeichen von Wohlstand. (…) In Zeiten, in denen Arbeit den Körper auszehrte, war ein dicker Körper ein Körper, der sich dem Müßiggang widmen konnte. (…) Später kam Leibesfülle dann aus der Mode.“ Jetzt wurde ein trainierter, sehniger Körper zum Statussymbol. Vor 25 Jahren begann man, Fettleibigkeit für eine Seuche zu halten.
„Wir halten Leibesfülle für einen Ausdruck individuellen Scheiterns. Damit werden jetzt Angehörige am Ende der sozialen Leiter identifiziert. „Dick zu sein bedeutet, arm zu sein.(…) Die Fettleibigen sind die Fehlernährten – die Armen- der mehr oder weniger reichen Welt.“
Während die mangelernährten Armen in den armen Ländern zu wenig essen, essen die Armen in den reichen Ländern billige, schlechte Nahrung. „Sie sind nicht das Gegenstück zu den Hungernden. Sie sind ihr Ebenbild. So sieht Ungleichheit in jenen Gefilden aus.“

Fettleibigkeitsepidemie in den USA begann in den 1980er Jahren, seither sind die Preise für Obst und Gemüse inflationsbereinigt um vierzig Prozent gestiegen. Wer sich mit wenig Geld ernähren muss und dafür ein Maximum an Kalorien will, der kauft Junk Food.

In den USA sind insgesamt 78 Millionen Erwachsene und 12 Millionen Kinder fettleibig. Und die Zahl wächst. Die Schwarzen liegen 15 Prozent, die Mexikaner 5 Prozent über dem Durchschnitt. Die Einkommensfrage.

Die Epidemie breitet sich auf der ganzen Welt aus. „Sobald ein Land ein gewisses Konsumniveau erreicht, erhalten die Armen Zugang zu dieser Art von Nahrung und werden dick.“

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

Der Hunger Teil 4

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

In vergangenen Zeiten war der Hunger nützlich, um die Maschinerie in Gang zu halten.
Hunger brachte die Menschen zum Arbeiten, er war ein unabdingbares Instrument.
Der Hunger war die Lösung des Problems: ein elementares Instrument der Disziplinierung.
„Am Hunger waren wieder einmal die Hungrigen schuld: ihre Lasterhaftigkeit, ihre mangelnde moralische Standhaftigkeit, ihre Faulheit.“

Heute sind die Hungernden Opfer, Opfer der Launen des Klimas, Opfer von Kriegen, Opfer von Ungerechtigkeit, Opfer, immerzu Opfer. Sie sind der Inbegriff des Opfers schlechthin.

Stalin ordnete 1928 die Kollektivierung der Landwirtschaft an. 1930 bis 1931 wurden über eine Millionen ukrainische Bauern nach Sibirien oder Zentralasien deportiert. Im Frühjahr 1932 starben täglich 25 000 Menschen an Hunger. Bei der Hungersnot starben fünf oder zehn Millionen Menschen, bis heute gibt es keine genauen Zahlen.
Auch Hitler und seine Gefolgschaft machte vom Vernichtungspotential des Hungers Gebrauch. Die Bevölkerung der besetzten Gebiete wurde für überflüssig erklärt. Die „unnützen Esser“ sollten dezimiert werden. Dazu gehörten die Bewohner des Warschauer Ghettos. 100 000 Menschen verhungerten bzw. starben an Folgeerkrankungen bis Juli 1942. Auch die Urgroßmutter Gustava des Autors hungerte im Warschauer Ghetto und wurde in den Gaskammern von Treblinka ermordet.

„Dass wir heute Tag für Tag einfach mit ansehen, wie Millionen Menschen verhungern; dass es uns egal ist, dass wir so gut wegsehen können, ist nicht weiter erstaunlich, denke ich manchmal. Letzten Endes sind wir noch die Gleichen, die wir vor siebzig Jahren waren, die Gleichen, die vor siebzig Jahren zu Zeiten Hitlers, Stalins, Roosevelts, der Konzentrationslager und der Bomben weggesehen haben.“, so der Autor.

Roosevelt sagte im Januar 1944 im Kongress der USA: „Es kann keine wahre individuelle Freiheit ohne wirtschaftliche Sicherheit und Unabhängigkeit geben. Menschen, die Not leiden, sind nicht frei. Völker, die hungrig und arbeitslos sind, liefern den Stoff, aus dem Diktaturen gemacht werden.“
Der Kommentar des Autors: „Es war einfacher und billiger, Millionen von Menschen mit Nahrung zu versorgen, als gegen die Hitlers dieser Welt in den Krieg zu ziehen.“
1948 wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verkündet.
Das Recht auf Nahrung wurde nie durchgesetzt. „Wir denken an Reisefreiheit, Meinungsfreiheit; an Essen denkt da niemand.“

1958 beschloss Mao, dass China einen „Großen Sprung nach vorn“ tun müsse. China sollte industrialisiert werden. Millionen Menschen hatten während dessen nichts zu essen. Die Hungersnot dauerte drei Jahre, zwischen 1958 und 1962 verhungerten mindestens dreißig Millionen Menschen.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts treten Hungersnöte vor allem in Afrika und Asien auf.

„Hungernde Menschen mit Nahrung zu versorgen ist heute eine Frage des Willens. (…) Auf der Welt wird mehr Nahrung produziert, als ihre Bewohner benötigen. Wir alle wissen, wer nicht genug hat; den Menschen Essen zu schicken ist eine Frage von Stunden. Diese Tatsache macht den heutigen Hunger in gewisser Weise noch schrecklicher, noch brutaler als den Hunger vor hundert oder tausend Jahren. Zumindest sagt sie noch deutlicher die Wahrheit über uns.“

Bangladesh- Wie der Hunger benutzt wird

Arm sein, bedeutet ständig eine Wahl zu treffen: „zwischen essen oder trinken, zwischen Kleidung oder einem Dach über dem Kopf, zwischen Elend und Elend. (…) Immer nur einen winzigen Teil dessen zu erlangen, was man erlangen sollte, was man nötig hat.“
„man müßte rebellieren, aber zum Rebellieren braucht man Kraft.“

„Die Zukunft der menschlichen Solidarität wird tatsächlich von der entschlossenen Weigerung der neuen städtischen Armen abhängen, ihre endgültige Marginalisierung innerhalb des globalen Kapitalismus zu akzeptieren.“

Die Kriminalisierung der städtischen Armen- arbeitet einem Krieg in den Straßen zu.

Bangladesh ist der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt, viertgrößter Reisproduzent der Welt. Menschen gewöhnen sich an härteste Bedingungen; sie glauben, dass das Leben so ist.
Dhaka ist ein Magnet der mehr und mehr Menschen anzieht, die Stadt versinkt im Chaos, die meisten Neuankömmlinge landen in den riesigen Armenvierteln.

Mohammed lebt mit seiner Frau und drei Kindern in einem Zimmer in Kamrangirchar in einem Armenviertel in Dhaka. „(…) das ist ein zwei mal drei Meter großes Zimmer aus Blechwänden und Palmzweigen, ohne Einrichtungsgegenstände: nichts. (…) Die Zimmer in dieser Barackenanlage liegen zu beiden Seiten eines engen Gangs; in jedem wohnt eine Familie, und alle teilen sich eine Küche, den Wasserzugang, die Toilette- ein Loch in der Erde. Um die Miete zu bezahlen, tritt Mohammed den ganzen Tag in die Pedale einer Rikscha.“

„Um hinauszugehen, zu kochen, sich zu waschen, laufen sie über Brücken aus drei oder vier Bambusstangen- unter ihnen das schwarze, stinkende Gebräu: der Geruch des Lebens.“

„Die Zimmer haben nur selten Türen: bestenfalls einen Vorhang. Privatsphäre: noch so ein Luxus, dessen wir uns nicht bewusst sind.“

„Das Auf und Ab, der Druck, sich jeden Tag von Neuem über Wasser halten zu müssen (…) Rücklagen sind keine vorhanden. (…) Das Konzept des Sparens- von Rücklagen, von Sicherheit- , das ganze Kulturen begründet hat, das die unsere ausmacht, existiert nicht. Stattdessen: losziehen und schauen, was sich ergibt.“

„Es gilt zu verstehen, was die Menschen dorthin treibt. Die Hoffnung, jeden Tag zu essen; ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen; Resignation, die Erkenntnis, dass das Leben auf dem Land nicht funktioniert; dass eine Veränderung nötig ist, dass die einzige Alternative die Migration ist; diese Zusammenballung von Menschen.“

Sechzig Prozent der Hungernden sind Frauen. 1971 betrug die Geburtsrate fast sieben Kinder pro Frau. Heute sind es 2,2 Kinder pro Frau. Weit verbreitet sei die Annahme, viele Kinder zu bekommen sei die Hauptursache der Armut. 46 Prozent der Kinder in Bangladesh sind unterernährt.
Von 47 Millionen Kindern zwischen fünf und vierzehn Jahren arbeiten fast fünf Millionen.

„Hunger gehört in Bangladesh fast zur Normalität.“

Das bewirtschaftete Land gab traditionell nie genug her. Die kleinen Flächen reichen nicht für die Ernährung einer Familie. Durch die Bevölkerungsexplosion in den letzten hundert Jahren sind die Menschen in unwirtlichste Gegenden vorgedrungen. Die Ernte ist extrem abhängig vom Klima. Die Böden sind durch die „grüne Revolution“ überbeansprucht und ausgelaugt. Die Bauern fliehen nach Dhaka. Die Städte verschlucken immer mehr Anbauflächen. Die Stadtbewohner müssen Nahrungsmittel kaufen, deren Preise steigen.

„Jedes Volk schreibt täglich seine Geschichte durch das Essen (…) Einer der wenig beachteten Wesenszüge des Hungers ist die Tatsache, dass arme Menschen stets das Gleiche essen.“

In Bangladesh hoffen die Menschen darauf, ausgebeutet zu werden, um sich zu retten.
Die Ärzte ohne Grenzen und Linke müssen „den Ausgebeuteten und Unterdrückten erst einmal vor Augen führen, dass sie genau das sind, damit diese ihre Situation überhaupt ändern wollen. Wie sagt man so schön? Man muss ihnen Vorschriften machen.“

Fatema will täglich zwölf Stunden schuften, das bewirkt das Elend, die Ungewissheit, der ständig nagende Hunger. Sie hat zwei Kinder. Ihr Mann hat sie gerade verlassen. Seit ihrem siebten Lebensjahr arbeitet sie zwölf Stunden am Tag in einer Textilfabrik. „Indem sich eine Frau wie Fatema wie ein Esel abrackert- die Hyperausbeutung dieser Frauen-, bleibt es ihr erspart, von einem handgreiflichen Mann abhängig zu sein.“

In Bangladesh werden Niedriglöhne und der Hunger mit Polizeigewalt verteidigt. Ein Anführer bei Demonstrationen, ein Textilarbeiter, wurde vor vier Tagen tot aufgefunden, mit Folterspuren, so der Autor. Länder wie Banladesh halten die Weltordnung aufrecht. Bangladesh ist nach China der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. Neunzig Prozent der Beschäftigten sind dort Frauen. Für Jeans, die in New York für sechzig Dollar verkauft werden, bekommen Frauen wie Fatema zwischen fünfundzwanzig und dreißig Cent Lohnkosten für eine Jeans. Und wir kaufen die Kleidung.

„Wir tragen die Hautfetzen anderer am Körper: seltsam klebrige, schmutzige, angekokelte Fetzen.“

Fatema und ihre zwei Kinder müssen von ihrem Lohn von etwa zwölf Dollar im Monat leben, sich einkleiden, essen: Reis, mit Glück zwei Mahlzeiten am Tag. Ihr Zimmer, es ist zehn Quadratmeter „groß“, kostet zweitausend Taka im Monat, es bleiben ihr tausend für alles Übrige: Kleidung, Fahrtkosten, Essen.

„Wir stellen uns den Hunger immer als ein Problem von Menschen ohne Arbeit vor, von Marginalisierten, Verlorenen; nicht von Menschen, die das halbe Leben damit verbringen, an einer Maschine begehrte Waren herzustellen.“

„Armut bedeutet- für die weniger Armen- , sehr günstig Personal kaufen zu können, viel Personal kaufen zu können.“

„In Asien, Afrika, Lateinamerika wachsen Städte immer weiter an, in denen sich die ohnehin fast geschenkte Arbeitskraft noch besser ausschlachten lässt. Es herrscht dort solche Armut, dass Millionen von Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft- sich selbst- billig zu verkaufen. Und das sind die `Glücklichen ´, die immer mehr Menschen dazu bringen, nachzukommen, die dann aber oft nicht einmal mehr jemanden finden, der sie ausbeuten will.“

Während der Autor das schreibt, ist in Dhaka wieder ein Textilbetrieb eingestürzt, 1129 Todesopfer. „In Bangladesh sei jeder fünfte Abgeordnete Textilunternehmer, und wer es nicht sei, besitze Aktien oder kassiere Schmiergeld: Keiner habe auch nur das leiseste Interesse, etwas zu verändern. Selten ist die Instrumentalisierung der Politik durch einen Wirtschaftssektor so offenkundig.“

Viele in Bangladesh wären gern in der Haut von Fatema, denn sie hat Arbeit, einen Chef, der sie gründlich ausbeutet. Zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten dient der Hunger einem konkreten Zweck.

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro