Lügen, die den sozialen Zusammenhalt gefährden

Wir brauchen Wirtschaftswachstum.
Wir brauchen steigenden Konsum.
Soziale Ungleichheit sei etwas „Natürliches“.
Konkurrenz sei der Schlüssel zu Gerechtigkeit.

„…es (ist) zutiefst irrational, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen; doch die Entscheidung dafür, zusammen mit der Verantwortung für diese Entscheidung und ihre Konsequenzen, ist die letzte Möglichkeit, um die Ordnung der Welt vor der Blindheit zu bewahren, die sie sich aufgrund ihrer (selbst-) mörderischen Konsequenzen zuzieht.“

(nach Zygmunt Baumann, Retten uns die Reichen?, Freiburg im Breisgau 2015)

„1933 und während der folgenden zwei oder drei Jahre waren die einzigen Leute, die wirklich verstanden, was in dem noch jungen Dritten Reich geschah, ein paar Tausend Flüchtlinge“, eine Auszeichnung, die sie dazu verdammte, den „ewig unbeliebten, schrillen Part der Kassandra“ zu übernehmen. (Arthur Koestler)

Die Angst des Journalismus vor der sozialen Kluft

„Die soziale Kluft ist kein Problem von besonderer Brisanz.“

Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben von Mai 2008 bis Frühsommer 2012 Kommentare des bundesdeutschen Journalismus zu den Themen Reichtum und Armut untersucht. Analysiert wurde die Berichterstattung in der Berliner Zeitung und Tagesspiegel, der Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Süddeutschen Zeitung, sowie Der Spiegel und Die Zeit.

In der Studie wird resümiert, dass es sich beim journalistischen Umgang mit Armut und Reichtum um „Pressefeigheit“ handelt. Reichtum wird als Blackbox behandelt, Armut wird die Brisanz genommen.

„Der blinde Fleck des Journalismus ist die stumme Macht des Reichtums.“ Reichtum wird nur im Zusammenhang mit Armut und sozialer Ungleichheit erwähnt. „Als Zentrum gesellschaftlichen Einflusses auf alle Lebensbereiche- die Politik, die Wissenschaft, die Kunst, den Sport etc.- und als wirtschaftlicher Weichensteller mit seinen Anlage-, Verlagerungs- und Spekulationsentscheidungen kommt er in den journalistischen Meinungsbeiträgen nur beiläufig vor.(…) Der Journalismus zerbricht sich mehr den Kopf über die Probleme der Reichen als über die Folgen der Zusammenballung privaten Reichtums für den Rest der Gesellschaft.“

„Die Armut wird mit Sorge registriert und zugleich in Problemgruppen portioniert.“ Armut wird zerlegt, nie in einer grundsätzlichen Dimension behandelt. Das Problem seien mehr die Armen und weniger die Bedingungen, mit denen sie konfrontiert sind. Die Bedingungen werden als Sachzwänge dargestellt.

„Wirtschaft ist, wie sie ist. Bildung und Arbeit als Lösung, die Politik als Sündenbock.“
„Den Individuen wird Anpassung empfohlen. Sie sollen diese Verhältnisse als Ausgangspunkt akzeptieren, sich fragen, was die Wirtschaft braucht, ihren Bildungsweg, ihre Bedürfnisse und ihren Lebensalltag danach ausrichten. Bildung ist hier nur ein anderes Wort für Arbeit, denn sie wird nur als Weg zur Erwerbsarbeit eingefordert. Wo die Menschen und die Wirtschaft nicht zusammenfinden, sind die Menschen das Problem oder ersatzweise die Politik.“

„Die Entwicklung von Armut und Reichtum wird nicht im Zusammenhang gesehen.“ Es wird nicht gesehen, dass die private Konzentration von Reichtum private und öffentliche Armut mitproduziert. „Armut wird vorwiegend als isoliertes Problem der Armen dargestellt.“

„Rein quantitativ: Die soziale Kluft ist kein Problem von besonderer Brisanz.“ Beim Anblick der sozialen Kluft befällt den Journalismus das Schweigen. Nur wenn die Politik Anlässe dafür liefert, werden die Themen behandelt. Das Interesse der Regierung wiederum, Anlässe zu bieten, hält sich in sehr engen Grenzen.“

Armut

Das Feld Armut ist politisiert, weil die Betroffenen öffentliche Gelder erhalten, aufgebracht von den Steuerzahlern. Die Sozialtransferempfänger sollen sich ständig rechtfertigen und Gegenleistungen erbringen. Armut ist im Gegensatz zum Reichtum ein öffentliches Thema. Arme produzieren Probleme, die im öffentlichen Raum sichtbar sind. Über Armut gibt es viel Material. Das Thema ist leicht zugänglich. Man muss nicht mit Konflikten rechnen, weil das Sanktionspotenzial der Betroffenen gering ist. Oft wird Armut personalisiert und emotionalisiert. Journalisten können sich von dieser Gruppe abgrenzen, weil sie einen höheren kulturellen und sozialen Status hätten.

Reichtum

Reichtum wird nicht politisiert. Es sei eine persönliche Angelegenheit. Wer darüber redet, hätte nur Sozialneid. Über Reichtum gibt es wenig statistisches und analytisches Material. Oftmals verweigern sich die Reichen direkten Recherchen und öffentlichen Diskussionen. Sie haben ein hohes Sanktions- und Konfliktpotenzial. Die Journalisten können sich schlecht abgrenzen, weil sie am Rande dieser Schicht leben oder die Hoffnung haben, aufzusteigen. Es gibt auch kein erkennbares politisches Interesse, sich an das Thema heranzuwagen. Selbst die Boulevardmedien nehmen sich des Themas selten an.

Hans-Jürgen Arlt, Wolfgang Storz, Portionierte Armut, Blackbox Reichtum, Studie der Rosa-Luxemburg- Stiftung, April 2013

Sozialismus für Reiche: TEIL3

Aus: Jens Berger. Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen. Frankfurt/Main 2014

Deutschlands Vermögende

„Die 500 reichsten Deutschen besitzen zusammen ein Vermögen von 530 Milliarden Euro.“

Die Einzelhandelmilliardäre

Die reichsten Deutschen sind die Aldi- Brüder Albrecht (33 Mrd., Theo ist gestorben) und Lidl- Besitzer Dieter Schwarz (13 Mrd.), die mit Niedriglöhnen in ihren Discountern Profit gemacht haben. Auch die Familie Deichmann hat ein Vermögen gemacht. (3,35 Mrd.) Ihr Vermögen haben sie in Stiftungen gesteckt. Einzelhandelmilliardäre sind auch die Familie Haub (Kaisers Tengelmann, Obi, Kik, TEDi, Netto) mit 3,5 Mrd. Euro Vermögen. Anstatt sie für die Ausbeutung in der Dritten Welt (Kik) verantwortlich zu machen, bekam Haub das Bundesverdienstkreuz.

Die Dividendenkönige

„Die zehn reichsten Familien Deutschlands kassierten 2013 zusammen 2,4 Milliarden Euro an Dividenden.“ Dank der eingeführten Kapitalertragssteuer schenkte der Staat ihnen in dem Jahr 500 Millionen Euro. Quandt, Klatten, Porsche/Piech, Joacobs (Adecco), Siemens, Henkel & co werden vom Staat mit Glacehandschuhen angefaßt.

Die Kriegsgewinnler

„An Position Nummer 18 der Top 500 des Manger Magazins steht die Familie August von Finck mit einem geschätzten Vermögen von 4,6 Milliarden Euro.“ Schon 1931 versprach Finck Hitler eine Summe von 25 Millionen Reichsmark. Von 1933-45 zählte er zu den Förderern der NSDAP. Dafür durfte Finck die Wiener Rothschild- Bank „arisieren“ und das Berliner Bankaus Dreyfus &co unter Wert übernehmen. Nach dem NS-System wurde er als Mitläufer eingestuft. Er wurde zu einem der größten Landbesitzer Bayerns. Finck jun. Gehört heute die Schweizer övenpick- Gruppe und Schweizer Mischkonzerne. Er spendete der FDP 1,1 Millionen Euro, im Gegenzug wurde der Mehrwertsteuersatz für Hotelübernachtungen reduziert.

Die Spendierfreudigen

„Zu den prominenten politischen Landschaftspflegern unter den Top 500 des Manager Magazins gehört auch Paul Gauselmann mit einem Vermögen von 90verdeckte Parteispenden tätigt. „Viele Superreiche haben ein Herz für politische Parteien und ganz besonders für solche, die Gesetze verabschieden, die nicht den Interessen des Volkes, sondern den Interessen der Superreichen dienen.“ So z.B. die BMW- Milliardäre Quandt und Klatten.

Die Medienbarone

„Neben den Discount-Märkten gibt es wohl keine weitere Branche, in der die Unternehmen der Top-500-Liste des Manager Magazins eine derartige Marktmacht haben wie in der Medienbranche.“
Friede Springer (BILD), Dieter Schaub (Süddeutsche Zeitung, Freie Presse, Südwest-Presse, Rheinpfalz), Familie Grotekamp (WAZ), Bertelsmann (Sächsische Zeitung), Holtzbrinck (Handelsblatt, Zeit, Tagesspiegel) usw.usf.
„Bis auf die FAZ, deren Gründer weitsichtig waren und ihre Anteile in eine gemeinnützige Stiftung überführt haben, und die Neue Westfälische, die von einem hundertprozentigen Tochterunternehmen der SPD kontrolliert wird, befinden sich sämtliche große Tageszeitungen im Besitz von Familien mit mindestens einem dreistelligen Millionenvermögen.“
„Die Medienbarone besitzen nicht nur die genannten Zeitungen, sondern kontrollieren den Zeitungsmarkt nahezu komplett.“ So gibt die Funke- Gruppe dreißig Tages- und Wochenzeitungen heraus. Die Bertelsmann AG ist der größte europäische Medienkonzern. (RTL, n-tv, Stern, Capital). Der Konzern ist im Besitz der Familie Mohn. Der Springer Verlag (Bild, Welt, B.Z.) bestimmt den Boulevard. Die Familie Burda besitzt u.a. die Bunte und Focus, die Familie Bauer Bravo und TV Movie. Auf den ersten Blick sind diese Zeitschriften unpolitisch, aber das Unpolitische ist im höchsten Grad politisch. Von einer ungleichen Vermögensverteilung wird man dort so gut wie nichts lesen. Das hat mit den Besitzstrukturen der Medienkonzerne zu tun.

Die Finanzmogule

Nur zwei Investmentbanker Alexander Dibelius und Paul Achtleitner gehören in die Reihen der Superreichen. „Wenn es um die großen Renditen im Finanzkasino geht, ist Deutschland Entwicklungsland.“ Der wohlhabendste deutsche Finanzprofi ist Reinfried Pohl.

Profiteure gibt es u.a. auch in der Rüstungsindustrie (Familie Diehl), in Schlachthöfen (Familie Tönnies) und Krankenhäusern. (Asklepios, Bernd große Broermann)

„So lange Reichtum und Armut Hand in Hand gehen und mehr Reichtum spiegelbildlich mehr Armut produziert, muss sich eine Gesellschaft die Frage stellen, ob sie sich diesen Reichtum überhaupt leisten kann und leisten will.“

„Ohne die Steuerreformen der letzten 16 Jahre könnte der Fiskus jedes Jahr rund 50 Milliarden Euro mehr einnehmen.“ Die reichsten fünfzig Haushalte zahlen effektiv nur 29 Prozent Steuern auf ihr Einkommen, damit zahlt ein Superreicher relativ weniger Steuern als ein Alleinstehender mit einem Jahresbruttoeinkommen von 60 000 Euro, der keine besonderen Abzüge geltend machen kann.
Das ist kein Naturgesetz, sondern politisch gewollt. Von Politikern, die von Mehrheiten gewählt werden. „Wäre man zynisch, könnte man daher auch sagen, dass wir an unserer prekären Lage selbst schuld sind.“

Sozialismus für Reiche: TEIL2

Aus: Jens Berger. Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen. Frankfurt/Main 2014

Geldvermögen:
„Ein durchschnittlicher Haushalt verfügt inklusive der Ansprüche aus Lebensversicherungen und privater Altersvorsorge über ein Nettogeldvermögen von weniger als 8000 Euro.
Ein Haushalt aus dem obersten 0,1 Prozent der Vermögensskala verfügt im Schnitt über ein Nettogeldvermögen von mehr als 19 Millionen Euro.
Würde man mit dem Vermögenszuwachs der deutschen Millionäre die Staatsschulden zurückzahlen, wäre der Bund nach sechs Jahren und zweieinhalb Monaten schuldenfrei- und die Millionäre wären immer noch Millionäre.“

Altersvorsorge:
Das Konzept der kapitalmarktbasierten Altersvorsorge ist aus Sicht der Finanzmärkte genial. „Die eigentlichen Profiteure der privaten Altersvorsorgemodelle sind Versicherungs- und Finanzkonzerne und deren Aktionäre.(…) Die private Altersvorsorge der arbeitenden Bevölkerung ist das Motoröl des Finanzsystems (…).“ Arbeitnehmer haben das Interesse, dass die Löhne steigen. Als Finanzkapitalisten sehen sie die Sache anders und stecken in einem Interessenkonflikt. „Indem man Millionen von braven Bürgern zu Komplizen des Renditestrebens auf den internationalen Finanzmärkten gemacht hat, konnte man den Interessen einiger weniger Spekulanten eine demokratische Legitimation geben.“

Immobilien:
Der Großteil der Immobilien gehört einer sehr kleinen Gruppe von Vermögenden. Die Privatisierung von öffentlichem und genossenschaftlichem Wohneigentum hat die Situation noch verschärft. „Von den 41 Millionen Wohnungen in Deutschland gehören 33 Millionen, das sind mehr als 80 Prozent, Privatpersonen oder privaten Eigentümergemeinschaften.“ Deutschland hat die geringste Wohneigentumsquote im OECD- Vergleich. (neben der Schweiz) Nach Angaben des Bundesminsteriums für Verkehr und digitale Infrastruktur besitzen 44 Prozent aller Haushalte eine Immobilie. Dabei gibt es ein deutliches Ost- West- Gefälle und Stadt- Land- Gefälle.
„Mehr als die Hälfte aller Haushalte besitzt gar keine Immobilien.
Die unteren 70 Prozent der Haushalte haben ein Nettoimmobilienvermögen von weniger als 125 000 Euro.
Die unteren 90 Prozent der Haushalte haben ein Nettoimmobilienvermögen von weniger als 250 000 Euro.
Die Hälfte des privaten Immobilienbesitzes des Landes gehört den oberen 5 Prozent der Bevölkerung.“
„Es sieht so aus, als habe die Immobilienparty gerade eben erst begonnen.“!!!!

Betriebsvermögen und Finanzkapital:
„Jeder Deutsche verfügt durchschnittlich über ein Betriebsvermögen von mehr als 333 000 Euro. Dieses Betriebsvermögen ist jedoch sehr ungleich verteilt. Die unteren 90 Prozent der Bevölkerung besitzen zusammengenommen nur 8 Prozent des gesamten Betriebsvermögens.“
Der Mittelstand ist das Rückgrat der Wirtschaft. Kleine und mittelgroße Unternehmen stellen 99,7% der Unternehmen, beschäftigen 83,2% der Auszubildenen und 60,8% der Arbeitnehmer, aber haben nur 34% des Umsatzes und 19% Exportanteil. Die Großkonzerne beherrschen die Wirtschaft. Die 100 größten deutschen Unternehmen machten 2010 einen Gesamtumsatz von fast 2 Billionen Euro, wie alle KMU zusammen. 1300 Unternehmen regieren die Welt:
„1318 Unternehmen kontrollieren 80 Prozent der weltweiten Großkonzerne.
147 Unternehmen kontrollieren 40 Prozent der weltweiten Großkonzerne.
Dreiviertel dieser 147 Unternehmen sind Finanzunternehmen.
Unter den 20 mächtigsten Unternehmen der Welt befinden sich 19 Finanzunternehmen.“
Unter den Top50, den mächtigsten Unternehmen der Welt finden sich die Deutsche Bank auf Position 12 und die Allianz auf Position 28.
„Bei 15 der 20 wertvollsten Unternehmen der Welt gehört BlackRock zu den beiden größten Anteilseignern. BlackRock verwaltet 4,3 Billionen US-Dollar.
Nur jeder 10. Haushalt besitzt Aktien.
„Die unteren 80 Prozent der Haushalte haben zusammengenommen weniger als 10 Prozent des gesamten Aktienvermögens.
Die obersten 10 Prozent der Bevölkerung gehören drei Viertel des gesamten Aktienvermögens.“
„Noch nie waren Entscheidungsprozesse über wirtschaftliche Prozesse undemokratischer als heute in der BlackRock-Ära.“

Sparen und Erben:
„In diesem Jahrzehnt wird in 8500 Erbfällen ein durchschnittliches Vermögen von 68,6 Millionen Euro vererbt.
Die untere Hälfte der Bevölkerung kann im Schnitt nur 8500 Euro pro Erbfall erwarten.
Ein Haushalt in Bayern ist im Schnitt mehr als zehnmal so reich wie ein Haushalt im Osten der Republik.
Ein durchschnittlicher Haushalt spart 1300 Euro im Jahr.
Mehr als 10 Prozent aller Haushalte verzehren ihr Vermögen, anstatt Teile ihres Einkommens zu sparen.“
Die Armen können nichts sparen, die Mittelschicht trägt ihre Immobilienkredite ab. Wer bereits hohe Vermögen aus eigenem Einkommen angespart hat, profitiert auch noch von großen Erbschaften.

WER HAT, DEM WIRD GEGEBEN!

Sozialismus für Reiche: TEIL 1

Aus: Jens Berger. Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen. Frankfurt/Main 2014

Daten sind Verschlussache bei den Behörden

In Deutschland klafft die Vermögensschere im Euro-Land am weitesten auseinander. Diese Vermögensschere ist nicht vom Himmel gefallen, verantwortlich sind dafür Reformen der Politik. Während Arme gründlich durchleuchtet sind, weiß man über die Reichen so gut wie nichts.
„Die Behörden erfassen keine statistischen Daten zum Reichtum, sämtliche Daten zu Vermögensverhältnissen sind Verschlusssache. Wer sich diesen Fragen nähern will, muss schon Detektivarbeit leisten und sich durch Studien und Daten fressen, die der Öffentlichkeit oft nicht bekannt sind.“ Es klafft ein akademisches Loch bei Studien über Reichtum. Es gibt keine verlässliche Daten zu den Superreichen. Wenn Wissenschaftler eine Verteilungsungerechtigkeit feststellen wollen, werden sie von der Politik zurückgepfiffen, wie beim Vierten Armuts-und Reichtumsbericht, wo Passagen gestrichen wurden. „Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig die Forschung über die Reichen im Lande weiß und wie wenig sie an diesem Zustand etwas ändern will.“
Das Statistische Bundesamt hat eine „Abschneidegrenze“ eingeführt, so dass Haushalte mit einem Einkommen von mehr als 18 000 Euro netto im Monat bei der Auswertung nicht berücksichtigt werden. Bei der Einkommens- und Verbraucherstichprobe werden also die wirklich Wohlhabenden überhaupt nicht erfasst. Daher sind Studien, die sich auf diese EVS berufen, ziemlich wertlos. Und der Mikrozensus stellt erst gar keine Fragen zum Vermögen. Auch das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) des DIW Berlin leidet daran, keine stichfesten Daten zu haben. Reiche geben ihre Vermögenswerte nicht real an, z.B. was sie in der Schweiz geparkt haben. Es gibt also keine verlässlichen Daten zur Verteilungsungerechtigkeit oder die wenigen Studien werden ignoriert.
Das Manager Magazin erstellt eine „Liste der 500 reichsten Deutschen“. Zusammen würden diese ein Vermögen von 528,4 Milliarden Euro besitzen.

Die Vermögensungleichheit ist von der Politik gemacht!

Während in den 1970er und 1980er Jahre die Vermögensschere etwas geschlossen werden konnte, wuchs die Kluft zwischen Arm und Reich seit 1998 rapide, so dass Deutschland einen Spitzenplatz in der Ungleichverteilung von Vermögen einnimmt. Im Jahr 1998 übernahm die rot-grüne Regierung unter Schröder die Macht und forcierte die neoliberale Umverteilungspolitik. Nach Reagan und Thatcher hielt der Neoliberalismus auch in Deutschland Einzug. 1982 gab es das Lambsdorff-Papier, 1999 das Schröder-Blair-Papier. Es wurde die „Agenda 2010“ beschlossen.
„So wurden beispielsweise 1997 die Vermögenssteuer ausgesetzt und die Gewerbeertragssteuer abgeschafft. 2002 wurden Veräußerungsgewinne von Unternehmensanteilen für Kapitalgesellschaften für steuerfrei erklärt, zwischen 2000 und 2005 der Spitzensteuersatz bei der Einkommenssteuer von 53 Prozent auf 42 Prozent gesenkt und gleichzeitig die Freibeträge bei der Erbschaftssteuer in mehreren Schritten angehoben. 2008 wurde die Körperschaftssteuer von 25 Prozent auf 15 Prozent gesenkt und die Kapitalertragssteuer eingeführt; seitdem müssen Spekulationsgewinne und Kapitalerträge nur noch pauschal mit 25 Prozent anstatt des jeweiligen Einkommenssteuersatzes versteuert werden. Die Privatisierung ehemals öffentlichen Vermögens nahm seit 1999 rapide zu, und die Finanzmärkte wurden dereguliert. Zu guter Letzt führten die Reformen infolge der Agenda 2010 dazu, dass besonders die niedrigen Löhne noch weiter sanken.“

Zahlen zum Reichtum

„Die 85 reichsten Menschen der Welt besitzen genau so viel wie die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen zusammen. Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über ein Vermögen von 80 Billionen Euro (…) Das ist 65-mal so viel, wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt.“

„Das Gesamtvermögen der reichsten 20 Prozent der Deutschen beträgt durchschnittlich fast 1,2 Millionen Euro pro Person, während die ärmsten 20 Prozent mit 4000 Euro in den Miesen sind.
Die 500 reichsten Deutschen verfügen über ein Vermögen von insgesamt fast 530 Milliarden Euro.“

„Deutschland zählt im internationalen Vergleich zu den Ländern mit der höchsten Vermögensungleichheit.
Das Vermögen der 80 000 wohlhabendsten Deutschen ist 16-mal so groß wie das Vermögen der unteren 40 Millionen Deutschen zusammen.
Das Vermögen der 800 000 wohlhabendsten Deutschen ist fast genau so groß wie das Vermögen der übrigen 80 Millionen.
Die untersten 20 Prozent der Bevölkerung besitzen überhaupt kein Vermögen.“

„Den obersten 0,1% der Bevölkerung gehören 22,5% des Vermögens.
Den obersten 1% der Bevölkerung gehören 44,7% des Vermögens.
Den obersten 10% der Bevölkerung gehören 66,6% des Vermögens.
Den unteren 50% der Bevölkerung gehören 1,4% des Vermögens.
Den untersten 20% der Bevölkerung gehört gar nichts.
Die untersten 7,4% der Bevölkerung haben mehr Schulden als Vermögen.“ (2007)

Wahnsinnsfrauen: Nelly Sachs

Dichterin Nelly Sachs (1891-1970)

Die Rollenverteilung in ihrer Familie ergab sich durch die gesellschaftlichen Normen. Der Vater hatte unerfüllbare Erwartungen, ihm wäre ein Sohn oder eine andere Tochter lieber gewesen. Ihr Protest als Halberwachsene war Aggression gegen sich selbst, sie suchte den Tod durch Nahrungsverweigerung.
„Vor dem Sterben aber rettete sie das Wort.“ (Die ersten Dichtungen entstanden aus Liebeskummer) „Bis ins vierzigste Lebensjahr fristete Nelly Sachs dies solcherart behütete, zugleich aber künstlich eingezäunte Jungmädchen- Dasein einer höheren Tochter, für die eine Berufsausbildung und – ausübung außerhalb des gesellschaftlich Erlaubten lag.“
Nach dem Tod des Vaters hatte sie eine kurze Zeit normalen Erwachsenenlebens, dann setzte die Naziherrschaft ein (7 Jahre im Hitlerregime- Leben unter Bedrohung).
Nach der Kristallnacht wandte sie sich an die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf,
am 16. Mai 1940 entkommt sie und ihre Mutter mit dem letzten zivilen Flugzeug nach Stockholm. 1940- 1958 erlebt sie existentielle Unsicherheit, 1958 erhält sie von der BRD eine Entschädigungsrente.
Am Tage voll beschäftigt, schrieb sie nachts. Ihre Familienangehörigen werden abtransportiert und getötet, das verheimlicht sie ihrer Mutter. Das Wort wird zur „Atemhilfe“, Dichtung zur Lebensrettung. Der Tod der Mutter 1950 erschüttert sie, sie lebte an der untersten Grenze des Existenzminimum.
„Die Emigration, das Leben im Exil, der Tod der Mutter waren Voraussetzungen für eine ‚riesengroße Einsamkeit‘, deren Folgen so lange aufgehalten werden konnten, bis der Kampf um die Existenz nicht mehr nötig war und die ungeheure seelische Anspannung nachlassen durfte. Ohne Widerstand bläht die Einsamkeit sich auf, dehnt sich immer mehr aus, ein Einsamer befindet sich ständig unter Bedrohung, die Einsamkeit wird angstbesetzt, und das Gehirn sucht sich Bilder für die Angst.“
„Am 8. August 1960 bricht sie unter den verspäteten Verfolgungsängsten zusammen und wird drei Monate lang einer intensiven psychiatrischen Behandlung u.a. mit Elektroschocks unterworfen.“
Sie hatte sich bereits in Dichtungen mit dem Wahnsinn beschäftigt.
In ihren Gedichten schreibt sie über Angst, Einsamkeit und Spachnot:
„Das Leiden ist gepaart mit Einsamkeit. Wer einsam ist, ist schutzlos- den äußeren und inneren Verfolgern anheimgegeben. Keiner schaut hin, es ist ein Verlassensein, ein ‚reißendes Feuer‘. Der Einsame versucht sich zu verstecken, verhüllt sich, versteinert, erblindet. Die Einsamkeit ist erschreckend, jede Abwehr verstärkt sie, die Kruste, die keinen Schutz gewährt, schmerzt.(…)
Sprachnot gehört wesensgemäß zur Einsamkeit. Die Sprache der Leidenden zerbröckelt in unverständliche Buchstaben, in vorsprachliches Singen, in reine Schnalzlaute. Die Kommunikationsfunktion geht verloren, keiner hört zu, und wer es dennoch tut, versteht nichts.“
„Am Geländer der Sprache tastet sie sich in die Felder des Schweigens hinein, sucht Worte für Erlebtes, Namen für Erahntes. Die erlebte Einsamkeit, das erfahrene Verlassensein war immer schon lebensgefährlich für Nelly Sachs.“
„Sprache ist das Element des Lebens in der Welt und in der Gemeinschaft der Menschen. Sprachlosigkeit gehört wesensgemäß zum Leiden der Einsamen (…)
Schweigen ist schon Todeszeichen.“

aus Wahnsinnsfrauen Zweiter Band, Ruth Dinesen, Frankfurt 1996

Wahnsinnsfrauen: Irmgard Keun

Schriftstellerin Irmgard Keun (Sucht, Ängste, Depressionen) (1905-1982)

Als sie 1966 zum drittenmal auf der Straße aufgegriffen wird, lautet die Diagnose „Geistesstörung infolge von Sucht“. Sie bleibt sechs Jahre in der Klinik. „Die Alkoholkranke war am Ende ihrer Kraft und ihres Geldes angekommen, unfähig zu schreiben, unfähig, den Alltag zu bewältigen.“ Nach dem ersten Jahr bekam sie keine Behandlung mehr, da ihr nichts fehlte. Der Chefarzt ließ sie einfach dort wohnen, weil niemand, sie selbst eingeschlossen, wußte, wohin mit ihr.
Irmgard Keun klagte zeitlebens über „irrenhausreife Depressionen“ und Angstzustände.
Sie brauchte den Alkohol, um zu schreiben oder unter Menschen zu sein. Sie konnte weder mit Geld, noch mit sich haushalten. Sie war Autorin von sieben Romanen und vielen kleineren Schriften. Sie wollte die Möglichkeiten ihres Zeitalters voll ausschöpfen. Früh rebellierte sie gegen ihre bürgerliche Herkunft, ohne sich ganz von ihr zu trennen. Sie wollte als Künstlerin und als Frau Anerkennung erlangen. Sie scheint ein Lehrbeispiel zu sein- für den alltäglichen Wahnsinn einer kreativen Frau, die sich innerhalb der Männergesellschaft verwirklichen will.
Der Alkohol legte tiefere psychische Schichten frei, das kommt in Romanen ans Licht. Ihre Protagonistinnen scheinen oft, insbesondere am Romanende, total erschöpft und am Rande des Nervenzusammenbruches. Das Motiv der Flucht kommt häufig vor. In späteren Büchern herrscht Ratlosigkeit, Trauer und Müdigkeit vor. Vor allem die Frauen verstummen. Frauenfeindliche Äußerungen werden immer häufiger.
„Eins ihrer häufigsten Themen ist die Bloßstellung der ’normalen‘ Gesellschaft, ob kleinbürgerliche Spießer oder nationalsozialistische Opportunisten, meist aus der Perspektive einer (pseudo-) naiven Außenseiterin.“ Für Keun war der Gedanke an den Wahnsinn ein häufiger Begleiter. Bestandteil ihres Selbstbildes war das Bewußtsein, „nicht normal“ zu sein. Ihre schriftstellerische Tätigkeit brachte sie mit psychischer Abnormität in Verbindung.

Sie wurde 1905 in Berlin geboren. War eine intelligente, aber undisziplinierte Schülerin, wollte immer was Besonderes sein. Sie war anfangs eifersüchtig auf den Bruder, hatte das Gefühl, nicht genug zu sein. Die Wertschätzung von Männern war Keun immer wichtig.
„Mädchen auf der Suche“ war der Titel einer Rezension ihrer ersten beiden Romane:
Gilgi und Das kunstseidende Mädchen: wollten in der Weimarer Republik was aus sich machen; die traditionelle Hausfrauenrolle kam für sie nicht in Frage. Von 1933-36 war Keun am Rande eines Nervenzusammenbruches; heiratete einen Künstler, der auch viel trank, sie hatte Familien-, Arbeits- und Geldprobleme, ihre ersten beiden Romane kommen auf die erste offizielle „schwarze Liste“.
Keuns Verrücktheit ist eine „normale“ Reaktion auf wahnsinnige Zustände, Kreativität wird im NS-Staat unterdrückt. Künstlerisch sehr produktiv war Keun in der Emigration ab 1936 -1940. Ihr Lebensgefährte wird Joseph Roth, der auch alkoholkrank ist; die Frauen verstummen in ihren Romanen. Sie hatte immer größere Angst, in die Hände der Deutschen zu fallen. Sie fürchtete, in der Zeit der wachsenden Panik wahnsinnig zu werden. Beim Einmarsch der Nazis in Holland tauchte sie unter und kehrte mit falschen Papieren zu ihren Eltern nach Köln zurück. Fünf Jahre lebte sie illegal in Deutschland, unentdeckt von der Gestapo.
Erst nach 1945 fing sie wieder an, zu schreiben. Sie hatte publizistischen Erfolg, zudem bekam sie 1951 eine Tochter. Aber diese und auch nicht die Bemühungen ihrer Freunde konnten ihren Verfall länger aufhalten. Sie war von der Angst und dem Alkohol zermürbt.
1962 wurde sie in das Landeskrankenhaus Düren eingeliefert, vier Jahre später nochmal von 1966- 72. Nach ihrer Entlassung lebte sie zuerst bei einer Freundin und dann in einer Dachstube in Bonn. Sie versuchte zu schreiben, aber es ging nicht. Sie starb am 5. Mai 1982.
Sie hatte sich in vielem der Anpassung verweigert. Trotzdem versuchte sich sich den Erwartungen der männlich definierten Welt anzupassen. Sie sah nicht klar genug, wie sehr die patriachalen Erwartungen und Machtstrukturen sie gegen sich selbst einnahmen. „Sie trank, um sich Mut zu machen, um sich zum Schreiben anzuspornen, um ihre Ängste zu vergessen. Um sich über die Gespaltenheit ihres Daseins hinwegzutäuschen. ‚Jeder Mensch, der trinkt, will sich oder seine Sicht der Welt ändern, was ja aufs selbe rauskommt.`“ (aus Roman Ferdinand)

aus Wahnsinnsfrauen Erster Band, Frankfurt am Main 1994

Dabei geblieben

Rehzi Malzahn aus Köln hat ein interessantes Buch mit 25 Interviews und „Zutaten für ein linkes Überlebenselixier“ vorgelegt. Die radikale Linke stellt eine Jugendbewegung dar. Die Autorin befragte deshalb ältere AkteurInnen danach, wie sie sich in diesem linken Umfeld erleben.
Dabei decken die Gespräche jedoch nur einen kleinen Ausschnitt der älteren Aktiven in der Linken ab. Ostdeutsche Linke und sozialpolitisch Bewegte fehlen fast komplett. Fast alle der Befragten lohnarbeiten, aktueller Hartz-IV-Bezug und Probleme mit Krankheiten spielen kaum eine Rolle. Während meines Erachtens für ältere Außenseiter die linke Szene oft einen Schutzraum bietet, benutzen manche jüngere und fitte Leute die Linke als berufliches Sprungbrett. Mit den Worten des Interviewpartners Wolfgang: „Bei vielen jungen Leuten habe ich das Gefühl, sie benutzen die linke Struktur als einen Durchlauferhitzer auf dem Weg in die eigene Karriere (…).“
Die Älteren blicken oft nostalgisch auf vergangene Zeiten, erinnern sich z.B. der Jugendzentrums- oder Hausbesetzerbewegung. Im Gegensatz zu heutigen jungen Linken, die aus bürgerlichem Elternhaus sind und meistens studieren, ist die soziale Herkunft der Älteren bunt gemischt. Viele sind (klein)bürgerlicher Herkunft, viele aber stammen auch aus Arbeiter- und Gastarbeiterfamilien, kommen vom Dorf, waren Heimkinder oder hatten zum Beispiel ein kleinkriminelles Elternteil.
Samira: „Was heute passiert, ist, dass die Klassenfrage in den Bewegungen systematisch ausgeblendet ist. Die jetzige Generation thematisiert weder, wie viel Einkommen sie hat, noch ihre Existenzängste, ihren Jugendwahn oder ihre bürgerliche Herkunft (…) Ich kann nur jedem Armen abraten, sich in der Linken zu organisieren – aktuell ist er dort verraten und verkauft. Außer, er baut eine Struktur auf, die die Mittelschichtsbürgersöhnchen und -töchter offensiv konfrontiert (…) Ich will jetzt nicht die Unterschicht heroisieren. Aber wenn die bürgerliche Mittelschichtslinke nicht mit ihrer Klasse und ihrer Herkunft bricht, ist sie nicht glaubwürdig.“
Andere beklagen die „szene-moralinsaure Identitätsscheiße“, soziale Kontrolle in der Linken, dass Ältere als Zivilbullen verdächtigt werden, dass sie als Ältere von den Jüngeren nicht ernst genommen bzw. nicht genug wertgeschätzt werden. Andrea: „Ohne Politgruppe wird man wirklich einsam in dieser Szene.“ Aber es sind auch viele optimistische Töne zu vernehmen, insgesamt bietet Mahlzahn eine spannende Lektüre. Die Linke sollte mehr Selbstreflexion betreiben. Unbedingt lesen!

Rehzi Mahlzahn, dabei geblieben, Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen, Unrast Münster 2015, 250 Seiten, 16 Euro

veröffentlicht in der Contraste 4/2016

Armes Hype(zig)

Das Buch „Leipzig“ mit ca. 300 Seiten versammelt vierzehn Artikel – einerseits zu aktuellen Entwicklungen in den Bereichen Wohnungsmarkt, Bildung und Kultur sowie andererseits zu heterogenen Lebenswelten von Muslim_innen, Wohnungslosen, Flüchtlingen, Queers, Neonazis und älteren Menschen.
In Leipzig manifestiert sich exemplarisch eine „neue Ordnung der Stadt“. Mittels einer bürgerlichen Deutungshoheit wurde seit 1990 versucht, eine wirtschaftliche, kulturelle und soziale Hegemonie zu konstituieren. In der verbürgerlichten Form der Urbanität geht es um eine „geordnete und saubere Stadt“, „dessen Befehlscharakter sich in einer sich verschärfenden Ordnungspolitik niederschlägt“.
Leipzig galt vor kurzem gleichzeitig als „Armutshauptstadt Deutschlands“ und als „Boomtown“. Der Größenwahn zeigte sich in der Olympiabewerbung 2012 oder im Hype(zig) um das bessere Berlin.
Sehr lesenswert ist der Artikel zum Medienrummel um Leipzig, das mit „Hypezig“ betitelt wurde. Was mit einem Kontakt einer US-Journalistin zur freien Szene begann, steigerte sich zu einer Medienflut, die ein Zerrbild der Stadt erschuf und schließlich ein offizielles Marketingargument wurde. Von Leipzig wird ein romantisierendes Bild als kostenlose, soziale Utopie gemalt, dabei ist es die Stadt mit den zweitmeisten Hartz IV- Bezieher_innen in Deutschland. In Wirklichkeit geht es um die Erhöhung des Umsatzes in der Tourismuswirtschaft. „Im Jahr 2013 stieg die Zahl der Übernachtungen auf knapp 2,7 Millionen.“
Auch der Artikel zur Gentrifizierung in Leipzig ist sehr aufschlußreich. In dem Beitrag werden vier Phasen der Stadtentwicklung beschrieben. Ostdeutsche Städte weisen Besonderheiten auf. Einerseits wird seit Ende 2011 von Verdrängung und Gentrifizierung in Leipzig gesprochen. Andererseits hat Leipzig noch viele Leerstände und eines der niedrigsten Mietniveaus aller deutschen Großstädte. Heute sind viele Häuser saniert und es findet eine starke Zuwanderung vor allem von jungen Kreativen nach Leipzig statt.
Interessant ist auch der Artikel zur Wohnungslosigkeit, die sich in Leipzig um ungefähr fünf bis sieben Jahre verzögerte, da sich nach der Wende nur ein Bruchteil der Wohnungen in Privatbesitz befand. Mittlerweile aber steigt diese an. In den nächsten zehn Jahren wird sich der Leipziger Wohnungsmarkt für die unteren Einkommensschichten ernsthaft verengen.
Insgesamt ein gelungener Sammelband.

Frank Eckhardt, René Seyfarth, Franziska Werner (Hg.), Leipzig: Die neue urbane Ordnung der unsichtbaren Stadt, Münster 2015 , 18 Euro

veröffentlicht in der Contraste 5/2016

Das große Schweigen

Aus dem Buch „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“ von Julia Friedrichs, Berlin 2015

Über Erbschaften wird nicht geredet. Die jährliche Erbsumme wird auf 250 Milliarden Euro geschätzt. In einem Land, wo alles erfasst ist, gibt es keine behördlichen Zahlen zur Gesamtsumme der Erbschaften und Schenkungen. Ulrike Herrmann schreibt in der taz: „Die Reichen haben viel Lobbyarbeit investiert, um eine verlässliche Statistik zu verhindern. Sie wissen genau, dass eine Verteilungsdiskussion nicht geführt werden kann, wenn die Daten fehlen.“ 250 Milliarden im Jahr- das sind „fünfmal so viel wie die Gesamtausgaben für alle Hartz IV- Empfänger und die sie versorgende Verwaltung.“ Eine gewaltige Erbschaftswelle. Aber: „Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen ein mickriges Prozent des Vermögens, die reichere Hälfte statte 99 Prozent.“ Über die Hälfte der Menschen wird nichts oder Schulden erben. Innerhalb der EU ist Deutschland damit unrühmlicher Spitzenreiter in der Vermögensungleichheit. „Westdeutsche Akademiker werden größere Summen erben. Ostdeutsche und Kinder von Arbeitern, von kleinen Angestellten oder Arbeitslosen im Normalfall nicht oder kaum.“ Manche sprechen von einem „feudalistischen Kapitalismus“. Denn es ist das „Prinzip der Abstammung. Reich wird, wer in die richtige Familie geboren wird.“ Die Generation derer, die in den 70er und 80er Jahren Geborenen, sei die erste, wo Erben wichtiger als das Arbeitseinkommen sei. Im Alltag werde spürbar, wer Erbe sei und wer nicht. Julia Friedrichs hat mit Erben gesprochen. Da ist der 41jährige Komponist, der sich mit dem Geld seines Vaters eine Wohnung innerhalb einer Baugruppe für fast eine halbe Million Euro kauft und meint, er hätte es nicht verdient. Sein Leben werde von einem schützenden Netz gehalten, aus dem Geld seines Vaters. Die gut gebildete Mittelschicht sei verängstigt, da werde das ererbte Netz wesentlicher. Seit den 1980er Jahren sei die Chance, aufzusteigen, deutlich geringer geworden, so Elitenforscher Michael Hartmann. Heute finanziert oft das alte westdeutsche Geld das Großstadtleben der Kinder. „Es ist ein Leben von Gnaden der Vorgängergeneration.“Da ist Beate, die über das Erbe, das geheime Konto schweigt. Fast niemand weiß davon. Sie findet erben undemokratisch. Und ihr Konto wurde praller und praller. Ihr Mann kommt aus dem Osten, das Erbe dessen Vaters, der Arzt war, ist dagegen überschaubar. Zwischen Ost und West sind die Erbsummen sehr ungleich verteilt.
Der Spiegel schreibt im Mai 2014: „Deutschland ist eine Steueroase für Erben.“ Im Schnitt werden Erbschaften mit gerade einmal zwei Prozent besteuert. Nach 1996 wurde die Vermögenssteuer abgeschafft. 2009 sackte der Steuersatz auf Kapital von maximal 42 Prozent auf 25 Prozent ab. Seitdem verschiebt sich das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Vermögen. Es sind angenehme Zeiten für Reiche. Eine politische Entscheidung. Die Reichen lernen ihre Abneigung gegen Steuern bereits in der Kindheit. Nur fünfzig Reiche unterzeichneten einen Appell deutscher Wohlhabender für höhere Steuern. Da ist ein Familienunternehmer, für den erben Naturgesetz ist. Aber um jede fünfte Erbschaft tobt ein heftiger Kampf. Um Erbschaften im Wert von mehr als 100 000 Euro wird in mehr als jedem vierten Fall gestritten. Ein Drittel der Erben ist inzwischen über sechzig. Mit knapp unter siebzig sind die Deutschen im Durchschnitt am reichsten. „Der Kampf um das Geld der alten Menschen wird härter. Sobald klar ist, dass etwas zu holen ist, kommen die Ratten aus ihren Löchern.“, sagt eine Betreuerin. Aber auch die Betreuer machen ein Geschäft, wie auch die Nachlassverwalter, deren Zahl wächst. Der Beruf der Nachlassverwalter ist nicht geschützt, wie der der Betreuer. „Vor gut zehn Jahren gab es in Deutschland 420 000 Menschen, die behördlich bestellte Betreuer hatten. 2013 waren es 1,3 Millionen. Allein der Staat zahlte den Betreuern über 600 Millionen Euro, mehr als hundertmal so viel wie noch 1995.“ Auch die rechtliche Betreuung biete Möglichkeiten für Betrug und Korruption. Da die Zahl der erbrechtlichen Streitigkeiten zumimmt, sei das Ganze auch ein Geschäft für Anwälte. Das Erbrecht ist für Anwälte relevanter geworden. Die Erbstreitigkeiten führen auch zu Tötungen, wie Julia Friedrichs es u.a. in dem Kapitel „Wenn die Kinder töten“ beschreibt. Der Sohn eines Multimiliardärs versucht im Gespräch eine Botschaft zu vermitteln:“ Ich bin mehr als ein Sohn reicher Eltern. Ich habe aus eigener Kraft etwas erreicht. (…) Er sagt:‘ Ich weiß, dass es im Leben nur Sieger und Verlierer gibt. Die Entscheidung, auf welcher Seite man steht, liegt allein bei einem selbst.’“ Er ist Privatier, sein Lebensinhalt besteht in seinem Boot. Götz Werner dagegen eröffnete 1973 das erste Geschäft. Heute hat dm 2900 Filialen in zwölf Ländern. Sein Privatvermögen wird auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Sein Geld hat er in eine Stiftung gesteckt, seine sieben Kinder bekommen nichts. Er entzieht seine Firma dem Zugriff der Nachkommen. Thomas Piketty schrieb, dass Erbschaften wieder eine bedeutende Rolle im 21. Jahrhundert spielen werden. Die Generation der ab den 1970er Jahren Geborenen werden eine Gesellschaft erleben, die sich zwischen der Rentier-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und der meritokratischen Gesellschaft des 20. Jahrhundert befindet. Der vererbte Reichtum wird den erarbeiteten Wohlstand bei weitem übertreffen. Das ererbte Vermögen wird für die ab den 1970er Jahren Geborenen eine Bedeutung haben, die wir seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr erlebt haben. „Die Erbengesellschaft des 21. Jahrhunderts wird nicht die alte Feudalgesellschaft sein, aber auch nicht mehr die recht nivellierte Mittelschichtsgesellschaft der Nachkriegsjahre.“ Es werde etwas Neues entstehen. Der Direktor des Max-Planck- Instituts für Gesellschaftsforschung Jens Beckert beobachtet eine Entsolidarisierung der Wohlhabenden:“ Mit dem Versuch, den eigenen Nachwuchs durch Vermögensvererbung vor den Wechselfällen des Marktes zu schützen, reagiert die obere Mittelschicht auf soziale Bedingungen steigender sozialer Unsicherheit.“ Der Nachwuchs wird also gefördert. Das beginnt schon mit der Babykleidung. Es wächst die Bereitschaft, kleine Kinder teuer einzukleiden. Der Markt für Luxuskinderkleidung hat sich seit einigen Jahren rasant entwickelt. Kinderfeste, die von Agenturen organisiert werden, sind zum Statussymbol geworden. Und die Kinder der Eliten müssen natürlich in ein Internat gehen. Es sei eine Flucht von gutsituierten Eltern aus dem deutschen Schulsystem zu beobachten. „Der Anteil der Schüler, die auf eine private Schule gehen, hat sich in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre mehr als verdoppelt, inzwischen ist es jeder elfte.“ Lange gab es ein stilles Übereinkommen, dass Bildung nichts kosten darf, weil es ein elementares Gut sei, dass nicht vom Geld der Eltern abhängig sein darf. „Wenn aber hervorragende Bildung Teil des Erbes von Kindern aus gutem Hause ist, wenn sie ein immer kostspieligerer Baustein des Nachlasses ist, ist auch auf dieses Versprechen kein Verlass mehr.“ Deutschland ist auch auf dem Weg in ein Stifterland. Seit 2001 hat sich die Zahl der rechtsfähigen Stiftungen verdoppelt, 2013 waren es 20 150. Der Staat subventioniert Stiftungen mehr als Spenden. In mehreren Reformen hat er das Stiften steuerlich begünstigt. Die Stiftungen schalten und walten, wie sie wollen. Es ist ein Stück Entdemokratisierung. Die Stifter können statt Steuern zu bezahlen selbst bestimmen, wem sie Gutes tun und wem sie es verweigern. Wie bei der Götz Werner- Stiftung fehlt oft die Transparenz. Auch Netzwerke sind in diesen Kreisen bedeutsam, wie Julia Friedrichs es im Fall Neckermann aufzeigt.
Am Schluß wird Julia Friedrichs in dem Buch von der „Sorge vor der Macht des alten Geldes“ befallen. Auch Piketty spricht von einem „spektakulären Reicherwerden“ der älteren Kohorten. Der Soziologe Heinz Bude: „Nichts ist ungünstiger und unangenehmer für den Bewegungscharakter einer Gesellschaft als die Herrschaft gebildeter Rentiers.“ Und der Psychologe Stephan Grünwald: „Wir leben in einer Zeitenwende. Die Ängste vor dem Verlust unserer bisherigen Lebensweise überwiegen derzeit die Neugier, die Zukunftslust und die Entwicklung neuer Visionen. Das Schöpferische scheint mir momentan lahmgelegt.“ Man müsse doch dagegensteuern durch eine hohe Erbschaftssteuer.
Und befragt Politiker. Die CDU-Frau sagt, das Vermögen sei dann ganz schnell im Ausland. Und der Anreiz zu sparen, sei dann geringer. Die Grüne: „Erben ist eine absolut leistungslose Angelegenheit (…) Es ist die Gnade der guten Geburt.“ Bei der Erbschaftssteuer sei die Sorge bei den Menschen, das zahle ja jeder. Es gebe Interessen, die verhindern, dass Zahlen zu Vermögen und Erbschaften erfasst und veröffentlicht werden. Und bei den Grünen seien überdurchschnittlich häufig wohlhabende Akademiker. Die erben gut. Da ist es schwierig.
Der SPD- Mann. Es sei eine Vorform der Dekadenz, wenn sehr viele Menschen ohne eigenes Zutun ein großes Vermögen erlangen. Das würde ihr Verhalten ändern. Es gebe eine Steigerung des privaten Reichtums und der öffentlichen Armut. Die meisten Leute würden aber denken, sie erben. „Dieses Irrationale macht es uns schwer.“ Für ihn hat das etwas mit der Medienkonzentration zu tun, die Medien sind in wenigen Händen reicher Familien. Das Thema sei medial nicht leicht umzusetzen. „Aber der Boden für eine Veränderung ist in unserer Gesellschaft nicht bereitet. Die Panik vor Erbschaftssteuern ist so groß.“ Bleibt noch der Linke: „Früher war es viel einfacher, sich ein Vermögen zu erarbeiten. (…) Es gibt da Solidarisierungseffekte von Menschen, die meinen, dass sie von einer Erhöhung der Steuer betroffen wären, die es gar nicht sind (…) Auf jeden Fall gibt es eine schiefe Solidarität.“ Die Wählerschaft der Linken altert. Sie will also die Alten verschonen. Und schreit nach dem Geld der ganz Reichen. „Ein mutiges Konzept.“ „Man muss die Gesellschaft so nehmen, wie sie ist.“, sagt der Vertreter der Linkspartei und wirkt dabei müde.
„Um die Gesellschaft zu verändern, braucht man kleine Schritte.“, sagt er zum Schluß.
Piketty hatte geschrieben, ein radikaler Wechsel der Politik im Hinblick auf Privatvermögen und Erbschaften sei eine realistische Option…