Stunk!

Die Armen rücken zusammen
die Reichen machen sich breit
warum gibt es keine Flammen
wann ist es bald so weit

Die Armen werden obdachlos
die Reichen bauen sich nen Palast
wann wehrt ihr euch bloß
befreit euch aus dem großen Knast

Die Armen schuften für Nichts
die Reichen füllen sich die Taschen
ihr auf alles verzichts
was seid ihr für Flaschen

Die Armen sitzen vor der Glotze
die Reichen machen auf Kultur
scheißt auf dieses Geprotze
gebt ihm eine Abfuhr

Die Armen werden früher krank
die Reichen treiben Fitness und Sport
euer Geld reicht nur halblang
ergreift doch einfach mal das Wort

Die Armen saufen sich zu Tode
die Reichen baden im Sekt
macht doch nicht mit bei jeder Mode
wovor ihr euch nur versteckt

Die Armen leben im Elend
die Reichen im Prunk
dass ihr Aliens endlich wegrennt
sonst gibt es von uns Stunk

Stunk! Stunk! Stunk!

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Die Verwertbarkeit der Körper

Das Buch „Lookismus“ ist mit 86 Seiten als kleiner Sammelband in der Reihe „unrast transparent“ erschienen. Nach einer Einführung geht es im ersten Teil um eine multiperspektivische Betrachtung diskriminierender Mechanismen – um Abwertungen aufgrund von „Körperfett“, Behinderung, wegen der Körpergröße oder Transgeschlechtlichkeit. Im zweiten Teil werden Empowerment-Konzepte und -praktiken vorgestellt. Im Vorwort heißt es: „Lookismus beschreibt also Diskriminierung von Personen, deren Körper von gesellschaftlich gesetzten Normen auf vielerlei Weise abweichen.“

Bereits beim Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft entwickelte sich ein neues Verständnis von Körpern und Körperlichkeit. „Der Körper wurde zu einem Produkt, das individuell gestaltet und verbessert werden kann“, so die Autor*innen Philppe Greif und Nadine Sarfert. Mit dem Neoliberalismus veränderten sich die Anforderungen an die Körper und Körperlichkeit noch stärker. Der Körper stellt nunmehr einen Rohstoff der Selbstoptimierung dar. Mit den Hartzreformen wurden zwar die Straf- und Kontrollmaßnahmen ausgebaut, es geht jedoch in erster Linie darum, die disziplinierende Instanz in die Individuen hinein zu verlagern. Die Betonung von Selbstkontrolle führt zu einer „Individualisierung von gesellschaftlichen Problemlagen und hat eine Entproblematisierung sozialer Ungleichheit zur Folge“, schreiben Greif und Sarfert.
So passen Körper jenseits der gesellschaftlichen Schlankheitsnorm nicht zum Bild des flexiblen und leistungsfähigen sowie leistungsbereiten Menschen.

Die gesellschaftliche Konstruktion von „Problemkörpern“ und negative Klassenzuschreibungen gehen oftmals Hand in Hand. Die Mittelschicht ist zunehmend verunsichert, hat Abstiegsängste und grenzt sich von der „Unterschicht“ ab. „Dick“ – und damit „faul“ und „dumm“ – zu sein sei gleichbedeutend mit der Zugehörigkeit zur Unterschicht. Das körperliche Erscheinungsbild sei das Ergebnis selbst zu verantwortender Wahl. Vom Körper oder einzelnen Körperbereichen wird auf die Persönlichkeit, den Habitus, die Leistungsfähigkeit und umgekehrt geschlossen. Mit der Stereotypisierung bestimmter Verkörperungen lassen sich einfache Feindbilder schaffen.
Der Körper stellt eine Arena für gesellschaftliche Kämpfe dar. Die Ablehnung hegemonialer Schönheitsnormen verkehre sich oft in eine szenespezifische Gegennorm, die nicht minder ausschließend und abwertend wirke, so Corinna Schmechel. Ein exemplarisches (Self-)Empowermentprojekt ist das „Projekt L“. Es befasst sich als eines der ersten in Deutschland im Internet (lookism.org) mit dem Thema Lookismus. Weitere Infos : http://www.lookism.info

Darla Diamond, Petra Pflaster, Lea Schmid (Hg.), Lookismus, Normierte Körper – Diskriminierende Mechanismen – (Self-)Empowerment, Münster 2017, 7,80 Euro

(Erstveröffentlichung Contraste 10/2017)

Perspektivenwechsel

Die Kulturwissenschaftlerin Peet Thesing hat ein wertvolles Buch in die Debatte eingebracht, es ist eine Einführung in das Thema „Feministische Psychiatriekritik“.
In sechs Kapiteln werden die Themen „psychische Krankheit“, Diagnosen, psychiatrische Zugriffe, patriarchale Verhältnisse, Recht auf Selbstbestimmung und Handlungsmöglichkeiten erörtert. Wer ernst genommen werden will, muss sich vom „Verrückten“ abgrenzen, so die Autorin. Die Pathologisierung von Wahrnehmung, Denken und Verhalten sei alltäglich. Es gibt nach Thesing verschiedene psychiatriekritische Positionen: zunächst die Normalisierung, eine andere Position richtet sich vor allem gegen die Psychopharmaka-Industrie, Zwangsmaßnahmen und die Institution der Psychiatrie. Eine dritte Position lehnt das Konzept „psychische Krankheit“ ab, wobei es einen neoliberalen Zweig, die Menschen seien nur zu faul, und den folgenden Zweig dieser Kritik gibt. Peet Thesing schreibt: „Der andere Zweig, und hier verorte ich dieses Buch, kritisiert ebenfalls das Konzept `psychische Krankheit`, aber aus anderen Gründen: weil damit grundlegende gesellschaftliche Probleme verdeckt werden. Dieser Zweig besteht auf dem Recht auf Wahnsinn ebenso wie auf politischen Analysen der Gesellschaft.“
Thesing stellt fest: „Die Grenzziehung zwischen gesund und krank in Frage zu stellen, ist eine der wichtigsten Grundlagen von feministischer Psychiatriekritik.“ Basis jeder Hilfe sei die Krankheitseinsicht. Selbstpathologisierungen würden aber dazu beitragen, die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Der Alltag ist zunehmend mit psychologischen Denken durchdrungen, so die Autorin. Sie fordert dagegen einen Perspektivenwechsel, nämlich auf die gesellschaftskritische Perspektive. Peet Thesing schreibt: „Durch eine Verschiebung der Diskussion auf das mangelnde eigene Können (durch ‚psychische Krankheit‘) verliert das Wollen an Bedeutung (…) Dabei liegt das emanzipatorische Potential doch eigentlich in der bewussten Verweigerung, sich den Verhältnissen unterzuordnen und in der Entscheidung, auch im Alltag Widerstand zu leisten.“
Als Alternativen benennt Thesing: die Abschaffung des psychiatrischen Zwangssystems, wobei Patient_innenverfügungen und Willensbekundungen hilfreich seien, sowie betroffenenkontrollierte Projekte. Es braucht Orte des Rückzugs, Orte zum Ausbrechen. Ein wichtiger Schritt sei, Communitys zu schaffen. Auch ohne psychiatrische Diagnosen sollte es solidarische Unterstützung geben. Das Nicht-Wollen könnte politisch in den Vordergrund rücken. Vieles in dem Buch wurde von der Autorin nur kurz angerissen, trotzdem ist es ein gute Grundlage für viele spannende Diskussionen.

Peet Thesing, Feministische Psychiatriekritik, unrast-Verlag, Münster 2017, 82 Seiten, 7,80 Euro

(Erstveröffentlichung in Contraste 11/2017)