Der Hunger Teil 7

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martín Caparrós , geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

„Die Vulgarität von Menschen, die viel besitzen und schamlos wegwerfen, was andere händeringend benötigen, ist für alle Formen der Wahrnehmung abstoßend. (…) Das ist ein Buch über die extremste Form des Hässlichen, die ich mir vorstellen kann. Es ist ein Buch über den Ekel- den wir empfinden sollten für das, was wir getan haben; und falls wir uns davor nicht ekeln, sollten wir schon allein deshalb Ekel empfinden. Heimlich, still und leise häuft der Ekel sich an.“

„Alle vier Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger, Unterernährung und damit verbundenen Krankheiten. Siebzehn jede Minute, jeden Tag 25 000, mehr als neun Millionen pro Jahr.“

Nur der Hunger hat in dieser Erzählung Ursachen, nicht die Armut. Denn die Regierungen, Experten, die Politiker mit ihrem Dauerlächeln, millionenschwere Stiftungen und internationale Organisationen wiederholen gebetsmühlenartig folgende Mantras:
Es liege an den Naturkatastrophen.
Es liege an den Böden, die seien ausgelaugt. Der Klimawandel werde die Verhältnisse weiter verschlimmern.
Es liege an der Anzahl gewaltsamer Konflikte.
Es liege daran, dass die landwirtschaftliche Infrastruktur nicht ausreiche.
Es liege daran, dass die Regierungen der armen Länder korrupt seien.
Es liege an der Armutsfalle, die Bauern hätten kein Geld für Saatgut, kein Land, kein Wasser, keine Bildung. Viele arme Menschen hungern, und ihr Hunger halte sie in der Armutsfalle gefangen.

In den offiziellen Berichten hat Armut keine Ursachen, lediglich Wirkungen.

„Gleichzeitig sind sich alle Organisationen, Fachleute und Regierungen, die sich mit dem Thema befassen, in einem Punkt einig: Die Erde liefert mehr als genug Nahrung, um all ihre Bewohner zu ernähren- und sogar noch vier oder fünf Milliarden mehr. Das Scheitern einer Zivilisation. Das andauernde, brutale, schändliche Scheitern einer Zivilisation. Unterernährt, überflüssig, Abfall.“

„Es gibt Hunderte Millionen von Menschen, von denen die kapitalistische Maschinerie gar nicht mehr weiß, was sie mit ihnen anfangen soll. Sie braucht sie nicht. (…) Der technische Fortschritt macht immer mehr Menschen arbeitslos, sorgt dafür, dass sie hinten runterfallen. Und dennoch geht es nicht darum, die Technik als solche zu verdammen, sondern zu hinterfragen, was die, die sie kontrollieren, damit machen. Man kann Technik immer so und so einsetzen: Im gegenwärtigen System geht es allein darum, noch mehr Geld abzugreifen.“ Man könnte die Technik aber auch dazu benutzen, alle mit dem Notwendigen zu versorgen. „Das Problem ist nicht der technische Fortschritt an sich, sondern wer ihn kontrolliert. Es ist ein politisches Problem.“

„Wegen der Technisierung der Landwirtschaft und der Konzentration in der Branche ist die Welt heute voller Menschen, für die das globale Business keine Verwendung hat.“ Vor allem kleine Bauern werden verdrängt. Es gibt Methoden, die Böden effizienter zu nutzen. Weil die existierenden Äcker mehr Erträge abwarfen, nahm die Menge der verfügbaren Nahrung zu.

„Die reichen Länder stoßen nun jedoch allmählich an eine Grenze und suchen neue Räume in fernen Regionen. Die Sache ist nur, dass diese Räume besiedelt sind- das alte Problem. Die Bewohner sind ein Störfaktor: Man weiß nicht, wohin mit ihnen, ist genervt; man versucht, sie loszuwerden, um das Land zum eigenen Vorteil zu nutzen. Damit die Welt mehr Nahrung produziert- von der so viel übrig bleibt, dass man auch sie locker damit ernähren könnte-, müssen die Überflüssigen verschwinden: Sie haben keinen Platz in diesem Modell der Konzentration und der Entwicklung.“

„In einer Gesellschaft, in der die Individuen sich über ihre Ausbildung und ihren Beruf- also über ihre Arbeit- definieren, bedeutet Arbeitslosigkeit, dass man keine funktionale Identität mehr hat. Oder anders gesagt: Diese Menschen verfügen über eine Identität, die durch einen Mangel definiert ist: Es sind diejenigen, die keinen Platz bzw. keine Funktion haben und die keiner mehr braucht.“

„Die Andere Welt, das sind die Länder, in denen ein Viertel oder mehr der Bevölkerung überflüssig ist. Es sind keine Proletarier- Rädchen, die die Maschine am Laufen halten-, sie sind Abfall. Sie sind Abfall, von dem keiner weiß, was er damit machen soll. Oder man weiß es, traut sich aber nicht.“

Im Verlauf der Geschichte gab es immer wieder „Regulatoren“, über die das Gleichgewicht hergestellt wurde: Kriege, Epidemien, Dürren, Hungersnöte etc. So wurden die Bevölkerungsüberschüsse gekappt. Durch den technischen Fortschritt greifen diese „Regulatoren“ nicht mehr.

„Die Überflüssigen werden nicht entsorgt, sondern in einer tristen Vorhölle geparkt. Und gleichzeitig machen sie Angst. Ein bisschen Angst: Es sind zu viele Millionen, und sie rühren sich, sie setzen sich in Bewegung. Werden sie irgendwann zu einer Bedrohung werden? Wann? Wie? Wie oft? Welche Schwierigkeiten müssen die Reichen noch bekommen, wie groß müssen die finanziellen Probleme noch werden, bis sie ernsthaft anfangen, darüber nachzudenken, ob sie sich den Luxus wirklich leisten können, die ganze nutzlose Bagage durchzufüttern? Das Geld für „Hilfsprogramme“ und „Kooperationen“ wurde bereits stark gekürzt: der Beginn einer Gegenbewegung. Und wenn sie fortschreitet, sich ausbreitet, was wird der „humanitre Diskurs“ dann noch für eine Rolle spielen? Wie schwierig wird es letztendlich sein, die Überflüssigen zu Terroristen zu stilisieren, zu einer Bedrohung für die schönen Seelen, und damit anzufangen, sie einfach umzubringen? Also sie bewusst und systematisch zu töten. Nicht so planlos und unkoordiniert wie heute. Die Hungernden sind die Überflüssigen par excellence, und die Eliminierung der Überflüssigen ist die logische Konsequenz dieses Entwicklungsmodells. Was nicht heißt, dass es zwangsläufig so kommen muss. Nur wenn es uns nicht gelingt, das Ganze aufzuhalten.“

„Es müssen Leute sterben, weil die Erde- darauf insistieren sie- im Jahr 2050 unmöglich neun Milliarden Menschen ernähren kann. Was sie meinen, ist, dass die Erde dann nicht länger eben mal genug hergeben wird, damit einige nach Herzenslust schlemmen können- und hinterher die Hälfte wegzuwerfen. Noch einmal: Das Problem besteht nicht darin, dass wir so viele sind; es besteht darin, dass so viele leben, als seien sie allein auf der Welt.“

Was wäre wenn jene verschwänden: Die 10 Prozent, die 700 Millionen, die 80 Prozent des weltweiten Vermögens horten. Oder das eine Prozent, also jene 70 Millionen, die auf 40 Prozent des Reichtums hocken.

Diese Unmenge an Überflüssigen wäre nie entstanden, wenn die Regierungen nicht so schwach wären, die längst nicht mehr regieren. „Die Wirtschaft hat sich globalisiert, die Politik nicht. Die Konzerne scheren sich nicht länger um nationale Gesetze, die schwachen Regierungen haben keine Handhabe gegen sie. Das weltweite Ernährungssystem ist ein Produkt und ein Abbild dieser neuen Welt, in der die Unternehmen global agieren und überall tun und lassen können, was sie wollen, während die Staaten durch ihre nationalen Grenzen und andere Unzulänglichkeiten gelähmt sind.“

„Der globalisierte Kapitalismus hat seine politische Form bislang nicht gefunden. Die Nationalstaaten sind noch da, haben aber nicht mehr viel zu sagen.“

„Für mich geht es sehr wohl um Ideologie: darum, dass es in dieser Welt keine Arme mehr geben soll. Nicht darum, ihnen noch ein paar Krümel mehr zu geben, Krümel in ausreichenden Mengen. Und das ist zweifellos eine Ideologie. Deshalb läuft ja diese Schmutzkampagne gegen die Ideologien: Wer Veränderungen bewirken will, muss diese auch wollen, braucht Ideen- eine „Ideologie“.“

Denn es ist ebenfalls eine Ideologie, dass es Hunger auf der Welt gibt, obwohl genügend Nahrung produziert wird. „Die so tun, als wäre sie keine, die sich als Natur präsentiert….“

„Das Problem ist, dass wir in einer Zeit ohne Zukunft leben. Oder schlimmer: einer Zeit, in der die Zukunft eine Bedrohung darstellt.“

„Wir dachten, wir hätten uns endgültig von der Religion befreit. Ihre Rückkehr ist einer der härtesten Rückschläge der letzten Jahre (…) Wir kehren zur ältesten Form der Zukunft zurück: der unveränderlichen (…) Es gibt- fast- keine Hungernden, die Atheisten sind. Was würde wohl geschehen, wenn es sie gäbe?“

„In den letzten Jahrzehnten hat das Scheitern des „Sozialismus“ die Vorstellung zunichtegemacht, dass es so etwas wie Alternativen gibt (…) Der hegemoniale Mythos: Unsere Gesellschaften werden auf ewig ungefähr so bleiben, weil es keine Alternative gibt.“ Es ist eine Zeit ohne jede Zukunftsvision.

„Aisha und ihre zwei Kühe. Die extremste Form der extremen Armut ist die Zukunftsarmut: es gibt keine schlimmere Form der Enteignung, ihr Elenden.“

„Was mich immer wieder am meisten überrascht, ist, dass sie nicht aufbegehren: dass sich jeder Einzelne von ihnen, dass Abermillionen von Menschen sich aushungern, brutal ausnutzen, belügen und auf die unterschiedlichsten Weisen misshandeln lassen, ohne darauf so zu reagieren, wie sie sollten- wie ich, wie einige von uns glauben, dass sie reagieren sollten. Oder eben im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Dazu dienen die Welten ohne Zukunft, die nichts kennen jenseits des Hier und Jetzt. Die beiden Kühe. Früher nannte man das mal Ideologie. Die Ideologie, das sind die zwei Kühe von Aisha: Formen, Grenzen des Begehrens.“

„Sich seines Verstandes zu bedienen, etwas wissen und verstehen zu wollen, wird heute eher belächelt- oder gar als schädlich betrachtet; als Bürde in einer Wirklichkeit, die sich als einzig gültige Wahrheit ausgibt und in der kein Raum ist für Träume und Wünsche.“

„Vor fünfzig Jahren glaubten wir noch- ob zu Recht oder nicht-, wir seien zu großen Heldentaten fähig. Jetzt nicht mehr, und das ist traurig. Die Dummheit durchdringt oft viel mehr, als wir uns eingestehen wollen, und nur wenige Dummheiten waren wirkungsvoller: Man hat uns davon überzeugt, links zu sein- die Welt verändern zu wollen-, sei etwas Archaisches, ein Anachronismus. (…) Es geht nicht länger allein darum, gewissen Mächten die Stirn zu bieten oder gegen starrköpfige Positionen anzudiskutieren; man muss auch mit den nachsichtigen oder gar bedauernden Blicken von Freunden und Verwandten fertig werden, die sich um den Trottel sorgen, der denkt und ausspricht, was nicht länger angesagt ist, und etwas tut, was sich nicht mehr schickt. Ich lerne es einfach nicht. Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass dieses Leben alles sein (…) Sich einem grandiosen Ziel zu verschreiben ist eines der wenigen bekannten Gegenmittel gegen die Banalität des Lebens. (…) Vielleicht erwarte ich zu viel, aber es vergeht kein Tag, an dem ich mich frage, wann endlich die Zukunft zurückkommt. Noch einmal wollen, noch einmal scheitern- nur besser.“

„Noch einmal wollen, sich noch einmal irren. Ich glaube, ich bin wütend auf diese Zeit, und der Hunger ist der Inbegriff all dessen, was mich wütend macht. Ich glaube, Wut ist die einzig interessante Beziehung, die man zu seiner Zeit haben kann.“

„Der Hunger ist, wie gesagt, die dümmste, die extremste Form: ein Schrei für taube Ohren, eine Metapher für jene, die sich unwissend stellen. (…) Wir sind die anderen. Es ist unwahrscheinlich- sehr unwahrscheinlich-, dass ein Leser dieses Buches zu den Millionen gehört, die nicht genug zu essen haben, genauso wie es unwahrscheinlich ist, dass irgendeiner dieser Millionen Menschen dieses Buch liest.“

„Der Hunger war häufig der Ausgangspunkt für Revolutionen (…) Deshalb macht der Hunger Angst, deshalb schicken sie Getreidesäcke (…) Was man über die Verzweiflung hinaus für wahren Wandel- eine Revolution?- in erster Linie braucht, ist eine Idee (…) Ein Plan, ein Konzept, macht den Unterschied.“

„Aber es sind auch faszinierende Zeiten: reines Suchen. Es gibt nichts Aufregenderes und nichts Beängstigenderes, als zu suchen.“

„Ein neues Paradigma ist immer das Undenkbare.“

„Ich bin viel herumgekommen in der Welt, und meine Verzweiflung wächst mit jeder Reise weiter. Und doch glaube ich immer mehr an die Macht der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit (…) Es gilt darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, die uns nicht mit Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit erfüllt- und nach Möglichkeiten suchen, wie man das erreichen kann.“

„Es kann Jahre dauern, Jahrzehnte, Jahre voller Fehler und Katastrophen und wer weiß was noch. Zwei Zeilen, die Geschichte vom Leben und noch mehr Leben. Die Rückkehr der Geschichte.“

Martín Caparrós , Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

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