Der Hunger Teil 2

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

Laut Oxfam- Bericht vom Januar 2015 besaßen ein Prozent der Weltbevölkerung knapp die Hälfte des globalen Vermögens. Also 70 Millionen Menschen besaßen soviel wie die übrigen 7 Milliarden Menschen. Die 80 reichsten Menschen besaßen genau so viel wie die 3,5 Milliarden ärmsten Menschen. Inzwischen macht die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich auch Herrschenden Sorge. Denn wenn diese Ungleichheit weiter wachse, könnte das die Rufe nach Veränderung stärken und zu politischen Ergebnissen führen. So heißt es Ende 2012 im Economist: „Der Kommunismus wird nicht wieder aufleben. Aber es gibt noch etliche schlechte Ideen da draußen.“
Warren Buffett, der drittreichste Mensch der Welt, sagte 2011: „Zwanzig Jahre lang hat ein Klassenkampf getobt, und meine Klasse hat gewonnen.“
2009 überschritt die Zahl der Unterernährten erstmals in der Geschichte die plakative Marke von einer Milliarde. Im Herbst 2008 brachen Banken zusammen und die Regierungen brachten innerhalb weniger Monate drei Billionen Dollar auf, um diese zu retten. Die Hungernden vergaßen sie. Während die Banken für die Aufrechterhaltung des Systems unerlässlich sind, sind die Hungernden eher ein Klotz am Bein. Die Staaten sind den Reichen hörig, die Armen sind überflüssig.
Während der 11. September 2001 mit fast 3000 Toten dazu diente, eine massive Verschärfung der sozialen Kontrolle und Repression zu rechtfertigen, erfüllen die 25 000 täglich Verhungernden oder an den Folgen des Hungers Sterbenden keinen Zweck, den man öffentlich kundtun könnte. Dagegen ist das gleiche Recht für alle, täglich zu essen, ein bescheidener Anspruch.

Argentinien: Der Müll

„Gerade in Argentinien hatten die Armen während eines Großteils des 20. Jahrhunderts einen Platz: als Arbeiter. Der industrielle Kapitalismus brauchte sie (…).“ Die Gesellschaft wusste noch, wozu die Armen nützlich waren. Als Argentinien in ein „Sojaparadies“ umgewandelt wurde, wurden gleichzeitig Millionen Menschen arbeitslos, nutzlos, überflüssig.
„Was sie damit jedoch erreicht haben, ist, dass die Bedrohung durch die organisierte Gewalt der Arbeiterschaft durch die desorganisierte Gewalt der Slumbewohner abgelöst wurde: eine individualisierte, chaotische, unvorhersehbare Gewalt, die sich in alle möglichen Richtungen entladen kann. Und jetzt beklagen sie sich. (…) Der Ausschluss der Armen hat die Gewalt geschaffen- die fundamentale Gewalt, die darin besteht, kein Ziel, keine Zukunft zu haben.“

Diese Gewalt entlädt sich auch auf der Mülldeponie in Jose Leon Suarez. Wenn sich einmal am Tag für eine Dreiviertelstunde die Schranke öffnet, laufen die Menschenmassen auf den riesigen Abfallberg zu, der von Polizisten bewacht wird. „Es ist eine individuelle Arbeit: jeder für sich. Oder besser gesagt: purer Wettbewerb.“ Die Stadt Buenos Aires produziert täglich 6500 Tonnen Abfall. Es herrscht bestialischer Gestank. Die Umgebung der Deponie wurde nach und nach besiedelt. Das Müllsammeln ist eine Einnahmequelle. Jose, ein Müllsammler sagt: „Nicht nur, dass sie alles wegwerfen, sie fahren auch noch mit der Planierraupe drüber, um es endgültig ungenießbar zu machen. Und wir müssen in den kümmerlichen Resten rumwühlen. Die Supermärkte schmeißen das weg, um die Versicherungssummen zu kassieren, nicht weil es schlecht oder abgelaufen wäre. Das ist ein großes Geschäft mit dem Müll. Alles ein einziges Geschäft.“
Etwa die Hälfte der weltweit produzierten Nahrung wird gar nicht verzehrt. „In den reichen Ländern verdirbt die Ware in den Kühltruhen oder Regalen der Supermärkte, den Lagern der Restaurants, vor allem aber in den Kühlschränken und Speisekammern der Verbraucher.“ Dreißig bis fünfzig Prozent der gekauften Waren werden weggeworfen. Eine Auswirkung des Überangebotes. Was einigen fehlt, haben andere im Überfluss. Bei den Müllsammlern ist es der Kampf ums Überleben. Der Müllsammler Jose sagt: „Das nenn ich verkehrte Welt, mein Freund. Anstatt es den Leuten zu geben, werfen sie es hier auf die Deponie, nur damit die Preise nicht sinken.“
Maria beginnt um 8 Uhr in einer Volksküche zu arbeiten. Sie macht sich Sorgen wegen der Diebstähle und der Auflösung sozialer Netzwerke. Einer Mentalität „Rette sich wer kann“ oder „Alle gegen alle“. 12 Prozent der Argentinier essen in Volksküchen. Im Großraum Buenos Aires gibt es Hunderte vielleicht sogar zwei- oder dreitausend. Keiner weiß es genau. Die Leute schämen sich und schicken ihre Kinder, um Essen abzuholen. Abends geht Marie früh zu Bett, denn im Dunkeln ist es nicht ratsam, das Haus zu verlassen.

Der Autor fragt: „Wie kann es sein, dass es in einem Land, das zu den größten Sojaproduzenten der Welt gehört, Hunger gibt?“
Argentinien produziert Nahrung für dreihundert Millionen Menschen und schafft es nicht, seine vierzig Millionen Bürger zu ernähren. Das Land ist einer der größten Exporteure von Sojaöl, Sojamehl, Sojabohnen und Mais. Das Land gründete auf der systematischen Vertreibung der Indios. Mit der Erfindung des Kühlschiffes war es möglich, Rindfleisch nach England zu transportieren. Das erste Goldene Zeitalter der Exportwirtschaft brach an. 1976 erhielt die Junta die Anweisung von US- Außenminister Kissinger, dass sie „die staatliche Einmischung in die Wirtschaft deutlich zurückfährt, den Export fördert, sich wieder dem in Vergessenheit geratenen Agrarsektor zuwendet und sich ausländischem Kapital gegenüber aufgeschlossen zeigt.“ Ende des 20. Jahrhunderts kündigte sich ein Wandel der europäischen Subventionspolitik an, die Qualität statt Quantität der Produkte wurde wichtiger. „Doch die Produktion sank ausgerechnet in dem Moment, als der Bedarf in China massiv stieg; dazu die erhöhte Nachfrage nach Agrotreibstoffen und die Spekulation auf dem Chicagoer Börsenparkett. Die Preise schossen in die Höhe, und nun waren plötzlich Flächen attraktiv, die lange als unrentabel gegolten hatten: Mit mehr Bewässerung, mit besseren Maschinen, dem neuen Saatgut, Dünger und Pestiziden ließ sich auch dort ordentlich Geld verdienen. Die neue Weltordnung der Nahrung verändert vieles: mein Land, zum Beispiel.“, so der Autor.
Ein Aktivist der Bauernbewegung sagt: „Soja macht alles zu einer einzigen Wüste (…) wenn das so weitergeht, gibt es bald keine Bauern, keine kleinen Erzeuger, mehr. Wir wandern alle als billige Arbeitskräfte in die Städte, wenn wir Glück haben, sonst sind wir arbeitslos.“ Die Bauern kamen vor hunderten Jahren, als die Indios vertrieben waren, jetzt werden sie zu den Vertriebenen. Die Spaltung hat zugenommen, dank des globalen Marktes geht es Hunderttausenden Argentinien besser, die anderen drängen sich in den Elendsvierteln. Argentinien ist wegen des Preisanstieges von Getreide aus der Krise gekommen, aber gerade wegen dieser Preise verhungern Menschen- weltweit. „An dem Geld, auf dem unser neuer Wohlstand beruht, klebt Blut.“, so Caparros.

Entscheidend ist auch, dass sich das Essverhalten in China und Argentinien geändert hat. Die wachsende chinesische Mittelschicht isst jetzt Fleisch und Fisch. „Argentinien hat sich zu einem der großen Hotspots des globalen Agrargeschäfts gemausert- allerdings wandert die gesamte Produktion auf den Weltmarkt, genauer: zu Fischen und Schweinen in China. Soja, das in Argentinien nicht weiterverarbeitet, praktisch ohne Mehrwert exportiert wird: Der Großteil der fünfzig Millionen Tonnen wird dafür verwendet, Tiere zu füttern, die ihrerseits die neue chinesische Mittelklasse ernähren.“

Und was wird in Argentinien gegessen?
Martin Caparros schreibt: „Es gibt wenige Orte, an denen die soziale Ungleichheit so offenkundig zu tage tritt wie auf dem Esstisch- oder wo auch immer die Leute essen. Dabei war das Essen der Argentinier über Jahrzehnte überraschend egalitär. Die erste Erhebung mit verlässlichen Daten wurde 1965 von der Nationalen Entwicklungskommission veröffentlicht; sie zeigte, dass die Argentinier, egal ob reich oder arm, dasselbe aßen: rotes Fleisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse, Nudeln und Brot, und zwar in ähnlichen Mengen.“ Eine Anthropologin stellt fest: „Es gab bestimmt auch Unterschiede in Preis und Geschmack, aber die Aufnahme von Proteinen war in allen Bereichen der Gesellschaft ähnlich- deshalb litten die Armen auch nicht an Mangelernährung.“
1985 begann das Modell zu bröckeln, 1996 bestätigte sich die neue Tendenz, dass sich das Essen der Armen radikal von dem der anderen unterscheidet. Jetzt gibt es Essen für Arme und Essen für Reiche. „Es ist keine Frage der Menge, sondern der Zusammensetzung: die Ober- und Mittelschicht essen Obst, Gemüse und Fleisch- eher weißes als rotes-, das erhält sie schlank und womöglich auch gesund; die Armen hingegen essen Kartoffeln, Reis und Nudeln- Zucker, Kohlenhydrate und Fett-, die ihren Magen füllen; sehr wenig Fleisch und sehr wenig Obst und Gemüse. Es ist eine rationale Entscheidung: Fleisch ist zu teuer, Obst und Gemüse ebenfalls, und zudem ist das Sättigungsgefühl weit geringer.“ Die Armen folgen einer anderen Logik, es geht darum, alle statt zu kriegen. Und die ganz Armen kochen nicht mit dem Ofen, das wäre teuer, sondern mit einer Herdplatte. Während also die Chinesen immer mehr Fleisch essen, hat einer von vier Argentinier aufgehört, regelmäßig das Nationalgericht schlechthin, nämlich Fleisch zu essen. Kinder, die nur Nudeln, Reis und Kartoffeln essen, sind chronisch mangelernährt.

Der harte Kern der Arbeitslosigkeit sind drei Millionen Menschen, 15 Prozent der Erwerbstätigen. „In Argentinien lebten fünf Prozent der Haushalte in `akuter Nahrungsunsicherheit` und weitere sieben in `moderater Nahrungsunsicherheit`. (…) Zwölf Prozent der Haushalte. Dazu natürlich diese acht Prozent aller argentinischen Kinder- eine Viertelmillion Kinder- die unter chronischer Mangelernährung leiden.“

Ein Professor an einer Katholischen Universität sagt, dass ein Teil der Bevölkerung absoluter Überschuss sei. Das seien etwa fünf oder sechs Millionen Menschen. Für das System wäre es fantastisch, wenn sie gingen. Er sagt: „Nun ja, man muss sie ernähren, damit es nicht zu einem sozialen Umsturz kommt und sich die Ausgegrenzten durch systematische Plünderungen holen, was ihnen zusteht und was der Staat ihnen verweigert (…) Ab welchem Punkt plündern die Leute die Supermärkte, wann zetteln sie politische Unruhen an? (…) Wo liegt das Maß für soziale Eindämmung, soziale Kontrolle? Wenn es richtig teuer wird, bekomme ich ein Problem. Zu viel kann ich auch nicht zahlen, denn ich muss es anderswo einsparen. Aber etwas muss ich zahlen, je weniger, desto besser.“

Der Autor schreibt dazu: „Der Trick funktioniert nicht nur in Argentinien. Die Strategie der Herrschenden bestand schon immer darin, die Beherrschten so klein wie möglich zu halten. Durch empirische Erhebungen herauszufinden, wo im Einzelfall das Minimum liegt: Trial und Error. Der Irrtum könnte in dem Fall darin bestehen, dass Tausende verhungern oder sich erheben und ihre Rechte einfordern. (…) Wenn eine Regierung Almosen an ihr Volk verteilt, hofft sie, das Volk damit unten, beherrschbar zu halten: wehrlos, stumm. (…) Man gibt den Armen das Allernötigste, damit sie überleben und nicht mit ihrem Blut oder ihren Knochen den Bildschirm beflecken. Viele überleben, andere nicht.“

Jahrelang hatte sich die Kirchner-Regierung geweigert, Geld ohne Gegenleistungen in Argentinien zu verteilen. Dann erhielten mehr als drei Millionen Kinder monatlich eine Pauschale von 40 Dollar. „Laut einer Umfrage des Gesundheitsministeriums erhalten 28 Prozent der argentinischen Haushalte Tüten und Kisten mit Nahrungsmitteln (…).“

Paola ist 27 und wurde von ihrem Stiefvater vom 7. bis 12. Lebensjahr sexuell mißbraucht. Später prostituierte sie sich. Sie hat drei Kinder, zwei sind bereits gestorben. Sie geht in eine Gemeinschaftsküche, um sich und ihre Kinder zu ernähren.

Früher schien der Hunger eine Notwendigkeit des Marktes zu sein, damit die Arbeiter fleißig zur Arbeit gingen. „Doch die Zeiten sind vorbei: Der Markt braucht diese Menschen nicht mehr, und so lange keine Lösung gefunden wird, besteht die einzige Form, sie am Leben zu erhalten, darin, kostenlos Essen an sie zu verteilen.“ , so der Autor.

Früher wartete die Reservearmee darauf, in den Arbeitsprozeß integriert zu werden. Jetzt wird eine überflüssige Masse auf Dauer stigmatisiert. Es gibt keine Umkehr mehr. Die CIA lies 2002 düster verlauten, dass ein Drittel der Weltarbeitskraft arbeitslos oder unterbeschäftigt sei. Früher hatten diese Armen eine Funktion, so in Indien, wo sie als extrem billige Arbeitskräfte die Reichen bedienten. Sie waren eine nützliche Reserve, um die Löhne auf niedrigstem Niveau zu halten. Heute sind Maschinen wesentlich effizienter und Arbeitskräfte überflüssig.
„Zum ersten Mal ist ein Sechstel oder ein Fünftel der Weltbevölkerung überflüssig. Weil es nicht gut ankäme, wenn man sie einfach sterben ließe, erhält man sie gerade so am Leben, sie nagen am Hungertuch, aber sie sterben nicht den Hungertod.“, so der Autor.
In Argentinien wurden Tausende Fabriken und Werkstätten geschlossen, die Mehrzahl der Hilfskräfte auf dem Land wurde durch Maschinen ersetzt.
„Und man hatte keinen blassen Schimmer, was man mit ihnen anfangen soll. Man würde doch gerne einmal Mäuschen spielen bei einer Sitzung argentinischer Bosse- der Reichen und ihrer Repräsentanten-, die zuvor ein Wahrheitsserum eingenommen haben. Vielleicht diskutieren sie dann ja darüber, wie man fünf oder sechs Millionen Menschen loswerden könnte.“
Sie versuchen es noch mit Hilfsprogrammen, aber es nervt, „wenn man nicht ohne Angst eine Runde um den Block drehen kann und außerdem ist da immer die Befürchtung, dass die Überflüssigen es irgendwann von heute auf morgen leid sein und alles hochgehen lassen könnten.“

Es gibt weltweit viele Menschen, „die keinen Platz in der Gesellschaft haben, die keine Funktion erfüllen, die es rechtfertigen würde, das sie existieren. Der Anteil der überschüssigen Bevölkerung ist nicht nur in Argentinien hoch, sondern weltweit: 1,4 Milliarden Menschen, die extrem arm sind, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben, die hungern. Ein Fünftel der Weltbevölkerung. (…) Man weiß nicht, wie man aus ihnen einen Mehrwert ziehen kann, sie werden nicht gebraucht. (…) Sie sind, klarer Fall, ein Störfaktor: unnützer Ballast.“

In Indien sind die Arbeiterinnen in die Weltwirtschaft integriert, sie werden ausgebeutet, damit man in der ersten Welt billige Kleider kaufen kann. Jetzt hat man neue Verwendungsmöglichkeiten für die Überflüssigen entdeckt: wie indische Kliniken, die arme Frauen als Leihmütter unter Vertrag nehmen.

Das Kapitel endet wie folgt: „Es sind mehr als eine Milliarde: Sie überleben. Die reichen Länder machen in Afrika dasselbe wie der argentinische Staat in Argentinien: Sie geben den Überflüssigen das Allernotwendigste zum Überleben. Damit sie die schönen Seelen ja nicht in Angst und Schrecken versetzen und damit sie auch weiterhin glauben, ohne diese Hilfe seien sie noch schlechter dran. Damit sie ja nicht auf die Idee kommen, eigene Zukunftspläne zu schmieden und alles niederzubrennen. Ein System darf nicht so leichtsinnig seine Ressourcen vergeuden. Wenn es nicht lernt sie sinnvoll einzusetzen…“

Fortsetzung folgt…

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

Advertisements