„Ein gefährliches Unterfangen“

Das Buch „Proleten, Pöbel, Parasiten“ von Christian Baron, Redakteur im Feuilleton des „Neuen Deutschland“, ist spannend zu lesen. Es verbindet die persönliche Ebene, eine Ebene der Gesellschaftskritik und eine Ebene der Kritik an der Linken, wobei letztere die kontroverste ist. Die Linke hätte den Bezug zur Klassenfrage verloren, dagegen hätten linke Student_innen einen Hang zur Identitätspolitik.
Das Buch ist dort stark, wo der Autor mutig über seine Biographie als Arbeiterkind berichtet. Baron ist in Kaiserslautern aufgewachsen, der Vater war alkoholkranker Möbelpacker, die Mutter ist früh an Krebs verstorben. Baron wächst gemeinsam mit seinen drei Geschwistern bei der Tante auf, wobei er als Einziger in der Familie den sozialen Aufstieg schafft. Das Buch ist auch dort stark, wo sich der Autor solidarisch mit seinem Herkunftsmilieu zeigt, wobei es manchmal allerdings auch etwas idealisierend klingt. Er hat gar ein schlechtes Gewissen über seinen „Klassenverrat“. Der Autor beschreibt den „Hass auf die Unterschicht“, „deren miserable Lage als Resultat falscher Lebensentscheidungen und mangelnder Leistungsbereitschaft“ und „vor allem als freiwillige Bildungsverweigerung“ diffamiert wird. Ein Ausgegrenzter, den Baron zitiert, sagt: „Ob mit Arbeit oder ohne: Verarscht wern wir doch eh alle.“ Baron meint, dass „diese Ausgeschlossenen im Übertreten bürgerlicher Wertvorstellungen ihr letztes Refugium widerständigen Verhaltens und damit eine Art letzter Restwürde zu finden hoffen.“ Oftmals kennzeichne Menschen aus der „Unterschicht“ aber Selbsthass.
In Teilen des Buches versucht der Autor allerdings den reißerischen Untertitel „Warum die Linken die Arbeiter verachten“* zu beweisen, wobei er zu den Linken auch das grün-alternative Milieu und die Jusos zählt. Dieser Beweis gelingt ihm nicht. Schade auch, dass diese Passagen oft sehr überzeichnet und polemisch sind, was den Autor angreifbar macht. Barons linke Politfreunde hätten einen Klassenkampf gegen ihn geführt, ohne es überhaupt zu bemerken, weil sie seine Lebenswelt nicht begriffen. Er kritisiert zwar zurecht die Akademisierung des Protestes, meint aber, die meisten Linken hätten keinen Kontakt zu Sozialleistungsbeziehenden. Dabei unterschlägt er, dass es auch in der Linken sozialpolitisch Engagierte und selbst von Armut Betroffene gibt. Zudem verliert er auch kaum ein Wort über soziale Kämpfe, wie Proteste gegen Hartz IV, gegen Lohndumping oder gegen Wohnungsnot. Besonders harsch ist seine Kritik an der „Identitätspolitik“ von Linken im Kapitel „Alle wollen Opfer sein“. Dort spricht er zum Beispiel von „sprachpolizeilicher Zensur“. Baron engagiert sich mit dem Buch eindeutig gegen Klassismus, hier hätte ich mir von ihm mehr Empathie für den Kampf gegen andere Diskriminierungsarten, im Sinne von Intersektionalität, gewünscht. So könnte sein verbaler Angriff gegen Gender-Professx Lann H. auch von der AfD stammen. (Obwohl er auch in diesem Kapitel mit einigem recht hat.)
Sein wichtiges Anliegen ist dagegen, die Ausbreitung des Rechtspopulismus zu verhindern. Baron will mit diesem Buch zeigen, dass Linke in Deutschland den Bezug zu Arbeitern und „Unterschicht“ verloren haben. Den Arbeitern seien ihre wichtigsten politischen Verbündeten verloren gegangen. „Der Aufstieg der Rechten ist auch ein Symptom der linken Krise. Sie haben den Arbeitern bereits zu lange keine politische Stimme mehr verliehen.“ Der Autor bemerkt eine Unfähigkeit, aber auch Weigerung von linken Aktivist_innen, „die Perspektive völlig anders sozialisierter Menschen einzunehmen“. „Solange die Linken es unterlassen, die soziale Frage mit der Flüchtlingspolitik explizit zu verbinden, so lange werden die verängstigte Mitte und die Unterschicht einen großen Bogen um sie machen.“, so Baron. Am Beispiel seiner Tante Karin und von Pegida-Spaziergänger/innen bemerke er „Angst vor dem diffusen Fremden, fehlende oder falsche Informationsquellen und einen stark ausgeprägten Anti- Intellektualismus“. Jenseits des rechtsradikalen Bodensatzes gäre „ein explosives Gemisch aus schlecht informierten, aus guten Gründen auf alles Etablierte misstrauisch reagierende, nach einfachen Antworten auf komplexe Probleme suchenden und durch die neoliberale Sozialabbaupolitik zutiefst frustrierten Menschen“. Ihr Verhalten gründe auf „größtenteils ökonomischen Nöten“.
Baron plädiert für einen linken Populismus, wobei er selbst von einem „gefährlichen Unterfangen“ schreibt. Dieser sei die einzige Waffe, mit der die Rechten wieder zurückzudrängen seien. Das möchte ich bezweifeln. Trotzdem ein wichtiges Buch zur Diskussion!

*Der Untertitel des Buches hätte besser heißen sollen, wenn überhaupt: Warum große Teile der Linken die Arbeiter und die „Unterschicht“ ignorieren.

Ein Zusatz: Wenn man in der Armutsfalle sitzt und selbst nicht mehr reisen kann, ist der Abschnitt „Ethnographie des Rucksackreisenden“ sehr „belustigend“. Hier zitiert Christian Baron aus der Analyse der Anthropologin Jana Binder. Zudem rechnet der Autor auch mit dem „guten Leben der Bessermenschen“, dem grün-alternativen Milieu ab, die den Armen auch noch ein schlechtes Gewissen machen. Da auch Akademiker_innen arm sein können, verstehe ich allerdings nicht Baron`s Trennung zwischen Akademiker_innen und Nicht-Akademiker_innen.

Christian Baron, Proleten, Pöbel, Parasiten, Warum die Linken die Arbeiter verachten, Berlin 2016, 286 Seiten, 12,99 Euro

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Rolltreppe nach unten

Oliver Nachtweys Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ beschreibt in fünf Kapiteln den Bruch des Versprechens vom sozialen Aufstieg in der „alten“ BRD. Der Soziologe und Ökonom Nachtwey analysiert darin zwei Epochen ‒ die soziale Moderne in den Nachkriegsjahrzehnten von 1950 bis 1973 und die heutige regressive Moderne. Das fünfte Kapitel handelt von der Renaissance des Aufbegehrens.
Kennzeichen der sozialen Moderne waren das Normalarbeitsverhältnis, die Massenproduktion und der Massenkonsum. Der Soziologe Ulrich Beck sprach in den 8oer Jahren von einem „Fahrstuhleffekt nach oben“. Während die vertikalen Ungleichheiten abgemildert wurden, so Nachtwey, reproduzierte die soziale Moderne „neue Ungleichheiten auf der horizontalen Ebene ‒ vor allem zu Lasten von Frauen und Migranten“. Zum Sozialstaat gehörte auch eine Sozialbürokratie und soziale Kontrolle, zur Integration die Normierung und Standardisierung des sozialen Lebens. Die Autonomie konnte sich nicht entfalten.
Die Wende begann ab 1971 mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-System und der Krise der globalen Ökonomie Anfang der 70er Jahre. „Es begann eine ‚Revolte des Kapitals‘ gegen die soziale und demokratische Einhegung des Kapitalismus, die den Beginn der ‚lange(n) Wende zum Neoliberalismus‘ markierte.“ Der Neoliberalismus war äußerst erfolgreich in der „Herstellung einer (heimlichen) Komplizenschaft mit einer im Grunde emanzipativen Kritik an der sozialen Moderne“. Während die politische Sprengkraft der 68er ursprünglich auf einer Verknüpfung von Künstler- und Sozialkritik beruhte, gelang es dem Neoliberalismus, die Kopplung zu lösen, „die Künstlerkritik* in den Vordergrund zu rücken und die auf vertikale Ungleichheiten zielende Sozialkritik der Gewerkschaften zu neutralisieren.“
Den Abschied von der sozialen Moderne vollzogen dann die Agenda-2010-Reformen. „Der Neoliberalismus hatte den Sozialstaat als eines der wichtigsten Hindernisse für neues Wachstum identifiziert.“ Heute befinden wir uns in der regressiven Moderne, in der die „Rolltreppe nach unten“ fährt. „Es ist ein Fortschritt, der den Rückschritt in sich trägt.“ Die Gegenwartsgesellschaften fallen hinter das in der sozialen Moderne erreichte Niveau an Integration zurück. Das bedeutet eine Zunahme materieller Ungleichheit, aber auch eine emanzipatorische Modernisierung, das heißt die Abnahme der Diskriminierung einzelner Gruppen. Ein sehr interessantes und wichtiges Buch, dessen Lektüre ich unbedingt empfehlen möchte.

Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft, Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016, 264 Seiten, 18 Euro

* der Wunsch nach Autonomie und Entstandardisierung

(veröffentlicht in der Contraste 11/16)