Schamland

Stefan Selke wollte mit seinem Buch „Armen eine Stimme geben“, denn oftmals fehle die Perspektive der Betroffenen. Seit 2006 beschäftigt sich Stefan Selke mit der Frage, wie Armut im Reichtum möglich ist. „Armut im Reichtum ist ein Skandal.“, so Selke. Er hospitierte ein Jahr in einer Lebensmittelausgabe, erkundete die Innenperspektive dieser boomenden Hilfsorganisation und wurde nach und nach kritischer Beobachter dieses Systems sowie Tafelexperte.
Die Zivilgesellschaft müsse Versäumnisse des Sozialstaates kompensieren. Soziale Verantwortung werde an Freiwillige ausgelagert und die „Symptombehandlung von Armutsphänomen an Agenturen wie Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern“ delegiert.
Armut sei kein Naturereignis, sondern politisch erzeugt und ökonomisch nützlich. Im Durchschnitt beträgt die Armutsquote in Deutschland rund 15 Prozent, das sind ca.12 Millionen Bürger. „Armut bedeutet, das eigene Leben als Rechenexempel zu erfahren, die eigenen Bedürfnisse in Zahlenkolonnen zu zerlegen.“Aber Zahlen erfassen nur die Hälfte der Realität. Schwer zu berechnen sind etwa die Einschränkungen der Freiheit, die Armut mit sich bringe.
Scham sei das Grundgefühl der Armut. Nur wenige Untersuchungen thematisieren die Gefühlswelt von Armen. Selke beschreibt die Anpassungsscham. Die Person glaubt, den herrschenden gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu entsprechen. Sie spüren den Riss zwischen ihrem Leben und der gesellschaftlichen Norm. Das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können, löst Scham aus. Diese münde in Selbstabwertung und ruiniere das Selbstbewußtsein. Mit Scham ließen sich Menschen disziplinieren und ruhig stellen. Die Betroffenen versuchen sich konform zu verhalten, um ja nicht aufzufallen. So werde der Wille zum Protest unterdrückt. Vertreter des aktivierenden Sozialstaates haben ein Interesse daran, Schamgefühle nutzbar zu machen.
Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem Recht auf Existenzsicherung im Sozialstaat und den Tafeln, die eine willkürliche Hilfe ist, die vom Willen der Spender abhängt. Es ändern sich die Grundlagen der Kultur. Die Tafeln sollen eine Zusatzversorgung sein, aber immer häufiger muß der Grundbedarf durch Hilfsagenturen (Tafeln, Kleiderkammern, Suppenküchen) gedeckt werden. Die Grundversorgung wird immer mehr an die Zivilgesellschaft delegiert.
Warum gehen Menschen zu Tafeln? Wenn sich die Armut verfestigt, treten „Bedarfslücken“ auf, es darf nichts kaputt gehen, nichts Unvorhergesehenes passieren. Menschen suchen in solchen Situationen nach Ersatzlösungen. „Armutsökonomien bündeln Angebote, die der Existenzsicherung oder Existenzunterstützung dienen.“ Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser, Möbelshops, Mahlzeit- Patenschaften, Versper-Kirchen, Kulturlogen- um einige zu nennen.
„Angebote der Armutsökonomie münden in eine Parallelwirtschaft, weil sie Armut lediglich lindern, anstatt die Ursachen von Armut zu bekämpfen.(…) Die eigentlichen Ursachen für prekäre Lebensverhältnisse ändern sich nicht einfach dadurch, dass einige der dringendsten Bedarfslücken (Lebensmittel, Möbel, Kleider, Kinokarten) kurzfristig gedeckt werden. (…) Die Armen sind aber willkommene Konsumenten der neuen Armutsökonomie. Denn selbst mit ihnen lässt sich noch Profit machen.“
Stefan Selke hat mit vielen Tafelnutzern gesprochen. Er hat eine sonderbare Distanz zum eigenen Leben bei Tafelnutzern bemerkt, und dass sich viele rechtfertigen für ihre Armut. „So als müssten alle zeigen, dass sie die Hilfe verdient haben, ihrer `würdig` sind. So als müssten sich alle, die zur Tafel gehen, bei der Allgemeinheit entschuldigen.“ Tafeln seien ein Symbol des sozialen Abstiegs. „Tafeln machen uns krank.(…) Es geht um gebrochenen Stolz und um Abhängigkeiten. Um gefühlten Druck und zerschlissene Nerven.“ Viele haben sich „innerlich gebrochen in einer Parallelwelt eingerichtet“ und lassen sich bei den Tafeln einfach abfüttern. „Das ist wie eine Familie, man kennt sich.“
Die Tafelnutzer spüren die Abhängigkeiten. So „als hätten wir ein Schild um den Hals hängen: Füttern bitte! Beim Gang zur Tafel geht uns der aufrechte Gang verloren.“ Die Tafelwelt bestehe aus der Bedürftigkeitsprüfung, immer schön Bitte und Danke sagen, und aus Warten, alle kämpfen um die besten Nummern, denn die Versorgungslage ist schwankend. „Zunächst gewöhnen wir uns daran, anzustehen. Wir gewöhnen uns auch an Bedürftigkeitsprüfungen, die Vorlage von Dokumenten, die Fristen und Karten (…) Wir kommen also in so einen Gewohnheitstrott.(…) Dieser Trott verändert unsere Persönlichkeit.“Politisch sind sie damit entledigt, entsorgt. Letztlich nur noch Nummern, die aufgerufen werden.
Das Kapitel „Chor der Tafelnutzer“ ist etwas gewöhnungsbedürftig. Selke spricht in einem „Wir“ im Namen von Tafelnutzern. Viele hätten eine gute Zeit hinter sich und seien unverschuldet in die Armut gerutscht. Weil sie nicht belastbar und gesund genug sind, weil sie zu alt sind und damit nicht mehr formbar genug. „Die Spirale geht immer weiter nach unten.(…) In den Blicken der anderen sehen wir oft den Vorwurf einer Schuld, gegen die wir uns ständig wehren müssen. Nein, wir haben unsere Situation nicht verschuldet.“ Und: „Wir sind die, die immer alles gemacht haben, so wie es die Gesellschaft wollte: Kinder, Familie, Arbeit.“ Ein Nein der Verweigerung ist auch bei Selke nicht vorgesehen.Und was ist mit jenen, die sich gegen diese Normalbiographie gewehrt haben und dafür die Quittung präsentiert bekommen. Müssen die sich rechtfertigen?
Insgesamt aber eine empfehlenswerte Lektüre!

Stefan Selke, Schamland, Die Armut mitten unter uns, Ullstein Berlin 2015, 288 Seiten, 9,99 Euro

Tipp:

Alternativ zur Armutsindustrie der Tafeln gibt es in den Kiezen Lebensmittelretter.
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Die Berliner Lebensmittelämter möchten strengere Auflagen durchsetzen, welche zur Schließung vieler Berliner Fair-Teiler zwingen.
Protestiere dagegen, indem Du eine Petition unterschreibst und verbreitest!: https://foodsharing.de/

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Die Stigmatisierung sozial Benachteiligter in der DDR und BRD bis heute TEIL4

Sprache: Eine private und eine öffentliche Sprache in der DDR

Die Partei SED hatte die Sprache in der DDR in ein „Neusprech“ verwandelt, d.h. in vorgestanzte Redewendungen und in Superlative von Wörtern, die sich nicht steigern ließen. Die Menschen lösten das Problem, in dem sie zwischen einer öffentlichen und privaten Sprache unterschieden. In den Medien und der Öffentlichkeit hörten sie das Phrasengewäsch. Zu Hause und unter Freunden aber sprachen sie die Probleme im Alltag an. Auch der politische Witz und Gerüchte blühten in der DDR. Schon als Kind lernte man, was überlebenswichtig war: Was durfte man nie öffentlich äußern, was durfte man wem sagen und was durfte man wo sagen? Was mußte man von sich geben?
Andre I.Port hat die „rätselhafte Stabilität der DDR“ in Saalfeld von 1945-71 untersucht. Neben der Flucht und der Apathie war „Voice“- der Akt des Sich- Beschwerens oder Protestierens eine weitere Alternative. Die DDR sei eine „Mecker-Gesellschaft“ gewesen. „Egal welches Alter oder Geschlecht, welchen Beruf und soziale Stellung und welche politische Verbindung man hatte, viele der in Saalfeld Lebenden und Arbeitenden beschwerten sich offen und regelmäßig über eine ganze Reihe von Angelegenheiten- wobei das Meckern sich meistens auf vorgeblich ökonomische Zustände bezog: niedrige Prämien und hohe Normen, harte Arbeitsbedingungen und lange Arbeitszeiten, schlechte Planung und die um sich greifende Bürokratie, Materialmangel und nicht verfügbare Konsumgüter, hohe Preise und Misswirtschaft, unzureichende Sozialleistungen und die Wohnungsnot. Kurz gesagt: Diejenigen, die blieben, machten den Mund auf.“ (Port, S. 149f.) Bei politischen Themen waren die Menschen allerdings vorsichtig, die meisten waren sich der Grenzen des Erlaubten bewußt. So beklagte sich ein Parteisekretär, „dass die Leute ihm nicht sagten, ‚was sie wirklich denken‘, wenn es um wichtige politische Entwicklungen ging“. (Port, S. 150f.) Das Schweigen zu politischen Themen hatte vor allem in der Niederschlagung des Aufstandes 1953 und dem Aufbau des Staatssicherheitsapparates seinen Grund. Ein verzweifelter Funktionär schrieb: „Wir wollen keine Schreibmaschinen-Diskussion (…), sondern eine offene.“ (Port, S.150f.) In öffentlichen Versammlungen beschränkte sich die meiste Kritik auf wirtschaftliche Beschwerden, in den Kneipen oder am Fließband waren viele offenbar weit weniger vorsichtig. „Vieles von diesem Meckern wurde von aufmerksamen Ohren abgefangen, pflichtgetreu an die Machthaber weitergeleitet und landete dann in den offiziellen Berichten und Analysen(…)“ (Port, S.151) Die Machthaber in Saalfeld hatten so eine ungefähre Vorstellung von der in der Bevölkerung herrschenden Stimmung. Protestformen waren auch: „demonstratives Hüsteln oder Gemurmel während politischer Reden, das Abdrehen von Lautsprechern, die für die Verbreitung von Propaganda benutzt wurden, oder das Erzählen politischer Witze und Gerüchte.“ (Port, S. 158) Man weigerte, Beifallsbekundungen zu unterschreiben, Partei- und Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen oder blieb Parteiversammlungen fern, weil sie langweilig und trocken waren. Ein Rentner, der 40 Jahre lang der Kommunistischen Partei angehört hatte, drohte so 1964 die Partei zu verlassen: „Er will nichts mehr damit zu tun haben, er will seine Freiheit und mit Sozialfaschisten nichts mehr zu tun haben. Vor allem mit solchen Genossen nicht, die früher Heil Hitler geschrien hätten. Es wäre an der Zeit, endlich wieder eine Kommunistische Partei zu gründen. Von ihm aus soll man ihm ruhig die zusätzliche Altersversorgung wegnehmen, er bleibe Kommunist.“ (Port, S.161)

Internet, soziale Netzwerke und Open Source

Jede/r kann heute die Meinung sagen, allerdings nicht im Jobcenter und gegenüber dem Chef auf Arbeit. Das kann gefährlich werden, Sanktion oder Kündigung, also wird auch im Jobcenter und auf Arbeit oftmals mit unterschiedlicher Sprache hantiert. Viele käuen allerdings im Kapitalismus nur nach, was sie in den Mainstreammedien und der Öffentlichkeit gehört haben. Die Informationsflut ist enorm, viele Radio- und Fernsehsender, eine enorme Buch- und Zeitschriftenproduktion, Massen an Informationsveranstaltungen und Lesungen, und dann noch das Internet. Eine starke linke Gegenöffentlichkeit gibt es nicht, weder im Fernsehen, Radio noch in den Zeitschriften. Allerdings gibt es das Internet mit einer sagenhaften Informationsflut. Und es gibt soziale Netzwerke, die bedeutsam für Proteste in aller Welt sind. Hier gibt es eine Gegenöffentlichkeit, die die NSA, google, yahoo, facebook etc. versuchen zu überwachen, indem sie Massen an Daten sammeln. Aber es gibt auch nichtkommerzielle Beispiele wie Linux und Firefox, die freie Enzyklopädie Wikipedia und andere Projekte, die lizenzfreie Texte, Musik oder Filme produzieren. Diese beruhen auf Peer-Produktion, die auf dem Bedürfnisprinzip basiert. Es geht nicht darum, das Produkt möglichst gut zu verkaufen. Die nichtkommerziellen Projekte tragen auch zu einer linken Gegenöffentlichkeit im Netz bei. Das Internet gab es zu DDR-Zeiten noch nicht.

Der Westen im Osten

Aber da war in der DDR noch das Westfernsehen, die DM und der Intershop mit Westwaren. Wie erregten sich doch die Gemüter, als im November 1989 DDR-Journalisten ins Bonzen-Viertel Wandlitz fuhren und vor dem „schwelgerischen Luxus“ eines Gemüsestandes mit frischen Tomaten und richtiger Ananas verharrten. Der kleinbürgerliche Konsumneid brach sich die Bahn. Diese Wut hatte sich seit langem angestaut. Nichts hatte die Menschen mehr abgeschreckt, als die Propaganda der SED-Führung. Trotz oder gerade wegen der allgegenwärtigen marxistisch- leninistischen Phraseologie, auch „Rotlichtbestrahlung“ genannt, die ständig vor dem Klassenfeind warnte und immer wieder abfiel, schaute die große Mehrheit der DDR- BürgerInnen Westfernsehen. Das prägte ihre Mentalität und ist nicht zu unterschätzen. Sie verehrten die gleichen Pop- und Sportidole wie die Westdeutschen, sie trällerten die gleichen Melodien, verwendeten die gleiche Sprache, außer paar Ausnahmen wie „Broiler“. Am Tag gingen die Bürger ihrer sozialistischen Arbeitspflicht nach, aber am Abend reisten sie kollektiv in den Westen aus. Dann lebten sie nicht mehr in der DDR. Nichts war dehalb wichtiger, als die DM (ab 1974 war der Besitz erlaubt) oder Geschenke von Westverwandten zu ergattern. Allein der Duft in den Intershops war anders, als in den DDR- Konsumläden. Es roch „überwältigend nach süßlich-parfümierten Reinigungsmitteln, Waschpulver und Seifen, untermischt mit dem herben Duft von frischgerösteten Kaffee und dem aufregenden Geruch der nagelneuen Hochglanz-Werbe-Broschüren und Verpackungen.“, wie es Stefan Wolle so schön beschreibt. Man muß den DDR-Mief kennen, um das zu begreifen. Allein die lieblose, oftmals ideologisch aufgeladene Dekoration der DDR-Läden war ein Lacher für sich. Der stumme Vorwurf der Ossis gegenüber der Staatsführung war immer, dass die DDR im Leistungsvergleich mit der BRD hoffnungslos unterlegen war. Den Heißhunger der Ossis nach Westwaren habe ich Ende 1989/1990 erlebt, als diese in Berlin- Kreuzberg einfielen. Damals bin ich vor Scham in den Boden versunken und konnte keinem Wessi sagen, dass ich aus dem Osten komme. Der Nationalismus tat ein übriges. Das Spießige und Miefige der DDR-Zeit kroch heraus und dabei fühlten sich die Ossis noch als Freiheitskämpfer, obwohl die Staatsführung freiwillig abdankte. Sie stilisierten sich selbst zu Helden, obwohl sie zuvor angepaßte kleine Mäuse gewesen waren.
Ich kann mich nicht erinnern, dass die Menschen, die 2004 bei den Hartz IV- Protesten massenhaft auf die Straße gingen, im Osten oftmals die Gleichen, sich als Freiheitskämpfer fühlten, denn da dankte niemand freiwillig ab, geschweige denn, dass Hartz IV verhindert werden konnte. 2005 wurde ihnen mit Sanktionen und medialer Hetze gedankt. 1989/90 wurde es ihnen mit Beate Uhse, Bananen und Aldi gedankt. Ihnen wurden „blühende Landschaften“ versprochen. Als sie dann aber arbeitslos wurden und die Volkswirtschaft der DDR abgeräumt wurde, stürzten sie sich auf die „Ausländer“. „Als Mob auf der Straße haben sie sich bereits qualifiziert.“, schreibt Klaus Bittermann 1995.

Ja und den Westen, u.a. die Massen an Autohäusern, Tankstellen, Bau- und Mediamärkten haben sie jetzt!!! Falls die Ossis noch das Geld besitzen, um zu konsumieren, was sie in der Westwerbung sehen. Ich hoffte, sie hätten in den letzten 25 Jahren dazugelernt….Allerdings können Antifas andere Geschichten erzählen. Und die rechtspopulistische AfD bekam in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Thüringen und Brandenburg jeweils mehr als fünf Prozent bei der Bundestagswahl 2013.
2016 sind es noch viel mehr… Ginge es nach jenen Ostdeutschen, sitzt die Alternative für Deutschland bald im Bundestag. Eine letzte Gegenstrategie in der DDR war das Saufen. Heute besteht bei exzessivem Alkoholkonsum die Gefahr der Obdachlosigkeit. Ein Recht auf eine Wohnung gibt es nicht. Na dann, Prost auf Deutschland!

Die Stigmatisierung sozial Benachteiligter in der DDR und BRD bis heute TEIL 3

Die Gegenstrategien der Armen im D- Kapitalismus

Wir brauchen aber wieder die Entschleunigung, denn heute leben wir in einer beschleunigten Gesellschaft, in der sich alles ums Geld dreht. Die Menschen hetzen, um in der Leistungsgesellschaft mithalten zu können, Schon Kinder haben volle Terminkalender und immer mehr RentnerInnen arbeiten. Nur Arbeitslose haben Zeit. Oftmals nicht mal diese, sie wollen dann Erwerbslose genannt werden.
Viele Ostdeutsche litten und leiden unter der Arbeitslosigkeit, aber es gibt auch in Ost und West Gegenstrategien der sogenannten Unterschicht, ob migrantisch oder deutsch, Überlebensstrategien außerhalb von Lohnarbeit. Nämlich zum Beispiel in der informellen Ökonomie durch Schwarzarbeit. Oder durch Tricks beim Jobcenter, zum Beispiel durch Krankschreibungen. Oder durch massenhafte Klagen bei Sozialgerichten. Es hat sich ein Sockel von Langzeitarbeitslosen herausgebildet, den die Herrschenden nicht in Griff kriegen, obwohl der Druck der Jobcenter immer mehr anwächst. Viele haben allerdings resigniert aufgegeben und sich in prekäre Beschäftigung reindrücken lassen. Der Niedriglohnsektor ist oftmals die einzige Perspektive für Erwerbslose. Das wissen die Sockellangzeitarbeitslosen und entwickeln Gegenstrategien, was viele durchaus zu handelnden Subjekten und nicht zu Opfern macht. Jammernde Gestalten, die jede Lohnarbeit annehmen, so wollen die Herrschenden die Arbeitslosen. Daher gibt es „Unterschichtendebatten“, mediale Diffamierungen der sogenannten „Sozialschmarotzer“ usw. Nicht diffamieren konnten sie die Niedriglöhner, die arbeiteten ja schließlich. (Allerdings selbständige Aufstocker sind ihnen ein Dorn im Auge.) Vielen Menschen in diesem Land machten die niedrigen Löhne zu schaffen. Das erzeugte Wut, selbst die CDU konnte dem Druck nach einem Mindestlohn nicht mehr standhalten. Jetzt versuchen sie natürlich zusammen mit den Arbeitgebern diesen möglichst niedrig zu halten und viele Ausnahmen zu etablieren.

Burnout- die Zunahme psychischer Erkrankungen

Leistungssubjekte flüchten dagegen in das Burnout. Aber auch 1/3 der Hartz IV- BezieherInnen sollen psychisch krank sein. Kein Mensch kann in den Kopf eines anderen schauen, auch die Psychiater nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass die Patienten ihnen erzählen, was mit ihnen los ist. Außer sie werden zum Beispiel in einer psychotischen Phase auffällig. Aber selbst bei Brevijk waren sie nicht eindeutig in der Lage festzustellen, ob er Paranoiker ist.

Eingaben, Ausreiseanträge und Freikauf in der DDR

Die beliebteste Form der Protestes in der DDR war die Eingabe, womit sich die Bürger meistens über Versorgungsmängel oder Wohnungsnot beschwerten. Jährlich etwa eine Million solcher Eingaben von BürgerInnen erreichten die Ämter in der Ära Honecker von 1971 bis 1989.
Die DDR- BürgerInnen hatten auch Erpressungsmittel, die dann zogen und die Obrigkeit aufhorchen ließ. Man stelle sich das heute vor. Die BürgerInnen drohten damit, nicht zur Wahl zu gehen. Oder das letzte Mittel: „Entweder ich bekomme eine Wohnung, oder ich stelle einen Ausreiseantrag.“ Über diese Drohung würde heute jede/r lachen. Nicht so die Herrschenden in der DDR. Sie hatten Angst, dass ihnen das Volk weglief. Aber der Ossi war auch nach dem Mauerfall clever, als er skandierte: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, dann…“
Aber viele waren schon ausgereist und geflüchtet, zwischen 1962 und Ende Oktober 1989 waren das 600 000. Seit 1963 kaufte die BRD 33775 politische Gefangene frei, für 3,44 Mrd. DM. Ein Staat mit Devisenmangel hat so natürlich Interesse, politische Gefangene zu produzieren. Und Menschen begehen innerhalb der Mauer „Republiksflucht“, weil sie die Hoffnung haben, nach kurzer Zeit freigekauft zu werden, was so nicht immer aufging. Die Story aus dieser Perspektive ist meines Wissens noch nicht aufgearbeitet. So schrieb Tomas Kittan, der ehrenamtlich Befragungen von ehemaligen politischen Gefangenen in Cottbus durchgeführt hat: „Das größte Problem der Aufarbeitung ist der stark beschränkte Zugang zu den Akten der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und des Bundesarchivs zum Freikauf- und das 20 Jahre nach dem Mauerfall. Viele Dokumente sind noch unter Verschluss-warum?“ (Deutschlandarchiv 5/2010, S. 860) Mittels Freikauf wurde der Westen auch um einige DDR-Nazis, wie Arnulf Priem, reicher. Und der Westen stand als moralischer Sieger da, wie demokratisch. Ich hätte mal gerne Helmut Kohls Stasiakte gesehen. Und zu „Wendezeiten“ gerieten die Rosenholz- Akten unter ungeklärten Umstände in die Hände der CIA. Der Chef der Bonner CIA-Station bekam sogar das Bundesverdienstkreuz, weil er sich dafür einsetzte, dass diese wieder zurück gegeben wurden. Naja angesichts von NSA muten die Geruchsproben und Karteikarten der Stasi mittelalterlich an, wenn nicht so viele Menschen in der DDR zersetzt und inhaftiert worden wären.

Politikverdrossenheit heute

Nicht- und Protestwähler. Die Proteste in Stuttgart 21 haben gezeigt, dass selbst das bürgerliche Lage erodiert, es gab 26,9 Prozent Protestneulinge, die oftmals aus dem bürgerlichen Lager stammten. Die Herrschenden versuchen die Menschen durch mehr Bürgerbeteiligung und direktdemokratische Elemente wie Volksentscheide mehr einzubinden. Es sind die neuen „Einbindungstechniken“ und die „Mitmachfalle“.

Die Stigmatisierung sozial Benachteiligter in der DDR und BRD bis heute : TEIL 2

Beginnen möchte ich mit einem Vergleich des Asozialengesetzes der DDR mit einem Gesetzentwurf von 1944.

Gesetz über die Behandlung Gemeinschaftsfremder

Es wurde von der NS- Führung in den letzten Kriegsjahren ausgearbeitet. Bis 1944 unterschieden die Entwürfe fünf Gruppen von „Gemeinschaftsfremden“, nämlich als „Versager“, „Tunichtgute und Schmarotzer“, „Taugenichtse“, „Störenfriede“ und „gemeinschaftsfeindliche Verbrecher und Neigungsverbrecher“.

Das Gesetz definierte, wer nach dem Willen der NS-Führung als „gemeinschaftsfremd“ gelten sollte. Dabei waren die einzelnen Ausführungen oftmals sehr weit gefasst. So galten unter anderem folgende Personengruppen als „gemeinschaftsfremd“:
Im weitesten Sinne Menschen, „die nicht den Mindestanforderungen der Volksgemeinschaft genügten“
Menschen, die nicht für sich sorgen konnten
Leute, die einen „unwirtschaftlichen“ oder „unsteten Lebenswandel“ führten
„Liederliche“
Personen, die eine „Neigung zum Betteln und Landstreichen aufwiesen“
Menschen, die Unterhaltszahlungen nicht beglichen
So genannte „Neigungsverbrecher“, also Menschen, die schon mehrmals durch kleinere Straftaten aufgefallen waren

In der DDR wiederum gab es einen Asozialenparagraphen, § 249.
Am 1. Juni 1968 trat das neue Strafgesetzbuch (StGB) der DDR in Kraft. Dessen Paragraph 249 stellte „asoziales Verhalten“ unter Strafe:
„Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf andere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe, Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.“
Für die Auslegung bestimmend war in der DDR der jeweilige Beschluss des Präsidiums des Obersten Gerichts, hier der zur Anwendung des Paragraphen 249 des Strafgesetzbuches (StGB) vom 7. Januar 1971. In dem genannten Beschluss wurden folgende Tatbestände genannt:
Der Täter negiert gesellschaftliche Einflussnahme und ruft die Gefahr asozialer Verhaltensweisen bei anderen Personen hervor.
Er kommt seinen finanziellen Verpflichtungen (Miete, Strom, Gaskosten, Unterhalt) nicht nach.
Er verleitet andere Bürger zur Arbeitsbummelei.
Er bestreitet seinen Lebensunterhalt ganz oder teilweise durch Begehung von Straftaten.
Er verleitet eigene Familienangehörige zu asozialer Lebensweise.
Er gefährdet die Erziehung der Kinder.
Seine Lebensweise ist durch Vagabundieren (z. B. Betteln, Landstreicherei etc.) gekennzeichnet.

Es gab in der DDR nicht nur ein Recht auf Arbeit, sondern auch eine Pflicht zur Arbeit. Menschen, die nicht arbeiteten, wurden stigmatisiert. Sie wurden von der Staatsmacht als „Asoziale“ kriminalisiert, von der kleinbürgerlichen Normalbevölkerung als „Assis“ diffamiert.

Aber: da es keine Sozialleistungen für Arbeitsfähige gab, wurden sie auch nicht als Kostenfaktoren angesehen.
Aber: da es auch ein Recht auf Arbeit gab, konnten sie jederzeit einen Job bekommen.
Aber: die Subkultur fand Nischen in der Arbeitsgesellschaft. Da die Miet- und Lebenshaltungskosten gering waren, kam man auch mit niedrigen Löhnen und Phasen der Arbeitslosigkeit zurecht. Es gab keinen und kaum Existenzdruck und man hing nicht am staatlichen Tropf. Die Subkultur machte sich vom Staat weitestgehend unabhängig.

Eigensinn in der DDR

Die Arbeitswelt in der DDR

Staatlicherseits gab es einen Arbeitskult, die Arbeit wurde heroisiert. Den Arbeitern wurde suggeriert, dass sie die Privilegierten seien. Sie wurden durch Prämien, Urkunden, Auszeichnungen und Wettbewerbe geehrt. Die Nachrichtensendung Aktuelle Kamera zeigte ständig, wie großartige Leistungen die Werktätigen vollbringen. Dabei war in der Bevölkerung Arbeit ein Mittel des Protestes. Man leistete Widerstand durch Schlendrian und Schludrian. Auch an eine Karriere dachten die wenigsten. Und wer Karriere machte, hatte das sowie meistens nur seinem Parteibuch zu verdanken. Karrieristen waren armselig und erniedrigten sich selbst. Zu scheitern war kein Problem, ungelernt zu sein auch nicht, denn auch Ungelernte wurden als Arbeitskräfte gebraucht. In den Betrieben ging es drunter und drüber. Was taten die „Werktätigen“ nicht alles, um die Arbeitsdisziplin zu unterlaufen. Wessis reden dann gern vom „Schlendrian“. Sie gingen während der Arbeitszeit einkaufen, machten Kaffeeklatsch und ein Nickerchen, tranken Alkohol, klauten Material aus dem Betrieb und fälschten die Pläne. Auf Arbeit benahmen sie sich wie zu Hause. Mit den Kollegen machten sie politische Witze oder verbreiteten Gerüchte. Auch ihrem Brigadier sagten sie die Meinung. Die DDR-BürgerInnen wurden als Arbeitskräfte gebraucht und waren praktisch unkündbar. Es gab ein Recht auf Arbeit, aber auch eine Arbeitspflicht. Letztere wurde in den späten 1980er Jahren in Großstädten immer mehr unterlaufen. Wer aber als „Assi“ auffällig wurde oder sogar durch das „Asozialengesetz“ kriminalisiert wurde, hatte es durchaus mit dem Volkszorn und Schimpftiraden über die „Assis“ zu tun, was natürlich absurd war. Viele „Assis“ arbeiteten dann hart im Knast, während die Beschäftigten in den Betrieben dem „Schlendrian“ frönten. Das hätten diese NormalbürgerInnen nicht gedacht, dass sie nach der Vereinigung selbst massenhaft arbeitslos wurden, so wie es Heiner Müller auf der Demo am 4. November 1989 bereits vorausgesagt hatte, als er eine Erklärung der Initiative für unabhängige Gewerkschaften verlas und ausgepfiffen wurde.

Spießerkram bedeutete auch Entschleunigung

In der DDR ging alles seinen langsamen und gemütlichen Gang. Geborgenheit war das wirksamste Agitationsmittel. Es gab ein Stillhalteabkommen zwischen oben und unten. Die Mehrheit der Menschen hielten sich an die Regeln und wurde dafür in Ruhe gelassen. Diese heimelige Ruhe beschreibt Stefan Wolle so: „Besucher aus der Bundesrepublik fühlten sich in der DDR oft in die Vergangenheit versetzt. Sie konnten ihren Kindern eine Dampflok zeigen, die wirklich ‚töff..töff“ machte und eine Straßenbahn, die noch richtig bimmelte. Türklingeln und Telefone schrillten, statt ein zart-melodisches ‚Klingklong‘ von sich zu geben.“ Wie heimelig und wie geborgen. Manche nannten es Gemütlichkeit. Für so manchen Ostdeutschen herrschte Ruhe, Ordnung und Sauberkeit in der DDR. Es gab keine Arbeitslosen, keine Asylbewerber, keine Obdachlosen, Rauschgiftsüchtigen und Bettler.
Andere nennen es Erstarrung und Lethargie. Sie denken an Mauer, Stasi und dumme Propaganda.
Beides: Aus dieser spießigen Gemütlichkeit, dieser „Normalität“ und einem repressiven System wollte die Subkultur ausbrechen, wie die 68er im Westen. Die Künstlerkritik der 68er und ihre Forderungen nach Autonomie und Entstandardisierung bereiteten den Weg für den „neuen Geist des Kapitalismus“, der sich dadurch modernisierte. Das Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Boltanski und Chiapello, das diesen Prozeß beschreibt, sollte Pflichtlektüre für jede/n Linke/n sein. Es bedarf daher einer Verknüpfung von Künstlerkritik mit Sozialkritik. Ostdeutsche konnten sich nur verwundert die Augen reiben, wie wenig sich die radikale Linke mit der sozialen Frage beschäftigte. Mit den Protesten gegen Hartz IV hat sich das geändert, genannt seien die „Überflüssigen“, Mayday oder auch die „Initiative Zwangsräumungen verhindern“. Renate Hürtgen und Bernd Gehrke ziehen in dem Buch „Das Begehren, anders zu sein“ ein wichtiges Resümee. Die demokratische Revolution von 1989 in der DDR hinterlasse Lehren, eine davon lautet: „(…)jede Opposition, die wie jene in der DDR die Bedürfnisse der Mehrheiten und namentlich deren soziale Probleme nicht im Auge hat und keine Antworten dafür sucht, (muss) scheitern.“

Die Stigmatisierung sozial Benachteiligter in der DDR und BRD bis heute : TEIL 1

Allgemeines

Sozial Benachteiligt sind heute vor allem Erwerbslose, aber auch Grundsicherungsbezieher und Niedriglöhner, die z.B. mit Hartz IV aufstocken müssen. In Berlin sind z.B. insbesondere Alleinerziehende, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Menschen mit Migrationshintergrung und Menschen mit Behinderung von Armut bedroht. Hier ist ein alamierender Anstieg der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung zu verzeichnen.

Welche Menschen werden in der Regel stigmatisiert?

Goffman unterscheidet drei Arten von Stigma (1963 wurde das Buch „Stigma“ erstmals veröffentlicht)

Erstens: physische Deformationen; Behinderte leiden oft unter Stigmatisierung, das Stigma ist sichtbar
Zweitens: „individuelle Charakterfehler“: Geistesverwirrung, Selbstmordversuchen (also Psychiatriebetroffene), Gefängnishaft (Strafgefangene), Sucht, Alkoholismus (Drogen- und Alkoholabhängige), Homosexualität (heute vor allem Transgender), Arbeitslosigkeit,
radikales politisches Verhalten (heute durch die Extremismustheorie stigmatisiert)
Drittens: Stigmata von Rasse, Nation und Religion (im NS- Staat Juden, heute Muslime, oder Rumänen und Bulgaren als Armutszuwanderer stigmatisiert)

Vorstufen der Stigmatisierung sind abwertende Vorurteile, z.B. wird das Wort „schizophren“ in den Medien und der Öffentlichkeit inflationär gebraucht, und ist immer abwertend gemeint, das Wort „Schizophrenie“ ist für viele ein Schreckenswort. Vorurteile führen zur Diskriminierung von Menschen, sie führen zur Isolierung, zum Ausschluß und zur Benachteilung. Oftmals werden die diskriminierten Menschen in eine Existenz am Rande der Gesellschaft gedrängt.

Allport-Skala von 1954:
Abschätzige Bemerkungen (Verleumdung)
Kontakt mit der abgelehnten Gruppe wird gemieden (Vermeidung)
Diskriminierung (Zugang zu Berufen und Wohngegenden wird verwehrt; z.B. Rassentrennung)
Körperliche Gewaltanwendung (Überfälle auf Migranten)
Vernichtung (Völkermord, ermorderte Obdachlose)

Stigmatisierte müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie anders sind als andere Menschen, als die „normalen“. Die Stigmatisierung und ihr Umgang damit werden zu einem Teil ihrer Biographie. Goffman spricht von einer „beschädigten Identität“.

Eine Psychiatriebetroffene kann und muß meistens ihr Stigma verheimlichen, um einen Job zu bekommen, oder sie muß es offenbaren, um Erwerbsminderungsrente zu erhalten.

Stigmatisierte haben oft das Gefühl, nicht zu wissen, was die Anderen „wirklich“ über ihn denken. Schon kleine Fehler können als direkter Ausdruck seiner stigmatisierten Andersartigkeit interpretiert werden. Es macht in dieser Gesellschaft zum Beispiel einen Unterschied, ob ein Arbeitsloser, der von Staatsgeldern lebt, säuft oder ein Reicher auf Partys.

Es macht einen Unterschied, ob jemand schon als Kind arm aufwächst und als Assikind stigmatisiert wird oder normal aufwächst, den Standpunkt der Normalen aufnimmt und später selbst feststellt, dass sie ein Stigma besitzt. Zum Beispiel psychisch krank und daher arm wird.

Die ersten sind angeborene Stigma, du wirst z.B. in eine arme Familie hineingeboren, bist Waisenkind etc. Aber auch in einer armen Familie kannst du behütet aufwachsen, dann wird der Schuleintritt oft als Ereignis der Stigmaerfahrung berichtet. Wer später im Leben stigmatisiert wird, z.B. Stigma durch Erkrankung, hat über die Normalen und Stigmatisierten gründlich gelernt und hat ein Problem mit seiner Neuidentifizierung. Und wer in einer fremden Gemeinschaft sozialisiert wurde, muß nun eine zweite Seinsweise erlernen. Wer z.B. in armen, aber normalen Verhätltnissen in Rumänien aufgewachsen ist und nun nach Deutschland kommt, kann mit Stigmatisierung rechnen. Das ist das Stigma der Minderheitenzugehörigkeit, z.B. bei Emigration oder Flucht in ein fremdes Land.

Die Stigmatisierung setzt sich im folgenden fort:
Erfahrung mit sozialen Beziehungen (Verstecken der Krankheit bzw. Hartz IV- Bezug, Verminderung der Sozialkontakte etc.)
Umgang der Medien (Stereotype, Vorurteile)
strukturelle Diskriminierung (Hartz IV- Gesetze, psychiatrische Versorgung etc.)
Einschränkung des Zugangs zu bestimmten sozialen Rollen und Funktionen

Freiwillige- Lückenbüßer im System

Am 9. April 2016 fand die 9. Berliner Freiwilligenbörse im Roten Rathaus statt. Viele Organisationen, die Freiwillige, d.h. Ehrenamtliche suchen, stellten sich dort vor.
Bei der Volkssolidarität kann man sich zum Beispiel in der Sozialberatung/ Sozialpolitik, der Kinder- und Jugendarbeit, Arbeit mit Senioren in ihren Einrichtungen und beim ambulanten Hospizdienst ehrenamtlich engagieren. In der Diakonie darf man ehrenamtlich Menschen mit Demenz, psychischen, geistigen und somatischen Erkrankungen betreuen. In einer Freiwilligenagentur kann man ehrenamtlich in einem Behindertenprojekt renovieren, Kinder oder ältere Menschen begleiten oder die Homepage in einem Familienzentrum gestalten. Ehrenamtlich arbeiten darf man im Konzerthaus Berlin. Man kann das Jugendforschungsschiff reinigen und streichen- natürlich ehrenamtlich. In 77 Kindergärten darf man Kinder betreuen. Im Umweltschutz, Tierschutz, in der Flüchtlingshilfe, in der ehrenamtlichen Betreuung von Erwachsenen, in der Pflege, in Stadtteilzentren, Mehrgenerationenhäusern, im Drogennotdienst, im Sport, in der Haftentlassenenhilfe, in der Telefonseelsorge, bei den Tafeln, in der Suchthilfe, im Technischen Hilfswerk usw.- überall werden Ehrenamtliche gesucht.
Weitere Infos: http://www.berliner-freiwilligenboerse.de

Stefan Selke schreibt über das Engagement in der Freiwilligengesellschaft:
„Die neuen Freiwilligen sind Lückenbüßer eines Systems, das sich gerade von seinen zivilisatorischen Grundprinzipien verabschiedet. (…) Regierung und Parteien hoffen darauf, mit dem Èhrenamt` finanzielle Krisen und Engpässe überwinden zu können. (…) Die Bürger sollen den Laden nun selber schmeißen.“ Als Lohn winken ihnen „Erfolgserlebnisse“. „Die systematische Instrumentalisierung engagierter Bürger gehört zum Notlösungsprogramm einer ratlosen Politik. (…) Freiwilligkeit ist der neue Zwang. (…) Hier zeichnet sich ein Kulturwandel ab. (…) Die F rage ist nicht, ob freiwilliges Engagement sinnvoll ist, sondern wo es angemessen ist. Freiwilligkeit in Lebensbereichen, in denen Leistungen bisher vom Staat garantiert wurden, ist daher kritisch zu beurteilen. Freiwillige operieren zunehmend in Verantwortungsbereichen, die hoheitlich dem Sozialstaat zuzurechnen sind. (…) Durch Freiwilligkeit werden soziale Schutzfunktionen des Staates immer weiter von einer öffentlich- rechtlichen in eine privat- ehrenamtliche Sphäre verlagert. In dieser Sphäre werden Bürgerrechte durch personelle Abhängigkeiten und Schutzgarantien durch Willkür ersetzt.“ (aus Stefan Selke, Schamland, Berlin 2015, S. 215-222)

Buchtipp:
Gisela Notz, „Freiwilligendienste“ für alle
Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der „freiwilligen“ Arbeit (AG Spak 2012)
Ehrenamtliche Arbeit hat eine lange Tradition. Viele soziale Projekte und Einrichtungen im Sozial- und Kulturbereich bestünden nicht mehr, wenn „freiwillige“ MitarbeiterInnen nicht für ihr Fortbestehen sorgen würden. „Freiwilligendienste“ sollen heute in Zeiten zunehmender Armut und Ausgrenzung – wie immer in der Geschichte – dazu beitragen, die Not der durch das kapitalistisch-patriarchale System Arm-Gemachten zu lindern und die Resozialisierung derjenigen zu unterstützen, die darin zu Fall gekommen sind. Das geht auch immer einher mit einer Kontrolle der Armen und Hilfsbedürftigen. Damit sollen Protestpotenziale gezügelt und gleichzeitig soll der soziale Frieden hergestellt werden. Schließlich werden nicht nur immer neue Begriffe für die „Gratisarbeit“ erfunden, sondern auch immer neue Programme durch Bundesregierung und Wohlfahrtsverbände aufgelegt, die oft nichts weiter sind, als alter Wein in neuen Schläuchen.

Der Kongress Armut und Gesundheit 2016: Teil II

Ein Bericht mit Kommentar

Am 17. und 18. März 2016 fand an der TU Berlin der Kongress Armut und Gesundheit statt, der im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Bestehen beging. „Gesundheit ist gesetzt!?“ lautete das diesjährige Motto. Auftakt- und Abschlußveranstaltung widmeten sich dem neuen Präventionsgesetz. Das ist symptomatisch. Prävention setzt bei dem Verhalten der von Armut Betroffenen an und nicht den gesellschaftlichen Verhältnissen. Beim ersteren werden „Defizite“ der Betroffenen bekämpft, beim zweiten wäre eine Umverteilung von oben nach unten die Folge, was politisch aber nicht gewollt ist.
Zwei Veranstaltungen zum Thema Erwerbslosigkeit besuchte ich auf dem Kongreß. Interessant vor allem, wie über Erwerbslose geredet wurde. So berichteten im System Beschäftigte über die soziale Isolation erwerbsloser Frauen, die entweder alleinstehend seien oder die Familie als einen Belastungsfaktor erlebten (alleinerziehend, Gewalterfahrungen etc.). Im Publikum wurde mehrfach versucht, einen Zusammenhang zwischen Bildungsstand und sozialer Situation herzustellen. Dem widersprach aber eine Referentin aus Kiel. Auch Frauen mit Hochschulabschluss können sozial isoliert sein. Armen Menschen wird häufig mangelnde Bildung und fehlende soziale Kompetenz unterstellt.
Es wurde von „multiplen Problemlagen“ gesprochen, nicht aber von strukturellen und gesellschaftlichen Problemen. Das sei schließlich Aufgabe der Politik, hörte ich auf dem Kongress öfter, wenn ich auf diesen Aspekt verwies. Erwerbslose werden vornehmlich als defizitäre Personen wahrgenommen. Da mit ihnen etwas nicht stimmen könne, so die Annahme, wird das Instrument der Verhaltensänderung angesetzt. Soziale Probleme werden als individuelle Probleme umgedeutet, die Schuld wird den von Armut Betroffenen selbst zugeschrieben.
Die ReferentInnen der Veranstaltung zum Jobcoaching hatten sich herausgeputzt. Die Männer mit Anzug und Schlips. Die Frauen in Kostüm und weißer Bluse. Sie wollen die Erwerbslosen „abholen in der eigenen Realität“. Ihr Projekt „Bridges – Brücken in die Arbeit“ ging als „Jobwunder von Görlitz“ durch die Medien. Die jungen Arbeitslosen hätten persönliche und fachliche Defizite. 30 Prozent von ihnen zeigten Depressionssymptome. „Misserfolgsorientierte“ Menschen würden sich anspruchsvolle Ziele setzen, um dann wieder zu scheitern. Das begleitende Coaching könne helfen, „realistische Ziele“ zu entwickeln. Das Projekt beginnt mit einem Einstieg, u.a. mit einem Profiling. Zweite Phase sei das Training. Zielfindung, Bewerbung, Selbstvermarktung etc. Dann komme die Projektarbeit mittels Praktika oder MAE. Und schließlich die Integration in Arbeit. 212 TeilnehmerInnen wurden in ein Arbeitsverhältnis (sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit Dauer von mind. 7 Tagen) und 60 TeilnehmerInnen in eine Ausbildung vermittelt. Das sei eine Erfolgsquote von 56 Prozent. Ein zweites Projekt, das vorgestellt wurde, heißt „WorkFirst“. Das Projekt für junge Erwerbslose wurde in der Praxis von reSOURCE Dresden GmbH entwickelt. Von den Teilnehmer/innen des Projektes WorkFirst fanden 58,4 Prozent eine passende Arbeitsstelle, so heißt es auf deren Website. Die jungen Erwerbsfähigen müssen integrationsnah sein und einen Berufsabschluss haben. Die erste Phase dauert acht Wochen. Das sei die Aktivierungsphase, mindestens 15 Stunden pro Woche mit Bewerberprofil (Stärken, Ziele etc.). Die zweite Phase beträgt vier Wochen. Es ist die betriebliche Erprobung. Bis zu sechs Monaten nach Beschäftigungsaufnahme gibt es eine Nachbetreuung. Schwerpunkt ist die Zielverfolgung. Eine sinnhaft erlebte Aktivität habe einen positiven Einfluß auf die Gesundheit. Das dritte vorgestellte Projekt hieß „AktivAmal 1- Gesundheit im Einzelsetting“. Das Programm wurde an der TU Dresden für Erwerbslose entwickelt. Es besteht aus vier Modulen: Aktivitätenplanung, Konstruktives Denken („Wie kann ich meine Gedanken verändern?“), Soziale Kompetenzen („In welchen Bereichen wird noch Unterstützung gebraucht?“), Systematisches Problemlösen. Ziele werden positiv aufgeladen, kleine Veränderungen im Alltag durch eine Deautomatisierung erreicht. „Mach etwas anders“, hieß es, siehe: http://www.aktiva-training.de
Während hier ganz eindeutig die Integration in den Arbeitsmarkt im Mittelpunkt stand, richtete sich in einer anderen Veranstaltung zu „Frauen in der Erwerbslosigkeit“ der Fokus auf die Verbesserung der gesundheitlichen Situation. „Mut tut gut“ heißt ein Projekt in Kiel, eine kommunale soziale Begleitmaßnahme, die seit Herbst 2006 läuft. Die meisten Frauen, so die Information, werden vom Jobcenter zugewiesen, die Teilnahme sei aber freiwillig. Das Kursprogramm mit zwölf Frauen umfasse zehn Wochen: Montags, Dienstags und Donnerstags von 9 bis12.30 Uhr. Dazu gibt es fünf begleitende Einzelberatungen. Die Ziele des Kurses bestehen darin, das Selbstwertgefühl zu stärken, zu lernen, den Tag zu strukturieren (!) und die soziale Isolation zu verringern. Grundannahme ist, dass Frauen trotz der strukturellen Bedingungen, die für sie psychisch belastend sind, viel für sich selbst tun können. Die Abwertung der Gesellschaft sei sehr groß, diese Abwertung setzt sich im Innern fort.
Weitere Infos: http://www.donna-klara.de
http://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/praxisdatenbank/
Weiter wurde ein Projekt des Feministischen Frauengesundheitszentrums in Berlin vorgestellt (Mehr dazu siehe Tipps).
Erwähnenswert ist noch die Vorstellung des Gesundheitsberichtes durch MitarbeiterInnen des Robert- Koch- Institutes. Man kann ihn aus dem Netz herunterladen: http://www.gbe-bund.de
http://www.rki.de/gesundheitsbericht
In der anschließenden Diskussion kamen dann aus dem Publikum u.a. folgende Äußerungen: „Wir wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit gibt und es passiert nichts“ und „Wir haben die Erkenntnisse, aber es muß umgesetzt werden.“
Antworten vom Podium: „Wo richten wir unsere Lampe hin? Die Anzahl der Publikationen, die sich mit sozialer Ungleichheit befasst, ist hoch. Wir tun viel.“ – „ Der letzte Schritt zur Handlung zu kommen liegt nicht bei uns, der liegt bei der Politik.“
In einer Veranstaltung ging es um die Abwicklung der unabhängigen Patientenberatung. Der GKV-Spitzenverband und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung haben sich in einem umstrittenen Verfahren für die Sanvartis GmbH als neuen Anbieter entschieden, vermutlich weil die neue Sanvartis-UPD mit ihren bisherigen Kassen-Dienstleistungen eher kassenkonform ist.
Auf der Website: http://www.fuer-unabhaengige-patientenberatung.de/
sind weitere Informationen zu finden.
Auch die Veranstaltung „Menschenrechte, Inklusion und Zwang in der psychiatrischen Versorgung“ war sehr interessant. Der Vortrag eines Vertreters von bipolaris ist hier zu finden: http://www.bipolaris.de/themen/recht/statistik/
Nur selten waren auf dem Kongress Initiativen aus der Zivilgesellschaft präsent. Nur im Bereich Globalisierung war das anders. Dort waren Organisationen wie Lobby Control, medico international, Verband demokratischer Ärztinnen und Ärzte sowie die BUKO Pharmagruppe beteiligt.
Zum Abschluss palaverten einige VertreterInnen von Krankenkassen, Gesundheitsförderung sowie Politiker wie die Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (!) in Brandenburg sehr technokratisch über die Umsetzung des neuen Präventionsgesetzes. Es ginge sowieso nur um 500 Millionen Euro, das seien Peanuts. „Mit den Mitteln werden wir nicht die Welt retten“, sagte ein Podiumsgast. Einige Städte seien sowieso schon aufgegeben. Die Präventionsideologie an sich wurde nicht hinterfragt. Die Idee gesundheitlicher Prävention besagt, dass die Verantwortung für Gesundheit und Gesundheitsvorsorge den Menschen selbst übertragen wird. Jede/r soll sich um die eigene Gesundheit bemühen.
Der Kongress sei „wieder bunter geworden“ hieß es im Abschlussstatement. Nur die Frage sei nach zwanzig Jahren erlaubt. Wie steht es mit der Partizipation, wo sind die von Armut Betroffenen? Der Kongress mutiert zunehmend zu einem Fachkongress, wo sich Wissenschaftler, Behördenvertreter, Politiker, die Armutsindustrie (z.B. Wohlfahrtsverbände) und die Gesundheitswirtschaft tummeln. Es ist ein „sich selbst verstärkendes System“, von dem Massen von Arbeitsplätzen abhängen. „Wo Bedarf ist, gibt es ein Angebot.“, sagte jemand auf einem Podium. Der Kongress wird ehrenamtlich organisiert, aber aus ihm entstehen neue Projekte, Forschungsideen, viele Papiere und neue Gremien. Es geht um Networking. Der Kongress nutzt vornehmlich den Professionellen und eben nicht jenen, die in Armut leben müssen, denn die Armut an sich wird nicht behoben. Es geht um eine „Politik des Verhaltens“ und nicht um Umverteilung. So kann man auch ein ansonsten brisantes Thema befrieden. Nicht das Verhalten der von Armut Betroffenen ist zu bekämpfen, sondern die kapitalistischen Verhältnisse, in denen Armut möglich ist und immer weiter zunimmt!
Trotzdem ist gegen Selbstreflexion und Selbstsorge, die freiwillig geschieht, nichts einzuwenden.

Hier Tipps für erwerbslose Frauen in Berlin.

Das feministische Frauengesundheitszentrum stellt Mappen mit Angeboten in Berlin zur Verfügung.
Außerdem natürlich ihre kostenlosen Gesundheitskurse für erwerbslose Frauen: http://www.ffgz.de

Empfehlenswert sind auch Kurse für Frauen
bei Kobra. http://www.kobra-berlin.de
bei Frau und Beruf: http://www.frauundberuf-berlin.de/
sowie Raupe und Schmetterling. http://www.raupeschmetterling.de/