Der Hunger Teil 1

Auch wer in Deutschland beständig rechnen muß und selbst schlecht ernährt ist, weil der Regelsatz für eine gute Ernährung nicht ausreicht, wer zu Lebensmittelausgaben gehen muß usw. Weltweit gesehen, gibt es in den meisten Ländern keine Reste eines Sozialstaates, der noch ein Mindesteinkommen garantiert. Gestern wurde eine OECD-Studie vorgestellt, wobei festgestellt wurde, dass die Steuerlast vor allem die Durchschnittsverdiener und die unteren Lohngruppen zu tragen hätten. Gleich meldete sich ein Wirtschaftsvertreter zu Wort, die Löhne sollten den hart arbeitenden Menschen zu gute kommen. Zugleich war von gesetzlichen Sozialausgaben die Rede, die die Steuern auffressen würden. Nichts wiederum von ausgesetzter Vermögenssteuer, Erbschaftssteuerreform zugunsten von Firmenerben, nichts von Senkung der Spitzensteuersätze, nichts von Steueroasen. Nichts von einer Forderung der Umverteilung von oben nach unten!

Folgendes Buch sollte Pflichtlektüre sein. Weltweit gibt es einen Kampf ums Überleben. „Ein ständiger Kampf um das ganz Unmittelbare, das Grundlegende. (…) Es ist nicht nur eine Beschneidung der materiellen Grenzen, auch der mentalen, eine Einschränkung der Vorstellungskraft. (…) Abertausende von Menschen, die jeden Tag aufstehen und sehen müssen, wie sie an Nahrung kommen. (…) Zukunft ist der Luxus derjenigen, die Nahrung haben.“ , so der Buchautor.

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

„Dieses Buch ist ein Fehlschlag (…), weil eine Untersuchung des größten Versagens der Menschheit selbst nur scheitern kann (…) Aber manchmal lohnt sich das Scheitern.“, so endet der Autor in seiner Einleitung. Und: „Vom Elend zu berichten ist oft schon eine Form, es auszunutzen.“ Fremdes Unglück interessiert viele unglückliche Menschen, um sie selbst sei es nicht so schlecht bestellt. „Fremdes Unglück- Elend- ist nützlich, um zu verkaufen, zu verbergen, um Dinge durcheinanderzuwerfen: So lässt sich beispielsweise suggerieren, das individuelle Schicksal sei ein individuelles Problem.“

Aisha aus Niger wünscht sich eine Kuh. Als Martin Capparos sie fragt, aber was sie sich wünsche, wenn ein Zauberer ihr jeden Wunsch erfüllen würde, egal welchen. „Zwei Kühe vielleicht?“ sagt Aisha leise: „Dann müßte ich nie mehr Hunger leiden.“ Diese grausamste Art der Armut nimmt einem die Möglichkeit, sich ein anderes Leben auch nur vorzustellen. „Man ist zum Immergleichen, Unausweichlichen verurteilt.“ Jeder Gedanke wird vom Mangel beherrscht.

In der Erinnerung ist der Hunger ein Kind mit aufgeblähtem Bauch und dürren Beinchen. Surrende Fliegen. Das Bild wird zur Gewohnheit. Hunger gibt es dann in Zusammenhang mit Kriegen oder Naturkatastrophen. Aber es hungern täglich 800, 900 Millionen Menschen. „Jeden Tag sterben auf der Welt- dieser Welt- 25 000 Menschen an Ursachen, die mit dem Hunger zusammenhängen.“

Niger: Strukturen des Hungers

Acht von zehn Nigrern leben auf und vom Land. In vielen Ländern Afrikas sind 2/3 bis ¾ der Bevölkerung Bauern. Weltweit sind knapp eine Milliarde Menschen in der Landwirtschaft tätig.
In der Sahelzone wird Hunger als strukturelles, unabänderliches Problem gesehen. Brutal wird der Hunger in der Zeit, wenn die vorherige Ernte aufgebraucht ist und die nächste sich mühsam aus dem kargen Boden kämpft. Niger ist das Land mit den weltweit meisten Kinderbräuten, fast 50 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren sind in ihrem Wachstum stehengeblieben.

Ein Erwachsener hungert, wenn er täglich weniger als 2200 Kilokalorien zu sich nimmt, ein Kind weniger als 700 bis 1000. „Hunger ist ein Prozess, ein Kampf des Körpers gegen den Körper.“ Ein hungernder Körper zehrt sich auf.
Bürokraten benutzen eine Fachsprache. Fachbegriffe vermeiden jede Emotion. Die Bürokraten sprechen lieber von Fehlernährung, Unterernährung etc. „Chronisch unterernährt“ sind dann Menschen, die tagtäglich hungern. Wenn etwas passiert, findet der Hunger in die Medien. In Ausnahmesituationen. Aber Mangelernährung ist meist chronisch. Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung, also etwa zwei Milliarden Menschen sind von ihr betroffen. Zwei Milliarden Menschen sind mangelernährt. Und wenn die Ärmsten essen, dann sind sie „fehlernährt“: Eisenmangel, Vitamin- A- Mangel, Jodmangel, Zinkmangel. Wenn sogar die Proteine und Kalorien fehlen, dann sind sie unterernährt. Besonders die Kinder sind betroffen, 60 Prozent der Hungernden sind Frauen. „Der schlimmste aller Teufelskreise: ausgemergelte Mütter, die unterentwickelte Kinder großziehen. (…) Jedes Jahr sterben mehr als drei Millionen Kinder an Hunger und Krankheiten- Husten, Durchfall, Röteln, Malaria-, die durch den Hunger begünstigt werden (…).“
„Drei Millionen Kinder, das sind mehr als 8000 am Tag, mehr als 300 pro Stunde, mehr als fünf in einer einzigen Minute.“

Warum das alles?

In Afrika hat es mit dem Sklavenhandel und den Plünderungen begonnen. „Als die afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit entlassen wurden, haben die Europäer mitgenommen, was sie tragen konnten.“ Seit den 1980er Jahren verschärfte sich die Situation, denn IWF und Weltbank „überredeten“ die Mehrzahl der afrikanischen Regierungen, staatliche Interventionen in bestimmten Bereichen, so der Landwirtschaft, zu reduzieren. Gebetsmühlenartig wiederholten Weltbank und IWF, der Markt werde die Lebensbedingungen verbessern. „Es war einer der größten Gewaltakte des Weltmarktes. Ohne eine Chance, ihre eigenen Produkte verkaufen zu können, verloren Millionen von Bauern in den ärmsten Ländern auch noch das Hemd, das sie nie hatten.(…) Über mehr als ein Jahrhundert war Afrika ein Nettoexporteur von Nahrungsmitteln gewesen, seit 1990 überwiegt der Import.“

„Eine klare Botschaft: Die Vereinigten Staaten und Europa bauen effizienter und günstiger Nahrung an, also sollten die Afrikaner- und andere arme Länder- ihre Finger von der Landwirtschaft lassen und arbeiten gehen, damit sie von ihrem Lohn die importierten Nahrungsmittel bezahlen konnten. Allerdings war noch nicht klar, wo sie arbeiten sollten. (…) Die Randgebiete der großen Städte füllten sich mit Arbeitslosen- und die Felder mit Landwirten ohne Land bzw. ohne ausreichende Mittel, um es zu bestellen. Zwei von drei Afrikanern sind immer noch Bauern.“

Ergebnis: „1970 gab es Schätzungen zufolge etwa 90 Millionen Unterernährte in Afrika. 2010 waren es bereits mehr als 400 Millionen.“

Niger hat eine Fläche von einer Million Quadratkilometern, aber nur 40 000 davon sind fruchtbar.
Im übrigen Land leben Wanderhirten mit zwanzig Millionen Tieren. Seitdem der IWF die Regierung gezwungen hat, den Markt für multinationale Konzerne zu öffnen, ist der Preis der Medikamente für Tiere um ein Vielfaches gestiegen. Viele Hirten haben daher ihre Herden verloren.

Der Währungsfonds zwang die Regierung in Niger ebenfalls, ihre Getreidelager aufzulösen, die als Notreserve für drohende Hungersnöte gedacht war.

Niger ist der zweitgrößte Uran- Förderer weltweit. Eine französische Gesellschaft baut Uran ab und zahlt dem Staat nur eine lächerliche Gebühr.

In der Sahelzone produziert ein Bauer je Hektar Ackerland 700 Kilo Getreide, das ist weniger als ein Bauer im Römischen Reich, ein amerikanischer Farmer schafft heute das 2000-Fache. Es sind karge Gegenden, da es nur für etwa vier Prozent der Anbaufläche Afrikas irgendeine Form von Bewässerung gibt. Und es sind besitzlose Gegenden. „Die meisten afrikanischen Bauern arbeiten ohne große Hilfsmittel, allein mit ihren Händen, ihren Beinen und einer Hacke.“ Und sie können nur innerhalb ihres Dorfes ihre Ernte verkaufen, da es an Straßen und Transportmitteln mangelt. Mit Dünger, Pflanzenschutzmitteln, Traktoren und Bewässerung sähe alles anders aus.

Die Anzahl der Menschen wächst schneller als die Getreidemenge. Und es gibt keine freien Flächen mehr, da vor vierzig Jahren der Regulationsmechanismus ausgehebelt wurde und das Land auf dem berühmten Markt verschachert wurde.

„Elend bedeutet, auf Messers Schneide zu leben. Jeder Sturz kommt einem Fall ins Bodenlose gleich.“ Es muß schon viel schieflaufen, bevor der Sohn eines Bauern das väterliche Grundstück verläßt. Die Frauen heiraten und ziehen zu ihren Ehemännern, das war es, wenn größere Katastrophen ausbleiben. Die Männer sind mobil. Der Arbeitslohn eines Feldarbeiters in Niger beträgt pro Tag vier Dollar, das sind 2000 Francs. In Nigeria können es bis zu 4500 Francs sein.
„Die Überweisungen der Migranten sind eine wilde Form der Umverteilung des Reichtums, verbunden mit einer noch wilderen Form von Ausbeutung. Arme erledigen in reicheren Ländern die Jobs, die die Menschen dort nicht machen wollen, und schicken Geld in ihre Heimatländer.
Laut Schätzungen der Weltbank haben die weltweit etwa 200 Millionen Migranten allein 2013 etwa 400 Milliarden Dollar in ihre Heimatländer überwiesen. In Niger arbeitet einer von dreißig Männern in Nigeria, Ghana, Benin oder der Elfenbeinküste: Sie schicken jedes Jahr 100 Millionen Dollar nach Hause. Viele bleiben; andere pendeln.“

Der Autor wurde in Niger krank, sechs Tage konnte er nichts mehr essen. „Nicht die Gesellschaft verweigert mir die Nahrung, mein Körper verweigert mir die Aufnahme.“ Nebel im Kopf.
Ihn beschleicht das Gefühl, mit dem wahren Elend in Berührung gekommen zu sein. „Nicht das Elend derjenigen, die am Rande der Gesellschaft der Reichen leben, sondern das Elend derjenigen, die dort leben, wo es nichts gibt…“

„Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“, so der Autor.

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

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