Der Hunger Teil 5

Das 841seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martin Capparos, geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesh, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaska.

„Hunger hat viele Ursachen. Nahrungsmangel ist inzwischen keine mehr davon.“
Obwohl sich die Weltbevölkerung innerhalb von einem halben Jahrhundert verdoppelt hat, es sind bereits sieben Milliarden überschritten.

Es kursieren mehrere Erklärungen für den Hunger, die der Autor hinterfragt.
1) Die Armen würden zu viele Kinder bekommen.
2) Hauptursache sei die Armut.
3) Hunger sei die Folge struktureller Probleme. Um den Hunger zu beseitigen, sei bessere Bildung notwendig.
4) Die Regierungen der armen Länder seien korrupt.
5) Es gebe Hunger, weil Regierungen in die Wirtschaft eingriffen

Armut und Hunger haben aber ein und dieselbe Ursache. „Sie sind Ausdruck desselben Raubzugs, derselben Plünderung. Hauptursache für den Hunger der Welt ist der Reichtum: die Tatsache, dass einige wenige sich nehmen, was viele andere dringend benötigen, einschließlich der Nahrung.“

IWF und Weltbank

„In den Siebzigern ließen sich viele arme Länder von den großen internationalen Banken- die ihre Liquiditätsüberschüsse ausgleichen wollten- dazu überreden, Anleihen aufzunehmen. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank nutzten diese Schulden anschließend als wirksames Druckmittel, um den Ländern ihre neoliberalen Programme aufzuzwingen.“

„Die Entwertung der nationalen Währungen führte zur Verteuerung aller importierten oder exportierbaren Nahrungsmittel; durch die Verschlankung der Staatsapparate landeten Millionen Beschäftigte auf der Straße; Privatisierungsprogramme ließen die Kosten für öffentliche Leistungen ansteigen; und so blieb den Armen noch weniger, um Essen zu kaufen.“ Auch die Zerschlagung der öffentlichen Gesundheitssysteme hatte negative Folgen.
„Der IWF und die Weltbank waren der Meinung, staatliche Eingriffe verzerrten die natürliche Marktentwicklung.“ Das galt allerdings nicht für die reichen Länder, wo es Agrarsubventionen in Milliardenhöhe gab. Die Integration in den Weltmarkt bewirkte, dass die armen Länder für den Export produzierten. Durch die „Kapitalismus-Offensive der Achtziger- und Neunzigerjahre“ wurden wichtige Entscheidungen von IWF und Weltbank getroffen, wobei die nationalen Regierungen ihren Einfluss nahezu gänzlich verloren.
„Wahlen verkamen in diesen neuen Demokratien zu einer sinnlosen Farce. Und ohne einen Staat, der bei sozialen und wirtschaftlichen Konflikten vermittelte, war die arme Bevölkerung noch schutzloser der Willkür der Reichen ausgeliefert.“

Die Tendenz in den Neunzigern war klar: Die Zahl der Hungernden nahm erneut zu- es waren ca. 850 Millionen. Viele siedelten sich in den großen Slums an. Auswandern war häufig die einzige Lösung.

USA: Das große Geld

Chicago ist eine der erfolgreichsten Städte des erfolgreichsten Modells der heutigen Welt.
„Und die ganze Zeit dieses Gefühl, dass das doch alles keinen Sinn ergibt: das ganze Aufgebot, die vielen Waren, so viel Abglanz, so viel törichte Verlockung. Die perfekte Maschinerie der Nutzlosigkeit. Sich abrackernde Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, um mehr oder weniger unnötige Dinge herzustellen oder Dienste zu erbringen, die andere kaufen, falls sie es schaffen, den ganzen Tag zu arbeiten, um mehr oder weniger unnötige Dinge herzustellen oder Dienste zu erbringen, die andere kaufen, falls sie es schaffen, den ganzen Tag zu arbeiten, um….(…)
Der Erfolg dieser Gesellschaft lässt sich am Anteil der unnötigen Waren messen, die sie konsumiert. Je mehr Geld sie für Dinge ausgibt, die sie nicht benötigt – und je weniger für Gesundheit, Kleidung, Unterkunft -, desto besser, glauben wir, geht es einer Gruppe, einer Schicht, einem Land.“

Spekulationsobjekt Nahrung

Anfang der neunziger Jahre begann sich der Handel mit Lebensmittelrohstoffen prinzipiell zu ändern. Früher war das ein Markt für Erzeuger und Konsumenten. Nun mischten noch andere mit, Banken, Fonds. Es wurde ein Tummelplatz für Finanzhaie und Börsenspekulanten.
1991 kam Goldman Sachs auf die Idee, unser täglich Brot könne eine großartige Geldanlage sein. Bis 1991 hatten die Banker der Wall Street praktisch alles, was irgendwie in Betracht kam, in abstrakte Finanzinstrumente verwandelt. „Die Nahrung war so ziemlich das Einzige, an das sie sich noch nicht gewagt hatten.“ Nun begannen sie entsprechende Anlagepapiere anzubieten. Die Finanzialisierung erfasste nun auch das Essen. Die Spekulationen zahlten sich aus. Die Märkte oder die Nahrungsmittel interessieren sie nicht: nur das Geld. Sie verwandelten den Markt in eine Geldmaschine.
„Die Verwandlung des Essens in ein Spekulationsobjekt ist bereits seit zwanzig Jahren in vollem Gange. Doch bis 2008 bemerkte das niemand so richtig. (…) Es wäre seltsam, etwas zu verkaufen, was man hat: Verkauft werden Versprechen, vage Werte auf einem Computerbildschirm. Und wer sich als clever erweist im Umgang mit dem Fiktiven, verdient sich eine goldene Nase.“

Die USA hat ein Problem: die Überproduktion von Nahrungsmitteln. „Es klingt wie ein Witz, dass dies das große Problem des bedeutendsten Nahrungsmittelproduzenten der Welt ist, einer Welt, in der Hunger herrscht.“
Und: „Der Agrotreibstoff, den die Autos in den USA verbrennen, würde ausreichen, um sämtlichen hungernden Menschen auf der Welt jeden Tag ein halbes Kilo Mais zu geben.“
Jean Ziegler: „Biokraftstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschheit.“

In China wollen die Menschen jetzt essen wie in den USA oder Europa. 2012 kaufte China fast sechzig Millionen Tonnen Soja ein. Fleischkonsum hat seinen Preis. Die reichen Länder beruhen auf Ausgrenzung: „Sie funktionieren nur, wenn die anderen ihnen nicht nacheifern.“
„In China und Indien erkennt man ein Mitglied der Mittelschicht daran, dass es ein Auto besitzt und Fleisch isst. (…) Je mehr Reiche Fleisch essen, desto mehr Armen bleibt gar nichts.“

Nahrung ist zum Spekulationsobjekt geworden. Bankiers und Spekulanten sitzen heute an der Spitze der Nahrungsmittelkette- die Raubtiere des Systems. Investmentfonds sammeln das überflüssige Geld aus den reichen Ländern. Dadurch tragen „normale“ Menschen wie Rentner, Sparer, Rockstars, Ärzte usw. zum Hunger von Millionen Menschen bei. Ihr Geld wurde in Nahrungsmittel angelegt und hob dadurch die Preise aus den Angeln. Der Autor schreibt: „Ich bin einer von ihnen.“

„Für viele bedeutete das, dass sie keinen Zugang mehr zu Nahrung hatten.“

Vier große Handelskonzerne handeln mit Nahrungsmittel- Commodities: Archer Daniels Midland, Bunges, Cargill, Luis Dreyfus. Sie besitzen drei Viertel des Getreides der gesamten Welt. „Cargill und Konsorten sind in die unterschiedlichsten Freveltaten verwickelt: Regenwaldrodung, Verwendung verbotener Chemikalien beim Anbau, Verarbeitung und Konservierung, Steuerflucht, Sklavenarbeit, Kinderarbeit.“

Die Konzerne sind in der Regel über die Kontrolle durch einzelne Regierungen erhaben. Die Welt hat kein effizientes Regulierungsinstrument erschaffen, um sie zu kontrollieren. Sie bekommen zunehmend Konkurrenz aus China, Japan, Korea, die begannen, in der anderen Welt aggressiv riesige Anbauflächen aufzukaufen. Die westlichen Unternehmen taten es nach. An- sich- Reißen von Land wird inzwischen „Land Grabbing“ genannt. „Es ist der Kolonialismus des 21. Jahrhunderts.“

Soziale Spaltung und Almosen

In den USA ist das Vermögen bei immer weniger Menschen konzentriert. 16 000 Familien besitzen elf Prozent des Vermögens des reichsten Landes der Welt. Dagegen sind 14,5 Prozent der Bevölkerung verarmt. 33 Millionen Erwachsene und 16 Millionen Kinder leben in „Nahrungsmittelunsicherheit“.In keinem reichen Land der Welt leben mehr Arme. Ende der siebziger Jahre konnte der Hunger in den USA unter Kontrolle gebracht werden. Aber der Neoliberalismus schaffte es durch Steuersenkungen für Reiche, Anstieg der Verteidigungsausgaben und die beharrliche Forderung, der Staat solle sich nicht einmischen, die Sozialhilfe wurde gesenkt, dass die Nahrungsmittelprobleme wieder zurückkehrten. In achtzig Prozent der „unsicheren“ Familien ist mindestens eine Person berufstätig.

Die private Fürsorge wurde ausgeweitet. Z.B. Lebensmittelmarken. Man wirft den Armen paar Brocken hin. „Es ist ein ziemlich durchdachtes, breit angelegtes System, das die Hungrigen über Wasser hält. Der alte Trick mit der Wohltätigkeit.“ Die Zuwendungen, Essensausgaben und Suppenküchen sind für viele Amerikaner Teil ihrer Überlebensstrategie. Viele kommen aus der Mittelschicht, deren Gehalt nicht mehr reicht, die Kinder zu ernähren.

Migration als Ausweg in der anderen Welt

„Die ärmsten fünf Prozent der Amerikaner verdienen im Schnitt mehr als die reichsten fünf Prozent der Inder. (…) Die ärmsten fünf Prozent der Amerikaner haben im Schnitt ein höheres Einkommen als knapp siebzig Prozent der Weltbevölkerung (…) 1870 war die Ungleichheit in der Welt etwas niedriger als heute.“ Damals war die Schichtzugehörigkeit entscheidend, nicht die nationale Zugehörigkeit. Ein amerikanischer Arbeiter war so arm wie ein indischer Bauer und ein kenianischer Schafhirte. „Heute ist nicht mehr die Klassenzugehörigkeit, sondern die Nationalität der entscheidende Faktor (…) Der nächstliegende Weg zu einem ökonomisch besseren Leben ist die Migration. (…) Inzwischen reicht es, im Zielland zu den Armen zu gehören, um wesentlich besser gestellt zu sein als im Herkunftsland, der eigenen Heimat.“

„Illegale Einwanderer sind die Marginalisierten der Marginalisierten.“ Durch Ausbeutung machen sich die Reichen die Armut der Anderen Welt zunutze. Aber auch die Arbeit der Einwanderer wird ausgebeutet. Eine billige Arbeitskraft für Tätigkeiten, die selbst die ärmsten Einheimischen nicht verrichten wollen. Die am übelsten Ausgebeuteten sind keine Staatsbürger. Sie haben keine Rechte, sie haben Angst und scheren aus der Solidarität aus, so der Autor. „Was für ein Glück für die Arbeitgeber.“

Epidemie in den USA: Fettleibigkeit

In Binghamton lebt jeder Vierte unter der Armutsgrenze, ein Drittel der Menschen sind fettleibig.

„Seit einigen Jahren sind die USA die Vorreiter einer seltsamen Epidemie: Leibesfülle. (…)
Bis vor wenigen Jahrzehnten war Leibesfülle ein Zeichen von Wohlstand. (…) In Zeiten, in denen Arbeit den Körper auszehrte, war ein dicker Körper ein Körper, der sich dem Müßiggang widmen konnte. (…) Später kam Leibesfülle dann aus der Mode.“ Jetzt wurde ein trainierter, sehniger Körper zum Statussymbol. Vor 25 Jahren begann man, Fettleibigkeit für eine Seuche zu halten.
„Wir halten Leibesfülle für einen Ausdruck individuellen Scheiterns. Damit werden jetzt Angehörige am Ende der sozialen Leiter identifiziert. „Dick zu sein bedeutet, arm zu sein.(…) Die Fettleibigen sind die Fehlernährten – die Armen- der mehr oder weniger reichen Welt.“
Während die mangelernährten Armen in den armen Ländern zu wenig essen, essen die Armen in den reichen Ländern billige, schlechte Nahrung. „Sie sind nicht das Gegenstück zu den Hungernden. Sie sind ihr Ebenbild. So sieht Ungleichheit in jenen Gefilden aus.“

Fettleibigkeitsepidemie in den USA begann in den 1980er Jahren, seither sind die Preise für Obst und Gemüse inflationsbereinigt um vierzig Prozent gestiegen. Wer sich mit wenig Geld ernähren muss und dafür ein Maximum an Kalorien will, der kauft Junk Food.

In den USA sind insgesamt 78 Millionen Erwachsene und 12 Millionen Kinder fettleibig. Und die Zahl wächst. Die Schwarzen liegen 15 Prozent, die Mexikaner 5 Prozent über dem Durchschnitt. Die Einkommensfrage.

Die Epidemie breitet sich auf der ganzen Welt aus. „Sobald ein Land ein gewisses Konsumniveau erreicht, erhalten die Armen Zugang zu dieser Art von Nahrung und werden dick.“

Fortsetzung folgt

Martin Caparros, Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

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