Unter „Normalungetümen“ in der sozialen Kälte

„Die objektive Welt nähert sich dem Bild, das der Verfolgungswahn von ihr entwirft.“ (Adorno)

„Es gibt Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen.“ (Primo Levi)

Das Buch „Zwischen Amok und Alzheimer“ des Soziologen und Gefängnispsychologen Götz Eisenberg ist sehr vielfältig. Es ist eine Sammlung von Texten in zehn Kapiteln- von Amokläufen, rücksichtslosem Straßenverkehr, digitaler Verblödung, von Krankheiten wie Alzheimer in einer Gesellschaft des Vergessens, Konsumismus, Narzissmus, Psychopathen und vielem mehr.
Der Cartoon auf dem Buchcover soll verdeutlichen, was passiert, wenn man sich als Mensch ohne Stacheln oder Panzerung unter „Normalungetüme“ (Adorno) begibt. „Der Cartoon legt den Kern der Gewaltförmigkeit im sozialen Frieden der bürgerlichen Gesellschaft frei. Die Menschen sind gezwungen, in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression zu leben, das sie einander zu Konkurrenten und Gegenmenschen werden lässt.“
Der autoritäre Untertan mit einer zwanghaften Neigung zu Sparsamkeit und Routine war der erwünschte Sozialcharakter des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das bürgerlich- autoritäre Zeitalter beruhte auf der bruchlosen Verzahnung von innerer und äußerer Polizei, von Gewissen und Herrschaftsstruktur.
Offenbar beginnen die Panzerungen der alten autoritären Sozialcharakter porös zu werden, wenn die innere Polizei des Gewissens das Verhalten nicht mehr zuverlässig reguliert, dann kommt die äußere Polizei. (von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft)
In der Gegenwart ist ein Menschentyp verlangt, der süchtig konsumiert und offen ist für ständige berufliche und örtliche Veränderungen- der flexible Mensch, der alle Bindungen und Hemmungen ablegt. Es seien gespenstische Selbstzerstörungen von Formen bürgerlichen Verhaltens, an deren Stelle sind Rücksichtslosigkeit und blanker Egoismus getreten. Heute halten sich unterdrückte Wut und heftigste Aggressionen dicht unter der Oberfläche angepassten Verhaltens auf und brechen bei erster Gelegenheit durch. Im Zuge der Ökonomisierung dringt die soziale Kälte tief in die Poren des Alltagslebens ein, so der Autor. Die gestaute Wut der anständigen Bürger wird auf das „Böse“ gelenkt- auf Minderheiten, Sündenböcke.

Revolution als Griff zur Notbremse

Die Empfindsameren tragen den Stempel des Irrenhauskandidaten auf der Stirn. Es bestehe die Gefahr, dass man zu denken anfängt und einem der Wahnsinn der ganzen leeren Betriebssamkeit aufgeht. Der Autor fordert ein „Recht auf Stille“. Revolution heißt- die Beschleunigung bremsen. Ein Stillstehen der Uhren. Denn „die totale Beschleunigung führt in die Vernichtung“, so Heiner Müller. Harald Welzer spricht von einem „radikalen Rückbau“- weniger Produkte, weniger Mobilität. Götz Eisenberg schreibt: „Wir benötigen stattdessen Tugenden des Unterlassens, Prämien aufs Nichtstun, Kontemplation statt Produktion, Faulheit statt rastlosem Tun.“
Die Jugendkultur sei keine Gegenkultur mehr. Man muß, um wahrgenommen zu werden, auffällig sein und sich unterscheiden. Wer nicht gesehen wird, existiert nicht.
Götz Eisenberg schreibt, dass die allzu abstrakte Linke die Massenphantasie unterernährt hat. Sozialistische Propaganda war vielfach kalt, schulmeisterlich und ökonomistisch. Die Rechten schwelgten dagegen in Bildern und Metaphern, die Sozialisten langweilten die Menschen. Es gebe Bedürfnisse nach Nichtveränderung. Diese Sehnsucht treibt sie in die Arme von politischen Strömungen, die ihnen Entlastung durch rückwärtsgewandte Konzepte versprechen. Die Linke sollte ein Sensorium für die Wahrnehmung derartiger Bedürfnisse entwickeln, so der Autor. Sie sollte eine Sprache entwickeln, welche die Erfahrungen der rasanten Beschleunigung und Verlust des Vertrauten auszudrücken mag. Die Linke müsse lernen, ein Sensorium und eine Sprache für das Leiden an der Modernisierung zu entwickeln. Allerdings reiht sich Götz Eisenberg in die Heimattümelei ein, wenn er schreibt: „Wir dürfen Begriffe wie Heimat nicht den reaktionären Kräften überlassen. Heimat ist der Ort fragloser Zugehörigkeit und Geborgenheit im Vertrauten. Von Heimat wird erst geredet, wenn man sie verloren hat. Heimat als Sehnsuchtskategorie.“ Sozialismus sei Verlangsamung. Mit purer ökonomischer Aufklärung locke man niemand hinter dem Ofen hervor. Die Revolution wolle man, weil man wie ein Mensch leben und glücklich sein will. Der Wille zur Veränderung habe den Ursprung in Persönlichkeitsstrukturen weit unterhalb des Kopfes. Basis der Veränderung sind Körper, die die Aggressivität, Brutalität und Hässlichkeit der etablierten Lebensweise nicht länger ertragen können. Es sei ein stummes Nein zu Verhaltenszumutungen der forcierten Leistungskonkurrenz. Der eigentliche Skandal sei, dass menschliches Leben unter der Vorherrschaft von Waren und Geld stirbt.

Stolz- Vernichtungs- Maschinen

Jobcenter sind Orte der Demütigung, Kränkung und Beschämung. Der Arbeitslose stirbt einen sozialen Tod! Meistens geben sich die Arbeitslosen selbst die Schuld. Es ist ein Leben in stiller Verzweiflung. Manchmal kommt es zu Ausbrüchen, so die Messerattacke im Jobcenter von Neuss.
Aber auch an Schulen kommt es zu Amokläufen. Selbst die größten Unfälle (Amok) scheinen keine prinzipiellen und nachhaltigen Zweifel an der Gangart des gesellschaftlichen Prozesses auszulösen, so der Autor. Die Ursachen werden bestehen gelassen, die Folgen mit technischen und repressiven Mitteln bekämpft. Wenn man sich mit den Ursachen beschäftigen würde, müßte man den Leistungsbegriff hinterfragen, denn dieser produziert Verlierer. „Wir müssen der Demontage des Sozialstaates Einhalt gebieten, den Wahnsinn der losgelassenen Märkte stoppen und Solidarität an die Stelle des entfesselten Konkurrenzkampfes setzen.“, so Götz Eisenberg. Also soziale Prävention wäre notwendig, denn die Menschen des neoliberalen Zeitalters leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression und werden von der Angst umgetrieben, aus der Gesellschaft, ja aus der Welt herauszufallen und einen sozialen Tod zu sterben. Die Gehirne der nachwachsenden Generation werden als wichtigste „Ressource“- Humankapital von morgen betrachtet. Sie sollen fit gemacht werden- für Markt und Verwertungsketten. Wer nicht mithalten kann, dem droht die soziale Exklusion. Schulen sind effiziente Zulieferbetriebe für Industrie und Markt. Die eisigen Jahre des Neoliberalismus haben die Menschen selbst eisig werden lassen, sie geben die Kälte weiter. Menschen werden der Verelendung preisgegeben, als Loser werden sie zu Objekten von Hohn und Missachtung. Bildung sollte wieder als Instrument zur Befreiung konzipiert werden. Soziale Sicherheit und Angstfreiheit sind Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft.

Wehe dem, der nicht im Schutz der Liebe altert

Jede geschichtliche Epoche bringt ihre Krankheitsbilder hervor. Burn-out- ist die Veteranenmedaille der Leistungsgesellschaft. Depression dagegen klingt nur nach Versagen und Psychiatrie. Demenz gedeiht auf dem Nährboden einer Gesellschaft, die den Gedächtnisverlust treibhausmäßig züchtet, in dem sie ihre soziale Integration über den Modus des Konsums regelt und die Erinnerung in Apparate auslagert. Wer auch im Alter sozialen und intellektuellen Interessen nachgeht und mit dem Ende der Berufstätigkeit nicht aufhört zu denken, dessen Risiko, an Demenz zu erkranken, sinkt deutlich.

Der Konsumismus

Die Menschen werden in ihrem rastlosen Bemühen, sich zu unterscheiden, immer ähnlicher, so Götz Eisenberg. Der Körper sei eine Art Rohstoff, aus dem etwas zu formen ist. Er hätte Inszenierungswert. Es gebe Sehnsüchte und Bedürfnisse nach Ausstattung des Lebens, Sichtbarkeit, sich- unterscheiden, Sich- Spüren und Intensität. „Der Trick ist, eine Sehnsucht zu wecken, die sich fortwährend nach neuen Sehnsüchten sehnt.“, so Zygmunt Baumann. Shopping wird zur Lebensform. Sich- etwas- Gönnen sei eine Entschädigung für ungelebtes Leben und Prämie auf das reibungslose Funktionieren im Alltag und Beruf. Männer bevorzugen Autos, Hunde, Goldketten, Uhren, Waffen. Frauen- Friseurtermine, Kosmetikerin, Schönheitschirurgie, Shopping, Parfüm, Klamotten, Schuhe, Handtaschen. Ein schwaches Selbst geht an den Krücken eines identitätsstiftenden Konsums und um ihn kreisender Inszenierungen. Konsum sei heute ein zentrales Medium der Sozialen Integration. Im konsumistischen Zeitalter entscheidet die Teilhabe am Konsum über die Zugehörigkeit des Einzelnen zur Gesellschaft und seinen Status in ihr.
Konsum ist Bürgerpflicht. Das private Kleineigentum dient der Kontrolle des kleinen Mannes, hängt ihm wie ein Mühlstein am Hals. Die Masse der Menschen akzeptiert die bestehenden Verhältnisse, arbeitet an ihrer Reproduktion. Es sei eine „freiwillige Knechtschaft“. Früher erzog man Kinder zu Arbeitern und Soldaten- heute zu Konsumenten. Rückgrat und Charakter sind heute Hindernisse des Fortkommens. Wer bremst, verliert und droht aus dem Rennen auszuscheiden. Die Integration in der Mehrheitsgesellschaft erfolgt über den Arbeitsmarkt. Bei der Überschuss- Bevölkerung komme es durch die Lockerung der Selbstzwänge zu Aggressionen, so bei den Unruhen in England. Die Folge ist eine Militarisierung des Staates, da es nicht mehr eine innere Polizei gibt, wird mehr äußere Polizei eingesetzt.

Narzissmus

Die Symptome der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind Teil der Normalität, sie sollen nicht länger als Krankheitszeichen gelten. Diese kollektive Basisstörung ist zum Sozialcharakter geworden. Jeder gesellschaftlichen Entwicklungsstufe entspricht ein dominanter Sozialcharakter.
Im Zuge des Übergangs zum konsumistischen Zeitalter lösen sich die Merkmale der Boheme aus ihrer subkulturellen Einkapselung und vermassen sich tendentiell. Die 68er sind eine Durchsetzungsgeschichte einer neuen Stufe der kapitalistischen Entwicklung. Der Geist des Kapitalismus hat sich seiner Widersacher bedient, die hedonistische, narzisstische Fraktion der Revolte hat sich als Faktor der Modernisierung erwiesen. Es kam zu einer Zersetzung des traditionellen, innengeleiteten Subjekts, das war der Übergang zum außengeleiteten, flexiblen Menschen. Der Narzissmus ist salonfähig geworden, aber bitte nicht auf Borderline- Niveau.

Aufgabe der Psychologie inmitten der Sozialen Kälte

Die eisigen Jahre haben die Menschen selbst eisig werden lassen- zu einer Gletscherlandschaft eingefrorener Gefühle abgehärtet. Kälte fremdem Leid gegenüber, auch sich selbst gegenüber, Gleichgültigkeit, Konkurrenz, Mitleidlosigkeit, Hohn und Spott für Loser. Gefrierpunkt des Ich. Jede Entwicklungsstufe des Kapitalismus bringt die ihr gemäßen Charaktermasken hervor. Eine psychopathische Geldwelt zieht psychopathische Menschen an und produziert sie. Es herrscht ein marktreligiöser Dogmatismus, wo Alternativen nicht mehr gedacht und ausgesprochen werden können. Politik verkommt zur diskussions- und scheinbar alternativlosen Anpassung an Finanzmärkte.
Aufgabe der Psychologie im System des flexiblen Kapitalismus ist es, Menschen, die sich so verausgaben, dass sie zu zerbrechen drohen, bei der Stange zu halten, so Eisenberg. Es ist ein stummes Nein des Körpers gegen unzumutbare Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Psychologen montieren das Rad wieder an den Wagen, Fahrtrichtung und Tempo werden nicht in Zweifel gezogen, Zumutungen werden nicht hinterfragt. Thema der Psychologie ist das drohende Scheitern des Einzelnen und deren mangelhafte Resilienz. Resilienz ist die Fähigkeit eines Menschen, mit allen Widrigkeiten und Schlägen umzugehen und alles aushalten zu können. Dem Einzelnen wird das Versagen anhängt, was durch ein komplett falsches gesellschaftliches Ganzes geschuldet ist.
Eine Kette von Spezialisten umspannt die Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, Konflikten vorzubeugen, Unruhe abzuwenden, Dissens zu entschärfen und die an den Verhältnissen verzweifelnden Menschen ins System zurückzubringen. Ansonsten haben die Menschen eine Anpassungsstörung. Der markt- und kapitalkonform zugerichtete, angepasste Mensch bringt das Kunststück fertig, sich mit der objektiven Unmöglichkeit des Lebens unter Bedingungen kapitalistischer Leistungskonkurrenz zu arrangieren. Als reif gilt, wer sich mit allen Scheußlichkeiten des Lebens abgefunden hat und sich in einer Welt der Entfremdung, Feindseligkeit, Indifferenz und Kälte heimisch fühlt, so der Autor. Flankenschutz erhält das psycho- soziale Helfer- und Kontrollsystem durch die Pharmaindustrie, die durch Substanzen Anpassung erleichtert. Die Medizinisierung sozialer Konflikte ist ein profitables Geschäft. ADHS, Burnout, Depression, Stress- der Kern sozialer Leidenserfahrungen- werden zu medizinischen Problemen umetikettiert. Basaglia sprach von einem „Befriedungsverbrechen“ und bezog das auf Irrenhäuser.
Herrschaft und Ausbeutung verstecken sich als Technik, Marktgesetze und Sachzwänge.
Das Spinnennetz des psycho-sozialen Helfer- und Spezialistentums begehen „Befriedungsverbrechen“ gegen alle, die von einer gnadenlosen sozialdarwinistischen Leistungskonkurrenz als untauglich ausgespuckt werden.

Die Psychopathen kommen

Qualifiziert für eine Psychopathen- Karriere wird man im Schoß einer Familie, die ein Zweckverbund von Warencharakteren und Geldsubjekten ist. Sowie durch eine postmoderne Kindesaussetzung mittels Geräte- Sozialismus, z.B. die virtuelle Welt der Computerspiele.
In seinen Alltagsbeobachtungen (Ethnologie des Inlandes) beschreibt Götz Eisenberg die digitale Verödung zwischen Eltern und Kindern, die Rolle von Smartphones. Die meisten Psychopathen machen Karriere, sie machen aus Gefühlskälte einen Vorteil, und zeichnen sich durch oberflächlichen Charme, Fokussiertheit, Skrupellosigkeit aus. Sie sind funktionale Psychopathen. Der Psychopath ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. (Wer dagegen in der Unterschicht aufgewachsen ist, landet eher im Gefängnis, so der Autor.)
Eine große britische Psychopathenstudie zeigt Berufsbilder auf- Firmenbosse, Anwälte, Journalisten, Chirurgen. Alles was die Anpassung, das Fortkommen erschwert, wird als Ballast weggeworfen, unbekümmerte Rücksichtlosigkeit ist die Kardinaltugend des flexiblen Menschen. Es ist ein sozialdarwinistisches Rattenrennen.

Psycho- Imperialismus

Das DSM ist das Geschäft der Vereinheitlichung auf dem Weltmarkt der Psychiatrie. Belohnung ist der Einsatz von Medikamenten gegen das jeweilige Symptom, wie es die Pharmaindustrie bevorzugt. Freud meinte, Symptome sind verschlüsselte Indikatoren verdrängter Lebenskrisen, chiffrierte Form der Kommunikation, der Körper spricht. Heute wird seelisches Leid kategorisiert, für den medikamentösen Zugriff zurechtgerückt. Behandelt wird die Abweichung!
Gesellschaftlich nicht erwünschte, störende Verhaltensweisen werden pathologisiert und der medikamentösen Behandlung zugänglich gemacht. Es gibt eine Koalition von biologischer Psychiatrie und Pharmaindustrie, sie pathologisieren Lebenskrisen und geben Medikamente.
Depressiv sein wäre unter Bedingungen von Ausbeutung und Entfremdung und nicht ausgetragenen, stillgestellten Klassenkämpfen ein angemessener Gemütszustand.
Medizin ist Teil der Polizey- Wissenschaft, die Ordnung bringt ins chaotische Gewimmel der Abweichungen und Subversionen. Die soziale Frage wird medizinisiert. Psychiater sind die Funktionäre der sozialen Ordnung, der öffentlichen Hygiene. Das Leben nimmt kafkeske Züge an.
Vernünftig wäre es, das aberwitzige Tempo des Alltagslebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu bieten, dann bräuchte es den psychologisch- medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht.

Ein spannendes Buch, zur Lektüre unbedingt empfohlen!

Götz Eisenberg- Zwischen Amok und Alzheimer, Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Frankfurt am Main 2015, 289 Seiten