Die Erde restlos untertan

Das 841-seitige Buch „Der Hunger“ des Schriftstellers und Journalisten Martín Caparrós , geboren 1957 in Buenos Aires, ist ein zugleich erschreckendes und grandioses Werk, das Pflichtlektüre sein sollte. Der Autor mischt in seiner breit angelegten Darstellung Reportage, Kulturgeschichte, Essay und Streitschrift. Sein Bericht führt uns nach Niger, Indien, Bangladesch, in die USA, nach Argentinien, in den Südsudan und nach Madagaskar. „Alle vier Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger, Unterernährung und damit verbundenen Krankheiten“, so der Autor. 50 Millionen der Hungernden sind Opfer einer Ausnahmesituation ̶ bleiben 730 Millionen, die Teil einer Ordnung sind, die ihnen die Möglichkeit verwehrt, sich zu ernähren. Ein Fünftel der Weltbevölkerung sind überflüssig, aus ihnen kann kein Mehrwert gezogen werden. „Ab wann zetteln sie politische Unruhen an?“ fragt ein katholischer Professor in Argentinien. Man müsse sie ernähren, damit es nicht zum sozialen Umsturz kommt. Daher die Almosen. „Etwas muss ich zahlen, je weniger, desto besser“, so der Professor. Der Hunger dient aber auch einem konkreten Zweck, wie in Bangladesch. Seit ihrem siebten Lebensjahr arbeitet Fatema zwölf Stunden am Tag in einer Textilfabrik. Fatema und ihre zwei Kinder müssen von ihrem Lohn, von etwa zwölf Dollar im Monat, leben. In dem Buch kommen viele der von Hunger Betroffenen zu Wort. Das Buch macht wütend, denn verantwortlich für den Hunger ist vor allem auch die neoliberale Politik der reichen Länder, deren Lebensweise und Geldgier. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank zwangen den armen Ländern neoliberale Programme auf. 1991 kam zudem Goldman Sachs auf die Idee, unser täglich Brot in eine „großartige“ Geldanlage zu verwandeln, Nahrung wurde zum Spekulationsobjekt. Und besonders perfide zeigt sich der neue Kolonialismus: das Landgrabbing. Staaten und Investementfonds eignen sich Land in armen Regionen an. So beruht der Landbesitz in Madagaskar auf informellen Rechten, einem Gewohnheitsrecht. Nationale Beamte und ausländische Käufer pochen plötzlich auf das formelle Recht, um sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. „Die Land-Grabbing-Welle ist der letzte Schritt des westlichen Kapitalismus, um sich die Erde restlos untertan zu machen“, so der Autor. Er schreibt, dass wir in einer Zeit ohne Zukunftsvision bzw. mit einer bedrohlichen Zukunft leben. Aber zugleich sei die Gegenwart auch eine faszinierende Zeit reinen Suchens. Schade, dass er am Schluss keine Alternativen benennt. Zudem meint er, die Armen würden nicht aufbegehren, denn fast alle Hungernden seien gläubig, nähmen ihr Schicksal als gottgewollt hin. An dieser Stelle hätte ich mir mehr Beispiele gewünscht, die auch das Aufbegehren von Armen zeigen.

Martín Caparrós , Der Hunger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, 4,50 Euro

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