Rezension Psychiatriekritik: Das Netz sozialer Kontrolle wird engmaschiger

Im ersten Block des im August 2015 herausgegebenen Samnmelbandes „Gegendiagnose“ analysieren die Autor_innen die Funktion der psychiatrischen Institution. So liefert Stephan Weigand in seinem interessanten Artikel zunächst einen geschichtlichen Rückblick zur Psychiatrie. Bis in die 60er Jahre prägten kloster- und gefängnisartige Züge die Anstalten. Im Zuge der Reformen in den 70er Jahren sollte die Psychiatrie aus dem gesellschaftlichen Off in die Gemeinde getragen werden. Die Anstalten wurden zwar verkleinert, aber die Gesamtzahl der psychiatrischen Institutionen stieg stark an.. Das Netz sozialer Kontrolle wurde engmaschiger geknüpft, oftmals gab es kein Entkommen. All das könne nur verstanden werden, so der Autor, wenn die gesellschaftlichen Veränderungen seit den 70er Jahren in den Blick genommen würden. Im Fordismus wurden „Geisteskranke“ radikal ausgegrenzt, im Postfordismus dagegen werde „jeder Winkel der Gesellschaft auf seine Verwertbarkeit beforscht“. Die Psychiatriereform, so das Fazit von Weigand, habe zur Bewahrung von Ruhe und Ordnung auch in Zeiten ökonomischer Krisen beigetragen.

Der zweite Block des Buches legt den Fokus auf die Kritik konkreter Diagnosen und Konzepte. Der Beitrag von Andreas Hechler zu den „innerfamiliären Folgen der Ermordung meiner als ‚lebensunwert‘ diagnostizierten Urgroßmutter“ ragt besonders heraus.

Eine konstruktive Bewertung der aktuellen Psychiatriekritik folgt anschließend im dritten Teil. Besonders anregende Thesen bietet der Artikel von Mai-Anh Boger zum „Trilemma der Depathologisierung“. Ihrer Darstellung nach stehen drei Wege in einer komplexen Beziehung, sie kreuzen sich auf vielfältige Weise. Normalisierung und Empowerment heißt, für die Ermöglichung der Normalität zu kämpfen. Normalisierung und Dekonstruktion bedeuten, diese Normalität, d.h. die gesellschaftlichen Verhältnisse zu hinterfragen, um sich selbst zu normalisieren. Dekonstruktion und Empowerment haben zum Ziel, das Selbstbild und die Erzählung der Biographie von der Konstruktionen der Normalität zu emanzipieren.

Fazit: Da es bei dem Großthema „Psychiatrie“ auch um die „Definitionsmacht über das eigene Leben“ geht, hätte ich mir insgesamt mehr Berichte von Psychiatrieerfahrenen gewünscht. Trotzdem ein gelungener Sammelband. Unbedingt lesen!

Anne Seeck

Cora Schmechel, Fabian Dion, Kevin Dudek, Mäks* Roßmöller (Hg.), Gegendiagnose, edition assamblage Münster 2015, 344 Seiten, 19.80 Euro

In der Contraste März 2016, S.10

Rezension: „Wir wurden zu Menschen!“

Der Journalist und Buchautor Peter Nowak hat in der Edition Assemblage den Sammelband „Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht.“ herausgegeben. Er will den LeserInnen einen Kurzüberblick über Streiks und Arbeitskämpfe in Branchen geben, die nicht mit Gewerkschaften in Verbindung gebracht werden – so im Spätkauf, in der Sorgearbeit, am Theater, bei H& M oder amazon. Auch internationale Beispiele aus Frankreich, Italien und Großbritannien bietet das Buch.
So vermittelt Willi Hajek eingangs einen Eindruck von Streiks in Frankreich, beispielsweise von einer Auseinandersetzung, die 20 Angestellte (davon 17 sogenannte Papierlose ) in einem Friseur-und Maniküre-Salon führten. Zum ersten Mal wurde mit diesem Kampf ein ArbeiterInnenkollektiv von Papierlosen arbeitsrechtlich anerkannt. Sie selbst sagen: „Wir wurden zu Menschen.“
Ein weiterer Artikel berichtet über die Arbeitskämpfe von LogistikarbeiterInnen in Italien, die eine „Woche der Leidenschaft“ durchführten, d.h. eine permanente Besetzung vor den Toren des Unternehmens. Die erfrischend militanten Kämpfe der LogistikarbeiterInnen gehen über einen symbolischen Protest hinaus. „Sie scheuen sich nicht, ökonomischen Schaden anzurichten, sondern sehen gerade darin ihre Stärke“, so die beiden Autorinnen des Artikels. Wie schwer es ist, Prekarisierte gewerkschaftlich zu organisieren, zeigen viele Beispiele in dem
Buch. So sei der Organisationsgrad von angestellten TaxifahrerInnen sehr gering, berichtet Andreas Komrowski, Mitglied der Vertrauensleuteversammlung (VLV) Taxi bei ver.di Berlin, in einem Interview. Die fünf bis zehn Aktiven in ihrer Arbeitsgruppe hätten sich für einen gesetzlichen Mindestlohn und die Kontrolle der Arbeitszeiten eingesetzt. Es ginge darum, innerhalb der Gewerkschaften „mögliche Spielräume auszunutzen“ und zugleich keine „idealistischen Illusionen in die grundsätzliche Veränderung des bestehenden Apparats“ zu pflegen.
Interessant sind in dem Buch auch die Beschreibungen der Kämpfe von marginalisierten Gruppen. SexarbeiterInnen führten im Sommer 2014 einen Arbeitskampf, der kaum öffentlich wahrgenommen wurde. Bei dem Portal „Kaufmich.com“ gab es Auseinandersetzungen um Neuregelungen, die Umsatzeinbußen für die SexarbeiterInnen bedeuteten. Sie hatten schließlich Erfolg.
Im Mai 2014 wurde in der JustizvollzugsanstaltVA Tegel in Berlin die Gefangenengewerkschaft gegründet. Oliver Rast, Gründer und Sprecher der Gewerkschaft, berichtet in einem Interview, wie er zusammen mit seinem Kollegen Mehmet Aykol „die soziale Frage hinter Gittern“ aufwerfen wollte. Inzwischen haben sie einen Verbund mit mehreren Hundert Menschen in über 30 Knästen aufgebaut.
Die 13 Artikel und Interviews bilden einen gelungenen Rundumschlag zum Thema Streiks und Arbeitskämpfe. Als Einstiegslektüre ist das mit weiterführenden Links versehene Buch unbedingt
zu empfehlen.

Anne Seeck

Peter Nowak (Hg.):, Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht, Arbeitskämpfe nach dem Ende
der großen Fabriken, Verlag edition assemblage, Münster 2015, 111 Seiten, 7,80 Euro

In der Contraste, Februar 2016, S. 10