Die Begradigungsmaschinerie

Das Buch „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ des Soziologen und ehemaligen Gefängnispsychologen Götz Eisenberg ist sein zweiter Band in der Reihe „Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“. Es ist eine Sammlung von Texten in sieben Kapiteln- von Flucht, Pegida und Angst vor den Fremden, von digitaler Knechtschaft, vom Flugzeugabsturz, von Griechenlandbashing, von Psychopathen, von Geld, von Schüssen in Sarajevo und vielem mehr.
Der Titel die „Begradigungsmaschinerie“ bezieht sich auf das Buchcover, ein Cartoon, der Menschen in verschiedenen Stadien ihrer Normierung zeigt. Noch gibt es vereinzelt Köpfe, die nicht gänzlich erfasst und genormt sind und in denen Gedanken noch spontan zirkulieren. Wenn wir noch eine Chance haben wollen, müssen wir uns beeilen, so glaubt Götz Eisenberg.

Die „eindimensionale Gesellschaft“ arbeitet mit Hochdruck an der „Begradigung und Normierung der Köpfe“. Konformität wird von den Menschen selbst begeistert angestrebt. „Das herrschende System hat es geschafft, dass die Leute ihre umfassende Kontrolle in eigene Regie nehmen.“, so Götz Eisenberg. Es ist eine „freiwillige Knechtschaft“, aber es gibt auch noch direkt repressive und gewaltförmige Typen der Machtausübung.
200 Jahre Kapitalismus haben den Planeten in eine einzige stinkende Müllkippe verwandelt. Und die Arbeitslosen zu Abfallprodukten. Zu Zeiten des Kalten Krieges finanzierte der Kapitalismus den Sozialstaat. Gegenwärtig muß er nicht nett sein, jetzt legt er seine Beißhemmungen ab. Wir brauchen aber eine Welt jenseits von Ware und Geld. Robert Kurz erinnerte immer wieder an die Notwendigkeit und Möglichkeit, die wild gewordene Ökonomie zurückzupfeifen und an eine gesellschaftliche Leine zu legen. Und die Kritische Theorie hatte die Hoffnung, dass Menschen nie zur Gänze in ihrer gesellschaftlichen Prägung und Formung aufgehen, sie bewahren sich Reste von „Spontanität“. Hoffnung macht die Menschen weit, Hoffnungslosigkeit ist unerträglich.

Gefahr der Faschisierung

Der Autor schreibt, dass die Gefahr einer Faschisierung in ganz Europa droht. „Wer mit wachen Sinnen durch die Welt geht, spürt, dass sich um uns herum etwas zusammenzieht und -braut. Die Luft wird dünner für die übrig gebliebenen Einzelnen, sie drohen zu ersticken.“
Die Völkerwanderung der Armen habe erst begonnen. Nach der kapitalfixierten Globalisierung kommt nun auch die Globalisierung der Arbeitskraft, die dahin strömt, wo sie ein besseres Leben vermutet. „Unser Wohlstand basiert auf ihrem Elend, es sind zwei Seiten einer Medaille.“ Die AfD wird daher nicht verschwinden. Die politische Rechte liefert klare und prompte Antworten mit rückwärtsgewandten Konzepten.
Unter dem Druck der Angst sehnen sich Menschen nach einfachen Lösungen, das ist die Stunde der Fanatiker und Scharlatane. „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster.“, schrieb Antonio Gramsci. Die heutigen Monster sind die Rechtsextremen und islamistischen Terroristen. „In einer Zangenbewegung schicken sich beide an, Rechtsstaat und Demokratie zu zerstören.“
„Ein hoher Angst- und Panikpegel ist auf Dauer der Tod der Demokratie. Deswegen braucht Demokratie den Sozialstaat, der den Menschen Existenzängste nimmt und Netze spannt, die verhindern, dass jemand, der vom Markt als überzählig ausgespuckt wird, aus der Welt fällt.“ Wer den Sozialstaat der Plünderung freigibt, „legt die Axt an die Wurzeln der Demokratie“.
„Wer unzufrieden ist mit den herrschenden Zuständen, könnte doch zum Revolutionär werden. Die bittere Wahrheit, die wir zur Kenntnis nehmen müssen, lautet: Unter einem dünnen Firnis angepassten Verhaltens existiert ein bedrohliches, faschistoides, antidemokratisches Potenzial, das den Wandel der politischen Systeme überdauert hat.“
Eine enthumanisierte Sprache ist ein Indiz für eine enthumanisierte Gesellschaft. „Unmenschlichkeit kündigt sich in der Sprache an.“ Und es gebe „einen Faschismus weit unterhalb des Kopfes, der sich unserer Affekte und Sinne bemächtigt hat.“ Während manche Zuwanderung als kulturelle und soziale Bereicherung empfinden, fällt das anderen schwer. „Je traditioneller ein Mensch geprägt ist, je mehr man ihn in einen Charakterpanzer gezwängt hat, desto schwerer wird er sich damit tun, angesichts von Neuem und Unbekanntem Freude zu empfinden.“

Interessen bestimmter Kapitalfraktionen

„Bestimmte Kapitalfraktionen sehen in den Flüchtlingen Nachschub für den Àrbeiterstrich`, auf dem man sich je nach kultureller Lage kurzfristig mit billigen Arbeitskräften eindecken kann. Flüchtlinge dienen als Reservearmee und Druckmittel gegen Lohnforderungen.“
Autoritär Strukturierten ist es wichtig, sich mit der Obrigkeit in Einklang zu befinden. „Die Hegemonie der Ausländerfreunde hat allerdings auch zur Folge, dass ausländerfeindliche und rassistische Positionen sich in den Untergrund des Stammtischgeredes und privaten Meinens zurückziehen. Dort entwickelt sich ein Schwarzmarkt grummelnder Ressentiments.“
Nicht die Fremden bedrohen uns, sondern das Fremde. Hedgefonds- Manager, Medienkonzerne, Fastfood- Ketten etc. „Wer sich nach Heimat und bergender Gemeinschaft sehnt…., kann diese nur im Kampf gegen die kapitalistischen Modernisierer und Flexibilisierer gewinnen…, die uns in hochmobile Geld- und Warensubjekte verwandeln.“
Die fortgeschrittenen Kapitalfraktionen sind längst über das autoritäre Stadium hinausgegangen, sie propagieren flache Hierarchien etc. Flexibilität, Mobilität, Kreativität sind Fetische der Beschleunigungs- Gesellschaft. Mit der Forderung nach einem „bunten, weltoffenen Deutschland“ rennt man offene Türen ein. Pegida würde das Ansehen schädigen, weil es einen Rückzug ausländischer Investoren bedeutet.

Die Arbeitswut und der autoritäre Charakter oder die Hamstertrommel: Schule- Arbeit- Rente- Tod

Imre Kertesz: „Sie arbeiten, stehen Schlange, erziehen ihre Kinder- und plötzlich ist das Leben zu Ende.

„Wer hart arbeiten und sich ständig am Riemen reißen muss, droht zu einem Menschen des Ressentiments zu werden. Die Gewalt, die nötig war, um Menschen in Arbeitswesen zu verwandeln, wird in der Wut spürbar, mit welcher der arbeitende Mensch auf diejenigen reagiert, die es real oder vermeintlich besser haben.“, so Götz Eisenberg. „Immense Gewalt war vonnöten, um aus menschlichen Lebewesen Arbeitswesen zu machen und die Körper zu Arbeitsinstrumenten herzurichten. Am Ende des Experiments stehen Menschen, die unter entfremdeten Bedingungen arbeiten wollen und sich das Produkt ihrer Arbeit widerstandslos wegnehmen lassen. Nimmt man ihnen die Arbeit, drohen sie psychisch auseinanderzubrechen.“ Und: „Aus der aufgezwungenen Tätigkeit entstehen Ressentiments gegen den, der real oder vermeintlich sein Brot nicht im Schweiße seines Angesichts isst. Der eigene verfemte Teil, das in sich selbst fremd und bedrohlich Gewordene, wird nach außen gestülpt und auf `Faulenzer und Schmarotzer` projiziert. Am Ende des Experiments haben wir die Religion der Arbeit verinnerlicht und hassen denjenigen, der (real oder vermeintlich) nicht so hart arbeitet wie wir- statt endlich locker zu lassen und uns den wesentlichen Dingen zu widmen.“ Letztlich: „Der Konformismus, der sich auf der Basis einer `Ìdentifikation mit dem Aggressor` entwickelt, ist mit Feindseligkeit und Bösartigkeit kontaminiert.“
Denn „alles was in der Außenwelt und bei anderen an aufgegebene eigene Glücksansprüche und Hoffnungen erinnert, wird abgelehnt, im Extremfall gehaßt und verfolgt“. Der autoritäre Charakter- ist die eigene Verhärtung gegen Leiden der Armen und Erfolglosen. Die meisten wählen unter äußerem Druck den Weg der Anpassung und der Assimilation ans Tote. Horkheimer machte die traurige Erfahrung, dass sich die Masse der Menschen mit den Unterdrückern identifiziert, statt sich mit jenen zu solidarisieren, die sich gegen sie auflehnen. „Jede Gesellschaft produziert ihr gemäße Charaktere, lebt von ihnen und reproduziert sich durch sie.“ Der Neoliberalismus seit den 1980er Jahren hat einen sozialen und moralischen Darwinismus etabliert, der den Kampf eines jeden gegen jeden ins Recht setzt. „Wer Mitgefühl zeigt, droht aus dem Markt geworfen zu werden und einen sozialen Tod zu sterben.“ Und: „Wenn die Arbeit verloren geht, geht häufig viel mehr verloren als die Arbeit. Die Berufsrolle ist in unserer Kultur eine zentrale Stütze des Selbstgefühls und fungiert für viele Menschen geradezu als Selbstwertprothese.“ Sie geben sich selbst Schuld, versinken in Resignation und stiller Verzweiflung. „Der vom Neoliberalismus entfesselte Sozialdarwinismus erzeugt eher ein Klima des Misstrauens und der gegenseitigen Verfeindung.“ „Der autoritär dressierte und `zur Sau gemachte` Mensch trägt eine lebenslang wirksame Neigung davon, sich für die erlittenen eigenen Qualen an Sündenböcken schadlos zu halten.“

Pegida, der Osten und die Überfremdungsangst

Pegida ist ein Ostphänomen, schreibt der Autor. Es gibt ein Ost-West-Gefälle. Im Osten leben nur 1/5 der Deutschen, aber fast die Hälfte der Übergriffe und Anschläge finden dort statt. Zudem ist der Anteil der Migranten oder gar Muslime sehr gering. Der Anteil der Muslime beträgt in Dresden 0,4 Prozent; 4,7 Prozent Migranten leben dort.

Zunächst macht Götz Eisenberg mentalitätsgeschichtliche Ursachen aus: „Unter der `Käseglocke`des Staatssozialismus haben alte preußisch- deutsche Tugenden und Haltungen überdauert, die man nach 1945 zu Insignien einer proletarischen Lebensführung und Parteidisziplin erklärte.“ In der DDR gab es 1968 keine kulturelle Revolution, im Westen aber einen mentalitätsgeschichtlichen Bruch. Traditionelle Haltungen und Erziehungsstile existierten in der DDR ungemindert fort. Grundzüge der schwarze Pädagogik seien Heilmittel gegen westliche Dekadenz und Kennzeichen sozialistischer Erziehung gewesen. Was als Teil antifaschistischer Haltung präsentiert wurde, gehörte zu subjektiven Bedingungen der Möglichkeit des Faschismus, brachte autoritäre Charakterstrukturen hervor.
Nach der Wende hatten viele Ostdeutsche mit einem Sinnentzug zu kämpfen. Sie verstanden die Welt nicht, sie befanden sich sozio- und psychostrukturell in der Fremde: „Die Ostdeutschen wiesen das falsche Sozialisationsfundament für ein Leben unter kapitalistischen Markt- und Konkurrenzbedingungen auf.“ Jeder muß sehn, wo er bleibt. Der Konsum entscheidet über die soziale Integration. „Bestimmte Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Routinen des Alltags werden entwertet, sind plötzlich leer und dysfunktional. Aber man hat sie doch lernend verinnerlicht…“
Sie wurden ihrer alten kollektiven Stützen beraubt, waren orientierungslos. Der Autor schreibt:
„Einem braven Staatswichtel ging es gar nicht so schlecht in der DDR.“ Dort waren sie Teil eines Kollektivs, nicht genötigt „Einzelne“ zu sein. Mit der Wende hatten sie nun das Gefühl der Entwertung und Enteignung der eigenen Geschichte. „Man hat bei der Vereinigung durch die Zerstörung des von ihnen Geschaffenen den Stolz der Ostdeutschen gebrochen und sie ihrer Würde beraubt. Grausamkeit ist die Rache des gekränkten Stolzes.“
„Die `Wessis` reagieren ja auf manche habituellen Eigentümlichkeiten und mentalen Züge ihrer Brüder und Schwestern aus dem Osten so allergisch, weil sie sich darin wiedererkennen.“ Bei den Wessis kommen die Bilder der eigenen Anfangsphasen hoch.
Schon 1989 war ein Teil der Demonstranten deutsch- national, stramm antikommunistisch:
„Wir haben uns über den Charakter der 1989er Bewegung möglicherweise Illusionen gemacht, weil die ideologische Begleitmusik von Dissidenten, kritischen Intellektuellen und Künstlern geliefert wurde.“ Es war weniger eine Revolution, sondern eine Rebellion: „Der von der alten Autorität Enttäuschte stürzt, was an Macht und Glanz verliert und ohnehin bereits fällt, um es durch eine neue Autorität zu ersetzen, mit der er sich identifizieren kann, weil sie ihm Halt, Stützung und Sicherheit verspricht.“ Die Ostdeutschen wandten sich enttäuscht gegen die Macht, die aus dem letzten Loch pfiff und die Unterstützung der SU verloren hatte, unterwarfen sich flugs neuen Herrn, die ihnen mächtiger erschienen.

Der Osten wurde nicht überfremdet von Muslimen, sondern von kapitalistischen Verhältnissen.

„Das `Fremde`, von dem die Menschen sich bedroht fühlen, ist die Teufelsmühle des Kapitals selbst, in der die einheimischen Industrien und tradierte Lebensformen zermahlen wurden.“ Da man nicht gegen „kapitalistische Verhältnisse“ handgreiflich vorgehen kann, hält man sich an die „Fremden“. Das Bedrohtheitsgefühl sind Chiffren für Unsicherheit, Desorientierung und Ängste, die eine Folge der Globalisierung sind. Jetzt herrscht die Welt. Und Welt ist nur ein anderes Wort für Geld. „`Die Welt vernichtet uns, das kann man sagen.´(Achternbusch) Pegida artikuliert auf eine vollkommen falsche und blind- rückwärtsgewandte Weise dieses Gefühl der Vernichtung.“ Die Neonazis begreifen sich als gewaltbereite Delegierte einer „schweigenden Mehrheit im Land“. Sie handeln in deren Namen und in ihrem Schutz.

Ohne Angst verschieden sein.

Unter der „dünnen Schicht zivilisierter Verhaltensweisen liegen alte Denk-, Gefühls- und Vorurteilsgewohnheiten“. In Zeiten der Unsicherheit gibt es das Bedürfnis nach Sündenböcken, die man für die eigene Misere verantwortlich machen kann. Es greifen Patriotismus und „Vaterlandsliebe“ um sich. Es wird unterschieden zwischen guten und bösen Flüchtlingen, zwischen ehrlichen und unehrlichen Armen. „Das rechte Lager verspricht, Eindeutigkeit und Unübersichtlichkeit dadurch herzustellen, dass Àusländer, linke Zecken, Juden, Verbrecher, Sozialschmarotzer und Behinderte` verschwinden.“ Die Rechten haben die Idee einer guten, homogenen (Volks-)Gemeinschaft. Die Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können, sei das einzig wirksame Gegengift gegen einen Rückfall in Barbarei, Rassismus und Xenophobie, so der Autor. Pegida bedient „diffuse Sehnsüchte nach ethnischer Homogenität, nach Übersichtlichkeit und einfachen Erklärungen für hochkomplexe Probleme“.

„Besorgte Bürger“ oder Normalungetüme

Götz Eisenberg schreibt: „Meine Generation hatte das Glück, ihr Unbehagen und ihren Ekel vor Formen bürgerlichen Verkehrs politisieren und in eine kämpferische Auseinandersetzung mit der etablierten Gesellschaft überführen zu können.“ Und: „Bürgerliche Normalität schützt vor gar nichts, sondern scheint die grauenvollsten Verbrechen zu begünstigen.“ Der Faschismus entspringt der Mitte der Gesellschaft. „Es gibt keine harmlose bürgerliche Normalität, der `Normale` ist schon auf dem Weg zum Handlungsgehilfen. Der loyale Bürger tut seine Pflicht und gehorcht – egal unter welcher Regierung. Peter Brückner zog daraus den radikalen Schluss: `Nur wer zu nichts Bürgerlichem taugt, taugt auch nicht zum Faschisten.“
Nazitum ist kein Klassen- oder Schichtenmerkmal, sondern eine Frage des Bewusstseins und vor allem des Unbewusst – Seins, des Umgangs mit dem Unbewussten. Es gibt einen Faschismus der Gefühle, einen „Faschismus weit unterhalb des Kopfes“: „Manche Leute leiden unter einer Art braunen Juckens beim Anblick von Menschen, die nicht sichtlich ihresgleichen sind, bei der Wahrnehmung von kleinsten Zeichen der Differenz und Fremdartigkeit.“ Der autoritäre erzogene und „zur Sau gemachte“ wird eine Neigung davontragen, was er in sich abtöten mußte, am anderen zu bekämpfen. „Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch pädagogische Dressur partiell getöteten Lebens entwickelt sich eine konformistische Bösartigkeit, ein Zugleich von Anpassung und Aggression.“ Der andere reißt sich nicht zusammen wie ich. Gleiches Unrecht für alle – die Maxime ungelebten Lebens. Faschismus der Gefühle- Parteinahme für das Abgestorbene und Tote in der eigenen Person, die Trennlinie läuft durch jeden von uns.
„Anpassung ans Tote oder Emanzipation als Erzeugung des Lebendigen, auf diese existentielle Frage antwortet jeder mit seinem Lebenslauf.“ Gewisse Menschen sind verhärtet gegenüber Armen und „Erfolglosen“, meistens befürchten sie selbst den Absturz, Mitleidlosigkeit, Verachtung des „Erfolglosen“. „Eine Gesellschaft, deren einzige Imperative die der Bereicherung, des Konsumierens und Spaßhabens sind, darf sich nicht wundern, wenn die Waren- und Geldsubjekte moralisch verwildern und verwahrlosen und die Rücksichtslosigkeit grassiert.“ Und:
„Solange den Menschen mehr Verzichtsleistungen und Triebeinschränkungen auferlegt werden, als sie ohne Beschädigung ertragen können, werden ihnen im sozialen Vorurteil auch gleich jene Ersatzobjekte markiert, auf die sie ihre okkupierte Feindseligkeit verschieben und an denen sie sich für Enttäuschungen rächen können. Wir müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so einrichten, dass den Menschen in der Erziehung und durch ihre Lebensumstände weniger Bosheit eingepresst wird. Dann würden sie keine Sündenböcke mehr benötigen, auf die sie ihre Misere verschieben können.“, so der Autor.

Phase der digitalen Vereinsamung und psychischen Verelendung

In seinen Ethologien des Inlandes beschreibt Eisenberg die Auswirkungen der Digitalisierung. Der Autor bezeichnet Orwell als noch zu optimistisch. Während früher innengeleitete Menschen existierten, konformes Verhalten wurde über den Umweg der geprägten Innerlichkeit hergestellt, wird heute outgesourced, in die Smartphone verlagert. Nicht die Stimme des Gewissens wird gehört, sondern es erfolgt ein Abgleich mit anderen via sozialen Medien. „Die Smartphones sind psychische Prothesen, Ich- und Selbst- Prothesen. Sie sind ihr Zentrum und ihre verhaltenssteuernde Instanz.“ Und: „Alle sind vernetzt und gleichzeitig sind die Menschen durch Abgründe voneinander getrennt und gegeneinander isoliert – digitale Autisten. Die Menschen kommunizieren ununterbrochen und haben sich doch nichts zu sagen. (…) Sie kommen selbst auf für das Anlegen einer elektronischen Fußfessel, die ihre permanente Ortung erlaubt. Die digitale Vernetzung hat eine Gesellschaft vollkommener Überwachung hervorgebracht. Google und Facebook verwandeln die Gesellschaft in ein digitales Panoptikum, in dem keine Freiheit möglich ist. Perverser Weise erleben die Menschen ihre Versklavung und Verarmung als Freiheit.“ Und das ist weltweit homogener Alltag. „Es scheint sich um eine planetarische Seuche zu handeln. Die ganze Welt befindet sich im Datenrausch.“ Auch nach den Enthüllungen von Snowden hat sich das Verhalten nicht geändert. „Die Menschen verwandeln sich in Anhängsel der von ihnen selbst geschaffenen Geräte und Maschinen, bis sie selbst zu Maschinen werden.“

Soziale Probleme zu medizinischen umetikettiert

Soziale Leidenserfahrungen werden medizinisiert, um die herrschenden Verhältnisse aus der Schusslinie zu nehmen. Soziale Probleme werden zu medizinischen Problemen umetikettiert, so seien sie ungefährlich und handhabbar. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie 2013 wurde festgestellt, dass ca. 30% der Deutschen psychisch krank seien, sie erhielten ein Mal pro Jahr eine entsprechende Diagnose. Jedes fünfte Kind gelte als psychisch „gestört“, so die Experten. 38 Prozent der EU- Einwohner gelten als psychisch krank. In Deutschland leiden vier Millionen Menschen an einer Depression, gut zehn Millionen hätten bis zum 65. Lebensjahr einmal eine Depression. „Die Masse dieser Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung und nimmt brav die verordneten Antidepressiva.“, so Götz Eisenberg. Nur selten kommt es zum Amok, wie beim herbeigeführten Flugzeugabsturz durch einen Co-Piloten. „Unsere Gesellschaft lässt es sich etwas kosten, die Ursachen vieler Erkrankungen und menschlichen Leidens bestehen zu lassen und ihre Folgen medizinisch-psychiatrisch zu bekämpfen.“ Die Psychologen stehen meistens auf der Seite der herrschenden Kapitalordnung, aber es gab auch Psychologen, die sich mit dieser Rolle schwer taten, z.B. Otto Gross.

Nach Lloyd deMause gibt es drei Psychoklassen:

Erstens der autoritär dressierte, ungleichzeitige, arbeitssame, sparsame, pünktliche Mensch, mit politischer Neigung zum Autoritarismus und Konzepten ethnischer Homogenität. Er sei ein Überbleibsel aus einer vergangenen Stufe der Durchsetzungsgeschichte der kapitalistischen Gesellschaft. Ist besonders häufig im Osten anzutreffen.

Zweitens die gleichzeitigen Menschen, die ein leidenschaftliches Verhältnis zum Geldausgeben und zum Konsumieren haben. Sie praktizieren einen konsumistischen Lebensstil, in der Freizeit einen Fitness- Narzissmus.

Drittens übergleichzeitige, flexible, driftende Menschen, die gelernt haben, sich an nichts und niemanden zu binden. Besonders in großstädtischen Arealen anzutreffen, in der IT-Branche und anderen Fortschrittsindustrien. Sie sollen sich permanent umorientieren, sie wollen Karriere machen, Geld verdienen, sich permanent selbst optimieren und Spaß haben.

Auswege

„Was zählt, ist der Einzelne, der sich der Riesenmaschinerie verweigert;
der Zögernde, Denkende, der sich eine eigenwillige Kopfform bewahrt;
der Deserteur, der sich unerlaubt von der Realitätstruppe entfernt;
der Partisan, der sich seitlich in die Büsche schlägt und die Wirklichkeit aus dem Hinterhalt attackiert;
schließlich der Narr, der der Macht den Spiegel vorhält und sie der Lächerlichkeit preisgibt.“

Die Linke muß libertär- sozialistische Alternative formulieren und praktizieren, die die Menschen fasziniert. Götz Eisenberg stellt eine „Unterernährung der sozialistischen Phantasie“ fest. Utopien sind lebenswichtig, mit Entwürfen einer anderen Gesellschaft kann man Anschluss an eine Welt der Träume und Hoffnungen der Menschen finden. Wünsche und Sehnsüchte, nach Glück, Solidarität, aufrechtem Gang, Träume von Heimat, aufgehobener Entfremdung und Leben ohne Plackerei.

Es geht auch darum, den Kreis der Bedürfnisse zu reduzieren. „Wir müssen verhindern, dass immer weitere Bedürfnisse Warenform annehmen.“ Unter Vorherrschaft von Ware und Geld erstirbt das menschliche Leben. „Wer nach nichts begehrt, worüber die Macht verfügt, muss sich ihr auch nicht unterwerfen. Der Bedürfnislose entzieht sich ihrer Kontrolle und lässt die Konformitätszwänge ins Leere laufen.“

Einerseits schreibt der Autor zu Blockupy: „Wer von der stummen Verhältnisgewalt und dem Terror der kapitalistischen Ökonomie nicht reden will, sollte auch von der Gewalt der Demonstranten schweigen.“ Andererseits kritisiert er die inhaltslose Militanz in Teilen der Linken, die Spuren dessen trägt, wogegen sie zu kämpfen vorgibt. Es sind meistens junge Männer, sie nehmen auf nichts Rücksicht, wollen spektakuläre Bilder erzeugen, die über eigene reale Ohnmacht hinwegtäuschen. Befreiung aber bedarf der Rückendeckung durch große Teile der Bevölkerung, so Götz Eisenberg.

Der Staat definiert, was Gewalt ist, er hat das Monopol auf körperliche Gewalt, monopolisiert Gewalt. Das beste Gegenmittel gegen Gewalt seien Bindungen, so der Autor. Die Linke wolle die Gesellschaft zum Besseren verändern, nicht zerstören und vernichten. Er erinnert an die Tradition des Klassenkampfes.

Es ginge darum, zum Denken innezuhalten, aus dem Rhythmus des Alltags auszusteigen und Pausen der Besinnung einzulegen. „Das birgt für die herrschende Gesellschaft die Gefahr, dass die Menschen ihren Funktionsprinzipien auf die Schliche kommen und herausfinden, dass es auch ganz anders sein könnte.“ Alexander Kluge meinte, als kritische Theorektiker seien sie Pessimisten, die die Dinge beim Namen nennen, aber als Menschen können wir nicht aufhören, optimistisch zu sein und zu hoffen, dass gesellschaftliche Veränderung stattfindet.

Ein spannendes Buch, zur Lektüre empfohlen!

Götz Eisenberg- Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst, Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 2, Gießen 2016, 317 Seiten

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