Rolltreppe nach unten

Oliver Nachtweys Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ beschreibt in fünf Kapiteln den Bruch des Versprechens vom sozialen Aufstieg in der „alten“ BRD. Der Soziologe und Ökonom Nachtwey analysiert darin zwei Epochen ‒ die soziale Moderne in den Nachkriegsjahrzehnten von 1950 bis 1973 und die heutige regressive Moderne. Das fünfte Kapitel handelt von der Renaissance des Aufbegehrens.
Kennzeichen der sozialen Moderne waren das Normalarbeitsverhältnis, die Massenproduktion und der Massenkonsum. Der Soziologe Ulrich Beck sprach in den 8oer Jahren von einem „Fahrstuhleffekt nach oben“. Während die vertikalen Ungleichheiten abgemildert wurden, so Nachtwey, reproduzierte die soziale Moderne „neue Ungleichheiten auf der horizontalen Ebene ‒ vor allem zu Lasten von Frauen und Migranten“. Zum Sozialstaat gehörte auch eine Sozialbürokratie und soziale Kontrolle, zur Integration die Normierung und Standardisierung des sozialen Lebens. Die Autonomie konnte sich nicht entfalten.
Die Wende begann ab 1971 mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-System und der Krise der globalen Ökonomie Anfang der 70er Jahre. „Es begann eine ‚Revolte des Kapitals‘ gegen die soziale und demokratische Einhegung des Kapitalismus, die den Beginn der ‚lange(n) Wende zum Neoliberalismus‘ markierte.“ Der Neoliberalismus war äußerst erfolgreich in der „Herstellung einer (heimlichen) Komplizenschaft mit einer im Grunde emanzipativen Kritik an der sozialen Moderne“. Während die politische Sprengkraft der 68er ursprünglich auf einer Verknüpfung von Künstler- und Sozialkritik beruhte, gelang es dem Neoliberalismus, die Kopplung zu lösen, „die Künstlerkritik* in den Vordergrund zu rücken und die auf vertikale Ungleichheiten zielende Sozialkritik der Gewerkschaften zu neutralisieren.“
Den Abschied von der sozialen Moderne vollzogen dann die Agenda-2010-Reformen. „Der Neoliberalismus hatte den Sozialstaat als eines der wichtigsten Hindernisse für neues Wachstum identifiziert.“ Heute befinden wir uns in der regressiven Moderne, in der die „Rolltreppe nach unten“ fährt. „Es ist ein Fortschritt, der den Rückschritt in sich trägt.“ Die Gegenwartsgesellschaften fallen hinter das in der sozialen Moderne erreichte Niveau an Integration zurück. Das bedeutet eine Zunahme materieller Ungleichheit, aber auch eine emanzipatorische Modernisierung, das heißt die Abnahme der Diskriminierung einzelner Gruppen. Ein sehr interessantes und wichtiges Buch, dessen Lektüre ich unbedingt empfehlen möchte.

Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft, Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016, 264 Seiten, 18 Euro

* der Wunsch nach Autonomie und Entstandardisierung

(veröffentlicht in der Contraste 11/16)

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