Soziale Spaltungen in Berlin

Genau zur Wahlkampfzeit in Berlin ist das gleichnamige 180seitige Buch erschienen. Die realpolitische Botschaft des Buches lautet: Berlin braucht „Bildung- Beschäftigung- Investitionen“ Wer Fakten über die gegenwärtige soziale Situation in Berlin sucht, ist mit dem Buch gut bedient.

Berlin war 40 Jahre eine geteilte Stadt, heute ist Berlin sozial gespalten.

Berlin boomt und wächst rasant. Die Industrie starb, es kam die Kunst. Die Beschäftigten in der Kreativwirtschaft prägen das Image von Berlin. Gleichzeitig hat Berlin den Spitzenplatz bei der Anzahl der AlG II- BezieherInnen, Neukölln lag dabei in Berlin an der Spitze. Viele sind verarmt.
Hunderttausende Industriearbeitsplätze gingen nach der Vereinigung und dem Wegfall der Berlin-Hilfe verloren. 1990 gab es in beiden Teilen der Stadt zusammen knapp 530 000 Erwerbstätige in der Industrie, 1999 noch 173 000. In Ostberlin überlebte keines der großen Kombinate. Aber nicht die Ostberliner waren die eigentlichen Verlierer, sondern die West- Berliner Migranten der zweiten und dritten Generation. Was den Migrationsanteil betrifft, ist die Stadt noch in Ost und West gespalten. Die wenigsten Bewohner/innen mit einem Migrationshintergrund sind in den Ostberliner Bezirken zu finden. Ansonsten gibt es keine Ost-West-Unterschiede mehr, sondern eine soziale Spaltung, die die AutorInnen des Buches an den Themen Wohnen, Bildung, Gesundheit und Wirtschaft festmachen.

Soziale Mischung?

Berlin ist eine Mieterstadt, 85% der Menschen sind auf eine Mietwohnung angewiesen. Rund 16 000 Wohnungen stehen leer. Zur Zeit ist Berlin, vor allem die Innenstadt sehr angesagt.. Insbesondere junge kreative Menschen kommen in die Stadt. Angestammte Bewohnergruppen werden verdrängt. Preiswerte Wohnungen gibt es höchstens noch am Stadtrand, aber auch dort steigen die Mieten. Damit geraten 400 000 Berliner Haushalte mit Einkommen unter der Armutsgrenze noch weiter unter Druck. Mehr Mischung soll die soziale Verelendung der Stadtviertel beenden? Die AutorInnen dazu: „Ganz selten geht es darum, dass in reichen Vierteln wie Zehlendorf für eine bessere soziale Mischung gesorgt werden soll, indem man dort auch Wohnraum für die arme Bevölkerung anbietet. Letztendlich ist die soziale Mischung ein zynisches Konzept, weil die Armut hingenommen wird und das Ziel eben nicht ist, die Berliner Bevölkerung als Ganzes von Armut und Arbeitslosigkeit zu befreien.“ 2015 gab es in Berlin ca. 13 000 Wohnungslose. Im Winter 2014/15 waren es 82 000 Notübernachtungen in der Kältehilfe. Im Jahre 2015 mußten zusätzlich für ca. 80 000 Flüchtlinge Unterbringungen gewährleistet werden.

Bildung, Bildung, Bildung…

Immer wieder, wie ansonsten auch im Mainstream, heben sie auf das Bildungsniveau ab:„Das Bildungsniveau ist ein wichtiger Faktor sowohl bei der sozialen Lage als auch bei der Gesundheit der Bevölkerung. (…) Ein niedriges Bildungsniveau bedeutet oft unsichere Arbeitsverhältnisse für weniger als den Mindestlohn oder Arbeitslosigkeit bzw. den Erhalt von Grundsicherung. Deshalb ist gute Bildung eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Bildung als soziodemografisches Merkmal gilt überdies als ein wichtiger Einflussfaktor sowohl für den allgemeinen gesundheitlichen Zustand bzw. die Sterblichkeit der Bevölkerung als auch für die Inanspruchnahme von gesundheitlichen Vorsorgeangeboten.“
Denn „Menschen mit höherem Schulabschluss haben ein deutlich geringeres Risiko, arbeitslos zu sein, als Menschen mit niedrigem Abschluss. Auch erzielen sie in ihren Jobs ein wesentlich höheres Einkommen.“, so meinen die AutorInnen des Buches. Das gerade viele junge Menschen mit hohem Bildungsniveau prekär arbeiten und der soziale Status und vor allem das Einkommen und Vermögen der Eltern die soziale Situtation dieser Gutausgebildeten verbessert, darauf wird in dem Buch nicht eingegangen. Es geht eben nicht nur um Bildung. Aber natürlich gibt es auch einen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildung. Die soziale Herkunft wirkt sich auf den Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen wie kaum in einem Land Europas aus. Der Schulerfolg sei eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Schüler aus unteren sozialen Schichten und aus Familien mit Einwanderungsgeschichte hätten geringere Bildungserfolge .

„Arbeit- das A und O bei der Lebensgestaltung“…

In Deutschland hat jeder fünfte Jugendliche größte Schwierigkeiten beim Einstieg in die Arbeitswelt.. Zentrale Herausforderung sei:„den Teufelskreis von Armut, sozialer Herkunft und schlechten Bildungsabschlüssen zu durchbrechen“ Im Jahr 2005 lebte fast jede/r fünfte BerlinerIn unter der Armutsgrenze. Nach dem Rückgang der Arbeitslosigkeit blieb die Armut in schlecht bezahlten Tätigkeiten. Das Berliner Beschäftigungswunder seit 2005 beruht auf Teilzeit- und atypischer Beschäftigung. Die Zunahme der Beschäftigung fußt auf unsicheren Arbeitsverhältnissen. Der Aufschwung ist also prekär.

Migration

Immer wieder ist von MigrantInnen als Problemfälle die Rede. Auffällig ist, dass 23,6% der MigrantInnen in Berlin über keinen Schulabschluss verfügen. So warnen die AutorInnen vor einer Radikalisierung migrantischer Jugendlicher: „Wenn es nicht gelingt, die Jugendlichen mit sozialen Risiken durch unterschiedliche Unterstützungsangebote an die Arbeitswelt heranzuführen (….) besteht die Gefahr einer aggressiven Ablehnung gegenüber der hiesigen Gesellschaft.“
Aber auch der soziale Status der MigrantInnen ist sehr unterschiedlich. Während mehr als die Hälfte der Familien türkischer und arabischer Herkunft zur unteren sozialen Statusgruppe gehören, zählen fast 60% der Familien aus westlichen Industriestaaten zur „oberen“ sozialen Statusgruppe. Angesichts der Einreise von „besser gebildeten“ MigrantInnen, die Arbeit suchen, besteht die Gefahr der Verdrängung der Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in einer prekären sozialen Lage befinden.

Befremdlich wirkt in dem Buch das Lob des Programms Soziale Stadt und Quartiersmanagement sowie die unkritische Erwähnung der Jugendberufsagenturen. Und wer gar nach Alternativen jenseits der Realpolitik sucht, wird vollends enttäuscht sein.

Ulrich Bochum, Jeffrey Butler, Klaus Kohlmeyer, Stephanie Odenwald, Soziale Spaltungen in Berlin, VSA Hamburg 2016, Gefördert durch die Eberhard- Schultz-Stiftung, 9,80 Euro

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