Veranstaltungsreihe in Berlin

Veranstaltungsreihe von Teilhabe e.V.

„Kampf gegen rechts und die soziale Frage“

Der neue rechte Populismus findet seine Anhängerschaft nicht nur bei der gut situierten und unteren Mittelschicht, sondern auch bei vielen einkommensarmen Arbeiter_innen und Erwerbslosen. Eine eigentlich erstaunliche Tatsache, da beispielsweise das Programm der AfD von marktradikalen Elementen geprägt ist. Paradoxerweise scheint es sich bei der AfD um eine neoliberale Partei zu handeln, die vielen von den Zumutungen und Zwängen des Marktes gebeutelten Betroffenen eine politische „Heimat“ bietet, indem sie zugleich eine rechtskonservative Reaktion auf die Zerstörung durch den Neoliberalismus verspricht. Von Abstiegsängsten werden jedoch nicht die Ärmsten, sondern in erster Linie Menschen aus den Mittelschichten geplagt. Die zeigen eine ausgeprägte ökonomistische Orientierung, sehen sich selbst als die eigentlichen „Leistungsträger“ der Nation und erwarten dieselbe Grundhaltung von allen Menschen, die sie zu ihrer „Gemeinschaft“ zählen. Wer ihrem Kosten-Nutzen-Denken jedoch nicht entspricht, wird exkludiert. Umfragen belegen, dass fast ein Drittel der Deutschen die Auffassung vertritt, das Land könne sich „Verlierer“ nicht mehr leisten.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe soll deshalb danach gefragt werden, wie heute mit Menschen umgegangen wird, denen ein gleichberechtigter Platz in der leistungsorientierten Arbeitsgesellschaft bestritten wird, die als MigrantInnen, als Erwerbslose, „Leistungsgeminderte“, „Behinderte“, oder schlicht „Störende“ klassifiziert werden .
Die Vorträge (und die Lesung) werden insbesondere das Verhältnis von Rechtspopulismus und erwerbsloser Bevölkerung, sozialrassistische Denktraditionen und persönliche Erfahrungen mit der migrantischen Situation in den Blick nehmen.

Sonntag, 2.10.2016 um 19 Uhr in der Lunte, Weisestr.53 (U-Bhf. Boddinstr.)

Rechtspopulismus im Spiegel aktueller Studien
Vortrag und Diskussion mit Anne Seeck

In dem Vortrag werden Ursachen für den Aufstieg des Rechtspopulismus beleuchtet. Zudem wird die Referentin Ergebnisse u.a. der Leipziger Studie „Die enthemmte Mitte“ vorstellen. Der Vortrag ist auch als Einführung in die gesamte Veranstaltungsreihe zu verstehen.

Montag, 3.10.2016 um 19 Uhr im Mehringhof, Gneisenaustr.2a (U-Bhf. Mehringdamm)

Den Kopf entlasten: Kritik an vereinfachten Welterklärungen
Vortrag und Diskussion mit Jörg Bergstedt

Monsanto ist schuld. Nein, die Bilderberger. Quatsch, das Finanzkapital macht alles kaputt. Hinter allem stecken zwei Bankiersfamilien. Europa wird immer mehr amerikanisiert. Geht doch gar nicht, weil die BRD ohnehin von den USA besetzt ist. Oder gar nicht existiert …
So oder ähnlich klingen viele Erklärungsmodelle für die Ursachen empfundener Missstände. Was sie gemeinsam haben: Sie vereinfachen, verkürzen komplexe Herrschaftsanalysen und spielen mit den Mitteln des Populismus.
Statt Menschen zu eigenständigem Denken und kritischem Hinterfragen anzuregen, wandeln sie Ohnmacht oder Empörung in billige Zustimmung − zwecks politischer Beeinflussung, Sammeln von Anhänger_innen und Wähler_innen oder auf der Suche nach dem schnöden Mammon in Form von Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

Vor allem aber können sie gefährlich sein, wenn plumpe Feindbilder und verkürzte Ursache-Wirkungsketten zu einem Hass gegen Bevölkerungsgruppen führen, denen die Schuld für das Böse auf der Welt zugeschoben wird – der Antisemitismus ist nur ein Beispiel dafür, die Folgen sind bekannt.
Im Vortrag werden Prinzipien vereinfachter Welterklärungen benannt und dann Beispiele vorgestellt, über die jeweils auch kurze Debatten möglich sind. Den Abschluss bilden praktische Tipps für skeptisches Denken.

Freitag, 21.10.2016 um 19 Uhr im Mehringhof, Gneisenaustr.2a (U-Bhf. Mehringdamm)

„Der Aufstieg der AfD und die Konsequenzen für erwerbslose Menschen“
Vortrag und Diskussion mit Sebastian Friedrich

Die Rolle bzw. die Position sozial ausgegrenzter Menschen soll im Rahmen des Aufstiegs neuer rechter Projekte wie AfD und Pegida analysiert werden: Wie stehen die rechten Gruppierungen programmatisch zu Erwerbslosen und einkommensarmen Menschen. Inwiefern sind diese deren »Opfer« oder selbstunterstützende Mitläufer bzw. Akteure und Täter? Kann die Position der Rechten zu Erwerbslosen bzw. Einkommensarmen ein Schlüssel dafür sein, wie man dem Aufstieg der Rechten politisch begegnet?
Der Referent Sebastian Friedrich ist Publizist, Autor des Buches »Die AfD. Analysen − Hintergründe − Kontroversen« (Berlin 2016) und promoviert derzeit zum Arbeitslosigkeitsdiskurs in der Bundesrepublik.

Samstag, 22.10. 2016 um 13 Uhr im Mehringhof, Gneisenaustr.2a (U-Bhf. Mehringdamm)

Neue Konkurrenz im Niedriglohnbereich
Vortrag und Diskussion mit Thilo Broschell

Die Verabschiedung des „Rechtsvereinfachungsgesetzes“ (9. SGB II-ÄndG) und der damit verbundene verschärfte Druck auf die Erwerbsarbeitslosen führt zu einer Renaissance der Ein-Euro-Jobs. Künftig sollen Langzeiterwerbslose nicht nur Arbeitsgelegenheiten über längere Zeiträume verrichten (max. 24 Monate), sondern bis zur Zwangsverrentung in solche Maßnahmen gesteckt werden können. Außerdem werden die Jobcenter zukünftig Ersatzansprüche an die SGB- II-Leistungsberechtigten geltend machen können, wenn sie durch vermeintlich „sozialwidriges Verhalten“ ihre Hilfebedürftigkeit nicht reduzieren, sie aufrechterhalten oder verstärken. Im Klartext: Damit werden die Sanktionsmechanismen weiter ausgebaut.
Nachdem Zehntausende Flüchtlinge Schutz in Deutschland suchten, hat nun die Bundesregierung mit dem Integrationsgesetz nachgelegt. Eine beschleunigte Integration in den Arbeitsmarkt kann „eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder werden“, schwärmte schon im letzten Jahr der Chef der Daimler AG. Dem kommt die Bundesregierung nun nach: Flüchtlinge sollen schon während des Asylverfahrens einer „sinnvollen Betätigung“ nachgehen. Der Bund legt mit dem Programm „Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen“ 100.000 „zusätzliche Arbeitsgelegenheiten“ für Asylbewerber auf, die nach den Vorschlägen der Regierungskoalition kein Arbeits- oder Beschäftigungsverhältnis im Sinne des Arbeitsrechts begründen. Sie werden allerdings nur mit 80 Cents die Stunde entgolten und umfassen maximal sechs Monate und bis zu 30 Wochenstunden. Asylbewerberleistungen können jedoch gekürzt werden, wenn Asylbewerber Arbeitsgelegenheiten oder Integrationskurse ohne wichtigen Grund ablehnen oder abbrechen. Flüchtlinge sollen schon während des Asylverfahrens einer Beschäftigung nachgehen – zum Beispiel in ihrer Sammelunterkunft bei der Essensausgabe mitarbeiten oder Grünanlagen pflegen.
Nach Angaben von Spiegel-Online sind derzeit fast eine Million Stellen in Deutschland unbesetzt. Dies wird aber nicht zu Lohnsteigerungen bei den angebotenen Jobs führen, sondern neue Konkurrenten werden an den Start gebracht. Die Arbeitgeber können aus mehr BewerberInnen auswählen, sie gegeneinander ausspielen und die Standards absenken – denn Flüchtlinge sind kaum gewerkschaftlich organisiert und leisten wenig Widerstand. Darum ermöglicht das erhöhte Arbeitskräfteangebot der Kapitalseite, leichter gegen Hindernisse eines komplett deregulierten Arbeitsmarkts vorzugehen. „Neoliberalisierung des Flüchtlingsrechts“ und „Integration durch Verunsicherung“ sind dabei aktuelle Schlagworte, die die Entwicklung sinnfällig markieren.
Ein Schwerpunkt der Veranstaltung bildet die Frage, wie einer Spaltung zwischen „einheimischen“ und „ausländischen“ Beschäftigten entgegengewirkt und ein gemeinsamer Kampf um bessere Arbeitsbedingungen für alle geführt werden kann.

Samstag, 22.10. 2016 um 15 Uhr im Mehringhof, Gneisenaustr.2a (U-Bhf. Mehringdamm)
Lesung mit Eva-Ruth Wemme (aus: „Meine 7000 Nachbarn“, Verbrecher Verlag, 2015)

Die Geschichten aus „Meine 7000 Nachbarn“ halten fest, was keinem Menschen zuzumuten ist. Ein Mann arbeitet wochenlang auf der Baustelle des Berliner Flughafens und erhält am Ende keinen Lohn. Einer schwangeren Frau wird im Krankenhaus bestätigt, dass ihr Kind am selben Tag zur Welt kommen werde, dann wird sie gebeten, sich ein anderes Krankenhaus zu suchen. Eine Familie wird im Winter aus ihrer Wohnung geworfen, obwohl sie keine Miete schuldet. Bei den 7000 Nachbarn handelt es sich um Roma in Berlin. Eva Ruth Wemme übersetzt Literatur aus dem Rumänischen und begleitet seit 2011 rumänische Migrantinnen und Migranten in Berlin als Dolmetscherin und Beraterin. Sie führte zahlreiche Interviews und berichtet eindringlich und aus erster Hand vom Teufelskreis aus Arbeits- und Wohnungslosigkeit, aus Fremdheit und Vorurteilen. Diese Dokumentation macht die Situation und den Grad der Diskriminierung von Roma in Deutschland deutlich.

Samstag 19.11.2016 um 13 Uhr im Mehringhof, Gneisenaustr.2a (U-Bhf. Mehringdamm)

(Sozial)Rassismus damals und heute
Vortrag und Diskussion mit Anne Allex

„Rassismus“ kennt „äußere“ und ein „innere“ Feindbilder. Verbale und körperliche Angriffe auf Geflüchtete, MigrantInnen, anderes Ausschauende oder Menschen mit anderer Religion zeigen die Seite der Xenophobie. Im Fokus stehen allerdings auch arme Menschen im Alter, bei Erwerbslosigkeit bzw. mit vorübergehenden oder stetigen Beeinträchtigungen. Postuliert wird hier fälschlicherweise „Sozialdarwinismus“, obwohl es sich um Sozialrassismus bezeichnet. Der Vortrag beleuchtet historische Vorläufer des Sozialrassismus, und benennt Indizien im AfD-Wahlprogramm.

Samstag, 19.11.2016 um 15 Uhr im Mehringhof, Gneisenaustr.2a (U-Bhf. Mehringdamm)

Worldcafé (Möglichkeit für alle Interessierten, die Themen der gesamten Reihe intensiv und ohne Zeitdruck zu besprechen.)

Veranstalter: Teilhabe e.V., http://www.teilhabe-berlin.de

Unterstützt von der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt

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