Eine Arbeitsvermittlerin klagt an

Die ehemalige Arbeitsvermittlerin Inge Hannemann beschreibt in 21 Kapiteln die Situation von Hartz IV-Beziehenden und Beschäftigten in den Jobcentern, ebenso auch ihre eigene. Als sie sich weigerte, zu sanktionieren und schließlich an die Öffentlichkeit ging, wurden ihr Computer überwacht, Telefongespräche mitgehört und ihr Arbeitsplatz durchsucht.
Der Arbeitsalltag der MitarbeiterInnen in den Jobcentern werde immer mehr durch Zahlen und restriktive Anweisungen bestimmt, so Hannemann. Die Beschäftigten in den Jobcentern vermitteln ihren „Kunden“ das Gefühl: „Das Geld, das du bekommst, stammt aus meiner eigenen Tasche.“ Ihr Mantra heißt: „Vermitteln, vermitteln, vermitteln“. Wohin, das sei egal. Hauptsache, die Quote stimme und am Ende die Statistik. Sie fordern, bestrafen und kürzen Mittel. Was aber hätten die Jobcenter zu bieten? Die Autorin bringt es auf den Punkt:„Ausbeuterische Modelle und prekäre Arbeitsplätze. Minijobs und Zeitarbeit.“
Viele deutsche BürgerInnen würden durch die Medien aufgehetzt und meinten, hier würden ihre Steuergelder verschwendet. Aber nicht die Gelder, die die Hartz IV-Bezieher erhalten, sind nach Hannemann das Problem: „Es sind die Unsummen, die uns das kranke System von Zeit- und Leiharbeitsfirmen, die Minijobs und Ein- Euro-Jobs sowie zahlreiche sinnlose `Maßnahmen` kosten.“
„Ich musste in die Offensive gehen und öffentlich machen, was mich und Millionen von Arbeitssuchenden bewegte“, so Hannemann über ihr Motiv, sich öffentlich zu äußern. Sie wurde ausgebremst: „Man wollte, dass ich genau wie Tausende von Jobcentermitarbeitern einfach funktionierte wie ein Zahnrädchen in einer großen Maschine.“ Ihr wurde zum Vorwurf gemacht, dass sich die JobcentermitarbeiterInnen nach ihrer Intervention unter Druck gesetzt fühlten und erhöhte Probleme mit Kunden hätten. Die Bundesagentur für Arbeit titelte eine Pressemeldung: „Inge Hannemann gefährdet tausende Mitarbeiter der Jobcenter.“
Anfang 2015 wurde sie auf der Liste der Partei Die Linke in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt. Sie hat mittlerweile ihren Weg gefunden, viele „Kunden“ dagegen nicht.
Im Grunde ist es ernüchternd, dass das Wort einer einzigen kritischen Arbeitsvermittlerin in der Öffentlichkeit mehr Gewicht erhält als die Klagen etlicher Erwerbsloser. Aber gerade deshalb ist die Lektüre ihres Buches interessant und wichtig.

Inge Hannemann (mit Beate Rygiert), Die Hartz IV-Diktatur, Hamburg 2015, 285 Seiten, 9,99 Euro

veröffentlicht in Contraste September 2016

Advertisements