Gleichheit ist Glück TEIL2

In dem Buch „Gleichheit ist Glück“ von Richard Wilkinson und Kate Picket wird untersucht, welche Folgen die soziale Ungleichheit für Gesellschaften hat.

In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass ein geringer sozialer Status zu schlechterer Gesundheit führt. Wo immer man sich in der Hierarchie befindet: „Die über uns sind gesünder, die unter uns sind kränker.“ „Nicht nur das Bewusstsein, selbstbestimmt zu leben, beeinflusst unsere körperliche Gesundheit, sondern auch die Frage, ob wir uns glücklich fühlen, ob wir optimistisch oder pessimistisch sind, oder ob wir uns anderen Menschen gegenüber vielleicht feindlich oder aggressiv verhalten. Unser psychisches Wohlbefinden wirkt sich unmittelbar auf die Gesundheit aus, und ein geringer sozialer Status trägt natürlich kaum dazu bei, sich glücklich, optimistisch und selbstbestimmt zu fühlen.“ Unsere Gesundheit beeinflussen aber nicht nur der soziale Status und das psychische Wohlbefinden, sondern auch die soziale Integration, die Beziehungen zu anderen Menschen. Der soziale Rückhalt ist wichtig, die soziale Vernetzung. Die Ungleichverteilung führt zu einer geringeren Lebenserwartung. Ungleiche Gesellschaften sind auch ungesünder. So nimmt auch die Fettleibigkeit zu. Übergewicht ist eine Klassenfrage. Es zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Einkommensungleichverteilung und Übergewicht in den armen Schichten. Vor allem gibt es einen Zusammenhang von sozioökomoischem Status und Fettleibigkeit bei Frauen. Damit sind vor allem junge Frauen auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt diskriminiert. Übergewicht beeinträchtigt die soziale Mobilität. „Wie wichtig die Frauen ihr Körpergewicht nehmen und welches Körperideal sie anstreben, ist offenbar schichtspezifisch verschieden (…) In den reichen Ländern streben die Frauen der höheren sozialen Schichten offenbar eher die Magerkeit als Schönheitsideal an, und sie sind darin auch erfolgreicher.“ Fettleibigkeit und Übergewicht seien allerdings nicht nur ein Problem der Armen. In den USA waren mehr als 75 Prozent übergewichtig.

Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und schulischen Leistungen. Der entscheidende Faktor für gute schulische Leistungen der Kinder ist die Familie. Zeit- und Geldmangel, Streit und Gewalt in der Familie, psychische Erkrankung eines Elternteils- all das wirkt sich auf die Entwicklung des Kindes aus. Die Mittelschicht setzt auf Bildung, Eltern aus der Arbeiterschicht erwarten andere Verhaltensweisen. In sehr ungleichen Gesellschaften haben Kinder häufig unrealistische Berufswünsche, Hoffnungen, die zu herben Enttäuschungen führen.

In ungleichen Gesellschaften kommt es auch häufiger zu Teenagerschwangerschaften und zu Gewalt aus mangelnder Anerkennung.
„Während bei Frauen das Aussehen und die körperliche Attraktivität die wichtigste Rolle spielen, hängt bei den Männern der Erfolg im sexuellen Bereich entscheidend von ihrem Status ab.“ Frauen nehmen den finanziellen Status eines möglichen Partners doppelt so wichtig wie Männer. „Frauen versuchen also ihre sexuelle Attraktivität durch Kleidung und Make- up zu erhöhen, Männer dagegen müssen um ihren Status kämpfen. Das erklärt zum einen, warum Situationen, in denen sich ein Mann erniedrigt oder respektlos behandelt fühlt, die häufigsten Auslöser von Gewalttaten sind, es erklärt auch, warum die meisten Gewalttaten aus Auseinandersetzungen zwischen Männern hervorgehen. Für Männer steht einfach mehr auf dem Spiel, wenn Statusverlust droht oder Statusgewinn winkt. Rücksichtsloses oder offen gewalttätiges Verhalten finden sich bei den jungen Männern aus den untersten sozialen Schichten: Sie können keine Statussymbole vorweisen, sondern sie müssen darum kämpfen, ihr Gesicht zu wahren und ihren geringen Status zu verteidigen; also reagieren sie auf jede Bedrohung extrem heftig.“
Je ungleicher Gesellschaften sind, um so schärfer ist die Statuskonkurrenz. Dabei bleiben viele Menschen auf der Strecke. Sobald die Ungleichheit abnimmt, sinkt auch die Gewaltrate.
Länder mit größerer Ungleichheit weisen auch eine höhere Rate von Gefängisinsassen auf. Das liegt an einem höheren Strafmaß, wobei Täter für kleine Delikte lange Strafen absitzen müssen. Dabei landen Menschen aus unteren sozialen Schichten viel häufiger im Gefängnis als Menschen mit einem höheren sozialen Status. Auch die ethnische Zugehörigkeit ist dabei entscheidend. Afroamerikaner in den USA werden häufiger eingesperrt. In Gesellschaften mit mehr Ungleichheit werden schärfere Strafen verhängt. Auch die Verhältnisse in den Strafanstalten sind härter.

Größere Einkommensungleichheit schränkt auch die soziale Mobilität ein. In den USA konzentriert sich die Armut immer stärker in bestimmten Wohngebieten. „Wo immer besonders viele Arme leben, müssen die Menschen nicht nur mit der eigenen Armut zurechtkommen, sondern auch mit den Folgen der Armut ihrer Nachbarn.“ Seit den 1980er Jahren unterschieden sich auch die Wohngebiete in Großbritannien nach dem wirtschaftlichen Status ihrer Anwohner. Wer aufsteigt, zieht um. Pierre Bourdieu hat in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ auch die kulturellen Distinktionsmerkmale beschrieben. Wir schätzen Menschen ein: „Wie reden sie, wie sind sie angezogen, was lesen sie, welche Fernsehsendungen sehen sie, was essen sie, welchen Sport treiben sie, welche Musik hören sie, lieben sie Kunst, und wenn ja, welche?“ Über die gesamte soziale Stufenleiter werden auch Vorurteile und Diskriminierung gegen die jeweils niedrigeren Schichten eingesetzt, um sie am sozialen Aufstieg zu hindern. Die Eliten sichern ihren privielgierten Status ab. Nur durch immer neue Abgrenzung erhalten sie ihren elitären Status. „Statusunterschiede werden umso wichtiger, je größer die materielle Ungleichheit ist.(…) Tatsächlich nehmen die sozialen Vorurteile der oberen Schichten gegen die unteren Schichten mit wachsender Ungleichheit weiter zu. Die Vermögenden sichern ihren sozialen Status, indem sie den Schwächeren ihre Überlegenheit zeigen.“ Stigmatisierten Gruppen in Gesellschaften mit großer Ungleichheit geht es manchmal besser, wenn sie abseits der Menschen leben, von denen sie verachtet werden. Das zeigten etwa Studien in London, dass unter ethnischen Minderheiten, die in gemischten Wohngebieten lebten, mehr Fälle von Schizophrenie auftraten. Ihnen war in den Viertel wohl bewusst, zu einer Minderheit mit geringem Sozialstatus zu gehören. Wichtig sind also sozialer Rückhalt und Freundschaften. Und es zeigt, welche Rolle Sozialangst und Stigmatisierung spielen können.

Es muss vor allem darum gehen, die dramatisch steigende Erderwärmung zu verhindern. Insbesondere der von Statuskonkurrenz angestachelte private Konsum müsste reduziert werden. „Je reicher die Bevölkerung eines Landes ist und je mehr sie konsumiert, desto mehr trägt sie zur Erderwärmung bei.“ Wir müssen uns in Richtung einer „Wirtschaft jenseits von Wachstum“ bewegen. Mehr Gleichheit sei die Voraussetzung für eine Wirtschaft ohne Wachstum. Mehr Gleichheit verringert den Konsumdruck. „Je mehr Einkommensgleichheit, umso weniger brauchen wir die Ersatzdroge.“ Andererseits je mehr die Ungleichheit die Statuskonkurrenz anheizt, umso mehr müssen wir uns anstrengen, mitzuhalten. Es geht nur um den sozialen Unterschied, die Distinktion. In Ländern mit größerer sozialer Ungleichheit sind auch die Arbeitszeiten länger.

Kritik:
Die Autoren schreiben: „Wir brauchen keinen revolutionären Umsturz“. Aber es sei eine Transformation notwendig. Den Menschen müßten die Ängste genommen werden. Man müsse sie überzeugen, dass eine Gesellschaft mit mehr Gleichheit ihnen ein erfülltes Leben ermöglicht.
„Mehr Gleichheit ist der Königsweg in eine zukunftsfähige Gesellschaft, in der sich die Lebensqualität aller Mitglieder verbessern lässt, und es ist der Weg zu einem Wirtschaftssystem, das Nachhaltigkeitsprinzipien genügt.“ Es müsse der politische Wille gestärkt werden, mehr Gleichheit in der Gesellschaft zu realisieren.
Das alles klingt naiv, denn es gibt mächtige Interessen, die dem entgegen stehen. Es ist ja noch nicht einmal eine gerechtere Steuerpolitik politisch erwünscht. Also noch nicht einmal kleine Schritte.
Auch ihre Kenntnisse über Alternativen sind dünn. Die Alternativendiskussion in der Linken ist viel weiter: Solidarische Ökonomie, degrowth, commons, Umcare etc.
Hilfreich wäre auch ein Kapitel zu Gleichheit im Realsozialismus gewesen. Dort wurde oftmals die Individualität unterdrückt und es gab immer noch Differenzen (z.B. Bildungsprivilegien, Spaltung der Gesellschaft nach Besitz von Westgeld und Westwaren) Auch die Formel, Gleichheit ließe sich nur auf Kosten der Freiheit realisieren, hält sich immer noch.
Auch die „gleicheren“ skandinavischen Länder betreiben mittlerweile Sozialabbau und der Rechtspopulismus grassiert dort ebenfalls.
Trotzdem ist das Buch lesenswert. Es werden viele Studien vorgestellt. Forschungsergebnisse, Tabellen, Schaubilder und andere Informationen stellen sie auf folgender Website zur Verfügung:
http://www.equalitytrust.org.uk

Richard Wilkinson, Kate Pickett, Gleichheit ist Glück, Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, Berlin 2012

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