Gleichheit ist Glück TEIL1

In dem Buch „Gleichheit ist Glück“ von Richard Wilkinson und Kate Picket wird untersucht, welche Folgen die soziale Ungleichheit für Gesellschaften hat.

Wirtschaftswachstum und steigende Durchschnittseinkommen können in den reichen Ländern kaum noch etwas zum Wohlbefinden der Bevölkerung beitragen. Aber innerhalb einer Gesellschaft besteht ein enger Zusammenhang zwischen gesundheitlichen sowie sozialen Problemen und Einkommensniveau. Die größte Einkommensschere war laut Buch in den USA, Großbritannien, Potugal und Singapur zu beobachten. Japan und die skandinavischen Länder hatten die geringste Ungleichheit. In den Ländern mit einer weit geöffneten Einkommensschere kamen gesundheitliche und soziale Probleme häufiger vor. Diese Probleme traten in jeder Gesellschaft in den ärmeren Schichten am häufigsten auf. „Entscheidend ist, wie groß der Abstand des Einzelnen zu den anderen Mitgliedern seiner Gesellschaft ist.“ Entscheidend „ist auch der soziale Druck, trotz aller Ungleichheit mithalten zu können“. Je höher die Einkommensunterschiede sind, desto entscheidender ist es, welcher Schicht man angehört. Strukturelle Einkommensunterschiede werden von Feindifferenzierungen überlagert, wie Kleidung, Geschmack, Bildung, Selbstbewusstsein und all die anderen Kennzeichen der Schichtzugehörigkeit. „Materielle Unterschiede bilden die Rahmenstruktur für soziale Distinktion.(…) Welche Waren man kauft, ist oft nur von deren Bedeutung für Status und Identität bestimmt.“ Der gesellschaftliche Bewertungsdruck nimmt zu. Damit einher geht die Zunahme des Narzissmus. Ein geringer sozialer Status hat wiederum eine negative Wirkung auf das Selbstvertrauen des Einzelnen. „Ein hoher sozialer Status wird meist assoziiert mit Überlegenheit, Kompetenz und Erfolg. Je höher man in der sozialen Rangordnung aufsteigt, umso leichter fällt es, Stolz, Würde und Selbstvertrauen zu entwickeln. Welche Kriterien man auch zugrunde legt- ob Vermögen, Ausbildung, berufliche Position, Wohnort, Ferienziele oder andere Zeichen des Erfolgs-, im sozialen Vergleich steht man immer besser da.“ Die mit dem höheren sozialen Status sind stolz, die mit dem geringeren sozialen Status schämen sich. „Wissenschaftliche Untersuchungen geben Aufschluss: Menschen mit geringem sozialen Status, mit wenigen Freunden und einer problematischen Kindheit sind in der heutigen Gesellschaft besonders häufig psychischem Stress ausgesetzt.“ Der Anpassungsdruck ist stark geworden. Die Menschen sind ständig in Sorge, einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Wie werden wir eingestuft? Haben wir uns gut verkauft? Das trägt wiederum zu dem weit verbreiteten Konsumdenken bei.
„Welchen Status und welches Wohlstandsniveau ein Mensch erreicht (von ungelernter, schlecht bezahlter Arbeit bis zu Erfolg, hohem Einkommen und Führungsposition), ist kein isoliertes Phänomen, es prägt nicht nur das Selbstgefühl, sondern eben auch das Bild, das sich andere- selbst Freunde und die eigene Familie- von einer Person machen.“ Nichts bringt Über- oder Unterlegenheit deutlicher zum Ausdruck, wie der soziale Status. „Weil mehr Ungleichverteilung dem sozialen Status größeres Gewicht verleiht, steigert sie offenbar auch die Ängste der Menschen bezüglich ihrer sozialen Bewertung: Je größer die Statusunterschiede, um so wichtiger wird es für uns, wie wir uns gegenseitig einschätzen.“ Der erste Eindruck entscheidet. Soziale Bewertungen machen uns Angst. „Größere Ungleichheit bedeutet verschärfte Statuskonkurrenz und mehr soziale Ängste.“ Da mehr Ungleichheit zu mehr sozialem Bewertungsdruck führen, braucht es „Strategien der Selbstdarstellung und Selbstbestätigung, die das Ego stützen sollen. Die Bescheidenheit kommt dabei unter die Räder. Der Mensch zeigt sich nach Außen immer härter und stärker, um seinen Versagensängsten zu begegnen.“
Wächst die Ungleichheit, so sinkt zwangsläufig auch das Niveau des Vertrauens. „Materielle Ungleichheit reißt soziale Gräben auf.“ Gleichheit ist die Vorbedingung für Vertrauen. Ungleichheit führt zur Distanznahme zwischen sozialen Gruppen. „Die Menschen sind weniger geneigt, andere als ‚ihresgleichen‘ anzuerkennen.“ Die Menschen vergleichen sich mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft . Es zählt die Distinktion- man will seinen Platz in der Hackordnung erobern bzw. behaupten.

Ungleichheit und seelische Gesundheit

Nach Schätzungen leiden in Großbritannien eine Million Kinder an psychischen Störungen. Und die Zahl der Kinder mit psychischen Problemen nimmt noch zu: „Mehr als ein Viertel fühlt sich häufig niedergeschlagen, zumeist wegen familiärer Zerwürfnisse und wegen des Konkurrenzdrucks unter Gleichaltrigen.“ Im Jahre 2008 litt in den USA jeder vierte Erwachsene an psychischen Problemen, ein Viertel davon hatte ernsthafte Erkrankungen. Im Lauf des Lebens wird mehr als jeder 2. US-Amerikaner psychisch krank. „In Ländern mit größerer Ungleichheit leidet ein viel höherer Anteil der Bevölkerung an psychischen Erkrankungen.“ Vor allem Angstzustände haben stark zugenommen. Bei Frauen und Kindern zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und psychischen Erkrankungen. In der Regel zeigt sich eine zunehmende Häufigkeit in den unteren Gesellschaftsschichten. Vor allem plagt Menschen die „Statusangst“. „Jeder will mithalten, um keinen Preis will man den Anschluss an die besseren Kreise verlieren.“
Psychische Krankheiten werden durch soziale Ungleichheit verursacht.

Richard Wilkinson, Kate Pickett, Gleichheit ist Glück, Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, Berlin 2012

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