Die Angst des Journalismus vor der sozialen Kluft

„Die soziale Kluft ist kein Problem von besonderer Brisanz.“

Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben von Mai 2008 bis Frühsommer 2012 Kommentare des bundesdeutschen Journalismus zu den Themen Reichtum und Armut untersucht. Analysiert wurde die Berichterstattung in der Berliner Zeitung und Tagesspiegel, der Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Süddeutschen Zeitung, sowie Der Spiegel und Die Zeit.

In der Studie wird resümiert, dass es sich beim journalistischen Umgang mit Armut und Reichtum um „Pressefeigheit“ handelt. Reichtum wird als Blackbox behandelt, Armut wird die Brisanz genommen.

„Der blinde Fleck des Journalismus ist die stumme Macht des Reichtums.“ Reichtum wird nur im Zusammenhang mit Armut und sozialer Ungleichheit erwähnt. „Als Zentrum gesellschaftlichen Einflusses auf alle Lebensbereiche- die Politik, die Wissenschaft, die Kunst, den Sport etc.- und als wirtschaftlicher Weichensteller mit seinen Anlage-, Verlagerungs- und Spekulationsentscheidungen kommt er in den journalistischen Meinungsbeiträgen nur beiläufig vor.(…) Der Journalismus zerbricht sich mehr den Kopf über die Probleme der Reichen als über die Folgen der Zusammenballung privaten Reichtums für den Rest der Gesellschaft.“

„Die Armut wird mit Sorge registriert und zugleich in Problemgruppen portioniert.“ Armut wird zerlegt, nie in einer grundsätzlichen Dimension behandelt. Das Problem seien mehr die Armen und weniger die Bedingungen, mit denen sie konfrontiert sind. Die Bedingungen werden als Sachzwänge dargestellt.

„Wirtschaft ist, wie sie ist. Bildung und Arbeit als Lösung, die Politik als Sündenbock.“
„Den Individuen wird Anpassung empfohlen. Sie sollen diese Verhältnisse als Ausgangspunkt akzeptieren, sich fragen, was die Wirtschaft braucht, ihren Bildungsweg, ihre Bedürfnisse und ihren Lebensalltag danach ausrichten. Bildung ist hier nur ein anderes Wort für Arbeit, denn sie wird nur als Weg zur Erwerbsarbeit eingefordert. Wo die Menschen und die Wirtschaft nicht zusammenfinden, sind die Menschen das Problem oder ersatzweise die Politik.“

„Die Entwicklung von Armut und Reichtum wird nicht im Zusammenhang gesehen.“ Es wird nicht gesehen, dass die private Konzentration von Reichtum private und öffentliche Armut mitproduziert. „Armut wird vorwiegend als isoliertes Problem der Armen dargestellt.“

„Rein quantitativ: Die soziale Kluft ist kein Problem von besonderer Brisanz.“ Beim Anblick der sozialen Kluft befällt den Journalismus das Schweigen. Nur wenn die Politik Anlässe dafür liefert, werden die Themen behandelt. Das Interesse der Regierung wiederum, Anlässe zu bieten, hält sich in sehr engen Grenzen.“

Armut

Das Feld Armut ist politisiert, weil die Betroffenen öffentliche Gelder erhalten, aufgebracht von den Steuerzahlern. Die Sozialtransferempfänger sollen sich ständig rechtfertigen und Gegenleistungen erbringen. Armut ist im Gegensatz zum Reichtum ein öffentliches Thema. Arme produzieren Probleme, die im öffentlichen Raum sichtbar sind. Über Armut gibt es viel Material. Das Thema ist leicht zugänglich. Man muss nicht mit Konflikten rechnen, weil das Sanktionspotenzial der Betroffenen gering ist. Oft wird Armut personalisiert und emotionalisiert. Journalisten können sich von dieser Gruppe abgrenzen, weil sie einen höheren kulturellen und sozialen Status hätten.

Reichtum

Reichtum wird nicht politisiert. Es sei eine persönliche Angelegenheit. Wer darüber redet, hätte nur Sozialneid. Über Reichtum gibt es wenig statistisches und analytisches Material. Oftmals verweigern sich die Reichen direkten Recherchen und öffentlichen Diskussionen. Sie haben ein hohes Sanktions- und Konfliktpotenzial. Die Journalisten können sich schlecht abgrenzen, weil sie am Rande dieser Schicht leben oder die Hoffnung haben, aufzusteigen. Es gibt auch kein erkennbares politisches Interesse, sich an das Thema heranzuwagen. Selbst die Boulevardmedien nehmen sich des Themas selten an.

Hans-Jürgen Arlt, Wolfgang Storz, Portionierte Armut, Blackbox Reichtum, Studie der Rosa-Luxemburg- Stiftung, April 2013

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