Wahnsinnsfrauen: Nelly Sachs

Dichterin Nelly Sachs (1891-1970)

Die Rollenverteilung in ihrer Familie ergab sich durch die gesellschaftlichen Normen. Der Vater hatte unerfüllbare Erwartungen, ihm wäre ein Sohn oder eine andere Tochter lieber gewesen. Ihr Protest als Halberwachsene war Aggression gegen sich selbst, sie suchte den Tod durch Nahrungsverweigerung.
„Vor dem Sterben aber rettete sie das Wort.“ (Die ersten Dichtungen entstanden aus Liebeskummer) „Bis ins vierzigste Lebensjahr fristete Nelly Sachs dies solcherart behütete, zugleich aber künstlich eingezäunte Jungmädchen- Dasein einer höheren Tochter, für die eine Berufsausbildung und – ausübung außerhalb des gesellschaftlich Erlaubten lag.“
Nach dem Tod des Vaters hatte sie eine kurze Zeit normalen Erwachsenenlebens, dann setzte die Naziherrschaft ein (7 Jahre im Hitlerregime- Leben unter Bedrohung).
Nach der Kristallnacht wandte sie sich an die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf,
am 16. Mai 1940 entkommt sie und ihre Mutter mit dem letzten zivilen Flugzeug nach Stockholm. 1940- 1958 erlebt sie existentielle Unsicherheit, 1958 erhält sie von der BRD eine Entschädigungsrente.
Am Tage voll beschäftigt, schrieb sie nachts. Ihre Familienangehörigen werden abtransportiert und getötet, das verheimlicht sie ihrer Mutter. Das Wort wird zur „Atemhilfe“, Dichtung zur Lebensrettung. Der Tod der Mutter 1950 erschüttert sie, sie lebte an der untersten Grenze des Existenzminimum.
„Die Emigration, das Leben im Exil, der Tod der Mutter waren Voraussetzungen für eine ‚riesengroße Einsamkeit‘, deren Folgen so lange aufgehalten werden konnten, bis der Kampf um die Existenz nicht mehr nötig war und die ungeheure seelische Anspannung nachlassen durfte. Ohne Widerstand bläht die Einsamkeit sich auf, dehnt sich immer mehr aus, ein Einsamer befindet sich ständig unter Bedrohung, die Einsamkeit wird angstbesetzt, und das Gehirn sucht sich Bilder für die Angst.“
„Am 8. August 1960 bricht sie unter den verspäteten Verfolgungsängsten zusammen und wird drei Monate lang einer intensiven psychiatrischen Behandlung u.a. mit Elektroschocks unterworfen.“
Sie hatte sich bereits in Dichtungen mit dem Wahnsinn beschäftigt.
In ihren Gedichten schreibt sie über Angst, Einsamkeit und Spachnot:
„Das Leiden ist gepaart mit Einsamkeit. Wer einsam ist, ist schutzlos- den äußeren und inneren Verfolgern anheimgegeben. Keiner schaut hin, es ist ein Verlassensein, ein ‚reißendes Feuer‘. Der Einsame versucht sich zu verstecken, verhüllt sich, versteinert, erblindet. Die Einsamkeit ist erschreckend, jede Abwehr verstärkt sie, die Kruste, die keinen Schutz gewährt, schmerzt.(…)
Sprachnot gehört wesensgemäß zur Einsamkeit. Die Sprache der Leidenden zerbröckelt in unverständliche Buchstaben, in vorsprachliches Singen, in reine Schnalzlaute. Die Kommunikationsfunktion geht verloren, keiner hört zu, und wer es dennoch tut, versteht nichts.“
„Am Geländer der Sprache tastet sie sich in die Felder des Schweigens hinein, sucht Worte für Erlebtes, Namen für Erahntes. Die erlebte Einsamkeit, das erfahrene Verlassensein war immer schon lebensgefährlich für Nelly Sachs.“
„Sprache ist das Element des Lebens in der Welt und in der Gemeinschaft der Menschen. Sprachlosigkeit gehört wesensgemäß zum Leiden der Einsamen (…)
Schweigen ist schon Todeszeichen.“

aus Wahnsinnsfrauen Zweiter Band, Ruth Dinesen, Frankfurt 1996

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