Wahnsinnsfrauen: Irmgard Keun

Schriftstellerin Irmgard Keun (Sucht, Ängste, Depressionen) (1905-1982)

Als sie 1966 zum drittenmal auf der Straße aufgegriffen wird, lautet die Diagnose „Geistesstörung infolge von Sucht“. Sie bleibt sechs Jahre in der Klinik. „Die Alkoholkranke war am Ende ihrer Kraft und ihres Geldes angekommen, unfähig zu schreiben, unfähig, den Alltag zu bewältigen.“ Nach dem ersten Jahr bekam sie keine Behandlung mehr, da ihr nichts fehlte. Der Chefarzt ließ sie einfach dort wohnen, weil niemand, sie selbst eingeschlossen, wußte, wohin mit ihr.
Irmgard Keun klagte zeitlebens über „irrenhausreife Depressionen“ und Angstzustände.
Sie brauchte den Alkohol, um zu schreiben oder unter Menschen zu sein. Sie konnte weder mit Geld, noch mit sich haushalten. Sie war Autorin von sieben Romanen und vielen kleineren Schriften. Sie wollte die Möglichkeiten ihres Zeitalters voll ausschöpfen. Früh rebellierte sie gegen ihre bürgerliche Herkunft, ohne sich ganz von ihr zu trennen. Sie wollte als Künstlerin und als Frau Anerkennung erlangen. Sie scheint ein Lehrbeispiel zu sein- für den alltäglichen Wahnsinn einer kreativen Frau, die sich innerhalb der Männergesellschaft verwirklichen will.
Der Alkohol legte tiefere psychische Schichten frei, das kommt in Romanen ans Licht. Ihre Protagonistinnen scheinen oft, insbesondere am Romanende, total erschöpft und am Rande des Nervenzusammenbruches. Das Motiv der Flucht kommt häufig vor. In späteren Büchern herrscht Ratlosigkeit, Trauer und Müdigkeit vor. Vor allem die Frauen verstummen. Frauenfeindliche Äußerungen werden immer häufiger.
„Eins ihrer häufigsten Themen ist die Bloßstellung der ’normalen‘ Gesellschaft, ob kleinbürgerliche Spießer oder nationalsozialistische Opportunisten, meist aus der Perspektive einer (pseudo-) naiven Außenseiterin.“ Für Keun war der Gedanke an den Wahnsinn ein häufiger Begleiter. Bestandteil ihres Selbstbildes war das Bewußtsein, „nicht normal“ zu sein. Ihre schriftstellerische Tätigkeit brachte sie mit psychischer Abnormität in Verbindung.

Sie wurde 1905 in Berlin geboren. War eine intelligente, aber undisziplinierte Schülerin, wollte immer was Besonderes sein. Sie war anfangs eifersüchtig auf den Bruder, hatte das Gefühl, nicht genug zu sein. Die Wertschätzung von Männern war Keun immer wichtig.
„Mädchen auf der Suche“ war der Titel einer Rezension ihrer ersten beiden Romane:
Gilgi und Das kunstseidende Mädchen: wollten in der Weimarer Republik was aus sich machen; die traditionelle Hausfrauenrolle kam für sie nicht in Frage. Von 1933-36 war Keun am Rande eines Nervenzusammenbruches; heiratete einen Künstler, der auch viel trank, sie hatte Familien-, Arbeits- und Geldprobleme, ihre ersten beiden Romane kommen auf die erste offizielle „schwarze Liste“.
Keuns Verrücktheit ist eine „normale“ Reaktion auf wahnsinnige Zustände, Kreativität wird im NS-Staat unterdrückt. Künstlerisch sehr produktiv war Keun in der Emigration ab 1936 -1940. Ihr Lebensgefährte wird Joseph Roth, der auch alkoholkrank ist; die Frauen verstummen in ihren Romanen. Sie hatte immer größere Angst, in die Hände der Deutschen zu fallen. Sie fürchtete, in der Zeit der wachsenden Panik wahnsinnig zu werden. Beim Einmarsch der Nazis in Holland tauchte sie unter und kehrte mit falschen Papieren zu ihren Eltern nach Köln zurück. Fünf Jahre lebte sie illegal in Deutschland, unentdeckt von der Gestapo.
Erst nach 1945 fing sie wieder an, zu schreiben. Sie hatte publizistischen Erfolg, zudem bekam sie 1951 eine Tochter. Aber diese und auch nicht die Bemühungen ihrer Freunde konnten ihren Verfall länger aufhalten. Sie war von der Angst und dem Alkohol zermürbt.
1962 wurde sie in das Landeskrankenhaus Düren eingeliefert, vier Jahre später nochmal von 1966- 72. Nach ihrer Entlassung lebte sie zuerst bei einer Freundin und dann in einer Dachstube in Bonn. Sie versuchte zu schreiben, aber es ging nicht. Sie starb am 5. Mai 1982.
Sie hatte sich in vielem der Anpassung verweigert. Trotzdem versuchte sich sich den Erwartungen der männlich definierten Welt anzupassen. Sie sah nicht klar genug, wie sehr die patriachalen Erwartungen und Machtstrukturen sie gegen sich selbst einnahmen. „Sie trank, um sich Mut zu machen, um sich zum Schreiben anzuspornen, um ihre Ängste zu vergessen. Um sich über die Gespaltenheit ihres Daseins hinwegzutäuschen. ‚Jeder Mensch, der trinkt, will sich oder seine Sicht der Welt ändern, was ja aufs selbe rauskommt.`“ (aus Roman Ferdinand)

aus Wahnsinnsfrauen Erster Band, Frankfurt am Main 1994

Advertisements