Dabei geblieben

Rehzi Malzahn aus Köln hat ein interessantes Buch mit 25 Interviews und „Zutaten für ein linkes Überlebenselixier“ vorgelegt. Die radikale Linke stellt eine Jugendbewegung dar. Die Autorin befragte deshalb ältere AkteurInnen danach, wie sie sich in diesem linken Umfeld erleben.
Dabei decken die Gespräche jedoch nur einen kleinen Ausschnitt der älteren Aktiven in der Linken ab. Ostdeutsche Linke und sozialpolitisch Bewegte fehlen fast komplett. Fast alle der Befragten lohnarbeiten, aktueller Hartz-IV-Bezug und Probleme mit Krankheiten spielen kaum eine Rolle. Während meines Erachtens für ältere Außenseiter die linke Szene oft einen Schutzraum bietet, benutzen manche jüngere und fitte Leute die Linke als berufliches Sprungbrett. Mit den Worten des Interviewpartners Wolfgang: „Bei vielen jungen Leuten habe ich das Gefühl, sie benutzen die linke Struktur als einen Durchlauferhitzer auf dem Weg in die eigene Karriere (…).“
Die Älteren blicken oft nostalgisch auf vergangene Zeiten, erinnern sich z.B. der Jugendzentrums- oder Hausbesetzerbewegung. Im Gegensatz zu heutigen jungen Linken, die aus bürgerlichem Elternhaus sind und meistens studieren, ist die soziale Herkunft der Älteren bunt gemischt. Viele sind (klein)bürgerlicher Herkunft, viele aber stammen auch aus Arbeiter- und Gastarbeiterfamilien, kommen vom Dorf, waren Heimkinder oder hatten zum Beispiel ein kleinkriminelles Elternteil.
Samira: „Was heute passiert, ist, dass die Klassenfrage in den Bewegungen systematisch ausgeblendet ist. Die jetzige Generation thematisiert weder, wie viel Einkommen sie hat, noch ihre Existenzängste, ihren Jugendwahn oder ihre bürgerliche Herkunft (…) Ich kann nur jedem Armen abraten, sich in der Linken zu organisieren – aktuell ist er dort verraten und verkauft. Außer, er baut eine Struktur auf, die die Mittelschichtsbürgersöhnchen und -töchter offensiv konfrontiert (…) Ich will jetzt nicht die Unterschicht heroisieren. Aber wenn die bürgerliche Mittelschichtslinke nicht mit ihrer Klasse und ihrer Herkunft bricht, ist sie nicht glaubwürdig.“
Andere beklagen die „szene-moralinsaure Identitätsscheiße“, soziale Kontrolle in der Linken, dass Ältere als Zivilbullen verdächtigt werden, dass sie als Ältere von den Jüngeren nicht ernst genommen bzw. nicht genug wertgeschätzt werden. Andrea: „Ohne Politgruppe wird man wirklich einsam in dieser Szene.“ Aber es sind auch viele optimistische Töne zu vernehmen, insgesamt bietet Mahlzahn eine spannende Lektüre. Die Linke sollte mehr Selbstreflexion betreiben. Unbedingt lesen!

Rehzi Mahlzahn, dabei geblieben, Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen, Unrast Münster 2015, 250 Seiten, 16 Euro

veröffentlicht in der Contraste 4/2016

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