Armes Hype(zig)

Das Buch „Leipzig“ mit ca. 300 Seiten versammelt vierzehn Artikel – einerseits zu aktuellen Entwicklungen in den Bereichen Wohnungsmarkt, Bildung und Kultur sowie andererseits zu heterogenen Lebenswelten von Muslim_innen, Wohnungslosen, Flüchtlingen, Queers, Neonazis und älteren Menschen.
In Leipzig manifestiert sich exemplarisch eine „neue Ordnung der Stadt“. Mittels einer bürgerlichen Deutungshoheit wurde seit 1990 versucht, eine wirtschaftliche, kulturelle und soziale Hegemonie zu konstituieren. In der verbürgerlichten Form der Urbanität geht es um eine „geordnete und saubere Stadt“, „dessen Befehlscharakter sich in einer sich verschärfenden Ordnungspolitik niederschlägt“.
Leipzig galt vor kurzem gleichzeitig als „Armutshauptstadt Deutschlands“ und als „Boomtown“. Der Größenwahn zeigte sich in der Olympiabewerbung 2012 oder im Hype(zig) um das bessere Berlin.
Sehr lesenswert ist der Artikel zum Medienrummel um Leipzig, das mit „Hypezig“ betitelt wurde. Was mit einem Kontakt einer US-Journalistin zur freien Szene begann, steigerte sich zu einer Medienflut, die ein Zerrbild der Stadt erschuf und schließlich ein offizielles Marketingargument wurde. Von Leipzig wird ein romantisierendes Bild als kostenlose, soziale Utopie gemalt, dabei ist es die Stadt mit den zweitmeisten Hartz IV- Bezieher_innen in Deutschland. In Wirklichkeit geht es um die Erhöhung des Umsatzes in der Tourismuswirtschaft. „Im Jahr 2013 stieg die Zahl der Übernachtungen auf knapp 2,7 Millionen.“
Auch der Artikel zur Gentrifizierung in Leipzig ist sehr aufschlußreich. In dem Beitrag werden vier Phasen der Stadtentwicklung beschrieben. Ostdeutsche Städte weisen Besonderheiten auf. Einerseits wird seit Ende 2011 von Verdrängung und Gentrifizierung in Leipzig gesprochen. Andererseits hat Leipzig noch viele Leerstände und eines der niedrigsten Mietniveaus aller deutschen Großstädte. Heute sind viele Häuser saniert und es findet eine starke Zuwanderung vor allem von jungen Kreativen nach Leipzig statt.
Interessant ist auch der Artikel zur Wohnungslosigkeit, die sich in Leipzig um ungefähr fünf bis sieben Jahre verzögerte, da sich nach der Wende nur ein Bruchteil der Wohnungen in Privatbesitz befand. Mittlerweile aber steigt diese an. In den nächsten zehn Jahren wird sich der Leipziger Wohnungsmarkt für die unteren Einkommensschichten ernsthaft verengen.
Insgesamt ein gelungener Sammelband.

Frank Eckhardt, René Seyfarth, Franziska Werner (Hg.), Leipzig: Die neue urbane Ordnung der unsichtbaren Stadt, Münster 2015 , 18 Euro

veröffentlicht in der Contraste 5/2016

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