Das große Schweigen

Aus dem Buch „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“ von Julia Friedrichs, Berlin 2015

Über Erbschaften wird nicht geredet. Die jährliche Erbsumme wird auf 250 Milliarden Euro geschätzt. In einem Land, wo alles erfasst ist, gibt es keine behördlichen Zahlen zur Gesamtsumme der Erbschaften und Schenkungen. Ulrike Herrmann schreibt in der taz: „Die Reichen haben viel Lobbyarbeit investiert, um eine verlässliche Statistik zu verhindern. Sie wissen genau, dass eine Verteilungsdiskussion nicht geführt werden kann, wenn die Daten fehlen.“ 250 Milliarden im Jahr- das sind „fünfmal so viel wie die Gesamtausgaben für alle Hartz IV- Empfänger und die sie versorgende Verwaltung.“ Eine gewaltige Erbschaftswelle. Aber: „Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen ein mickriges Prozent des Vermögens, die reichere Hälfte statte 99 Prozent.“ Über die Hälfte der Menschen wird nichts oder Schulden erben. Innerhalb der EU ist Deutschland damit unrühmlicher Spitzenreiter in der Vermögensungleichheit. „Westdeutsche Akademiker werden größere Summen erben. Ostdeutsche und Kinder von Arbeitern, von kleinen Angestellten oder Arbeitslosen im Normalfall nicht oder kaum.“ Manche sprechen von einem „feudalistischen Kapitalismus“. Denn es ist das „Prinzip der Abstammung. Reich wird, wer in die richtige Familie geboren wird.“ Die Generation derer, die in den 70er und 80er Jahren Geborenen, sei die erste, wo Erben wichtiger als das Arbeitseinkommen sei. Im Alltag werde spürbar, wer Erbe sei und wer nicht. Julia Friedrichs hat mit Erben gesprochen. Da ist der 41jährige Komponist, der sich mit dem Geld seines Vaters eine Wohnung innerhalb einer Baugruppe für fast eine halbe Million Euro kauft und meint, er hätte es nicht verdient. Sein Leben werde von einem schützenden Netz gehalten, aus dem Geld seines Vaters. Die gut gebildete Mittelschicht sei verängstigt, da werde das ererbte Netz wesentlicher. Seit den 1980er Jahren sei die Chance, aufzusteigen, deutlich geringer geworden, so Elitenforscher Michael Hartmann. Heute finanziert oft das alte westdeutsche Geld das Großstadtleben der Kinder. „Es ist ein Leben von Gnaden der Vorgängergeneration.“Da ist Beate, die über das Erbe, das geheime Konto schweigt. Fast niemand weiß davon. Sie findet erben undemokratisch. Und ihr Konto wurde praller und praller. Ihr Mann kommt aus dem Osten, das Erbe dessen Vaters, der Arzt war, ist dagegen überschaubar. Zwischen Ost und West sind die Erbsummen sehr ungleich verteilt.
Der Spiegel schreibt im Mai 2014: „Deutschland ist eine Steueroase für Erben.“ Im Schnitt werden Erbschaften mit gerade einmal zwei Prozent besteuert. Nach 1996 wurde die Vermögenssteuer abgeschafft. 2009 sackte der Steuersatz auf Kapital von maximal 42 Prozent auf 25 Prozent ab. Seitdem verschiebt sich das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Vermögen. Es sind angenehme Zeiten für Reiche. Eine politische Entscheidung. Die Reichen lernen ihre Abneigung gegen Steuern bereits in der Kindheit. Nur fünfzig Reiche unterzeichneten einen Appell deutscher Wohlhabender für höhere Steuern. Da ist ein Familienunternehmer, für den erben Naturgesetz ist. Aber um jede fünfte Erbschaft tobt ein heftiger Kampf. Um Erbschaften im Wert von mehr als 100 000 Euro wird in mehr als jedem vierten Fall gestritten. Ein Drittel der Erben ist inzwischen über sechzig. Mit knapp unter siebzig sind die Deutschen im Durchschnitt am reichsten. „Der Kampf um das Geld der alten Menschen wird härter. Sobald klar ist, dass etwas zu holen ist, kommen die Ratten aus ihren Löchern.“, sagt eine Betreuerin. Aber auch die Betreuer machen ein Geschäft, wie auch die Nachlassverwalter, deren Zahl wächst. Der Beruf der Nachlassverwalter ist nicht geschützt, wie der der Betreuer. „Vor gut zehn Jahren gab es in Deutschland 420 000 Menschen, die behördlich bestellte Betreuer hatten. 2013 waren es 1,3 Millionen. Allein der Staat zahlte den Betreuern über 600 Millionen Euro, mehr als hundertmal so viel wie noch 1995.“ Auch die rechtliche Betreuung biete Möglichkeiten für Betrug und Korruption. Da die Zahl der erbrechtlichen Streitigkeiten zumimmt, sei das Ganze auch ein Geschäft für Anwälte. Das Erbrecht ist für Anwälte relevanter geworden. Die Erbstreitigkeiten führen auch zu Tötungen, wie Julia Friedrichs es u.a. in dem Kapitel „Wenn die Kinder töten“ beschreibt. Der Sohn eines Multimiliardärs versucht im Gespräch eine Botschaft zu vermitteln:“ Ich bin mehr als ein Sohn reicher Eltern. Ich habe aus eigener Kraft etwas erreicht. (…) Er sagt:‘ Ich weiß, dass es im Leben nur Sieger und Verlierer gibt. Die Entscheidung, auf welcher Seite man steht, liegt allein bei einem selbst.’“ Er ist Privatier, sein Lebensinhalt besteht in seinem Boot. Götz Werner dagegen eröffnete 1973 das erste Geschäft. Heute hat dm 2900 Filialen in zwölf Ländern. Sein Privatvermögen wird auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Sein Geld hat er in eine Stiftung gesteckt, seine sieben Kinder bekommen nichts. Er entzieht seine Firma dem Zugriff der Nachkommen. Thomas Piketty schrieb, dass Erbschaften wieder eine bedeutende Rolle im 21. Jahrhundert spielen werden. Die Generation der ab den 1970er Jahren Geborenen werden eine Gesellschaft erleben, die sich zwischen der Rentier-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und der meritokratischen Gesellschaft des 20. Jahrhundert befindet. Der vererbte Reichtum wird den erarbeiteten Wohlstand bei weitem übertreffen. Das ererbte Vermögen wird für die ab den 1970er Jahren Geborenen eine Bedeutung haben, die wir seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr erlebt haben. „Die Erbengesellschaft des 21. Jahrhunderts wird nicht die alte Feudalgesellschaft sein, aber auch nicht mehr die recht nivellierte Mittelschichtsgesellschaft der Nachkriegsjahre.“ Es werde etwas Neues entstehen. Der Direktor des Max-Planck- Instituts für Gesellschaftsforschung Jens Beckert beobachtet eine Entsolidarisierung der Wohlhabenden:“ Mit dem Versuch, den eigenen Nachwuchs durch Vermögensvererbung vor den Wechselfällen des Marktes zu schützen, reagiert die obere Mittelschicht auf soziale Bedingungen steigender sozialer Unsicherheit.“ Der Nachwuchs wird also gefördert. Das beginnt schon mit der Babykleidung. Es wächst die Bereitschaft, kleine Kinder teuer einzukleiden. Der Markt für Luxuskinderkleidung hat sich seit einigen Jahren rasant entwickelt. Kinderfeste, die von Agenturen organisiert werden, sind zum Statussymbol geworden. Und die Kinder der Eliten müssen natürlich in ein Internat gehen. Es sei eine Flucht von gutsituierten Eltern aus dem deutschen Schulsystem zu beobachten. „Der Anteil der Schüler, die auf eine private Schule gehen, hat sich in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre mehr als verdoppelt, inzwischen ist es jeder elfte.“ Lange gab es ein stilles Übereinkommen, dass Bildung nichts kosten darf, weil es ein elementares Gut sei, dass nicht vom Geld der Eltern abhängig sein darf. „Wenn aber hervorragende Bildung Teil des Erbes von Kindern aus gutem Hause ist, wenn sie ein immer kostspieligerer Baustein des Nachlasses ist, ist auch auf dieses Versprechen kein Verlass mehr.“ Deutschland ist auch auf dem Weg in ein Stifterland. Seit 2001 hat sich die Zahl der rechtsfähigen Stiftungen verdoppelt, 2013 waren es 20 150. Der Staat subventioniert Stiftungen mehr als Spenden. In mehreren Reformen hat er das Stiften steuerlich begünstigt. Die Stiftungen schalten und walten, wie sie wollen. Es ist ein Stück Entdemokratisierung. Die Stifter können statt Steuern zu bezahlen selbst bestimmen, wem sie Gutes tun und wem sie es verweigern. Wie bei der Götz Werner- Stiftung fehlt oft die Transparenz. Auch Netzwerke sind in diesen Kreisen bedeutsam, wie Julia Friedrichs es im Fall Neckermann aufzeigt.
Am Schluß wird Julia Friedrichs in dem Buch von der „Sorge vor der Macht des alten Geldes“ befallen. Auch Piketty spricht von einem „spektakulären Reicherwerden“ der älteren Kohorten. Der Soziologe Heinz Bude: „Nichts ist ungünstiger und unangenehmer für den Bewegungscharakter einer Gesellschaft als die Herrschaft gebildeter Rentiers.“ Und der Psychologe Stephan Grünwald: „Wir leben in einer Zeitenwende. Die Ängste vor dem Verlust unserer bisherigen Lebensweise überwiegen derzeit die Neugier, die Zukunftslust und die Entwicklung neuer Visionen. Das Schöpferische scheint mir momentan lahmgelegt.“ Man müsse doch dagegensteuern durch eine hohe Erbschaftssteuer.
Und befragt Politiker. Die CDU-Frau sagt, das Vermögen sei dann ganz schnell im Ausland. Und der Anreiz zu sparen, sei dann geringer. Die Grüne: „Erben ist eine absolut leistungslose Angelegenheit (…) Es ist die Gnade der guten Geburt.“ Bei der Erbschaftssteuer sei die Sorge bei den Menschen, das zahle ja jeder. Es gebe Interessen, die verhindern, dass Zahlen zu Vermögen und Erbschaften erfasst und veröffentlicht werden. Und bei den Grünen seien überdurchschnittlich häufig wohlhabende Akademiker. Die erben gut. Da ist es schwierig.
Der SPD- Mann. Es sei eine Vorform der Dekadenz, wenn sehr viele Menschen ohne eigenes Zutun ein großes Vermögen erlangen. Das würde ihr Verhalten ändern. Es gebe eine Steigerung des privaten Reichtums und der öffentlichen Armut. Die meisten Leute würden aber denken, sie erben. „Dieses Irrationale macht es uns schwer.“ Für ihn hat das etwas mit der Medienkonzentration zu tun, die Medien sind in wenigen Händen reicher Familien. Das Thema sei medial nicht leicht umzusetzen. „Aber der Boden für eine Veränderung ist in unserer Gesellschaft nicht bereitet. Die Panik vor Erbschaftssteuern ist so groß.“ Bleibt noch der Linke: „Früher war es viel einfacher, sich ein Vermögen zu erarbeiten. (…) Es gibt da Solidarisierungseffekte von Menschen, die meinen, dass sie von einer Erhöhung der Steuer betroffen wären, die es gar nicht sind (…) Auf jeden Fall gibt es eine schiefe Solidarität.“ Die Wählerschaft der Linken altert. Sie will also die Alten verschonen. Und schreit nach dem Geld der ganz Reichen. „Ein mutiges Konzept.“ „Man muss die Gesellschaft so nehmen, wie sie ist.“, sagt der Vertreter der Linkspartei und wirkt dabei müde.
„Um die Gesellschaft zu verändern, braucht man kleine Schritte.“, sagt er zum Schluß.
Piketty hatte geschrieben, ein radikaler Wechsel der Politik im Hinblick auf Privatvermögen und Erbschaften sei eine realistische Option…

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