Wahnsinnsfrauen: Adelheid Duvanel

Adelheid Duvanel (1936-1996)

„Sie wurde von einem Reiter aufgefunden, im Wald, in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1996. Erfroren sei sie. Im Juli.“ (S. 270)
Seit sie 17 war, hatte sie unzählige Selbstmordversuche unternommen. Auch ihren nächsten Vertrauten sei sie letztlich fremd geblieben. Sie hat keine Interviews gegeben und nach Lesungen wollte sie keine Diskussion. Sie hat ihr Werk hinterlassen, Fiktion, Geschichten.
Ihr Vater war hochangesehener Jurist und strenggläubiger Katholik, ihre Mutter aus gutem Hause. Schon früh erlebt sie Kälte und Leere im geordneten Elternhaus. Sie hungert nach Wärme und Geborgenheit. Mit sieben schreibt sie ihre ersten Gedichte.
Für die Eltern ist Schreiben kein Beruf, sie solle einen richtigen Beruf erlernen. Aus gesundheitlichen Gründen muß sie eine Lehre als Textilzeichnerin abbrechen. Sie besucht eine Kunstgewerbeschule. Das Malen gibt sie in der Ehe mit einem Maler auf, erst später wird sie es wieder aufnehmen. Seit 1963 ist sie mit dem Kunstmaler verheiratet, 1964 wird ihr Kind geboren. Die Ehe ist schwierig. Ihr Mann verletzt sie ständig zutiefst. Er hat immer wieder Freundinnen, mit einer hat er ein Kind. Mutter und Kind ziehen zu ihnen. Auch die Baseler Boheme geht in ihrem Hause aus und ein. Frauen sind in diesem Milieu nicht gleichberechtigt, schon gar nicht eine Frau, die eigene Begabungen hat. Und sie? Sie ist ihrem Mann hörig, ist zu allem bereit. Der Mann fasziniert sie. Sie muß arbeiten, um die Familie durchzubringen. Er nutzt sie aus. Sie läßt sich zwar 1985 scheiden, kommt aber bis zu seinem Tod nicht von ihm los. Sie läßt nie den Wohnungsschlüssel im Schlüsselloch stecken, es könnte ja sein. Sein Selbstmord im Dezember 1986 trifft sie tief. Das Kapitel war überschrieben mit: „Kein Schutz in der Kleinfamilie“.
Das nächste: „Auf der Schattenseite des Lebens“. Sie schreibt „von den Menschen auf der Schattenseite des Lebens, den Kindern, den psychisch Kranken, den Drogenabhängigen und AlkoholikerInnen. Und sie weiß, wovon sie schreibt. Sie kennt die Hölle einer Ehe zu dritt, sie hat sich unzählige Male in einer psychiatrischen Klinik aufgehalten, sie weiß um den verführerischen Trost, den Drogen geben können. Sie braucht ihre Geschichten nicht zu erfinden, denn die Realität, die sie erlebt, geht weit über das Vorstellbare hinaus. Eine Grenzgängerin ist sie, die immer zwischen Leben und Tod steht, zwischen Krankheit und Gesundheit, Realität und Traum.“ (S.280)
Ihr machen noch andere Dinge zu schaffen. Ihre Tochter ist drogenabhängig und aidskrank. Und sie lebt unter dem Existenzminimum. Wenn sie kein Geld mehr hat, findet sie Unterkunft in der Psychiatrie. Dort hat sie wenigstens zu essen. Auch in einem Dorf in Spanien findet sie Zuflucht. Im Juli 1996 wollte sie mit ihrer Tochter und ihrem elfjährigen Enkelkind dorthin fahren, das Enkelkind sollte aber mit Pflegeeltern in die Ferien fahren und hätte nicht mitkommen können. Adelheid war zutiefst enttäuscht. Zu ihrem Enkelkind hat sie ein inniges Verhältnis, das Kind findet bei ihr immer wieder Zuflucht. In ihren Texten gehören Kinder zu den Ausgestoßensten dieser Gesellschaft. Oftmals sind sie subtilen Gewaltformen ausgesetzt.
Ihr erster Band mit Geschichten erscheint 1976. Eine zweite Autorin hat das Buch. Die Fotos der beiden Autorinnen seien trostlos. „Nirgendwo hinzugehören, schon damals.“ (S. 276)
In ihrem Tagebuch „März 1981“ schildert sie ihren Aufenthalt in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel.
Sie schreibt: „,daß niemand von uns verrückt ist. Wir haben es nur schwer, die gangbaren Wege zu finden. Wir mühen uns ab auf den nicht gangbaren. (…) Zuerst habe ich mich geweigert, Pillen zu schlucken, doch dann merkte ich, daß ich ohne Medikamente ausrutschte, abwärts glitt, fiel. Auf den nicht gangbaren Wegen verliert man sich immer, weil niemand dort rodet, Brücken baut oder Stufen in die hohen Wände schlägt.“ Unter den Nebenwirkungen der Medikamente leidet sie, „die eine (Droge) bewirkte, daß ich nicht mehr lesen konnte und unruhig war, die Gegendroge, die mir daraufhin verschrieben wurde, verunmöglichte mir das Schreiben.“ (S.284f.) Beides waren Tätigkeiten, die für sie existentiell wichtig waren. Im Laufe der Jahre werden ihre Texte knapper, verschlüsselter, unzugänglicher. Sie würden zunehmend fordern, sich in eine unvertraute Denklogik zu verirren. In ihrem letzten Band ist eine Veränderung festzustellen, die Mut mache. In die umschlingende, erstickende Ausweglosigkeit mische sich ein Quentchen Widerstand. Eine Geschichte trägt den Titel „Wut“. Die Menschen kämpfen, lassen sich nicht mehr alles bieten, wehren sich.
Adelheid Duvanel kennt, wovon sie schreibt. Sie kennt die Süchtigen, die Obdachlosen, die psychisch Kranken. Im Frühsommer 1996 leidet sie zunehmend darunter, daß das Schreiben ihr unmöglich geworden ist. So weiterzuleben ist ihr unvorstellbar. Seit Wochen habe sie keine Zeile geschrieben. Schon früher bei den Psychiatrieaufenthalten hatte sie nicht geschrieben, sondern gemalt.
„Von den Bildern geht eine ungeheure Bedrohung aus. Da sind zuerst einmal die starken Farben, die den Blick schonungslos auf sich ziehen. Doch vor allem offene Kindermünder, stumme Schreie, Tiere in Angriffsposition gehen unter die Haut. Ein Ausweichen ist nicht möglich. Gewalt ist überall, der Schrecken der gezeichneten und gemalten Frauen und Kinder fährt in die Knochen. Allein mit diesen Bildern, möchte man nur noch davonrennen. Noch direkter als in den Texten gibt Adelheid Duvanel der Hoffnungslosigkeit, Trostlosigkeit Ausdruck. Auf einigen Zeichnungen steht, in dicken Lettern, ‚Verzweiflung‘, ‚Aids‘, ‚Finanzielle Not‘, ‚Die Ermordung der Blume‘, ‚Totenvogel‘. Das sind die Realitäten, in denen Adelheid Duvanel lebt. Von ihr schreibt sie und diese malt sie.“ (S.288f.)
„In den letzten Monaten vor ihrem Tod ist sie sehr krank. Sie hat starke Schmerzen, überall. Die Medikamente helfen nicht mehr.“ (S.290)
Sie schluckt noch ein paar Pillen zusätzlich zu den großen Mengen, die sie normalerweise einnimmt. Dann legt sie sich in den Wald, den sie seit ihrer Kindheit liebt.

(aus Wahnsinnsfrauen Dritter Band (Hg.) Sibylle Duda und Luise F.Pusch, Frankfurt 1999)

Wachrütteln in einer dauerwachen Welt

Jonathan Crary beschwört in den vier Essays seines 112 Seiten schmalen Buches eine 7- Tage-Woche im 24-Stunden-Takt, mit der nur der Schlaf kollidiert. Der Schlaf sei „eines der großen menschlichen Ärgernisse für die Gefräßigkeit des heutigen Kapitalismus“. Das Verblüffende ist, dass sich nichts Verwertbares aus ihm herausholen lässt: „Die meisten der scheinbar unhintergehbaren Notwendigkeiten menschlichen Lebens – Hunger, Durst, sexuelles Begehren und neuerdings auch das Bedürfnis nach Freundschaft – wurden in Waren- und Geldform verwandelt.“ Der Schlaf aber lasse sich nicht von einer „gewaltigen Profitmaschinerie“ einspannen.
Daher erproben Wissenschaftler im Auftrag der Forschungsbehörde des Pentagon Techniken zur Schlafüberwindung. unter anderem durch Neurotransmitter und Gentherapie Das körperliche Bedürfnis nach Schlaf soll so verringert werden. Der schlaflose Soldat könnte der Vorläufer des schlaflosen Arbeiters oder Verbrauchers werden. Durch Nachteinsätze von Drohnen wird andererseits in Afghanistan und andernorts der Rhythmus von Schlaf und Regeneration systematisch zerschlagen. Menschen leiden aber auch an Schlaflosigkeit, weil die Katastrophen unserer Zeit eine geruhsame Sorglosigkeit des Schlafes ausschließen. Heutzutage muss Schlaf oft gekauft werden. Im Jahr 2010 bekamen rund 50 Millionen AmerikanerInnen Präparate verschrieben, viele weitere Millionen kauften rezeptfreie Schlafmittel. Die Zahl der Menschen, die nachts ein- oder mehrmals aufstehen, um ihre Mails oder Daten zu checken, nimmt zu. Technische Geräte verharren in einem „Schlafmodus“, keines schaltet sich mehr komplett aus. In den letzten 150 Jahren gab es eine beständige „Revolutionierung von Produktion, Zirkulation, Kommunikation und Bildproduktion“. Für die meisten Menschen bestehe ihr Lebenswerk in der entwickelten Beziehung zu Apparaturen, betont der Autor. Schon mit der massenhaften Verbreitung des Fernsehens in den fünfziger Jahren wurden ganze Bevölkerungsmassen ruhig gestellt: „Die Menschen wurden örtlich fixiert, voneinander abgesondert und entpolitisiert.“ Mitte der 1980er Jahre begann die Vermarktung des Heimcomputers und Anfang der 1990er Jahre kündigte sich mit dem Internet der Beginn der Kontrollgesellschaft an. Die Formen beständiger Kontrolle würden sich neben den funktionierenden, sogar ausgeweiteten Disziplinarstrukturen entwickeln. Während in den 1950er Jahren eine zunehmende Okkupierung des Alltagslebens durch den Konsum, die Freizeitindustrie und das Spektakel zu beobachten war, kämpften die Rebellen der späten 60er für eine Befreiung des Alltags. Die „Konterrevolution“ setzte in den 1980er Jahren ein. Ein ganzes Spektrum von Hoffnungen, Ideen und Aktivitäten musste ausgelöscht und diskreditiert werden. Das „Aussteigen“ war für das System beunruhigender als viele zugeben wollten. Ein großer Teil der Randgruppen- oder Außenseiterkultur ließ sich vereinnahmen und verschwand. Das heutige ökonomische Verhaltensmanagement erzeuge willfährige Subjekte, so der Autor. Die Idee einer sozialistischen Kommune bleibe für das System unannehmbar. Crary schließt: „Es könnte sein, dass (…) die Vorstellung einer Zukunft ohne Kapitalismus in Gestalt von Träumen im Schlaf beginnt.“ Das wurde in der FAZ als „Traumkitsch“ bezeichnet – Crary aber will mit seinem Buch in einer dauerwachen Welt tatsächlich wachrütteln. Auch wenn manche Aspekte, historische Vergleiche und Personen (z.B. Foucault) in dem kleinen Buch nur kurz gestreift werden, so ist es doch spannend zu lesen.

Jonathan Crary, 24/7 Schlafos im Spätkapitalismus, Wagenbach Berlin 2014, 14,90 EUR
(veröffentlicht in der Contraste)

Tipp: 1964 oder Das marktkonforme Schweigen der Seele…

Sehr empfehlenswert das 34seitige Buch:„1964 oder Das marktkonforme Schweigen der Seele des männlichen Machtsubjektes“ von Kai Pohl. (Distillery 2015)
Hier ein Ausschnitt:

Man wurde als weltfremder Spinner bezeichnet, wenn man auf der These beharrte, daß man Geld nicht essen könne. Und es stimmte ja auch: ihre gesamte Existenz war an das Vorhandensein von Geld gekoppelt; sie glaubten nicht mehr an ein Leben nach dem Geld. Die Erinnerung an eine Landschaft ohne Motorengeräusche war ihnen abhanden gekommen, und dabei meinten sie immer noch, sie hätten die Sache im Griff. Natürlich brauchten sie für diese rücksichtslose Lebensart ein Mantra, mit dem sie sich reinwaschen konnten. Mit Aussagen wie „was kann ich schon tun“, „ich kann die Welt nicht ändern“, „diese Dinge liegen nicht in meiner Macht“ entledigten sie sich jeglicher Verantwortung für den Schlamassel. Der rassistische Mob und seine Verbündeten in den Führungsetagen klatschten Beifall, wenn die erneute Verfinsterung des Daseins als unvermeidlicher Punkt auf der Tagesordnung blinkte; sie klatschten auf, was ihnen fremd erschien; sie paßten sich jeder Grausamkeit in rasantem Tempo an, anstatt sich zu verweigern. Die grundsätzliche Freundlichkeit der Welt, durch menschliches Handeln entstellt, taumelte der endgültigen Zerstörung entgegen (…) Das aufklärerische Bewußtsein, das aufgebrochen war, fand sich wieder an seinem Ausgangspunkt (…) Der grenzdebile Mob und seine großen Führer vergnügen sich in der summenden Vielfalt einer Welt, die sie zwar gemeinsam zustande gebracht hatten, aber nicht einmal im Ansatz begreifen konnten- oder wollten; belästige die glücklichen Untertanen und ihre fröhlich regierenden Idioten nicht mit der Tatsache, dass sie allesamt tief in der Scheiße sitzen. Sie werden sagen: „Du wirkst uncool, irgendwie verspannt“, während sie sich massieren lassen. Sie werden sagen: „Nun halt aber mal die Luft an“, während sie atmen. Sie werden sagen: „Steine sind keine Argumente“, während sie ihre Knarre laden. Ungleichheit sei genetisch bedingt. Ich solle mein Leben für ihr Recht aufs Spiel setzen. Sie werden sagen: „Wir sind die Verteidiger der Zivilisation. Du bist geisteskrank, wenn du das nicht kapierst.“ „Du bist ja des Teufels“, werden sie sagen, „mitsamt deinem Gefolge von Verdammten und Ungetauften“.

Kritisiere niemals deine Mitmenschen für ihre Geschäftigkeit. Sobald sie diese in Frage gestellt wähnen, reagieren sie mit Unmut bis Wut. Sie schimpfen nicht auf den Zwang, der sie peinigt, denn sie haben gelernt zu verachten, was ihnen gut täte. Ausgeschlafensein gilt als erstrebenswert, aber wehe dem, der sich als Tagträumer zu erkennen gibt. Wer tagsüber schlummert, anstatt zu ackern, wird als Penner verachtet. Nicht gegen die Ursachen der eigenen Müdigkeit ziehen sie ins Feld- sie fallen über den Müßigganger her, der sich gegen die Mühle der Lohnarbeit stemmt. Wofür man am meisten beneidet wird, dafür wird man auch am meisten gehaßt.

„Und was machst du?“ ist so etwas wie eine Kulmination des Zeitgeistes (…) der harmlose Fragesatz ist in Wahrheit ein Ersuchen um Auskunft, wie man zu seinen Brötchen kommt.
Über Arbeit spricht man nicht, Arbeit hat man.
Wenn es wirklich darum ginge, etwas zu machen, hätte man doch gar keine Zeit zum Arbeiten!

Wenn sich die Menschen nicht erheben, erhebt sich am Ende das Meer, das Gras sprengt die Straßen, Mauern fallen im Wind, die dekorative Rhetorik der Herrscher wird ihnen als brennender Stahl auf die Füße fallen.

Eindrücke vom Kongreß Armut und Gesundheit 2016 Teil I

Am 17. und 18. März 2016 fand an der TU Berlin der Kongress Armut und Gesundheit statt, der im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Bestehen beging.

Vorstellung des Gesundheitsberichtes: Daten für Taten, hieß es. Daten statt Taten wäre besser.

MitarbeiterInnen des Robert- Koch- Institutes referierten über den Gesundheitsbericht, der alle 8-10 Jahre herausgegeben wird. Der Bericht „Gesundheit in Deutschland“ umfaßt 500 Seiten. Man kann ihn aus dem Netz herunterladen:
http://www.gbe-bund.de
http://www.rki.de/gesundheitsbericht
Über 14,5 Prozent aller Beschäftigten sind in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt.
Die soziale Herkunft beeinflusse die Gesundheit und das Verhalten.
Seit den 1990er Jahren gab es einen deutlichen Anstieg in der Armutsentwicklung. Jeder siebte Haushalt ist von Armut betroffen. Die regionalen Unterschiede sind sehr groß. Die höchsten Armutsquoten sind in Mecklenburg- Vorpommern und in Sachsen- Anhalt, die niedrigsten in Baden- Württemberg, Bayern und Hessen. Folgende Städte sind besonders von Armut betroffen: Duisburg 24,8%, Dortmund 23,5%, Leipzig 24,1%, Berlin 20%.
Bei folgenden Gruppen sind die Armutsquoten hoch: Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Arbeitslose, Alleinerziehende, Menschen mit Migrationshintergrund, bei arabischer Herkunft liegt die Quote bei 40%.
Menschen mit niedrigem Einkommen haben eine geringere Lebenserwartung, bei Männern zehn Jahre weniger, bei Frauen acht. Das würde an einer geringeren Bildung, geringerer sozialer Integration und höheren Arbeitsbelastungen liegen. Doppelt so oft erleiden Menschen mit einem niedrigen Sozialstatus einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Unterschiede gebe es auch bei Diabetes. Fast 50% der Frauen aus der Unterschicht seien adipös, also fettleibig.
Ein erhöhtes Krankheitsrisiko bei niedrigem Sozialstatus gebe es bei fast allen Krankheiten. Herzinfarkt, Diabetes, Depressivität etc. Ausnahmen seien Allergien und Brustkrebs, die bei hohen Statusgruppen öfter auftreten.
Insgesamt gebe es keine Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit.

In der Diskussion gab es dann im Publikum u.a. folgende Äußerungen:
„Wir wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit gibt und es passiert nichts.“ „Wir haben die Erkenntnisse, aber es muß umgesetzt werden.“
„Die letzten 15 Jahre ist ein hartes neoliberales Programm gefahren worden.“ Akteure aus der Wirtschaft und der Arbeitsmarktpolitik seien für die soziale Ungleichheit verantwortlich.
„Wir haben alle ähnliche Wirtschaftssysteme mit gleichem Zeitgeist, wenn man etwas ändern will, muß man auf europäischer Ebene was machen.“
Anwort vom Podium:
„Wo richten wir unsere Lampe hin, die Anzahl der Publikationen, die sich mit sozialer Ungleichheit befasst, ist hoch. Wir tun viel.“
„Letzter Schritt zur Handlung zu kommen, liegt nicht bei uns, der liegt bei der Politik.“
Als es dann zum Thema Gesundheit in Europa kam, wurde es sehr technokratisch, auch die Fragen aus dem Publikum waren meistens fachspezifisch, es ging um die Forschungsmethoden…

Aus für die Unabhängige Patientenberatung

Auf dem Kongress wurde gefragt: „Was haben wir in den letzten Jahrzehnten erarbeitet? Welche Konsequenzen ziehen wir daraus?“ Die Unabhängigkeit war groß geschrieben, die zivilgesellschaftliche Verankerung der UDP. Sie war durch und durch gemeinnützig, den Patienten verpflichtet, keine Geschäfte, Abstand zum System und sachlich.

Am 28.12.2015 verkündeten die Tagesthemen den Schlußpunkt der parteilichen Patientenberatung.
Die UPD war in Trägerschaft von Sozialverband VdK, Verbraucherzentrale Bundesverband und Verbund unabhängige Patientenberatung VuP.
Der GKV-Spitzenverband und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung haben sich in einem umstrittenen Verfahren für die Sanvartis GmbH als neuen Anbieter entschieden, was fast keine öffentliche Zustimmung fand. Ein Bericht der ARD-Tagesthemen vom 28.12.15 über den Wechsel der UPD zu Sanvartis stützt die Vermutung, dass die bisherige UPD mit ihren gemeinnützigen unabhängigen Trägern und Gesellschaftern den Krankenkassen zu kritisch geworden und die neue Sanvartis-UPD mit ihren bisherigen Kassen-Dienstleistungen eher kassenkonform sei.
Auf der Website: http://www.fuer-unabhaengige-patientenberatung.de/
sind weitere Informationen zu finden.

Gesellschaft der Angst

Die Exklusionsdrohung hört nie auf!

Der Soziologe Heinz Bude beschreibt in den elf Kapiteln seines gleichnamigen Buchs eine „Gesellschaft der Angst“. Die Phänomenologie der Ängste, so der Autor, veranschaulicht ein wesentliches Merkmal der modernen Gesellschaft. Roosevelt griff nach den Jahren der „Großen Depression“ das Thema der Angst auf. Die Aufgabe staatlicher Politik bestand seiner Auffassung nach darin, den Bürgern die Angst zu nehmen – durch die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates. Es ging um die „Bekämpfung der Angst davor, ausrangiert, entrechtet und diskriminiert zu werden“. Im Wohlfahrtsstaat konnte man durch Bildung, Anstrengung und Leistungsvermögen seinen Platz in der Gesellschaft finden, so Bude. Heute könne man alles falsch machen. Die Angst komme daher, „dass alles offen, aber nichts ohne Bedeutung ist. Man glaubt, in jedem Moment mit seinem ganzen Leben zur Disposition zu stehen.“ Überall finde ein „Auslesewettbewerb“ statt, die „Exklusionsdrohung“ höre nie auf.
Bude analysiert die verschiedenen Angsttypen in den jeweiligen Milieus. Die Angst der Gewinner bestehe im Kontrollverlust über das Feld der Konkurrenz. „Es sind jeweils kleine Differenzen in der Darstellung, die große Unterschiede im Ansehen und in der Bezahlung oder im Gewinn machen(…) Unter Performanzdruck gerät die Bestenauslese, wenn viele um die wenigen Spitzenplätze konkurrieren.“ Bildungszertifikate, Habitussicherheit oder Loyalitätsbekundung reichen nicht aus. Man muss ein „Extra“ bieten. Die gesellschaftliche Mitte dagegen befällt eine Statuspanik, da in ihrem Milieu Spaltungstendenzen sichtbar werden. Die Angst der Mitte zeigt sich am deutlichsten bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Bildung. Den Geringverdienern dagegen schreiben sich Druck und Angst in die Körper ein. Sie befinden sich oftmals am Rand der Erschöpfung.
Bude spricht von einem „brüchigen Ich“. Die meisten Menschen stünden durch die „Pflicht zur Selbstwerdung“ unter „Optimierungsdruck“. „Der Optimierungswahn verdeckt nur die Existenznot“, so Bude. „Angst erschöpft (…) Man fühlt sich gehetzt, getrieben und angegriffen. Alles wirkt stumpf, matt und reizlos.“ Bude spricht von einer Angst vor der Niemandsherrschaft, bei der alle mitmachen. „Es ist die Angst, dass niemand diesen Prozess beherrscht, weil alle daran beteiligt sind und alle sich jeweils etwas Eigenes davon versprechen“.
Angst führe laut Bude zur „Tyrannei der Mehrheit, weil alle mit den Wölfen heulen, sie ermöglicht das Spiel mit der schweigenden Masse, weil niemand seine Stimme erhebt (…).“
Wenn Heinz Bude von der Wende vom „Korsett des Dürfens zur Mobilisierung des Könnens“ spricht, und davon, dass die ’negativen‘ Konzepte von Unterdrückung und Verbot durch die ‚positiven‘ von Öffnung und Entwicklung ersetzt werden“, so vergisst er den autoritären, unterdrückenden staatlichen Umgang mit der Armutsbevölkerung. Diese Leerstelle findet ihre Bestätigung in anderen Publikationen Budes, in denen er sich abwertend über die nicht erwerbsarbeitende „Unterschicht“ äußert.

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst, preiswerte Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung 2015, 167 Seiten

In der Contraste 6/2015 veröffentlicht

Wahnsinnsfrauen: Elfriede Lohse-Wächtler

Elfriede Lohse- Wächtler (1899-1940)

„Die vom Sozialdarwinismus vorbereitete Euthanasie- Ideologie mündete in Deutschland nach der Machtergreifung Hitlers 1933 in die ‚Vernichtung unwerten Lebens‘, wie die Verantwortlichen dieser Aktion es nannten, denn es wurden nicht nur ‚Geisteskranke‘ ermordet, sondern auch jene, die keinen ‚Nutzen‘ versprachen. Die Vernichtung Hunderttausender Insassen von Heil- und Pflegeanstalten war sozusagen eine Vorübung- es wurden Tötungsarten erprobt- für die spätere Ermordung von Millionen KZ-Insassen.Höhepunkt der Massenvernichtung von sogenanntem ‚lebensunwerten Leben‘ war die ‚Aktion T4‘. (…)Die Diagnose Schizophrenie oder ein Mindestaufenthalt von fünf Jahren in einer Anstalt waren ein sicheres Todesurteil (…) In Deutschland gab es sechs Heilanstalten, die zu Vergasungsanstalten umgebaut worden waren. Dorthin fuhren die Busse, die Menschen mußten aussteigen, ihre Identität wurde anhand der Meldebögen festgestellt, dann mußten sie sich entkleiden, in einen als Baderaum getarnten Vergasungsraum gehen, wo sie einen qualvollen Tod starben. Die Toten wurden verbrannt, den Angehörigen wurden Totenscheine mit fiktiven Todesursachen zugesandt.
Die Malerin Elfriede Lohse- Wächtler ist eine von diesen Toten.“ (S.140)
In ihren Bildern spiegeln sich „die schmerzvollen Erfahrungen ihres eigenen Lebens ebenso wie die sozialen Umbrüche gegen Ende der Weimarer Republik wider“. Sie malte die hektische Großstadt und die dort lebenden meistens unterprivilegierten Bevölkerungsschichten. Im Vordergrund steht stets die psychische Befindlichkeit. Sie hat auch Mitpatientinnen porträtiert.
Sie wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf, ihr Vater war kaufmännischer Angestellter und entdeckte die außergewöhnliche Begabung der Tochter schon im 2. Lebensjahr. Das Kind war immer beschäftigt, richtete sich eine atelierartige Werkstatt ein. Der Vater wollte sie in bürgerliche Bahnen lenken, zunächst studiert sie „Mode und weibliche Handarbeiten“, aber dann doch „Angewandte Graphik“. Die Auseinandersetzungen besonders mit dem Vater werden so unerträglich, dass die Siebzehnjährige sich in der Dresdner Innenstadt ein (halbes) Zimmer mietet. Den Lebensunterhalt verdient sie mit Batikarbeiten. Wenn ihr Vater abwesend war, machte sie diese Sachen im Elternhaus. Das hieß für die Mutter Umsturz und Chaos in der Wohnung.
Vom Erscheinungsbild her dokumentiert sie ihre Zugehörigkeit zur Dresdner Künstlerboheme. Sie entspricht nicht dem traditionellen Frauenbild, sie ist anstössig z.B. in ihrer Unabhängigkeit. Im Sommer 1918 zog sie in ein Atelierzimmer, das zum Treffpunkt der Dresdner Künstler wurde.

„Der Malerfreund Otto Dix brachte eines Tages einen Freund mit. Es war der Sänger und spätere Maler Kurt Lohse.“ (S.147) Er zog zu ihr ins Atelier. Er war unzuverlässig, berechnend und träge. Sie arbeitete ständig, er tat eigentlich nichts oder nur sehr wenig. Weder seine Liederlichkeit noch seine oft zur Schau getragene Gleichgültigkeit konnte ihre Liebe zu ihm erschüttern. Sie zogen schließlich in die Sächsische Schweiz, wo sie exzellente Arbeitsmöglichkeiten hatte. Lohse gab leichtfertig das wenig vorhandene Geld aus und machte Schulden. „Alle Anstrengungen Elfriedes, die Schulden zu tilgen, schlugen wegen Lohses Unzuverlässigkeit immer wieder fehl.“ (s.149) Eines Tages wurde das Häuschen vom Gerichtsvollzieher versiegelt. Er bekam eine Stelle in einem Theaterchor. Beide zogen nach Görlitz. 1923 trennte sich das Paar und sie zog in ein Atelier der Dresdner Kunstakademie. Er zog nach Hamburg und erkrankte schließlich. 1925 zog sie ihm nach, um ihn zu pflegen. Sie trennten sich erneut im Herbst 1926, weil er ein Verhältnis mit einer anderen Frau eingegangen war.
„Aus der Beziehung zwischen Lohse und seiner Geliebten Elsa Haun gingen in kurzer Zeit mehrere Kinder hervor. Elfriede Lohse- Wächtler, die sich sehnlich ein Kind wünschte, während ihrer Ehe mehrfach Abtreibungen hatte vornehmen lassen und einen Abort erlebt hatte, war zutiefst getroffen. Im Oktober 1927 geriet sie in eine schwere Krise, so daß Baader erwog, sie zu sich zu nehmen. Das Zerwürfnis über die Untreue entwickelte sich zu einem irreparablen Bruch, der das Leben der Künstlerin negativ veränderte“ !!!! (S. 152)
Sie blieb trotz der persönlichen Probleme und der Armut in Hamburg. Im Januar 1929 machten sich erste Anzeichen einer psychischen Störung bemerkbar. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, fühlte sich verfolgt und kam ins Krankenhaus. Schon drei Tage nach der Einweisung begann sie zu zeichnen. Zwei Monaten blieb sie in der Klinik. 1929-31 ist ihre intensivste Schaffensphase, trotz Verkäufen bleibt die Armut der Künstlerin bestehen.
„Die Mittellosigkeit zwang sie zur Unstetigkeit, sie übernachtete häufig in Bahnhofswartehallen. Ihr künstlerisches Interesse an den Schattenseiten des Lebens, an den Menschen, die außerhalb der Gesellschaft standen, ließ sie, selbst schon Außenseiterin, im Nachtleben Zuflucht suchen. (…) Ihr Interesse galt dem Leben der Prostituierten.“ (S. 158)
Da sich die materielle und psychische Situation zunehmend verschlechterte, zog sie wieder zurück zu den Eltern.
„Als sie wegen einer schweren, in den Quellen nicht näher spezifizierten Fußverletzung vom 26. März bis zum 17. Juni 1932 im Dresdner Stadtkrankenhaus stationär behandelt wurde, gelang es dem Vater, sie anschließend in die Landes- Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf bei Dresden einweisen zu lassen.“ (S.159)
Ihr labiler psychischer Zustand wurde als „Schizophrenie“ bezeichnet. „Sie war nun psychiatrisch etikettiert und stigmatisiert. Aber weder ihre „Anfallsbilder“ noch ihre Briefe sind als Produkte einer schweren psychischen Störung zu deuten. Sie lehnt sich gegen den Aufenthalt auf. Die ersten drei Jahre in der Psychiatrie war sie vielseitig künstlerisch tätig. Am 10. Mai 1935 wurde auf Antrag von Lohse die Ehe wegen „unheilbarer Geisteskrankheit“ seiner Frau geschieden. Er führte als Argument ihre Malerei als Indiz erblicher Geisteskrankheit an. Am 20. Dezember 1935 wurde sie zwangssterilisiert. Jetzt schien ihre Schaffenskraft weitergehend zu erlöschen. In der Psychiatrie wurde für sie der Hunger alltäglich. Am 31. Juli 1940 wurde sie in Pirna- Sonnenstein ermordet.
Die letzte Zeile an die Mutter war: „Ängstige Dich nur nicht immer so sehr, es wird schon alles wieder gut werden.“ (S.165)
aus: Wahnsinnsfrauen Dritter Band (Hg.) Sibylle Duda und Luise F.Pusch, Frankfurt 1999

Großartig!

Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache am 31.12.2015: „Am 3. Oktober haben wir den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands gefeiert. Ist es nicht großartig, wo wir heute, 25 Jahre später, stehen? (…) Wir haben die niedrigste Arbeitslosigkeit und die höchste Erwerbstätigkeit des geeinten Deutschlands.“

Zwar sind heute mehr Menschen erwerbstätig, aber das gesellschaftliche Arbeitsvolumen ist um rund zwei Milliarden Stunden gesunken. Die (sozialversicherte) Beschäftigung blieb weit hinter dem Zuwachs der Erwerbstätigkeit zurück. „Die Teilzeitjobs haben sich mehr als verdoppelt, während etwa drei Mio. Vollzeitjobs in diesem Zeitraum (in den letzten 20 Jahren) per Saldo verloren gingen(…) Die Beschäftigungszunahme im ersten Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende lag weitgehend im Bereich von sozialversicherungspflichtiger Teilzeit, von Minijobs und auch Leiharbeitsverhältnissen.“
„Der Anstieg der Erwerbstätigkeit in den letzten 20 Jahren geht zu mehr als 80% auf den Anstieg atypischer Beschäftigung zurück.“ Atypisch Beschäftigte sind Leiharbeiter, geringfügig Beschäftigte, befristet Beschäftigte und Teilzeitkräfte mit bis zu 20 Wochenstunden.
Wir haben es mit einer Ausweitung des Niedriglohnsektors zu tun:
„Der Anteil der zu Niedriglöhnen Beschäftigten ist in der Unterschicht zwischen 1995 und 2013 von rund 44 auf 68% deutlich gestiegen. Auch in der unteren Mittelschicht ist das Niedriglohnrisiko von gut 35 auf knapp 46% deutlich angestiegen.“
Die Zahl der Armen und Reichen wächst- die Mitte schrumpft.
„Enorm ist vor allem der Anstieg bei Prekären und Armen, deren Anteil von 30,3% in 2000 auf 37,3% in 2011 gewachsen ist.“ Einmal arm, immer arm. Die Einkommensschichtung verfestigt sich. Es sinken die Chancen auf sozialen Aufstieg.
Auch für die untere Mitte haben sich die Aufstiegsrisiken verringert, die Abstiegsrisiken zugenommen. Der Kern der arbeitenden Mitte ist bedroht. „Diese Erosion der gesellschaftlichen Mitte ist der Hintergrund für eine wachsende Affinität zum Rechtspopulismus- nicht nur in der Berliner Republik, sondern europaweit.“ (Die Zitate sind aus Sozialismus 2/16)