Schamland

Stefan Selke wollte mit seinem Buch „Armen eine Stimme geben“, denn oftmals fehle die Perspektive der Betroffenen. Seit 2006 beschäftigt sich Stefan Selke mit der Frage, wie Armut im Reichtum möglich ist. „Armut im Reichtum ist ein Skandal.“, so Selke. Er hospitierte ein Jahr in einer Lebensmittelausgabe, erkundete die Innenperspektive dieser boomenden Hilfsorganisation und wurde nach und nach kritischer Beobachter dieses Systems sowie Tafelexperte.
Die Zivilgesellschaft müsse Versäumnisse des Sozialstaates kompensieren. Soziale Verantwortung werde an Freiwillige ausgelagert und die „Symptombehandlung von Armutsphänomen an Agenturen wie Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern“ delegiert.
Armut sei kein Naturereignis, sondern politisch erzeugt und ökonomisch nützlich. Im Durchschnitt beträgt die Armutsquote in Deutschland rund 15 Prozent, das sind ca.12 Millionen Bürger. „Armut bedeutet, das eigene Leben als Rechenexempel zu erfahren, die eigenen Bedürfnisse in Zahlenkolonnen zu zerlegen.“Aber Zahlen erfassen nur die Hälfte der Realität. Schwer zu berechnen sind etwa die Einschränkungen der Freiheit, die Armut mit sich bringe.
Scham sei das Grundgefühl der Armut. Nur wenige Untersuchungen thematisieren die Gefühlswelt von Armen. Selke beschreibt die Anpassungsscham. Die Person glaubt, den herrschenden gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu entsprechen. Sie spüren den Riss zwischen ihrem Leben und der gesellschaftlichen Norm. Das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können, löst Scham aus. Diese münde in Selbstabwertung und ruiniere das Selbstbewußtsein. Mit Scham ließen sich Menschen disziplinieren und ruhig stellen. Die Betroffenen versuchen sich konform zu verhalten, um ja nicht aufzufallen. So werde der Wille zum Protest unterdrückt. Vertreter des aktivierenden Sozialstaates haben ein Interesse daran, Schamgefühle nutzbar zu machen.
Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem Recht auf Existenzsicherung im Sozialstaat und den Tafeln, die eine willkürliche Hilfe ist, die vom Willen der Spender abhängt. Es ändern sich die Grundlagen der Kultur. Die Tafeln sollen eine Zusatzversorgung sein, aber immer häufiger muß der Grundbedarf durch Hilfsagenturen (Tafeln, Kleiderkammern, Suppenküchen) gedeckt werden. Die Grundversorgung wird immer mehr an die Zivilgesellschaft delegiert.
Warum gehen Menschen zu Tafeln? Wenn sich die Armut verfestigt, treten „Bedarfslücken“ auf, es darf nichts kaputt gehen, nichts Unvorhergesehenes passieren. Menschen suchen in solchen Situationen nach Ersatzlösungen. „Armutsökonomien bündeln Angebote, die der Existenzsicherung oder Existenzunterstützung dienen.“ Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser, Möbelshops, Mahlzeit- Patenschaften, Versper-Kirchen, Kulturlogen- um einige zu nennen.
„Angebote der Armutsökonomie münden in eine Parallelwirtschaft, weil sie Armut lediglich lindern, anstatt die Ursachen von Armut zu bekämpfen.(…) Die eigentlichen Ursachen für prekäre Lebensverhältnisse ändern sich nicht einfach dadurch, dass einige der dringendsten Bedarfslücken (Lebensmittel, Möbel, Kleider, Kinokarten) kurzfristig gedeckt werden. (…) Die Armen sind aber willkommene Konsumenten der neuen Armutsökonomie. Denn selbst mit ihnen lässt sich noch Profit machen.“
Stefan Selke hat mit vielen Tafelnutzern gesprochen. Er hat eine sonderbare Distanz zum eigenen Leben bei Tafelnutzern bemerkt, und dass sich viele rechtfertigen für ihre Armut. „So als müssten alle zeigen, dass sie die Hilfe verdient haben, ihrer `würdig` sind. So als müssten sich alle, die zur Tafel gehen, bei der Allgemeinheit entschuldigen.“ Tafeln seien ein Symbol des sozialen Abstiegs. „Tafeln machen uns krank.(…) Es geht um gebrochenen Stolz und um Abhängigkeiten. Um gefühlten Druck und zerschlissene Nerven.“ Viele haben sich „innerlich gebrochen in einer Parallelwelt eingerichtet“ und lassen sich bei den Tafeln einfach abfüttern. „Das ist wie eine Familie, man kennt sich.“
Die Tafelnutzer spüren die Abhängigkeiten. So „als hätten wir ein Schild um den Hals hängen: Füttern bitte! Beim Gang zur Tafel geht uns der aufrechte Gang verloren.“ Die Tafelwelt bestehe aus der Bedürftigkeitsprüfung, immer schön Bitte und Danke sagen, und aus Warten, alle kämpfen um die besten Nummern, denn die Versorgungslage ist schwankend. „Zunächst gewöhnen wir uns daran, anzustehen. Wir gewöhnen uns auch an Bedürftigkeitsprüfungen, die Vorlage von Dokumenten, die Fristen und Karten (…) Wir kommen also in so einen Gewohnheitstrott.(…) Dieser Trott verändert unsere Persönlichkeit.“Politisch sind sie damit entledigt, entsorgt. Letztlich nur noch Nummern, die aufgerufen werden.
Das Kapitel „Chor der Tafelnutzer“ ist etwas gewöhnungsbedürftig. Selke spricht in einem „Wir“ im Namen von Tafelnutzern. Viele hätten eine gute Zeit hinter sich und seien unverschuldet in die Armut gerutscht. Weil sie nicht belastbar und gesund genug sind, weil sie zu alt sind und damit nicht mehr formbar genug. „Die Spirale geht immer weiter nach unten.(…) In den Blicken der anderen sehen wir oft den Vorwurf einer Schuld, gegen die wir uns ständig wehren müssen. Nein, wir haben unsere Situation nicht verschuldet.“ Und: „Wir sind die, die immer alles gemacht haben, so wie es die Gesellschaft wollte: Kinder, Familie, Arbeit.“ Ein Nein der Verweigerung ist auch bei Selke nicht vorgesehen.Und was ist mit jenen, die sich gegen diese Normalbiographie gewehrt haben und dafür die Quittung präsentiert bekommen. Müssen die sich rechtfertigen?
Insgesamt aber eine empfehlenswerte Lektüre!

Stefan Selke, Schamland, Die Armut mitten unter uns, Ullstein Berlin 2015, 288 Seiten, 9,99 Euro

Tipp:

Alternativ zur Armutsindustrie der Tafeln gibt es in den Kiezen Lebensmittelretter.
Fair-Teiler sind ein sozialer Treffpunkt im Kiez und ermöglichen „Bedürftigen“, ohne Stigmatisierung und Diskriminierung Essen zu beziehen – wie allen anderen auch!
Die Berliner Lebensmittelämter möchten strengere Auflagen durchsetzen, welche zur Schließung vieler Berliner Fair-Teiler zwingen.
Protestiere dagegen, indem Du eine Petition unterschreibst und verbreitest!: https://foodsharing.de/

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