Die Stigmatisierung sozial Benachteiligter in der DDR und BRD bis heute TEIL4

Sprache: Eine private und eine öffentliche Sprache in der DDR

Die Partei SED hatte die Sprache in der DDR in ein „Neusprech“ verwandelt, d.h. in vorgestanzte Redewendungen und in Superlative von Wörtern, die sich nicht steigern ließen. Die Menschen lösten das Problem, in dem sie zwischen einer öffentlichen und privaten Sprache unterschieden. In den Medien und der Öffentlichkeit hörten sie das Phrasengewäsch. Zu Hause und unter Freunden aber sprachen sie die Probleme im Alltag an. Auch der politische Witz und Gerüchte blühten in der DDR. Schon als Kind lernte man, was überlebenswichtig war: Was durfte man nie öffentlich äußern, was durfte man wem sagen und was durfte man wo sagen? Was mußte man von sich geben?
Andre I.Port hat die „rätselhafte Stabilität der DDR“ in Saalfeld von 1945-71 untersucht. Neben der Flucht und der Apathie war „Voice“- der Akt des Sich- Beschwerens oder Protestierens eine weitere Alternative. Die DDR sei eine „Mecker-Gesellschaft“ gewesen. „Egal welches Alter oder Geschlecht, welchen Beruf und soziale Stellung und welche politische Verbindung man hatte, viele der in Saalfeld Lebenden und Arbeitenden beschwerten sich offen und regelmäßig über eine ganze Reihe von Angelegenheiten- wobei das Meckern sich meistens auf vorgeblich ökonomische Zustände bezog: niedrige Prämien und hohe Normen, harte Arbeitsbedingungen und lange Arbeitszeiten, schlechte Planung und die um sich greifende Bürokratie, Materialmangel und nicht verfügbare Konsumgüter, hohe Preise und Misswirtschaft, unzureichende Sozialleistungen und die Wohnungsnot. Kurz gesagt: Diejenigen, die blieben, machten den Mund auf.“ (Port, S. 149f.) Bei politischen Themen waren die Menschen allerdings vorsichtig, die meisten waren sich der Grenzen des Erlaubten bewußt. So beklagte sich ein Parteisekretär, „dass die Leute ihm nicht sagten, ‚was sie wirklich denken‘, wenn es um wichtige politische Entwicklungen ging“. (Port, S. 150f.) Das Schweigen zu politischen Themen hatte vor allem in der Niederschlagung des Aufstandes 1953 und dem Aufbau des Staatssicherheitsapparates seinen Grund. Ein verzweifelter Funktionär schrieb: „Wir wollen keine Schreibmaschinen-Diskussion (…), sondern eine offene.“ (Port, S.150f.) In öffentlichen Versammlungen beschränkte sich die meiste Kritik auf wirtschaftliche Beschwerden, in den Kneipen oder am Fließband waren viele offenbar weit weniger vorsichtig. „Vieles von diesem Meckern wurde von aufmerksamen Ohren abgefangen, pflichtgetreu an die Machthaber weitergeleitet und landete dann in den offiziellen Berichten und Analysen(…)“ (Port, S.151) Die Machthaber in Saalfeld hatten so eine ungefähre Vorstellung von der in der Bevölkerung herrschenden Stimmung. Protestformen waren auch: „demonstratives Hüsteln oder Gemurmel während politischer Reden, das Abdrehen von Lautsprechern, die für die Verbreitung von Propaganda benutzt wurden, oder das Erzählen politischer Witze und Gerüchte.“ (Port, S. 158) Man weigerte, Beifallsbekundungen zu unterschreiben, Partei- und Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen oder blieb Parteiversammlungen fern, weil sie langweilig und trocken waren. Ein Rentner, der 40 Jahre lang der Kommunistischen Partei angehört hatte, drohte so 1964 die Partei zu verlassen: „Er will nichts mehr damit zu tun haben, er will seine Freiheit und mit Sozialfaschisten nichts mehr zu tun haben. Vor allem mit solchen Genossen nicht, die früher Heil Hitler geschrien hätten. Es wäre an der Zeit, endlich wieder eine Kommunistische Partei zu gründen. Von ihm aus soll man ihm ruhig die zusätzliche Altersversorgung wegnehmen, er bleibe Kommunist.“ (Port, S.161)

Internet, soziale Netzwerke und Open Source

Jede/r kann heute die Meinung sagen, allerdings nicht im Jobcenter und gegenüber dem Chef auf Arbeit. Das kann gefährlich werden, Sanktion oder Kündigung, also wird auch im Jobcenter und auf Arbeit oftmals mit unterschiedlicher Sprache hantiert. Viele käuen allerdings im Kapitalismus nur nach, was sie in den Mainstreammedien und der Öffentlichkeit gehört haben. Die Informationsflut ist enorm, viele Radio- und Fernsehsender, eine enorme Buch- und Zeitschriftenproduktion, Massen an Informationsveranstaltungen und Lesungen, und dann noch das Internet. Eine starke linke Gegenöffentlichkeit gibt es nicht, weder im Fernsehen, Radio noch in den Zeitschriften. Allerdings gibt es das Internet mit einer sagenhaften Informationsflut. Und es gibt soziale Netzwerke, die bedeutsam für Proteste in aller Welt sind. Hier gibt es eine Gegenöffentlichkeit, die die NSA, google, yahoo, facebook etc. versuchen zu überwachen, indem sie Massen an Daten sammeln. Aber es gibt auch nichtkommerzielle Beispiele wie Linux und Firefox, die freie Enzyklopädie Wikipedia und andere Projekte, die lizenzfreie Texte, Musik oder Filme produzieren. Diese beruhen auf Peer-Produktion, die auf dem Bedürfnisprinzip basiert. Es geht nicht darum, das Produkt möglichst gut zu verkaufen. Die nichtkommerziellen Projekte tragen auch zu einer linken Gegenöffentlichkeit im Netz bei. Das Internet gab es zu DDR-Zeiten noch nicht.

Der Westen im Osten

Aber da war in der DDR noch das Westfernsehen, die DM und der Intershop mit Westwaren. Wie erregten sich doch die Gemüter, als im November 1989 DDR-Journalisten ins Bonzen-Viertel Wandlitz fuhren und vor dem „schwelgerischen Luxus“ eines Gemüsestandes mit frischen Tomaten und richtiger Ananas verharrten. Der kleinbürgerliche Konsumneid brach sich die Bahn. Diese Wut hatte sich seit langem angestaut. Nichts hatte die Menschen mehr abgeschreckt, als die Propaganda der SED-Führung. Trotz oder gerade wegen der allgegenwärtigen marxistisch- leninistischen Phraseologie, auch „Rotlichtbestrahlung“ genannt, die ständig vor dem Klassenfeind warnte und immer wieder abfiel, schaute die große Mehrheit der DDR- BürgerInnen Westfernsehen. Das prägte ihre Mentalität und ist nicht zu unterschätzen. Sie verehrten die gleichen Pop- und Sportidole wie die Westdeutschen, sie trällerten die gleichen Melodien, verwendeten die gleiche Sprache, außer paar Ausnahmen wie „Broiler“. Am Tag gingen die Bürger ihrer sozialistischen Arbeitspflicht nach, aber am Abend reisten sie kollektiv in den Westen aus. Dann lebten sie nicht mehr in der DDR. Nichts war dehalb wichtiger, als die DM (ab 1974 war der Besitz erlaubt) oder Geschenke von Westverwandten zu ergattern. Allein der Duft in den Intershops war anders, als in den DDR- Konsumläden. Es roch „überwältigend nach süßlich-parfümierten Reinigungsmitteln, Waschpulver und Seifen, untermischt mit dem herben Duft von frischgerösteten Kaffee und dem aufregenden Geruch der nagelneuen Hochglanz-Werbe-Broschüren und Verpackungen.“, wie es Stefan Wolle so schön beschreibt. Man muß den DDR-Mief kennen, um das zu begreifen. Allein die lieblose, oftmals ideologisch aufgeladene Dekoration der DDR-Läden war ein Lacher für sich. Der stumme Vorwurf der Ossis gegenüber der Staatsführung war immer, dass die DDR im Leistungsvergleich mit der BRD hoffnungslos unterlegen war. Den Heißhunger der Ossis nach Westwaren habe ich Ende 1989/1990 erlebt, als diese in Berlin- Kreuzberg einfielen. Damals bin ich vor Scham in den Boden versunken und konnte keinem Wessi sagen, dass ich aus dem Osten komme. Der Nationalismus tat ein übriges. Das Spießige und Miefige der DDR-Zeit kroch heraus und dabei fühlten sich die Ossis noch als Freiheitskämpfer, obwohl die Staatsführung freiwillig abdankte. Sie stilisierten sich selbst zu Helden, obwohl sie zuvor angepaßte kleine Mäuse gewesen waren.
Ich kann mich nicht erinnern, dass die Menschen, die 2004 bei den Hartz IV- Protesten massenhaft auf die Straße gingen, im Osten oftmals die Gleichen, sich als Freiheitskämpfer fühlten, denn da dankte niemand freiwillig ab, geschweige denn, dass Hartz IV verhindert werden konnte. 2005 wurde ihnen mit Sanktionen und medialer Hetze gedankt. 1989/90 wurde es ihnen mit Beate Uhse, Bananen und Aldi gedankt. Ihnen wurden „blühende Landschaften“ versprochen. Als sie dann aber arbeitslos wurden und die Volkswirtschaft der DDR abgeräumt wurde, stürzten sie sich auf die „Ausländer“. „Als Mob auf der Straße haben sie sich bereits qualifiziert.“, schreibt Klaus Bittermann 1995.

Ja und den Westen, u.a. die Massen an Autohäusern, Tankstellen, Bau- und Mediamärkten haben sie jetzt!!! Falls die Ossis noch das Geld besitzen, um zu konsumieren, was sie in der Westwerbung sehen. Ich hoffte, sie hätten in den letzten 25 Jahren dazugelernt….Allerdings können Antifas andere Geschichten erzählen. Und die rechtspopulistische AfD bekam in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Thüringen und Brandenburg jeweils mehr als fünf Prozent bei der Bundestagswahl 2013.
2016 sind es noch viel mehr… Ginge es nach jenen Ostdeutschen, sitzt die Alternative für Deutschland bald im Bundestag. Eine letzte Gegenstrategie in der DDR war das Saufen. Heute besteht bei exzessivem Alkoholkonsum die Gefahr der Obdachlosigkeit. Ein Recht auf eine Wohnung gibt es nicht. Na dann, Prost auf Deutschland!

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