Die Stigmatisierung sozial Benachteiligter in der DDR und BRD bis heute TEIL 3

Die Gegenstrategien der Armen im D- Kapitalismus

Wir brauchen aber wieder die Entschleunigung, denn heute leben wir in einer beschleunigten Gesellschaft, in der sich alles ums Geld dreht. Die Menschen hetzen, um in der Leistungsgesellschaft mithalten zu können, Schon Kinder haben volle Terminkalender und immer mehr RentnerInnen arbeiten. Nur Arbeitslose haben Zeit. Oftmals nicht mal diese, sie wollen dann Erwerbslose genannt werden.
Viele Ostdeutsche litten und leiden unter der Arbeitslosigkeit, aber es gibt auch in Ost und West Gegenstrategien der sogenannten Unterschicht, ob migrantisch oder deutsch, Überlebensstrategien außerhalb von Lohnarbeit. Nämlich zum Beispiel in der informellen Ökonomie durch Schwarzarbeit. Oder durch Tricks beim Jobcenter, zum Beispiel durch Krankschreibungen. Oder durch massenhafte Klagen bei Sozialgerichten. Es hat sich ein Sockel von Langzeitarbeitslosen herausgebildet, den die Herrschenden nicht in Griff kriegen, obwohl der Druck der Jobcenter immer mehr anwächst. Viele haben allerdings resigniert aufgegeben und sich in prekäre Beschäftigung reindrücken lassen. Der Niedriglohnsektor ist oftmals die einzige Perspektive für Erwerbslose. Das wissen die Sockellangzeitarbeitslosen und entwickeln Gegenstrategien, was viele durchaus zu handelnden Subjekten und nicht zu Opfern macht. Jammernde Gestalten, die jede Lohnarbeit annehmen, so wollen die Herrschenden die Arbeitslosen. Daher gibt es „Unterschichtendebatten“, mediale Diffamierungen der sogenannten „Sozialschmarotzer“ usw. Nicht diffamieren konnten sie die Niedriglöhner, die arbeiteten ja schließlich. (Allerdings selbständige Aufstocker sind ihnen ein Dorn im Auge.) Vielen Menschen in diesem Land machten die niedrigen Löhne zu schaffen. Das erzeugte Wut, selbst die CDU konnte dem Druck nach einem Mindestlohn nicht mehr standhalten. Jetzt versuchen sie natürlich zusammen mit den Arbeitgebern diesen möglichst niedrig zu halten und viele Ausnahmen zu etablieren.

Burnout- die Zunahme psychischer Erkrankungen

Leistungssubjekte flüchten dagegen in das Burnout. Aber auch 1/3 der Hartz IV- BezieherInnen sollen psychisch krank sein. Kein Mensch kann in den Kopf eines anderen schauen, auch die Psychiater nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass die Patienten ihnen erzählen, was mit ihnen los ist. Außer sie werden zum Beispiel in einer psychotischen Phase auffällig. Aber selbst bei Brevijk waren sie nicht eindeutig in der Lage festzustellen, ob er Paranoiker ist.

Eingaben, Ausreiseanträge und Freikauf in der DDR

Die beliebteste Form der Protestes in der DDR war die Eingabe, womit sich die Bürger meistens über Versorgungsmängel oder Wohnungsnot beschwerten. Jährlich etwa eine Million solcher Eingaben von BürgerInnen erreichten die Ämter in der Ära Honecker von 1971 bis 1989.
Die DDR- BürgerInnen hatten auch Erpressungsmittel, die dann zogen und die Obrigkeit aufhorchen ließ. Man stelle sich das heute vor. Die BürgerInnen drohten damit, nicht zur Wahl zu gehen. Oder das letzte Mittel: „Entweder ich bekomme eine Wohnung, oder ich stelle einen Ausreiseantrag.“ Über diese Drohung würde heute jede/r lachen. Nicht so die Herrschenden in der DDR. Sie hatten Angst, dass ihnen das Volk weglief. Aber der Ossi war auch nach dem Mauerfall clever, als er skandierte: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, dann…“
Aber viele waren schon ausgereist und geflüchtet, zwischen 1962 und Ende Oktober 1989 waren das 600 000. Seit 1963 kaufte die BRD 33775 politische Gefangene frei, für 3,44 Mrd. DM. Ein Staat mit Devisenmangel hat so natürlich Interesse, politische Gefangene zu produzieren. Und Menschen begehen innerhalb der Mauer „Republiksflucht“, weil sie die Hoffnung haben, nach kurzer Zeit freigekauft zu werden, was so nicht immer aufging. Die Story aus dieser Perspektive ist meines Wissens noch nicht aufgearbeitet. So schrieb Tomas Kittan, der ehrenamtlich Befragungen von ehemaligen politischen Gefangenen in Cottbus durchgeführt hat: „Das größte Problem der Aufarbeitung ist der stark beschränkte Zugang zu den Akten der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und des Bundesarchivs zum Freikauf- und das 20 Jahre nach dem Mauerfall. Viele Dokumente sind noch unter Verschluss-warum?“ (Deutschlandarchiv 5/2010, S. 860) Mittels Freikauf wurde der Westen auch um einige DDR-Nazis, wie Arnulf Priem, reicher. Und der Westen stand als moralischer Sieger da, wie demokratisch. Ich hätte mal gerne Helmut Kohls Stasiakte gesehen. Und zu „Wendezeiten“ gerieten die Rosenholz- Akten unter ungeklärten Umstände in die Hände der CIA. Der Chef der Bonner CIA-Station bekam sogar das Bundesverdienstkreuz, weil er sich dafür einsetzte, dass diese wieder zurück gegeben wurden. Naja angesichts von NSA muten die Geruchsproben und Karteikarten der Stasi mittelalterlich an, wenn nicht so viele Menschen in der DDR zersetzt und inhaftiert worden wären.

Politikverdrossenheit heute

Nicht- und Protestwähler. Die Proteste in Stuttgart 21 haben gezeigt, dass selbst das bürgerliche Lage erodiert, es gab 26,9 Prozent Protestneulinge, die oftmals aus dem bürgerlichen Lager stammten. Die Herrschenden versuchen die Menschen durch mehr Bürgerbeteiligung und direktdemokratische Elemente wie Volksentscheide mehr einzubinden. Es sind die neuen „Einbindungstechniken“ und die „Mitmachfalle“.

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