Die Stigmatisierung sozial Benachteiligter in der DDR und BRD bis heute : TEIL 1

Allgemeines

Sozial Benachteiligt sind heute vor allem Erwerbslose, aber auch Grundsicherungsbezieher und Niedriglöhner, die z.B. mit Hartz IV aufstocken müssen. In Berlin sind z.B. insbesondere Alleinerziehende, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Menschen mit Migrationshintergrung und Menschen mit Behinderung von Armut bedroht. Hier ist ein alamierender Anstieg der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung zu verzeichnen.

Welche Menschen werden in der Regel stigmatisiert?

Goffman unterscheidet drei Arten von Stigma (1963 wurde das Buch „Stigma“ erstmals veröffentlicht)

Erstens: physische Deformationen; Behinderte leiden oft unter Stigmatisierung, das Stigma ist sichtbar
Zweitens: „individuelle Charakterfehler“: Geistesverwirrung, Selbstmordversuchen (also Psychiatriebetroffene), Gefängnishaft (Strafgefangene), Sucht, Alkoholismus (Drogen- und Alkoholabhängige), Homosexualität (heute vor allem Transgender), Arbeitslosigkeit,
radikales politisches Verhalten (heute durch die Extremismustheorie stigmatisiert)
Drittens: Stigmata von Rasse, Nation und Religion (im NS- Staat Juden, heute Muslime, oder Rumänen und Bulgaren als Armutszuwanderer stigmatisiert)

Vorstufen der Stigmatisierung sind abwertende Vorurteile, z.B. wird das Wort „schizophren“ in den Medien und der Öffentlichkeit inflationär gebraucht, und ist immer abwertend gemeint, das Wort „Schizophrenie“ ist für viele ein Schreckenswort. Vorurteile führen zur Diskriminierung von Menschen, sie führen zur Isolierung, zum Ausschluß und zur Benachteilung. Oftmals werden die diskriminierten Menschen in eine Existenz am Rande der Gesellschaft gedrängt.

Allport-Skala von 1954:
Abschätzige Bemerkungen (Verleumdung)
Kontakt mit der abgelehnten Gruppe wird gemieden (Vermeidung)
Diskriminierung (Zugang zu Berufen und Wohngegenden wird verwehrt; z.B. Rassentrennung)
Körperliche Gewaltanwendung (Überfälle auf Migranten)
Vernichtung (Völkermord, ermorderte Obdachlose)

Stigmatisierte müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie anders sind als andere Menschen, als die „normalen“. Die Stigmatisierung und ihr Umgang damit werden zu einem Teil ihrer Biographie. Goffman spricht von einer „beschädigten Identität“.

Eine Psychiatriebetroffene kann und muß meistens ihr Stigma verheimlichen, um einen Job zu bekommen, oder sie muß es offenbaren, um Erwerbsminderungsrente zu erhalten.

Stigmatisierte haben oft das Gefühl, nicht zu wissen, was die Anderen „wirklich“ über ihn denken. Schon kleine Fehler können als direkter Ausdruck seiner stigmatisierten Andersartigkeit interpretiert werden. Es macht in dieser Gesellschaft zum Beispiel einen Unterschied, ob ein Arbeitsloser, der von Staatsgeldern lebt, säuft oder ein Reicher auf Partys.

Es macht einen Unterschied, ob jemand schon als Kind arm aufwächst und als Assikind stigmatisiert wird oder normal aufwächst, den Standpunkt der Normalen aufnimmt und später selbst feststellt, dass sie ein Stigma besitzt. Zum Beispiel psychisch krank und daher arm wird.

Die ersten sind angeborene Stigma, du wirst z.B. in eine arme Familie hineingeboren, bist Waisenkind etc. Aber auch in einer armen Familie kannst du behütet aufwachsen, dann wird der Schuleintritt oft als Ereignis der Stigmaerfahrung berichtet. Wer später im Leben stigmatisiert wird, z.B. Stigma durch Erkrankung, hat über die Normalen und Stigmatisierten gründlich gelernt und hat ein Problem mit seiner Neuidentifizierung. Und wer in einer fremden Gemeinschaft sozialisiert wurde, muß nun eine zweite Seinsweise erlernen. Wer z.B. in armen, aber normalen Verhätltnissen in Rumänien aufgewachsen ist und nun nach Deutschland kommt, kann mit Stigmatisierung rechnen. Das ist das Stigma der Minderheitenzugehörigkeit, z.B. bei Emigration oder Flucht in ein fremdes Land.

Die Stigmatisierung setzt sich im folgenden fort:
Erfahrung mit sozialen Beziehungen (Verstecken der Krankheit bzw. Hartz IV- Bezug, Verminderung der Sozialkontakte etc.)
Umgang der Medien (Stereotype, Vorurteile)
strukturelle Diskriminierung (Hartz IV- Gesetze, psychiatrische Versorgung etc.)
Einschränkung des Zugangs zu bestimmten sozialen Rollen und Funktionen

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