Freiwillige- Lückenbüßer im System

Am 9. April 2016 fand die 9. Berliner Freiwilligenbörse im Roten Rathaus statt. Viele Organisationen, die Freiwillige, d.h. Ehrenamtliche suchen, stellten sich dort vor.
Bei der Volkssolidarität kann man sich zum Beispiel in der Sozialberatung/ Sozialpolitik, der Kinder- und Jugendarbeit, Arbeit mit Senioren in ihren Einrichtungen und beim ambulanten Hospizdienst ehrenamtlich engagieren. In der Diakonie darf man ehrenamtlich Menschen mit Demenz, psychischen, geistigen und somatischen Erkrankungen betreuen. In einer Freiwilligenagentur kann man ehrenamtlich in einem Behindertenprojekt renovieren, Kinder oder ältere Menschen begleiten oder die Homepage in einem Familienzentrum gestalten. Ehrenamtlich arbeiten darf man im Konzerthaus Berlin. Man kann das Jugendforschungsschiff reinigen und streichen- natürlich ehrenamtlich. In 77 Kindergärten darf man Kinder betreuen. Im Umweltschutz, Tierschutz, in der Flüchtlingshilfe, in der ehrenamtlichen Betreuung von Erwachsenen, in der Pflege, in Stadtteilzentren, Mehrgenerationenhäusern, im Drogennotdienst, im Sport, in der Haftentlassenenhilfe, in der Telefonseelsorge, bei den Tafeln, in der Suchthilfe, im Technischen Hilfswerk usw.- überall werden Ehrenamtliche gesucht.
Weitere Infos: http://www.berliner-freiwilligenboerse.de

Stefan Selke schreibt über das Engagement in der Freiwilligengesellschaft:
„Die neuen Freiwilligen sind Lückenbüßer eines Systems, das sich gerade von seinen zivilisatorischen Grundprinzipien verabschiedet. (…) Regierung und Parteien hoffen darauf, mit dem Èhrenamt` finanzielle Krisen und Engpässe überwinden zu können. (…) Die Bürger sollen den Laden nun selber schmeißen.“ Als Lohn winken ihnen „Erfolgserlebnisse“. „Die systematische Instrumentalisierung engagierter Bürger gehört zum Notlösungsprogramm einer ratlosen Politik. (…) Freiwilligkeit ist der neue Zwang. (…) Hier zeichnet sich ein Kulturwandel ab. (…) Die F rage ist nicht, ob freiwilliges Engagement sinnvoll ist, sondern wo es angemessen ist. Freiwilligkeit in Lebensbereichen, in denen Leistungen bisher vom Staat garantiert wurden, ist daher kritisch zu beurteilen. Freiwillige operieren zunehmend in Verantwortungsbereichen, die hoheitlich dem Sozialstaat zuzurechnen sind. (…) Durch Freiwilligkeit werden soziale Schutzfunktionen des Staates immer weiter von einer öffentlich- rechtlichen in eine privat- ehrenamtliche Sphäre verlagert. In dieser Sphäre werden Bürgerrechte durch personelle Abhängigkeiten und Schutzgarantien durch Willkür ersetzt.“ (aus Stefan Selke, Schamland, Berlin 2015, S. 215-222)

Buchtipp:
Gisela Notz, „Freiwilligendienste“ für alle
Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der „freiwilligen“ Arbeit (AG Spak 2012)
Ehrenamtliche Arbeit hat eine lange Tradition. Viele soziale Projekte und Einrichtungen im Sozial- und Kulturbereich bestünden nicht mehr, wenn „freiwillige“ MitarbeiterInnen nicht für ihr Fortbestehen sorgen würden. „Freiwilligendienste“ sollen heute in Zeiten zunehmender Armut und Ausgrenzung – wie immer in der Geschichte – dazu beitragen, die Not der durch das kapitalistisch-patriarchale System Arm-Gemachten zu lindern und die Resozialisierung derjenigen zu unterstützen, die darin zu Fall gekommen sind. Das geht auch immer einher mit einer Kontrolle der Armen und Hilfsbedürftigen. Damit sollen Protestpotenziale gezügelt und gleichzeitig soll der soziale Frieden hergestellt werden. Schließlich werden nicht nur immer neue Begriffe für die „Gratisarbeit“ erfunden, sondern auch immer neue Programme durch Bundesregierung und Wohlfahrtsverbände aufgelegt, die oft nichts weiter sind, als alter Wein in neuen Schläuchen.

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