Wahnsinnsfrauen: Adelheid Duvanel

Adelheid Duvanel (1936-1996)

„Sie wurde von einem Reiter aufgefunden, im Wald, in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1996. Erfroren sei sie. Im Juli.“ (S. 270)
Seit sie 17 war, hatte sie unzählige Selbstmordversuche unternommen. Auch ihren nächsten Vertrauten sei sie letztlich fremd geblieben. Sie hat keine Interviews gegeben und nach Lesungen wollte sie keine Diskussion. Sie hat ihr Werk hinterlassen, Fiktion, Geschichten.
Ihr Vater war hochangesehener Jurist und strenggläubiger Katholik, ihre Mutter aus gutem Hause. Schon früh erlebt sie Kälte und Leere im geordneten Elternhaus. Sie hungert nach Wärme und Geborgenheit. Mit sieben schreibt sie ihre ersten Gedichte.
Für die Eltern ist Schreiben kein Beruf, sie solle einen richtigen Beruf erlernen. Aus gesundheitlichen Gründen muß sie eine Lehre als Textilzeichnerin abbrechen. Sie besucht eine Kunstgewerbeschule. Das Malen gibt sie in der Ehe mit einem Maler auf, erst später wird sie es wieder aufnehmen. Seit 1963 ist sie mit dem Kunstmaler verheiratet, 1964 wird ihr Kind geboren. Die Ehe ist schwierig. Ihr Mann verletzt sie ständig zutiefst. Er hat immer wieder Freundinnen, mit einer hat er ein Kind. Mutter und Kind ziehen zu ihnen. Auch die Baseler Boheme geht in ihrem Hause aus und ein. Frauen sind in diesem Milieu nicht gleichberechtigt, schon gar nicht eine Frau, die eigene Begabungen hat. Und sie? Sie ist ihrem Mann hörig, ist zu allem bereit. Der Mann fasziniert sie. Sie muß arbeiten, um die Familie durchzubringen. Er nutzt sie aus. Sie läßt sich zwar 1985 scheiden, kommt aber bis zu seinem Tod nicht von ihm los. Sie läßt nie den Wohnungsschlüssel im Schlüsselloch stecken, es könnte ja sein. Sein Selbstmord im Dezember 1986 trifft sie tief. Das Kapitel war überschrieben mit: „Kein Schutz in der Kleinfamilie“.
Das nächste: „Auf der Schattenseite des Lebens“. Sie schreibt „von den Menschen auf der Schattenseite des Lebens, den Kindern, den psychisch Kranken, den Drogenabhängigen und AlkoholikerInnen. Und sie weiß, wovon sie schreibt. Sie kennt die Hölle einer Ehe zu dritt, sie hat sich unzählige Male in einer psychiatrischen Klinik aufgehalten, sie weiß um den verführerischen Trost, den Drogen geben können. Sie braucht ihre Geschichten nicht zu erfinden, denn die Realität, die sie erlebt, geht weit über das Vorstellbare hinaus. Eine Grenzgängerin ist sie, die immer zwischen Leben und Tod steht, zwischen Krankheit und Gesundheit, Realität und Traum.“ (S.280)
Ihr machen noch andere Dinge zu schaffen. Ihre Tochter ist drogenabhängig und aidskrank. Und sie lebt unter dem Existenzminimum. Wenn sie kein Geld mehr hat, findet sie Unterkunft in der Psychiatrie. Dort hat sie wenigstens zu essen. Auch in einem Dorf in Spanien findet sie Zuflucht. Im Juli 1996 wollte sie mit ihrer Tochter und ihrem elfjährigen Enkelkind dorthin fahren, das Enkelkind sollte aber mit Pflegeeltern in die Ferien fahren und hätte nicht mitkommen können. Adelheid war zutiefst enttäuscht. Zu ihrem Enkelkind hat sie ein inniges Verhältnis, das Kind findet bei ihr immer wieder Zuflucht. In ihren Texten gehören Kinder zu den Ausgestoßensten dieser Gesellschaft. Oftmals sind sie subtilen Gewaltformen ausgesetzt.
Ihr erster Band mit Geschichten erscheint 1976. Eine zweite Autorin hat das Buch. Die Fotos der beiden Autorinnen seien trostlos. „Nirgendwo hinzugehören, schon damals.“ (S. 276)
In ihrem Tagebuch „März 1981“ schildert sie ihren Aufenthalt in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel.
Sie schreibt: „,daß niemand von uns verrückt ist. Wir haben es nur schwer, die gangbaren Wege zu finden. Wir mühen uns ab auf den nicht gangbaren. (…) Zuerst habe ich mich geweigert, Pillen zu schlucken, doch dann merkte ich, daß ich ohne Medikamente ausrutschte, abwärts glitt, fiel. Auf den nicht gangbaren Wegen verliert man sich immer, weil niemand dort rodet, Brücken baut oder Stufen in die hohen Wände schlägt.“ Unter den Nebenwirkungen der Medikamente leidet sie, „die eine (Droge) bewirkte, daß ich nicht mehr lesen konnte und unruhig war, die Gegendroge, die mir daraufhin verschrieben wurde, verunmöglichte mir das Schreiben.“ (S.284f.) Beides waren Tätigkeiten, die für sie existentiell wichtig waren. Im Laufe der Jahre werden ihre Texte knapper, verschlüsselter, unzugänglicher. Sie würden zunehmend fordern, sich in eine unvertraute Denklogik zu verirren. In ihrem letzten Band ist eine Veränderung festzustellen, die Mut mache. In die umschlingende, erstickende Ausweglosigkeit mische sich ein Quentchen Widerstand. Eine Geschichte trägt den Titel „Wut“. Die Menschen kämpfen, lassen sich nicht mehr alles bieten, wehren sich.
Adelheid Duvanel kennt, wovon sie schreibt. Sie kennt die Süchtigen, die Obdachlosen, die psychisch Kranken. Im Frühsommer 1996 leidet sie zunehmend darunter, daß das Schreiben ihr unmöglich geworden ist. So weiterzuleben ist ihr unvorstellbar. Seit Wochen habe sie keine Zeile geschrieben. Schon früher bei den Psychiatrieaufenthalten hatte sie nicht geschrieben, sondern gemalt.
„Von den Bildern geht eine ungeheure Bedrohung aus. Da sind zuerst einmal die starken Farben, die den Blick schonungslos auf sich ziehen. Doch vor allem offene Kindermünder, stumme Schreie, Tiere in Angriffsposition gehen unter die Haut. Ein Ausweichen ist nicht möglich. Gewalt ist überall, der Schrecken der gezeichneten und gemalten Frauen und Kinder fährt in die Knochen. Allein mit diesen Bildern, möchte man nur noch davonrennen. Noch direkter als in den Texten gibt Adelheid Duvanel der Hoffnungslosigkeit, Trostlosigkeit Ausdruck. Auf einigen Zeichnungen steht, in dicken Lettern, ‚Verzweiflung‘, ‚Aids‘, ‚Finanzielle Not‘, ‚Die Ermordung der Blume‘, ‚Totenvogel‘. Das sind die Realitäten, in denen Adelheid Duvanel lebt. Von ihr schreibt sie und diese malt sie.“ (S.288f.)
„In den letzten Monaten vor ihrem Tod ist sie sehr krank. Sie hat starke Schmerzen, überall. Die Medikamente helfen nicht mehr.“ (S.290)
Sie schluckt noch ein paar Pillen zusätzlich zu den großen Mengen, die sie normalerweise einnimmt. Dann legt sie sich in den Wald, den sie seit ihrer Kindheit liebt.

(aus Wahnsinnsfrauen Dritter Band (Hg.) Sibylle Duda und Luise F.Pusch, Frankfurt 1999)

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