Der Kongress Armut und Gesundheit 2016: Teil II

Ein Bericht mit Kommentar

Am 17. und 18. März 2016 fand an der TU Berlin der Kongress Armut und Gesundheit statt, der im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Bestehen beging. „Gesundheit ist gesetzt!?“ lautete das diesjährige Motto. Auftakt- und Abschlußveranstaltung widmeten sich dem neuen Präventionsgesetz. Das ist symptomatisch. Prävention setzt bei dem Verhalten der von Armut Betroffenen an und nicht den gesellschaftlichen Verhältnissen. Beim ersteren werden „Defizite“ der Betroffenen bekämpft, beim zweiten wäre eine Umverteilung von oben nach unten die Folge, was politisch aber nicht gewollt ist.
Zwei Veranstaltungen zum Thema Erwerbslosigkeit besuchte ich auf dem Kongreß. Interessant vor allem, wie über Erwerbslose geredet wurde. So berichteten im System Beschäftigte über die soziale Isolation erwerbsloser Frauen, die entweder alleinstehend seien oder die Familie als einen Belastungsfaktor erlebten (alleinerziehend, Gewalterfahrungen etc.). Im Publikum wurde mehrfach versucht, einen Zusammenhang zwischen Bildungsstand und sozialer Situation herzustellen. Dem widersprach aber eine Referentin aus Kiel. Auch Frauen mit Hochschulabschluss können sozial isoliert sein. Armen Menschen wird häufig mangelnde Bildung und fehlende soziale Kompetenz unterstellt.
Es wurde von „multiplen Problemlagen“ gesprochen, nicht aber von strukturellen und gesellschaftlichen Problemen. Das sei schließlich Aufgabe der Politik, hörte ich auf dem Kongress öfter, wenn ich auf diesen Aspekt verwies. Erwerbslose werden vornehmlich als defizitäre Personen wahrgenommen. Da mit ihnen etwas nicht stimmen könne, so die Annahme, wird das Instrument der Verhaltensänderung angesetzt. Soziale Probleme werden als individuelle Probleme umgedeutet, die Schuld wird den von Armut Betroffenen selbst zugeschrieben.
Die ReferentInnen der Veranstaltung zum Jobcoaching hatten sich herausgeputzt. Die Männer mit Anzug und Schlips. Die Frauen in Kostüm und weißer Bluse. Sie wollen die Erwerbslosen „abholen in der eigenen Realität“. Ihr Projekt „Bridges – Brücken in die Arbeit“ ging als „Jobwunder von Görlitz“ durch die Medien. Die jungen Arbeitslosen hätten persönliche und fachliche Defizite. 30 Prozent von ihnen zeigten Depressionssymptome. „Misserfolgsorientierte“ Menschen würden sich anspruchsvolle Ziele setzen, um dann wieder zu scheitern. Das begleitende Coaching könne helfen, „realistische Ziele“ zu entwickeln. Das Projekt beginnt mit einem Einstieg, u.a. mit einem Profiling. Zweite Phase sei das Training. Zielfindung, Bewerbung, Selbstvermarktung etc. Dann komme die Projektarbeit mittels Praktika oder MAE. Und schließlich die Integration in Arbeit. 212 TeilnehmerInnen wurden in ein Arbeitsverhältnis (sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit Dauer von mind. 7 Tagen) und 60 TeilnehmerInnen in eine Ausbildung vermittelt. Das sei eine Erfolgsquote von 56 Prozent. Ein zweites Projekt, das vorgestellt wurde, heißt „WorkFirst“. Das Projekt für junge Erwerbslose wurde in der Praxis von reSOURCE Dresden GmbH entwickelt. Von den Teilnehmer/innen des Projektes WorkFirst fanden 58,4 Prozent eine passende Arbeitsstelle, so heißt es auf deren Website. Die jungen Erwerbsfähigen müssen integrationsnah sein und einen Berufsabschluss haben. Die erste Phase dauert acht Wochen. Das sei die Aktivierungsphase, mindestens 15 Stunden pro Woche mit Bewerberprofil (Stärken, Ziele etc.). Die zweite Phase beträgt vier Wochen. Es ist die betriebliche Erprobung. Bis zu sechs Monaten nach Beschäftigungsaufnahme gibt es eine Nachbetreuung. Schwerpunkt ist die Zielverfolgung. Eine sinnhaft erlebte Aktivität habe einen positiven Einfluß auf die Gesundheit. Das dritte vorgestellte Projekt hieß „AktivAmal 1- Gesundheit im Einzelsetting“. Das Programm wurde an der TU Dresden für Erwerbslose entwickelt. Es besteht aus vier Modulen: Aktivitätenplanung, Konstruktives Denken („Wie kann ich meine Gedanken verändern?“), Soziale Kompetenzen („In welchen Bereichen wird noch Unterstützung gebraucht?“), Systematisches Problemlösen. Ziele werden positiv aufgeladen, kleine Veränderungen im Alltag durch eine Deautomatisierung erreicht. „Mach etwas anders“, hieß es, siehe: http://www.aktiva-training.de
Während hier ganz eindeutig die Integration in den Arbeitsmarkt im Mittelpunkt stand, richtete sich in einer anderen Veranstaltung zu „Frauen in der Erwerbslosigkeit“ der Fokus auf die Verbesserung der gesundheitlichen Situation. „Mut tut gut“ heißt ein Projekt in Kiel, eine kommunale soziale Begleitmaßnahme, die seit Herbst 2006 läuft. Die meisten Frauen, so die Information, werden vom Jobcenter zugewiesen, die Teilnahme sei aber freiwillig. Das Kursprogramm mit zwölf Frauen umfasse zehn Wochen: Montags, Dienstags und Donnerstags von 9 bis12.30 Uhr. Dazu gibt es fünf begleitende Einzelberatungen. Die Ziele des Kurses bestehen darin, das Selbstwertgefühl zu stärken, zu lernen, den Tag zu strukturieren (!) und die soziale Isolation zu verringern. Grundannahme ist, dass Frauen trotz der strukturellen Bedingungen, die für sie psychisch belastend sind, viel für sich selbst tun können. Die Abwertung der Gesellschaft sei sehr groß, diese Abwertung setzt sich im Innern fort.
Weitere Infos: http://www.donna-klara.de
http://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/praxisdatenbank/
Weiter wurde ein Projekt des Feministischen Frauengesundheitszentrums in Berlin vorgestellt (Mehr dazu siehe Tipps).
Erwähnenswert ist noch die Vorstellung des Gesundheitsberichtes durch MitarbeiterInnen des Robert- Koch- Institutes. Man kann ihn aus dem Netz herunterladen: http://www.gbe-bund.de
http://www.rki.de/gesundheitsbericht
In der anschließenden Diskussion kamen dann aus dem Publikum u.a. folgende Äußerungen: „Wir wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit gibt und es passiert nichts“ und „Wir haben die Erkenntnisse, aber es muß umgesetzt werden.“
Antworten vom Podium: „Wo richten wir unsere Lampe hin? Die Anzahl der Publikationen, die sich mit sozialer Ungleichheit befasst, ist hoch. Wir tun viel.“ – „ Der letzte Schritt zur Handlung zu kommen liegt nicht bei uns, der liegt bei der Politik.“
In einer Veranstaltung ging es um die Abwicklung der unabhängigen Patientenberatung. Der GKV-Spitzenverband und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung haben sich in einem umstrittenen Verfahren für die Sanvartis GmbH als neuen Anbieter entschieden, vermutlich weil die neue Sanvartis-UPD mit ihren bisherigen Kassen-Dienstleistungen eher kassenkonform ist.
Auf der Website: http://www.fuer-unabhaengige-patientenberatung.de/
sind weitere Informationen zu finden.
Auch die Veranstaltung „Menschenrechte, Inklusion und Zwang in der psychiatrischen Versorgung“ war sehr interessant. Der Vortrag eines Vertreters von bipolaris ist hier zu finden: http://www.bipolaris.de/themen/recht/statistik/
Nur selten waren auf dem Kongress Initiativen aus der Zivilgesellschaft präsent. Nur im Bereich Globalisierung war das anders. Dort waren Organisationen wie Lobby Control, medico international, Verband demokratischer Ärztinnen und Ärzte sowie die BUKO Pharmagruppe beteiligt.
Zum Abschluss palaverten einige VertreterInnen von Krankenkassen, Gesundheitsförderung sowie Politiker wie die Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (!) in Brandenburg sehr technokratisch über die Umsetzung des neuen Präventionsgesetzes. Es ginge sowieso nur um 500 Millionen Euro, das seien Peanuts. „Mit den Mitteln werden wir nicht die Welt retten“, sagte ein Podiumsgast. Einige Städte seien sowieso schon aufgegeben. Die Präventionsideologie an sich wurde nicht hinterfragt. Die Idee gesundheitlicher Prävention besagt, dass die Verantwortung für Gesundheit und Gesundheitsvorsorge den Menschen selbst übertragen wird. Jede/r soll sich um die eigene Gesundheit bemühen.
Der Kongress sei „wieder bunter geworden“ hieß es im Abschlussstatement. Nur die Frage sei nach zwanzig Jahren erlaubt. Wie steht es mit der Partizipation, wo sind die von Armut Betroffenen? Der Kongress mutiert zunehmend zu einem Fachkongress, wo sich Wissenschaftler, Behördenvertreter, Politiker, die Armutsindustrie (z.B. Wohlfahrtsverbände) und die Gesundheitswirtschaft tummeln. Es ist ein „sich selbst verstärkendes System“, von dem Massen von Arbeitsplätzen abhängen. „Wo Bedarf ist, gibt es ein Angebot.“, sagte jemand auf einem Podium. Der Kongress wird ehrenamtlich organisiert, aber aus ihm entstehen neue Projekte, Forschungsideen, viele Papiere und neue Gremien. Es geht um Networking. Der Kongress nutzt vornehmlich den Professionellen und eben nicht jenen, die in Armut leben müssen, denn die Armut an sich wird nicht behoben. Es geht um eine „Politik des Verhaltens“ und nicht um Umverteilung. So kann man auch ein ansonsten brisantes Thema befrieden. Nicht das Verhalten der von Armut Betroffenen ist zu bekämpfen, sondern die kapitalistischen Verhältnisse, in denen Armut möglich ist und immer weiter zunimmt!
Trotzdem ist gegen Selbstreflexion und Selbstsorge, die freiwillig geschieht, nichts einzuwenden.

Hier Tipps für erwerbslose Frauen in Berlin.

Das feministische Frauengesundheitszentrum stellt Mappen mit Angeboten in Berlin zur Verfügung.
Außerdem natürlich ihre kostenlosen Gesundheitskurse für erwerbslose Frauen: http://www.ffgz.de

Empfehlenswert sind auch Kurse für Frauen
bei Kobra. http://www.kobra-berlin.de
bei Frau und Beruf: http://www.frauundberuf-berlin.de/
sowie Raupe und Schmetterling. http://www.raupeschmetterling.de/

Advertisements