Wachrütteln in einer dauerwachen Welt

Jonathan Crary beschwört in den vier Essays seines 112 Seiten schmalen Buches eine 7- Tage-Woche im 24-Stunden-Takt, mit der nur der Schlaf kollidiert. Der Schlaf sei „eines der großen menschlichen Ärgernisse für die Gefräßigkeit des heutigen Kapitalismus“. Das Verblüffende ist, dass sich nichts Verwertbares aus ihm herausholen lässt: „Die meisten der scheinbar unhintergehbaren Notwendigkeiten menschlichen Lebens – Hunger, Durst, sexuelles Begehren und neuerdings auch das Bedürfnis nach Freundschaft – wurden in Waren- und Geldform verwandelt.“ Der Schlaf aber lasse sich nicht von einer „gewaltigen Profitmaschinerie“ einspannen.
Daher erproben Wissenschaftler im Auftrag der Forschungsbehörde des Pentagon Techniken zur Schlafüberwindung. unter anderem durch Neurotransmitter und Gentherapie Das körperliche Bedürfnis nach Schlaf soll so verringert werden. Der schlaflose Soldat könnte der Vorläufer des schlaflosen Arbeiters oder Verbrauchers werden. Durch Nachteinsätze von Drohnen wird andererseits in Afghanistan und andernorts der Rhythmus von Schlaf und Regeneration systematisch zerschlagen. Menschen leiden aber auch an Schlaflosigkeit, weil die Katastrophen unserer Zeit eine geruhsame Sorglosigkeit des Schlafes ausschließen. Heutzutage muss Schlaf oft gekauft werden. Im Jahr 2010 bekamen rund 50 Millionen AmerikanerInnen Präparate verschrieben, viele weitere Millionen kauften rezeptfreie Schlafmittel. Die Zahl der Menschen, die nachts ein- oder mehrmals aufstehen, um ihre Mails oder Daten zu checken, nimmt zu. Technische Geräte verharren in einem „Schlafmodus“, keines schaltet sich mehr komplett aus. In den letzten 150 Jahren gab es eine beständige „Revolutionierung von Produktion, Zirkulation, Kommunikation und Bildproduktion“. Für die meisten Menschen bestehe ihr Lebenswerk in der entwickelten Beziehung zu Apparaturen, betont der Autor. Schon mit der massenhaften Verbreitung des Fernsehens in den fünfziger Jahren wurden ganze Bevölkerungsmassen ruhig gestellt: „Die Menschen wurden örtlich fixiert, voneinander abgesondert und entpolitisiert.“ Mitte der 1980er Jahre begann die Vermarktung des Heimcomputers und Anfang der 1990er Jahre kündigte sich mit dem Internet der Beginn der Kontrollgesellschaft an. Die Formen beständiger Kontrolle würden sich neben den funktionierenden, sogar ausgeweiteten Disziplinarstrukturen entwickeln. Während in den 1950er Jahren eine zunehmende Okkupierung des Alltagslebens durch den Konsum, die Freizeitindustrie und das Spektakel zu beobachten war, kämpften die Rebellen der späten 60er für eine Befreiung des Alltags. Die „Konterrevolution“ setzte in den 1980er Jahren ein. Ein ganzes Spektrum von Hoffnungen, Ideen und Aktivitäten musste ausgelöscht und diskreditiert werden. Das „Aussteigen“ war für das System beunruhigender als viele zugeben wollten. Ein großer Teil der Randgruppen- oder Außenseiterkultur ließ sich vereinnahmen und verschwand. Das heutige ökonomische Verhaltensmanagement erzeuge willfährige Subjekte, so der Autor. Die Idee einer sozialistischen Kommune bleibe für das System unannehmbar. Crary schließt: „Es könnte sein, dass (…) die Vorstellung einer Zukunft ohne Kapitalismus in Gestalt von Träumen im Schlaf beginnt.“ Das wurde in der FAZ als „Traumkitsch“ bezeichnet – Crary aber will mit seinem Buch in einer dauerwachen Welt tatsächlich wachrütteln. Auch wenn manche Aspekte, historische Vergleiche und Personen (z.B. Foucault) in dem kleinen Buch nur kurz gestreift werden, so ist es doch spannend zu lesen.

Jonathan Crary, 24/7 Schlafos im Spätkapitalismus, Wagenbach Berlin 2014, 14,90 EUR
(veröffentlicht in der Contraste)

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