Tipp: 1964 oder Das marktkonforme Schweigen der Seele…

Sehr empfehlenswert das 34seitige Buch:„1964 oder Das marktkonforme Schweigen der Seele des männlichen Machtsubjektes“ von Kai Pohl. (Distillery 2015)
Hier ein Ausschnitt:

Man wurde als weltfremder Spinner bezeichnet, wenn man auf der These beharrte, daß man Geld nicht essen könne. Und es stimmte ja auch: ihre gesamte Existenz war an das Vorhandensein von Geld gekoppelt; sie glaubten nicht mehr an ein Leben nach dem Geld. Die Erinnerung an eine Landschaft ohne Motorengeräusche war ihnen abhanden gekommen, und dabei meinten sie immer noch, sie hätten die Sache im Griff. Natürlich brauchten sie für diese rücksichtslose Lebensart ein Mantra, mit dem sie sich reinwaschen konnten. Mit Aussagen wie „was kann ich schon tun“, „ich kann die Welt nicht ändern“, „diese Dinge liegen nicht in meiner Macht“ entledigten sie sich jeglicher Verantwortung für den Schlamassel. Der rassistische Mob und seine Verbündeten in den Führungsetagen klatschten Beifall, wenn die erneute Verfinsterung des Daseins als unvermeidlicher Punkt auf der Tagesordnung blinkte; sie klatschten auf, was ihnen fremd erschien; sie paßten sich jeder Grausamkeit in rasantem Tempo an, anstatt sich zu verweigern. Die grundsätzliche Freundlichkeit der Welt, durch menschliches Handeln entstellt, taumelte der endgültigen Zerstörung entgegen (…) Das aufklärerische Bewußtsein, das aufgebrochen war, fand sich wieder an seinem Ausgangspunkt (…) Der grenzdebile Mob und seine großen Führer vergnügen sich in der summenden Vielfalt einer Welt, die sie zwar gemeinsam zustande gebracht hatten, aber nicht einmal im Ansatz begreifen konnten- oder wollten; belästige die glücklichen Untertanen und ihre fröhlich regierenden Idioten nicht mit der Tatsache, dass sie allesamt tief in der Scheiße sitzen. Sie werden sagen: „Du wirkst uncool, irgendwie verspannt“, während sie sich massieren lassen. Sie werden sagen: „Nun halt aber mal die Luft an“, während sie atmen. Sie werden sagen: „Steine sind keine Argumente“, während sie ihre Knarre laden. Ungleichheit sei genetisch bedingt. Ich solle mein Leben für ihr Recht aufs Spiel setzen. Sie werden sagen: „Wir sind die Verteidiger der Zivilisation. Du bist geisteskrank, wenn du das nicht kapierst.“ „Du bist ja des Teufels“, werden sie sagen, „mitsamt deinem Gefolge von Verdammten und Ungetauften“.

Kritisiere niemals deine Mitmenschen für ihre Geschäftigkeit. Sobald sie diese in Frage gestellt wähnen, reagieren sie mit Unmut bis Wut. Sie schimpfen nicht auf den Zwang, der sie peinigt, denn sie haben gelernt zu verachten, was ihnen gut täte. Ausgeschlafensein gilt als erstrebenswert, aber wehe dem, der sich als Tagträumer zu erkennen gibt. Wer tagsüber schlummert, anstatt zu ackern, wird als Penner verachtet. Nicht gegen die Ursachen der eigenen Müdigkeit ziehen sie ins Feld- sie fallen über den Müßigganger her, der sich gegen die Mühle der Lohnarbeit stemmt. Wofür man am meisten beneidet wird, dafür wird man auch am meisten gehaßt.

„Und was machst du?“ ist so etwas wie eine Kulmination des Zeitgeistes (…) der harmlose Fragesatz ist in Wahrheit ein Ersuchen um Auskunft, wie man zu seinen Brötchen kommt.
Über Arbeit spricht man nicht, Arbeit hat man.
Wenn es wirklich darum ginge, etwas zu machen, hätte man doch gar keine Zeit zum Arbeiten!

Wenn sich die Menschen nicht erheben, erhebt sich am Ende das Meer, das Gras sprengt die Straßen, Mauern fallen im Wind, die dekorative Rhetorik der Herrscher wird ihnen als brennender Stahl auf die Füße fallen.

Advertisements