Wahnsinnsfrauen: Elfriede Lohse-Wächtler

Elfriede Lohse- Wächtler (1899-1940)

„Die vom Sozialdarwinismus vorbereitete Euthanasie- Ideologie mündete in Deutschland nach der Machtergreifung Hitlers 1933 in die ‚Vernichtung unwerten Lebens‘, wie die Verantwortlichen dieser Aktion es nannten, denn es wurden nicht nur ‚Geisteskranke‘ ermordet, sondern auch jene, die keinen ‚Nutzen‘ versprachen. Die Vernichtung Hunderttausender Insassen von Heil- und Pflegeanstalten war sozusagen eine Vorübung- es wurden Tötungsarten erprobt- für die spätere Ermordung von Millionen KZ-Insassen.Höhepunkt der Massenvernichtung von sogenanntem ‚lebensunwerten Leben‘ war die ‚Aktion T4‘. (…)Die Diagnose Schizophrenie oder ein Mindestaufenthalt von fünf Jahren in einer Anstalt waren ein sicheres Todesurteil (…) In Deutschland gab es sechs Heilanstalten, die zu Vergasungsanstalten umgebaut worden waren. Dorthin fuhren die Busse, die Menschen mußten aussteigen, ihre Identität wurde anhand der Meldebögen festgestellt, dann mußten sie sich entkleiden, in einen als Baderaum getarnten Vergasungsraum gehen, wo sie einen qualvollen Tod starben. Die Toten wurden verbrannt, den Angehörigen wurden Totenscheine mit fiktiven Todesursachen zugesandt.
Die Malerin Elfriede Lohse- Wächtler ist eine von diesen Toten.“ (S.140)
In ihren Bildern spiegeln sich „die schmerzvollen Erfahrungen ihres eigenen Lebens ebenso wie die sozialen Umbrüche gegen Ende der Weimarer Republik wider“. Sie malte die hektische Großstadt und die dort lebenden meistens unterprivilegierten Bevölkerungsschichten. Im Vordergrund steht stets die psychische Befindlichkeit. Sie hat auch Mitpatientinnen porträtiert.
Sie wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf, ihr Vater war kaufmännischer Angestellter und entdeckte die außergewöhnliche Begabung der Tochter schon im 2. Lebensjahr. Das Kind war immer beschäftigt, richtete sich eine atelierartige Werkstatt ein. Der Vater wollte sie in bürgerliche Bahnen lenken, zunächst studiert sie „Mode und weibliche Handarbeiten“, aber dann doch „Angewandte Graphik“. Die Auseinandersetzungen besonders mit dem Vater werden so unerträglich, dass die Siebzehnjährige sich in der Dresdner Innenstadt ein (halbes) Zimmer mietet. Den Lebensunterhalt verdient sie mit Batikarbeiten. Wenn ihr Vater abwesend war, machte sie diese Sachen im Elternhaus. Das hieß für die Mutter Umsturz und Chaos in der Wohnung.
Vom Erscheinungsbild her dokumentiert sie ihre Zugehörigkeit zur Dresdner Künstlerboheme. Sie entspricht nicht dem traditionellen Frauenbild, sie ist anstössig z.B. in ihrer Unabhängigkeit. Im Sommer 1918 zog sie in ein Atelierzimmer, das zum Treffpunkt der Dresdner Künstler wurde.

„Der Malerfreund Otto Dix brachte eines Tages einen Freund mit. Es war der Sänger und spätere Maler Kurt Lohse.“ (S.147) Er zog zu ihr ins Atelier. Er war unzuverlässig, berechnend und träge. Sie arbeitete ständig, er tat eigentlich nichts oder nur sehr wenig. Weder seine Liederlichkeit noch seine oft zur Schau getragene Gleichgültigkeit konnte ihre Liebe zu ihm erschüttern. Sie zogen schließlich in die Sächsische Schweiz, wo sie exzellente Arbeitsmöglichkeiten hatte. Lohse gab leichtfertig das wenig vorhandene Geld aus und machte Schulden. „Alle Anstrengungen Elfriedes, die Schulden zu tilgen, schlugen wegen Lohses Unzuverlässigkeit immer wieder fehl.“ (s.149) Eines Tages wurde das Häuschen vom Gerichtsvollzieher versiegelt. Er bekam eine Stelle in einem Theaterchor. Beide zogen nach Görlitz. 1923 trennte sich das Paar und sie zog in ein Atelier der Dresdner Kunstakademie. Er zog nach Hamburg und erkrankte schließlich. 1925 zog sie ihm nach, um ihn zu pflegen. Sie trennten sich erneut im Herbst 1926, weil er ein Verhältnis mit einer anderen Frau eingegangen war.
„Aus der Beziehung zwischen Lohse und seiner Geliebten Elsa Haun gingen in kurzer Zeit mehrere Kinder hervor. Elfriede Lohse- Wächtler, die sich sehnlich ein Kind wünschte, während ihrer Ehe mehrfach Abtreibungen hatte vornehmen lassen und einen Abort erlebt hatte, war zutiefst getroffen. Im Oktober 1927 geriet sie in eine schwere Krise, so daß Baader erwog, sie zu sich zu nehmen. Das Zerwürfnis über die Untreue entwickelte sich zu einem irreparablen Bruch, der das Leben der Künstlerin negativ veränderte“ !!!! (S. 152)
Sie blieb trotz der persönlichen Probleme und der Armut in Hamburg. Im Januar 1929 machten sich erste Anzeichen einer psychischen Störung bemerkbar. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, fühlte sich verfolgt und kam ins Krankenhaus. Schon drei Tage nach der Einweisung begann sie zu zeichnen. Zwei Monaten blieb sie in der Klinik. 1929-31 ist ihre intensivste Schaffensphase, trotz Verkäufen bleibt die Armut der Künstlerin bestehen.
„Die Mittellosigkeit zwang sie zur Unstetigkeit, sie übernachtete häufig in Bahnhofswartehallen. Ihr künstlerisches Interesse an den Schattenseiten des Lebens, an den Menschen, die außerhalb der Gesellschaft standen, ließ sie, selbst schon Außenseiterin, im Nachtleben Zuflucht suchen. (…) Ihr Interesse galt dem Leben der Prostituierten.“ (S. 158)
Da sich die materielle und psychische Situation zunehmend verschlechterte, zog sie wieder zurück zu den Eltern.
„Als sie wegen einer schweren, in den Quellen nicht näher spezifizierten Fußverletzung vom 26. März bis zum 17. Juni 1932 im Dresdner Stadtkrankenhaus stationär behandelt wurde, gelang es dem Vater, sie anschließend in die Landes- Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf bei Dresden einweisen zu lassen.“ (S.159)
Ihr labiler psychischer Zustand wurde als „Schizophrenie“ bezeichnet. „Sie war nun psychiatrisch etikettiert und stigmatisiert. Aber weder ihre „Anfallsbilder“ noch ihre Briefe sind als Produkte einer schweren psychischen Störung zu deuten. Sie lehnt sich gegen den Aufenthalt auf. Die ersten drei Jahre in der Psychiatrie war sie vielseitig künstlerisch tätig. Am 10. Mai 1935 wurde auf Antrag von Lohse die Ehe wegen „unheilbarer Geisteskrankheit“ seiner Frau geschieden. Er führte als Argument ihre Malerei als Indiz erblicher Geisteskrankheit an. Am 20. Dezember 1935 wurde sie zwangssterilisiert. Jetzt schien ihre Schaffenskraft weitergehend zu erlöschen. In der Psychiatrie wurde für sie der Hunger alltäglich. Am 31. Juli 1940 wurde sie in Pirna- Sonnenstein ermordet.
Die letzte Zeile an die Mutter war: „Ängstige Dich nur nicht immer so sehr, es wird schon alles wieder gut werden.“ (S.165)
aus: Wahnsinnsfrauen Dritter Band (Hg.) Sibylle Duda und Luise F.Pusch, Frankfurt 1999

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